{"id":6131,"date":"2021-02-21T17:14:10","date_gmt":"2021-02-21T17:14:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6131"},"modified":"2026-02-02T16:36:36","modified_gmt":"2026-02-02T16:36:36","slug":"den-versuchungen-widerstehen-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6131","title":{"rendered":"Den Versuchungen widerstehen"},"content":{"rendered":"<p>(Bibelauslegung zur Versuchungsgeschichte in den Evangelien)<\/p>\n<p><strong>Formalgeschichtliche Einordnung<\/strong><\/p>\n<p>Am ersten Fastensonntag h\u00f6ren wir in den katholischen Kirchen jene Stelle aus dem Evangelium, die bleibende Wahrheiten auf geniale Art verdichtet. Wir finden die Stelle bei Matth\u00e4us (4, 1-11) und in fast identer Form bei Lukas (4,1-13), was schon f\u00fcr eine fr\u00fche \u00dcberlieferung aus der Logienquelle Q schlie\u00dfen l\u00e4sst. In einer k\u00fcrzeren Form erw\u00e4hnt aber auch das Markusevangelium (1,12f) die Versuchung Jesu in der W\u00fcste. Diese Geschichte steht somit bei den Synoptikern als Schl\u00fcsselstelle am Beginn des \u00f6ffentlichen Wirkens Jesu unmittelbar nach der Taufe am Jordan. Jesus erweist sich f\u00e4hig, dem Teufel zu widersagen.<\/p>\n<p><strong>Lenkung durch die Geistkraft Gottes<\/strong><\/p>\n<p>Im Lukasevangelium hei\u00dft es: \u201eErf\u00fcllt vom Heiligen Geist kehrte Jesus vom Jordan zur\u00fcck.\u201c (Lk 4,1) Bei Matth\u00e4us fast ident: \u201eDanach wurde Jesus von der Geistkraft in die W\u00fcste hinaufgebracht, um vom Teufel zur Verleugnung Gottes verf\u00fchrt zu werden.\u201c (Mt 4,1) Am Anfang dieser Perikope ist also die Rede vom Geist Gottes beziehungsweise von der Geistkraft (pneuma), wie es in der feministischen Bibel\u00fcbersetzung genau \u00fcbersetzt wird. Sie f\u00fchrt Jesus in die W\u00fcste. Beim Evangelium nach Markus hei\u00dft es noch dramatischer, dass der Geist Jesus in die W\u00fcste \u201etreibt\u201c. Jesus l\u00e4sst sich ein auf die Geistkraft Gottes und nimmt sie als Richtschnur f\u00fcr sein Handeln. Dies ist zugleich ein gef\u00e4hrlicher Weg, weil dadurch die Begegnung mit dem Teuflischen geschieht.<\/p>\n<p><strong>W\u00fcste <\/strong><\/p>\n<p>Jesus wird in die &#8222;W\u00fcste&#8220; geschickt. In Zeiten der Krise, dann, wenn Menschen in Schwierigkeiten sind, gerade dann tritt oft auch der Versucher auf und verf\u00fchrerische Optionen ergeben sich. Die W\u00fcste ist Ort der Versuchung, der Entbehrung, des Entsagens \u2013 und immer aber auch Ort der Begegnung mit dem G\u00f6ttlichen, das den Menschen in der \u201eW\u00fcste\u201c nicht alleine l\u00e4sst. Das hat das Volk Israel beim Exodus erfahren k\u00f6nnen. In der W\u00fcste f\u00fchrt JHWH sein Volk, indem JHWH dem Volk durch die Wolkens\u00e4ule vorausgeht und Orientierung gibt, das Manna schickt, damit es nicht verhungert, und schlie\u00dflich ist es der Ort der Gottesbegegnung am Sinai, wo dem Volk die Gebote Gottes geschenkt werden.<\/p>\n<p><strong>40<br \/>\n<\/strong>Jesus bleibt 40 Tage. Dies ist eine heilige Zeit. Sie bedeutet die F\u00fclle der Zeit. 40 markiert in der Bibel immer wieder eine wichtige Zeitspanne. 40 Tage dauerte die Sintflut. 40 Tage war Mose auf dem Berg Sinai, wo er das Gesetz erhielt. 40 Jahre zog das Volk Israel durch die W\u00fcste. 40 Tage war Elija am Gottesberg Horeb, um die Stimme Gottes zu vernehmen. 40 Tage rief der Prophet Jona die Stadt Ninive zur Umkehr auf. 40 Tage erschien Jesus nach Tod und Auferstehung den J\u00fcngern und J\u00fcngerinnen. 40 also: eine lange Zeit, Zeit der F\u00fclle. Sich auf Gott einlassen, braucht Zeit. Sich zu l\u00e4utern, braucht Zeiten der Ein\u00fcbung. Es ist wie ein Training.<\/p>\n<p><strong>Der Teufel<\/strong><\/p>\n<p>Er tritt als der gro\u00dfe Versucher auf. Der Teufel ist eine Gestalt, die von au\u00dfen an den Menschen herantritt, also eine \u00e4u\u00dferliche Macht. In der Versuchungsperikope wird er zuerst als \u201ediabolos\u201c, also als Kraft bezeichnet, die ein Chaos erzeugt, die durcheinander w\u00fcrfelt und eine g\u00f6ttliche Ordnung zerst\u00f6ren m\u00f6chte. Dann redet ihn Jesus mit dem hebr\u00e4ischen Begriff \u201eSatan\u201c an, was mit \u201eWidersacher\u201c oder \u201eFeind\u201c \u00fcbersetzt werden k\u00f6nnte. Die gef\u00e4hrliche Qualit\u00e4t des Teufels liegt in seinem vermeintlich logischen Auftreten. Der Teufel argumentiert ethisch. \u201eEs ist doch gut, wenn die Menschen zu essen haben &#8230;\u201c Die rhetorische Verf\u00fchrung des Teufels liegt auch in dem st\u00e4ndig sich wiederholenden \u201eWenn-dann\u201c-Muster. Wir kennen dieses zur Gen\u00fcge aus dem Alltag. Schon Kinder lernen es: Wenn du brav bist, dann \u2026 In vielen Beziehungen ist es zum verh\u00e4ngnisvollen Muster geworden: Wenn du das tust, dann \u2026 Es ist nicht das g\u00f6ttliche Prinzip der unbedingten Liebe.<\/p>\n<p><strong>Aus Steinen Brot machen oder: nicht Zauberei, sondern Teilen<\/strong><\/p>\n<p>Die erste Versuchung in der W\u00fcstengeschichte besteht darin, &#8222;aus Steinen Brot machen zu k\u00f6nnen&#8220;. Jesus und die Jesusbewegung demonstrieren, wie es anders geht: Nicht durch einen \u00e4u\u00dferen Machterweis und nicht durch Zauberei werden die hungrigen Menschen satt, sondern indem sie zu teilen beginnen. Das ist das wirkliche Wunder der Brotvermehrung. Jesus verwandelt nicht die Steine zu Brot, sondern verwandelt die steinernen Herzen der Menschen, die ihre Sch\u00e4tze mit anderen teilen.<\/p>\n<p>Die Steine-Brot-Metapher hat f\u00fcr unser Leben im Heute viele Bez\u00fcge. Um billiges Fleisch f\u00fcr den enorm hohen Fleischkonsum zu produzieren, werden Abermillionen Tiere in Massenhaltungen gequ\u00e4lt und brutal geschlachtet. Um zu ausreichend Fisch zu kommen, werden die Meere mit riesigen Fangbooten leergefischt. Um billiges Palmfett f\u00fcr unsere Nahrungsmittel zu bekommen, werden Regenw\u00e4lder abgeholzt.<\/p>\n<p>Den Versuchungen zu widerstehen, w\u00fcrde bedeuten: Selbst vegetarisch oder vegan zu leben. \u00d6kologisch-regionale Nahrungsmittel zu kaufen auch dann, wenn sie teurer sind.<\/p>\n<p><strong>Nicht Habgier, sondern Bescheidenheit<\/strong><\/p>\n<p>Die zweite Versuchung im Matth\u00e4usevangelium \u2013 bei Lukas ist es die dritte Versuchung &#8211; lautet, &#8222;Herr \u00fcber alle K\u00f6nigreiche zu sein&#8220;. Jesus selbst und die ersten J\u00fcngergemeinden erfuhren eine Welt, die in vieler Hinsicht der Macht des Teufels ausgeliefert war: Die grausame Herrschaft der R\u00f6mer in den von ihnen besetzten Gebieten, Krieg, Folter, Versklavung, Ausbeutung &#8230; dies war die Tagesordnung im Pal\u00e4stina des 1. Jahrhunderts. Da w\u00e4re es nur verst\u00e4ndlich gewesen, sich auf die Logik der M\u00e4chtigen einzulassen, einfach eine Umkehrung der Herr-Knecht-Verh\u00e4ltnisse zu fordern.<\/p>\n<p><strong>Nicht Hochmut, sondern Demut<\/strong><\/p>\n<p>Die dritte Versuchung lautet, &#8222;sich von der Zinne des Tempels zu st\u00fcrzen und sich von den Engeln tragen zu lassen&#8220;. Jesus und seine J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen lebten in st\u00e4ndiger Gefahr, von den M\u00e4chtigen gefoltert oder get\u00f6tet zu werden. Die Versuchung, unverwundbar zu werden, k\u00f6nnte auch die Versuchung sein, sich auf eine bequeme, anpasslerische, b\u00fcrgerliche Existenz zur\u00fcckzuziehen, wo man sich mit den herrschenden Verh\u00e4ltnissen arrangiert.<\/p>\n<p>Um die Versuchung zu Hochmut zu verstehen, gen\u00fcgt ein kritischer Blick in das Zeitgeschehen. Im Hochleistungssport wird gedopt, um auch mit unerlaubten Mitteln besser als Mitkonkurrenten zu sein. Automobilfirmen betr\u00fcgen mit Abgaswerten, um sich ein gr\u00fcnes M\u00e4ntelchen umzuh\u00e4ngen. Um \u201eeverybody\u2019s darling\u201c zu sein, verbiegt man sich und sagt und tut nicht das, was man wirklich ist und will.<\/p>\n<p><strong>Den mimetischen Zirkel von Gewalt-Gegengewalt durchbrechen<\/strong><\/p>\n<p>Die Versuchung war betr\u00e4chtlich, dass auch die Jesusbewegung, \u00e4hnlich der zelotischen Bewegung, den gewaltsamen Aufstand w\u00e4hlt. Sikarier und Zeloten waren bis zur Verhaftung Jesu unter den J\u00fcngern. Jesus lebt aber etwas Anderes vor: Die gewaltfreie Revolution von unten: nicht ein diktatorisches System, nicht gewaltsame Revolution, sondern Ver\u00e4nderung von unten her in der Logik der Gewaltfreiheit.<\/p>\n<p><strong>Teuflische versus g\u00f6ttliche Logik in der Ziel-Mittel-Dialektik<\/strong><\/p>\n<p>In der teuflischen Grundlogik hei\u00dft es, dass der Zweck die Mittel heiligt. Mit den Mitteln des B\u00f6sen k\u00f6nne das Gute erreicht werden. Man will Migration verhindern, und l\u00e4sst Fl\u00fcchtlinge in katastrophalen Lagern. Die jesuanische Logik lautet hingegen: Die Mittel sollen schon den Zielen entsprechen. Auf heute angewandt k\u00f6nnte dies hei\u00dfen: Ein Staat soll nicht mit Grenzz\u00e4unen das Menschliche erreichen. Ein Staat soll nicht mit Bomben den Frieden erzwingen. Ein Staat soll nicht mit Atomwaffen Feinde abschrecken. Ein Staat soll keinen &#8222;sauberen&#8220; Strom aus Atomkraftwerken erzeugen. Ich kann nicht mit L\u00fcge Vertrauen schaffen. Im Heute liegt schon das Morgen und das Reich Gottes ist angekommen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Bibelauslegung zur Versuchungsgeschichte in den Evangelien) Formalgeschichtliche Einordnung Am ersten Fastensonntag h\u00f6ren wir in den katholischen Kirchen jene Stelle aus dem Evangelium, die bleibende Wahrheiten auf geniale Art verdichtet. 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