{"id":5479,"date":"2020-08-31T05:51:31","date_gmt":"2020-08-31T05:51:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=5479"},"modified":"2022-08-22T07:38:15","modified_gmt":"2022-08-22T07:38:15","slug":"verwundete-und-befreite-koerperlichkeit-nachlese-zum-film-corpus-christi-corpus-christi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=5479","title":{"rendered":"Verwundete und befreite K\u00f6rperlichkeit: Nachlese zum Film \u201eCorpus Christi\u201c  Corpus Christi"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_5480\" aria-describedby=\"caption-attachment-5480\" style=\"width: 1224px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-5480\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Kreuzweg-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1224\" height=\"1632\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Kreuzweg-1.jpg 1224w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Kreuzweg-1-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Kreuzweg-1-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1224px) 100vw, 1224px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5480\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-size: 16px;\">Der Filmtitel bringt es ungeschminkt, unmissverst\u00e4ndlich und schn\u00f6rkellos auf den Punkt: Der Inhalt des bereits mehrfach preisgekr\u00f6nten und f\u00fcr einen Oscar nominierten polnischen Filmdramas ist die Deutung dessen, was sich hinter einem der zentralsten Geheimnisse des katholischen Glaubens verbergen k\u00f6nnte. Was k\u00f6nnen wir unter dem Begriff &#8222;Corpus Christi&#8220; verstehen?<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eLeib Christi\u201c habe ich als Kommunionhelfer in meinen beiden Heimatgemeinden \u00fcber viele Jahre tausende Male gesagt, wenn ich die Hostie in die H\u00e4nde oder auf die Zungen von Menschen legen konnte, in H\u00e4nde, denen man harte Arbeit auf den Feldern oder an Maschinen ansah, in zarte H\u00e4nde, die wohl oft nicht weniger arbeitsam sind, in H\u00e4nde, die anpacken konnten, in H\u00e4nde, die sicher auch z\u00e4rtlich liebend waren, in zittrige H\u00e4nde, in H\u00e4nde, die sch\u00fcchtern sich zu einer Schale gebildet hatten oder in Kinderh\u00e4nde, die tief innen das Geheimnis von der Begegnung mit dem G\u00f6ttlichen erahnten. Darin liegt auch die Mystik des Kommunionempfangs: Zu sp\u00fcren, dass sich G\u00f6ttliches und Menschliches verbinden k\u00f6nnen, dass die Sehnsucht des Getrenntseins von Gott aufgehoben wird, dass wir uns von G\u00f6ttlichem \u2013 das in Jesus Christus Gestalt angenommen hat \u2013 ganz durchdringen lassen k\u00f6nnen. \u201eCorpus Christi\u201c h\u00e4tte ich fr\u00fcher auf Lateinisch gesagt, \u201eAmen\u201c die Antwort.<\/p>\n<p><strong>Corpus Christi \u2013 ein tiefreligi\u00f6ser Film<\/strong><\/p>\n<p>Als Theologe und Religionslehrer mag ich religi\u00f6se Filme, wobei viele Filme zutiefst religi\u00f6s sind, manchmal jene Filme mehr, die landl\u00e4ufig gar nicht als religi\u00f6s gelten: Gute Liebesfilme zum Beispiel, weil hier so wunderbar g\u00f6ttliche Gegenw\u00e4rtigkeit ins Bild gebracht werden kann, oder Filme \u00fcber Freundschaft, \u00fcber Verzeihen und Vers\u00f6hnen, \u00fcber Solidarit\u00e4t oder \u00fcber Widerstandsgeschichten gegen das B\u00f6se. Die religi\u00f6se Grundgrammatik in ihren Tiefendimensionen wird gerade in diesen Geschichten sehr oft durchgespielt. Und dann gibt es eben auch Filme, die explizit religi\u00f6ser Natur sind, ohne aber dem Genre Religionsfilm zu entsprechen, weil sie traditionelle Denkmuster sprengen k\u00f6nnen. Ein solcher genialer Film ist \u201eCorpus Christi\u201c.<\/p>\n<p>Mir geht es nicht darum, die cineastische Leistung des jungen polnischen Regisseurs und vor allem des Hauptdarstellers zu bewerten. Sie ist gro\u00dfartig. Auch das Drehbuch k\u00f6nnte von einem Theologen wie Jozef Niewiadomski geschrieben worden sein, entspricht es doch so ganz dem, was er mir in seinen Vorlesungen und in seinen B\u00fcchern \u00fcber mimetische Theologie und Soteriologie vermitteln wollte.<\/p>\n<p><strong>Die Handlung<\/strong><\/p>\n<p>Hauptfigur im Film ist Daniel, der wegen Mordes in einer Jugendstrafanstalt einsitzt. Dort dient er dem Gef\u00e4ngnispriester Pater Tomasz als Messdiener. Er ist begeistert von diesem Priester und seiner Art, das Evangelium zu leben und zu verk\u00fcnden und m\u00f6chte selbst Priester werden, was wegen seiner Vorstrafen jedoch nie m\u00f6glich w\u00e4re. Wegen guter F\u00fchrung wird Daniel kurz vor seinem 21. Geburtstag auf Bew\u00e4hrung aus der Haft entlassen, um in einem S\u00e4gewerk zu arbeiten. Es ergibt sich der Zufall, dass er auf dem Weg dorthin in einer Kirche vorbeikommt. Dort gibt er sich einer jungen Frau, der Tochter der Mesnerin, als Priester aus. Aus Spa\u00df hatte er ein Kollar bei sich, was schon gen\u00fcgte, um seinen vermeintlich klerikalen Status zu beweisen. Nun konnte er sich dem neuen Auftrag gar nicht mehr entziehen. Der ans\u00e4ssige alkoholkranke Pfarrer brauchte dringend eine Vertretung und der vermeintlich junge Pfarrer kam ihm da sehr gelegen. Daniel lernte mit Hilfe von Google die Beichte zu h\u00f6ren, b\u00fcffelte in der Nacht kettenrauchend das Messbuch \u2013 aber das Wichtigste hatte er bei seinem Gef\u00e4ngnisseelsorger schon gelernt. Schnell konnte Daniel mit seiner Art, die Messe zu lesen, auf die Menschen zuzugehen, Verst\u00e4ndnis zu zeigen f\u00fcr die N\u00f6te der Gl\u00e4ubigen und vor allem eine gro\u00dfe Wunde in dem beschaulichen Dorf nicht zu verdr\u00e4ngen, die Sympathien der Gl\u00e4ubigen gewinnen. Besonders die jungen Menschen konnte Daniel mit seiner coolen Art begeistern. Ein tragischer Unfall, bei dem sechs junge Menschen und der Unfalllenker starben, lag wie ein dunkler Schatten \u00fcber der Gemeinde. Die Angeh\u00f6rigen der Jugendlichen waren voller Hass gegen\u00fcber der Witwe des Unfalllenkers. Es war ihnen unm\u00f6glich, in dieser Situation mit dem tragischen Verlust ihrer Liebsten fertig zu werden.<\/p>\n<p><strong>Religi\u00f6ses Sprechen und Handeln<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIhr sollt nicht mechanisch beten!\u201c, sagte der Gef\u00e4ngnisseelsorger seinen anvertrauten jugendlichen Straft\u00e4tern, w\u00e4hrend er ihnen stets in die Augen sah und kein Gebet von irgendeinem Buch vorlas. Er redete nicht in unverst\u00e4ndlichen Formeln und sprach nicht mit verstaubten Glaubenss\u00e4tzen, sondern erz\u00e4hlte von einem Gott, der sich im Leben der gesellschaftlich ausgegrenzten Jugendlichen wiederfinden lie\u00dfe. Gewalt und Mobbing war pr\u00e4gend f\u00fcr das Leben im Gef\u00e4ngnis. Auch Daniel nahm dort die Rolle eines T\u00e4ters ein, als einmal ein Mith\u00e4ftling grob misshandelt wurde. Daniel lernte aber gerade in diesem Milieu, was es bedeuten k\u00f6nnte, sich von diesen Verstrickungen in Gewalt zu l\u00f6sen. Er war nicht mehr nur T\u00e4ter, sondern konnte die Rolle eines L\u00f6sers einnehmen. Obwohl er systembedingt nach seiner Haft nicht Priester werden konnte, zeigt er auf, worin eine priesterliche Existenz liegen k\u00f6nnte. Die zentralen religi\u00f6sen Vollz\u00fcge konnte er in seinem Reden und Tun vermitteln, weil er selbst betroffen war.<\/p>\n<p>Viele S\u00e4tze, die der Drehbuchautor dem jungen Scheinpriester in den Mund legte und die die Pfarrgemeindemitglieder herausforderten, sind wie Kerns\u00e4tze aus einem theologischen Seminar, wirken im Kontext des Plots aber weit authentischer als in einem H\u00f6rsaal auf der Uni. Ohne die F\u00e4higkeit, auch die eigene Schuldverstricktheit zu erkennen, wird kein Vergeben und Vers\u00f6hnen m\u00f6glich sein. \u201eLiebe vergibt, auch wenn sie nicht vergisst!\u201c, redet Daniel der Gemeinde ins Gewissen.<\/p>\n<p><strong>Marta, die Gef\u00e4hrtin<\/strong><\/p>\n<p>Von Beginn an hat Daniel eine Frau an seiner Seite. Sie wachsen in Gedanken \u2013 und auch k\u00f6rperlich zusammen. Sie verstehen sich und k\u00f6nnen sich so st\u00fctzen. In der Jesusgeschichte w\u00fcrde sie wohl Magdalena hei\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Kein Happy-End und doch eine L\u00f6sung<\/strong><\/p>\n<p>Corpus Christi ist kein Film \u201eMade in Hollywood\u201d. Zwar geschieht Vers\u00f6hnung im Dorf, doch muss Daniel wieder zur\u00fcck ins Gef\u00e4ngnis, zur\u00fcck auch in eine \u00e4u\u00dferst brutale Gewaltsituation. Doch davor gibt es noch eine Abschiedsmesse vor der versammelten Gemeinde. Daniel kn\u00fcpft sich sein Kollarhemd auf und steht mit nacktem Oberk\u00f6rper vor dem gro\u00dfen Kruzifix \u00fcber dem Altar. Daniel wie Jesus, \u00a0blut\u00fcberstr\u00f6mtes Opfer, das zumindest f\u00fcr kurze Zeit eine erl\u00f6send-heilende Rolle einnahm. Ist es purer Zufall, dass auch in einem anderen Jesusfilm der Jesusdarsteller \u201eDaniel\u201c hie\u00df? Im Film \u201eJesus von Montreal\u201c stirbt Daniel. Was mit dem schwer verletzten Daniel in dem apokalyptisch brennenden Gef\u00e4ngnis in \u201eCorpus Christi\u201c geschieht, bleibt unbeantwortet. Marta jedenfalls verl\u00e4sst das Dorf \u2013 sie wird die Botschaft weitertragen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 30.8.2020<br \/>\n(Bild: Kreuzwegstation auf einem sehr ber\u00fchrenden Kreuzweg auf dem Jakobsweg im Stanzertal zwischen Strengen und St. Jakob)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Kreuzweg-1.jpg' class='thumbnail' \/>&nbsp; \u201eLeib Christi\u201c habe ich als Kommunionhelfer in meinen beiden Heimatgemeinden \u00fcber viele Jahre tausende Male gesagt, wenn ich die Hostie in die H\u00e4nde oder auf die Zungen von Menschen legen konnte, in H\u00e4nde, denen man harte Arbeit auf den Feldern oder an Maschinen ansah, in zarte H\u00e4nde, die wohl oft nicht weniger arbeitsam sind,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5480,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[753],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5479"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5479"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5479\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5482,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5479\/revisions\/5482"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5480"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5479"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5479"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5479"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}