{"id":6256,"date":"2021-04-05T06:10:28","date_gmt":"2021-04-05T06:10:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6256"},"modified":"2022-08-22T07:37:55","modified_gmt":"2022-08-22T07:37:55","slug":"auferstehung-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6256","title":{"rendered":"Auferstehung verstehen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-6260\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Emmaus-1.jpg\" alt=\"\" width=\"3120\" height=\"4160\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Emmaus-1.jpg 3120w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Emmaus-1-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Emmaus-1-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 3120px) 100vw, 3120px\" \/><strong>1\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Auferstehung verstehen und begreifen<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eWir verfehlen von vornherein den Sinn von Auferstehung\u00a0im allgemeinen und auch bei Jesus,\u00a0wenn wir uns urspr\u00fcnglich an der Vorstellung einer Wiederbelebung eines physisch-materiellen Leibes orientieren.\u201c<a href=\"#_edn1\"><strong><br \/>\n<\/strong><\/a><\/em>(Karl Rahner)<\/p>\n<p><strong>Keine wortw\u00f6rtlich-fundamentalistische Auslegung<\/strong><\/p>\n<p>Kurz vor den Osterferien beteiligte sich eine Sch\u00fclerin einer Maturaklasse intensiv am Gespr\u00e4ch \u00fcber Auferstehung. Die Bereitschaft, sich der Kernfrage des christlichen Glaubens aus einer kritischen Position heraus zu stellen, vier Jahre Religionsunterricht an einer Oberstufe und gemeinsames Arbeiten an dieser Schl\u00fcsselfrage unseres Glaubens zeigten die Reife der 18-J\u00e4hrigen. Sie meinte: \u201eSo wie in den Kirchen an vielen Orten \u00fcber Auferstehung geredet wird, n\u00e4mlich so, als w\u00e4re es ein buchst\u00e4bliches Wunder, so als m\u00fcsste man an ein \u00fcbernat\u00fcrliches Geschehen glauben, so ist f\u00fcr mich Auferstehung nicht. Ich glaube an eine andere Auferstehung.\u201c\u00a0Als Religionslehrer kann ich mir solche Aussagen nur w\u00fcnschen. Hier wird ein Verst\u00e4ndnis von Auferstehung sichtbar, das ich tats\u00e4chlich allzu wenig in Gespr\u00e4chen oder auch in den popul\u00e4ren medialen Vermittlungen rund um die Ostertage finde.\u00a0Ein Beispiel daf\u00fcr ist die historisierende Darstellung im Film \u201eMaria Magdalena\u201c aus dem Jahr 2018, der am Karfreitag im ORF \u00fcbertragen wurde. Die Bibel wird einmal mehr zu sehr als Drehbuch missverstanden. Gerade in der Auferstehungsszene, wo Maria Magdalena das leere Grab entdeckt, bleibt der Film unbeholfen. Er macht zu wenig deutlich, wie Auferstehung geschieht und was sie wirklich bedeutet.<\/p>\n<p>Wenn die Mitte des christlichen Glaubens nicht mehr verstanden wird, werden sich mehr und mehr kritische Menschen von ihrer Religion abwenden und die Kirche verlassen. Gerade mit den Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen ist es wichtig, die bildhaft-symbolischen Auferstehungsgeschichten zu decodieren. Im ersten Moment ist es f\u00fcr viele von ihnen eine heilsame Ent-T\u00e4uschung. Von Kindergartentagen an bis in die 5. Klasse eines Oberstufengymnasiums lebten sie mehr oder weniger mit der Vorstellung: Was hier beschrieben wird, will historisches Faktum sein. \u201eReligionskritische\u201c Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen tragen bereits in sich die Zweifel, dass es doch mit der Auferstehung nicht so gewesen sein k\u00f6nnte, dass da ein menschliches Wesen, das zuvor grausam hingerichtet worden ist, nun pl\u00f6tzlich durch geschlossene T\u00fcren gehen k\u00f6nnte, die J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen anspricht und mit ihnen zusammen isst. Wenn dann nicht der besondere Charakter dieser Erz\u00e4hlungen klar gemacht w\u00fcrde, f\u00fchrte es dazu, dass die biblischen Geschichten generell als M\u00e4rchen oder gar als L\u00fcgengeschichten abgetan werden, was zu einer weiteren Distanzierung vom christlichen Glauben beitr\u00fcge.<\/p>\n<p><strong>Historisch &#8211; doch in welchem Sinne?<\/strong><\/p>\n<p>Der zweite Denkfehler lautet dann, den Auferstehungsgeschichten jedwede Historizit\u00e4t abzusprechen. Es wird behauptet, man d\u00fcrfe doch die Auferstehungsberichte nicht historisch lesen, sondern nur spirituell deuten. Die Historizit\u00e4t liegt aber auf einer anderen Ebene.\u00a0Historisches Fakt ist, dass sich die Jesusbewegung nach der Hinrichtung nicht einsch\u00fcchtern lie\u00df, sondern die Sache Jesu weiterf\u00fchrte. In diesem Sinne ist das Faktum der Auferstehung durchaus historisch! Ist es nicht auch leiblich, wenn die urkirchlichen Gemeinden begannen, das was sie hatten, miteinander zu teilen (Apg. 2,4), wenn so niemand mehr unter ihnen Not litt? In diesem Sinne ist Auferstehung durchaus materiell begreifbar und nicht rein spirituell. In diesem Sinne \u2013 und nur in diesem Sinne \u2013 ist Jesus physisch und leiblich auferstanden und das ist zugleich weit mehr als jede Spekulation \u00fcber ein zombieartiges Fleisch-und-Blutwerden Jesu, wie es so oft in den K\u00f6pfen der Menschen herumspukt. Die evangelische Theologin\u00a0Dorothee S\u00f6lle brachte es pr\u00e4gnant auf den Punkt: \u201eW\u00e4re Jesus nicht in unseren Herzen und Werken auferstanden, so w\u00e4re er noch immer im Grab!\u201c Weil aber dies ein irrealer Aussagesatz ist, d\u00fcrfen wir Auferstehung Jesu feiern. Wenn Ostern lediglich verstanden wird als Ereignis, das vor 2000 Jahren war, dann wird es bedeutungslos. Und noch einmal sei Dorothee S\u00f6lle zitiert: \u201eOstern ist entweder existentiell, oder es sagt \u00fcberhaupt nichts und wird mit Recht vermarktet.\u201c<\/p>\n<p><strong>Auferstehung ins Jetzt hinein<\/strong><\/p>\n<p>Die g\u00e4ngigste Voreingenommenheit mit Blick auf Auferstehung lautet, dass es ein Ereignis w\u00e4re, das mit einem Jenseits bzw. mit einem Leben nach dem physischen Tod zu tun habe. Gedacht wird in einer Zeitstrecke: Ein irdisches Leben, das mit dem Tod endet und nach dem Sterben in einem jenseitigen Zustand nach der Auferstehung weitergeht. In einem Evangeliumkommentar zum Ostersonntag in der Tiroler Tageszeitung hat es mein Religionslehrerkollege Dominik Schafferer punktgenau getroffen: &#8222;\u00d6sterliches Leben beginnt dort, wo Menschen sich nicht vorverurteilen, blo\u00dfstellen, festnageln, diskriminieren oder einander den Tod w\u00fcnschen, sondern sich auf die Suche nach einer Kultur des Lebens machen: Sie verzeihen, schlichten Streit, tr\u00f6sten einander, grenzen nicht aus, nehmen sich einander an &#8230; In diesen Momenten wird Auferstehung schon jetzt erfahrbar und der Himmel ber\u00fchrt die Erde.&#8220; (Tiroler Tageszeitung, 4. April 2021)<\/p>\n<p><strong>Gott ist im Spiel &#8211; doch welche g\u00f6ttliche Kraft?<\/strong><\/p>\n<p>Eine solche Sicht kann auch an Hand des Begriffes \u201eAuferweckung\u201c verdeutlicht werden. Wer ist es, der Jesus aus dem Totenhaus auferweckt? Die theologische Standard-Antwort kommt schnell: \u201eGott hat Jesus von den Toten auferweckt.\u201c Wir k\u00f6nnen dabei jedoch nicht stehen bleiben, sondern m\u00fcssen auch die Gottesfrage stellen: \u201eWer und wie ist Gott?\u201c Schlie\u00dflich wird in einer inkarnatorischen Theologie festgehalten, dass Gott im und durch das Handeln der Menschen wirkt und dass der Geist Gottes im Tun der Menschen lebendig werden kann. Somit sind es wir Menschen, die als Werkzeuge Gottes und beseelt von g\u00f6ttlichem Geist Jesus zum Leben erwecken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Johannes beschreibt in der Erscheinungserz\u00e4hlung\u00a0 im 20. Kapitel seines Evangeliums diese Auferstehungswirklichkeit eindrucksvoll: Maria Magdalena spielt die Schl\u00fcsselrolle, weil sie die Liebe verk\u00f6rpert, mit der sich Jesus und seine J\u00fcngerin begegnen konnten. Es ist eine Liebe, die mit dem Tod nicht aufh\u00f6rt, sondern gerade eine Situation des Todes \u00fcberwinden l\u00e4sst. Deswegen w\u00fcrde es auch nicht passen, die Worte des Auferstandenen mit &#8222;noli me tangere&#8220; (&#8222;ber\u00fchre mich nicht&#8220;) zu \u00fcbersetzen, sondern &#8211; wie es im griechischen Original hei\u00dft, mit &#8222;halte mich nicht fest&#8220;. Es ist eine Liebe, die auch freilassen kann, gerade weil sie aber auch die liebend-z\u00e4rtliche Ber\u00fchrung mit einschlie\u00dfen darf.<\/p>\n<p>Wie wurde Auferstehung Jesu weiterhin historisch fassbar? Dass sich Maria Magdalena und mit ihr die anderen J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger angesichts der brutalen T\u00f6tung ihres Meisters nicht geschlagen geben, dass sie so ganz in seinem Sinne weitermachen, hinausgehen, heilen und die Botschaft Jesu weitertragen. Jesus lebt in den Herzen und H\u00e4nden jener Menschen, Gruppen und Gemeinden weiter, die von seinem Geist angesteckt worden sind.\u00a0In dem Film \u201eJesus von Montreal\u201c aus den 80er-Jahren wird dieser Gedanke so ganz anders als in der Hollywood-Magdalana-Verfilmung umgesetzt. Als der Schauspieler Daniel, der im Passionstheater die Rolle von Jesus spielt, stirbt, werden seine Organe entnommen. Sein Spenderherz schl\u00e4gt in einem anderen Menschen, seine Augen machen eine Blinde sehend. So k\u00f6nnen wir Auferstehung auch verstehen.<\/p>\n<p>Wenn wir die Wirklichkeit der Auferstehung begreifen wollen, nehmen wir zun\u00e4chst die neutestamentlichen \u201eBerichte\u201c von Auferstehung \u2013 die freilich immer auch schon Interpretationen und Bilder einer bestimmten Erfahrung von Auferstehung sind. Zum anderen aber ist es nicht weniger bedeutsam, die eigenen Auferstehungs-Erfahrungen nicht weniger ernst zu nehmen und beides wiederum in eine Verbindung zu setzen. Zwischen beiden Erfahrungsebenen besteht eine positive Dialektik. Je besser es mir gelingt, Auferstehungs-Erfahrungen in meinem eigenen Leben wahrzunehmen, desto besser kann ich die neutestamentlichen Berichte verstehen. Je mehr ich mich auf die neutestamentlichen Auferstehungsberichte einlassen kann, desto besser werde ich auch in meinem eigenen Leben Auferstehungserlebnisse begreifen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>2\u00a0 Historisch-kritische Aspekte zu den neutestamentlichen Auferstehungserz\u00e4hlungen am Beispiel der Emmaus-Erz\u00e4hlung<\/strong><\/p>\n<p>Die vier Evangelisten Matth\u00e4us, Markus, Lukas und Johannes berichten unterschiedlich von der Auferstehung. Sie stimmen dar\u00fcber \u00fcberein, dass Jesus wirklich gestorben ist. Aber dann gehen die Berichte auseinander. Markus erz\u00e4hlt, dass die Frauen ein leeres Grab gefunden haben und dann erschrocken weggelaufen sind und niemandem davon erz\u00e4hlt haben. In den Auferstehungserz\u00e4hlungen bei Matth\u00e4us und Lukas erfahren wir schon mehr \u00fcber die Art und Weise, wie Jesus nach dem Osterereignis seinen J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern erschienen ist. Bei Johannes wiederum lesen wir von einem Jesus, der Thomas seine Wunden zeigte, mit den J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern am Ufer Fische a\u00df und auch sonst sich als Auferstandener mehrfach zeigte.\u00a0Die Evangelisten haben unterschiedliche Berichte, weil sie zeigten, dass bereits viele Jahrzehnte nach dem Tod Jesu Ostern sich existenziell ganz unterschiedlich ereignet hatte.<\/p>\n<p>Die Emmausperikope aus dem Lukasevangelium, die am Ostermontag in den Kirchen gelesen wird, zeigt uns, wie wir die Auferstehung Jesu Christi in einer Weise verstehen m\u00fcssen, dass sie nicht l\u00e4nger als Gegensatz zum wissenschaftlichen Denken konstruiert wird. Eine Dekonstruktion fundamentalistisch-buchst\u00e4blicher Interpretationen ist notwendig. Damit einher geht die Konstruktion eines kritischen Auferstehungsbildes, das dem Charakter der Evangelien gerecht wird.<\/p>\n<p>Die Emmaus-Perikope finden wir nur im Lukas-Evangelium. Eindeutig ist sie also lukanisches \u201eSondergut\u201c, in dem sich die Erfahrungs- bzw. Auferstehungswirklichkeit der lukanischen Gemeinde widerspiegelt. Der Text d\u00fcrfte um das Jahr 90 n. Chr. entstanden sein. Redaktionsgeschichlich z\u00e4hlt die Emmaus-Erz\u00e4hlung zu der Gattung der \u201eErscheinungserz\u00e4hlungen\u201c, mit denen die vier Evangelien abschlie\u00dfen und die die j\u00fcngsten Schichten der jeweiligen Evangelien bilden. Exegetisch ist somit klar, dass es bei diesen Erz\u00e4hlungen nicht darum geht, einen historischen Bericht \u00fcber die Auferstehung zu bringen, sondern bildhaft zu beschreiben, was Auferstehung bedeutet. Sie entspricht der lukanischen \u201eWegetheologie\u201c. Christliche Existenz realisiert sich im Unterwegssein. Der Auferstandene ist Begleiter.<\/p>\n<p><strong>\u00a0(1) Sich auf den Weg machen<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e&#8230; und siehe, zwei von ihnen wanderten an diesem Tag &#8230;\u201c (V 13)<\/em><\/p>\n<p>Die beiden Emmausj\u00fcnger machen sich nach der Passion Jesu Christi auf den Weg. Wir k\u00f6nnen uns historisch in sie hinein f\u00fchlen. Es ist die Erfahrung, dass dieser Jesus von Nazareth, der f\u00fcr sie Hoffnung auf Befreiung bedeutet hatte, von den politisch M\u00e4chtigen kaltbl\u00fctig und bestialisch hingerichtet worden ist. Wie soll nun ohne ihren Rabbi die Sache der Befreiung und des Reiches Gottes weitergehen? Ist ihr Projekt nicht gescheitert? Jedenfalls gehen sie weg von jener Stadt, die f\u00fcr sie zu einer Stadt des Grauens geworden ist. Vielleicht auch gehen sie mit Angst weg. Auch ihnen, den Jesus-Anh\u00e4ngern, k\u00f6nnte es an den Kragen gehen. Weg also von der Stadt, die voll von r\u00f6mischen Besatzungssoldaten und Tempelwachen, voll von den G\u00fcnstlingen der r\u00f6mischen Besatzungsmacht und heimischen Kollaborateuren war.<\/p>\n<p>Heute k\u00f6nnten wir uns auch fragen: Ist das Projekt Jesu Christi nicht gescheitert, wenn wir die gegenw\u00e4rtige Lage in der Welt betrachten angesichts von so viel Armut und Elend in der Welt, angesichts der katastrophalen Verh\u00e4ltnisse in den Fl\u00fcchtlingslagern, der fortdauernden Erhitzung der Erde, der Ausbeutung von Ressourcen oder den andauernden Kriegen. Sind wir Couch-Potatoes, wenn wir h\u00f6ren und lesen, dass mehr als 800 Millionen Menschen chronisch unterern\u00e4hrt sind und Hunger leiden? Oder machen wir uns auf den Weg, raus aus Krieg, Ungerechtigkeit, Naturzerst\u00f6rung, selbst wenn wir noch nicht wissen, wohin der Weg uns f\u00fchren wird? Der Weg, der beschritten werden muss, ist vielfach ein Weg der Umkehr. Dies wird sehr konkret sein: Heute bedeutet es angesichts des Klimawandels wohl zun\u00e4chst darauf zu achten, den CO<sub>2<\/sub>-Aussto\u00df durch das pers\u00f6nliche Verhalten m\u00f6glichst niedrig zu halten. Der Verkehrszuwachs ist dazu im Widerspruch. Der Egoismus der Einzelnen wird zum kollektiven Wahn.<\/p>\n<p><strong>(2) Miteinander unterwegs sein<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eUnd siehe, zwei von ihnen &#8230;\u201c (V 13)<\/em><\/p>\n<p>Die Emmausgeschichte ist eine Geschichte von Zweien. Man kann sich das gut erkl\u00e4ren: Zu zweit haben sie mehr Mut, zu zweit f\u00fchlen sie sich etwas sicherer in dieser f\u00fcr sie bedrohlichen Zeit. Einer kann den anderen korrigieren. Zu zweit, das hatten sie bereits von ihrem Meister gelernt, der die J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen zu zweit ausgeschickt hatte. (Lk 10,1) Die beiden haben sich auf ein Ziel geeinigt, das einen konkreten Namen hat: Emmaus. Sie haben sich kein gro\u00dfes Ziel gesetzt, keine weite Wegstrecke. Es sind nur 60 Stadien, das sind 12 km von Jerusalem nach Emmaus. Sie \u00fcberfordern sich nicht.<\/p>\n<p>In dieser Paarkonstruktion wird zugleich Raum f\u00fcr Kommunikation geschaffen. F\u00fcr heute stellt sich die Frage: Mit wem bin ich unterwegs, um offen zu sein f\u00fcr die Auferstehungswirklichkeiten? Wo bin ich allein mit meinen Tr\u00e4umen von einer besseren Welt und wo kann ich sie mit jemandem teilen? Ein Sprichwort trifft diese Auferstehungswirklichkeit des Miteinanders punktgenau: \u201eWenn einer alleine tr\u00e4umt, ist es nur ein Traum. Wenn viele tr\u00e4umen, ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit.\u201c<\/p>\n<p>Freilich sind es in der Emmaus-Geschichte zun\u00e4chst nur zwei! Darin liegt auch eine Hoffnung. Auch damals, am ersten Ostermorgen und dann auf dem Gang nach Emmaus, waren es noch nicht viele. Auch die zarten Ans\u00e4tze eines anderen Lebens sind heute nur klein und bestimmen nicht die Politik dieser Welt. Doch liegt darin schon der Keim einer anderen Welt. Das gibt Mut.<\/p>\n<p><strong>(3) Miteinander reden<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e&#8230; und sie redeten miteinander \u00fcber all diese Ereignisse.\u201c (V 15) \u201eAls sie miteinander redeten und nachdachten &#8230;\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die kommunikative Grundstruktur des Glaubens an Auferstehung wird gleich zu Beginn der Erz\u00e4hlung deutlich. Zwei Menschen sind im Dialog. Sie reden nicht aneinander vorbei; sie f\u00fchren keine Monologe; sie quatschen einander nicht voll; sie tauschen keine Belanglosigkeiten aus; nicht einer versucht den anderen zu \u00fcberzeugen. Nein: Sie reden miteinander, hei\u00dft es ausdr\u00fccklich. Ihre Worte sind auch gepr\u00e4gt von einem \u201eNachdenken\u201c. Ich kann mir vorstellen, wie sie Pausen machen, um die Worte des jeweils anderen zu erw\u00e4gen, und sich dabei auch in die Augen schauen. Wenn Dialog so stattfindet, wenn Kommunikation in dieser Weise gelingt, dann geschieht es, dass sich Jesus dazugesellt.\u00a0Wo sind meine Gespr\u00e4chspartnerinnen und Gespr\u00e4chspartner, mit denen ich \u00fcber die \u201eEreignisse\u201c vom Leben und Sterben und Auferstehen Jesu reden kann? Wo ist Kleopas an meiner Seite?<\/p>\n<p><strong>(4) Jesus n\u00e4hert sich<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e&#8230; da n\u00e4herte sich Jesus selbst und ging ein St\u00fcck Weg mit ihnen&#8230;\u201c (V 15b)<\/em><\/p>\n<p>Jesus dr\u00e4ngt sich nicht auf. Dieses N\u00e4hern hat etwas Z\u00e4rtliches und etwas Vorsichtiges an sich. Er erschreckt die beiden nicht. Er dirigiert nicht. Jesus bestimmt nicht, wo es lang gehen soll. Er geht einfach mit. Er passt sich den beiden an. Auch davon k\u00f6nnen wir von Jesus lernen. Wie oft bin ich geneigt, anderen meinen Weg aufzudr\u00e4ngen, statt mit den anderen unterwegs zu sein?<\/p>\n<p><strong>(5) Verzweiflung, Niedergeschlagenheit und Trauer<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eUnd sie blieben niedergeschlagen stehen.\u201c (V 17)<\/em><\/p>\n<p>Die beiden J\u00fcnger gestehen sich ihre Niedergeschlagenheit und Trauer ein. Sie sind nicht Prototypen einer Keep-Smiling-Gesellschaft, haben nicht jenes Dauergrinsen von M\u00e4chtigen in Politik und Wirtschaft, das Zeichen f\u00fcr ihre Art des Erfolgs ist. Die beiden haben den Mut, ins Dunkle zu blicken und auch die Abgr\u00fcnde des Lebens anzunehmen. Typisch f\u00fcr diesen Jesus ist, dass er sich gerade den Menschen in ihrer Niedergeschlagenheit zuwendet. Es klingt an, was er gesagt hatte: \u201eKommt alle zu mir, die ihr m\u00fchselig und beladen seid.\u201c Diese Botschaft bleibt.<\/p>\n<p>Auch heute kann die Erfahrung gemacht werden: Wir k\u00f6nnen uns dem Dunklen und Schweren in unserem Leben stellen, weil gerade darin Begegnung mit dem Auferstandenen m\u00f6glich werden kann. Wir k\u00f6nnen und m\u00fcssen alle Gef\u00fchle des Schmerzes, der Entt\u00e4uschung, der Mutlosigkeit und der Zerbrochenheit radikal ernst nehmen.<\/p>\n<p><strong>(6) Erkennen beim Brotbrechen<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eAls er mit ihnen zu Tische lag, nahm er das Brot, dankte; brach es und gab es ihnen.\u201c\u00a0 <\/em><\/p>\n<p>Die beiden J\u00fcnger machten eine eucharistische Grunderfahrung. Oder besser gesagt: Die lukanische Gemeinde machte die eucharistische Grunderfahrung und kleidete sie in die Geschichte der Emmaus-J\u00fcnger. Martina Kraml beschreibt in ihrem Buch \u201eVerwandlung auf das Leben hin\u201c, dass Essen und Trinken Orte der \u201eBer\u00fchrung Gottes\u201c sein k\u00f6nnen und damit die erfahrbare Grundstruktur bieten, die wir ekklesiologisch die eucharistische Gemeinschaft nennen.\u00a0Eucharistisches Erleben ist nicht auf katholisch-kirchliches Tun beschr\u00e4nkt bzw. vom sakramentalen Handeln eines Priesters abh\u00e4ngig. W\u00fcrde die Emmaus-Erfahrung auf diese Form von Eucharistie reduziert, w\u00fcrde sie somit eingeengt auf eine katholische Messfeier, die gerade f\u00fcr Jugendliche meist nicht mehr eine Emmaus-Erfahrung ist, bei der ihnen \u201edie Augen aufgehen\u201c. Wo sind meine Orte des g\u00f6ttlichen Brotbrechens? In den br\u00fcchigen und ambivalenten Erfahrungen des Miteinanderessens im Familienkreis, im Freundeskreis, in den Pfarrgemeinden, in der Schule, &#8230; ?<\/p>\n<p><strong>(7)\u00a0 Jesus Christus als Verborgener<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDa wurden ihre Augen aufgetan, und sie erkannten ihn.\u201c (V 30f)<\/em><\/p>\n<p>Der Auferstandene bleibt zun\u00e4chst unerkannt. Erst schrittweise gehen die Augen auf. In der Auferstehungsgeschichte bei Johannes verwechselte Maria Magdalena den Auferstandenen mit einem G\u00e4rtner (Joh 20,1.11-18). Bei der Erscheinung im Abendmahlssaal (Joh 20,19-23) oder bei den Erscheinungen am See (Joh 21,1-4) \u2013 die Gestalt der Erscheinung wird erst in weiterer Folge mit der Person Jesu identifiziert. Drewermann deutet diesen Vorgang psychologisch. Ein archetypisches Bild bestimme das Bewusstsein dahin, \u201eeine Erscheinung selbst mit einer bereits bekannten (religi\u00f6sen Vorstellung) zu verkn\u00fcpfen.\u201c Die Wahrheit der Auferstehung ist daher eine unbestritten psychische Wahrheit. Der Ort der Erscheinung ist die menschliche Psyche. Es w\u00e4re falsch, so Drewermann, psychische Ph\u00e4nomene unmittelbar mit au\u00dferpsychischen Formen der Wirklichkeit zu identifizieren. Drewermann formuliert eindeutig, was landl\u00e4ufig in den Osterpredigten meist nicht gesagt wird: \u201eWohl geh\u00f6rt es zum Begriff der \u201aErscheinung\u2019, dass es eine Wirklichkeit geben muss, die sich dem menschlichen Bewusstsein mitteilt, aber es kommt sehr darauf an, die jeweiligen Erscheinungen <em>nicht<\/em> als Gegebenheiten an sich zu interpretieren.\u201c<\/p>\n<p>Die Emmausj\u00fcnger \u201etr\u00e4umen\u201c somit in der Begegnung mit dem Fremden und in der auch au\u00dferpsychisch objektiv erfahrbaren Wirklichkeit vom auferstandenen Jesus. Betont wird in der Erz\u00e4hlung das visuelle Element der \u201eaufgegangenen Augen\u201c. Die Auferstehung spielt sich somit nicht nur im tr\u00e4umenden Bewusstsein ab wie bei einem Schlaftraum, sondern hat einen sichtbaren Anhaltspunkt.<\/p>\n<p>Der Wert dieser Sichtweise f\u00fchrt uns weg von den Orten Emmaus, Jerusalem oder dem See von Galil\u00e4a hin zu den Orten, in denen wir leben. Wir k\u00f6nnen die Emmaus-Erfahrungen an unseren konkreten Orten und in unserer Zeit machen. Die neutestamentliche Emmauserz\u00e4hlung soll uns ermutigen, den Visionen und Tr\u00e4umen in unserem Leben mehr Raum zu geben, ja vielleicht mehr noch, uns von ihnen bestimmen zu lassen. W\u00e4ren die Tr\u00e4ume an der Macht, so w\u00e4re diese Welt wohl eine bessere! Die Evangelisten hatten den Mut, die Jesus-Geschichte nach seinem Tod mit Visionen von der Auferstehung fortzuschreiben. Sie ermutigen dazu, im Bewusstsein, dass wir an einen sich in der Geschichte stets offenbarenden Gott glauben, unsere Auferstehungs-Visionen selbst wahrzunehmen und sie Wirklich werden zu lassen.<\/p>\n<p><strong>(8) Mut zu Umkehr und Neubeginn<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eund kehrten nach Jerusalem zur\u00fcck.\u201c (V 33)<\/em><\/p>\n<p>Obwohl es bereits Abend wurde, blieben nun die beiden J\u00fcnger nicht bequem in ihrer Emmaus-Herberge. Ihr Herz brannte. Sie waren begeistert; sie wollten zu den anderen J\u00fcngern. Diese Erfahrung von Auferstehung wollten sie nicht f\u00fcr sich behalten. Die Auferstehungsgemeinschaft w\u00e4chst, wenn wir im Text weiterlesen, denn auch die Elf und ihre Gef\u00e4hrten und Gef\u00e4hrtinnen hatten Auferstehungserlebnisse. So wurde Kirche der Auferstehung. Tr\u00e4ume und Visionen werden geteilt. F\u00fcr die Christen und Christinnen der Urkirche galten wohl die Worte von Faust, die er beim Osterspaziergang aussprach: \u201eSie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selbst auferstanden.\u201c Und Goethe l\u00e4sst auch deutlich werden, wie diese Auferstehung konkret und materiell geschieht, als Befreiung von Unterdr\u00fcckung und Lebensverst\u00fcmmelung:<\/p>\n<p>\u201eAus niedriger H\u00e4user dumpfen Gem\u00e4chern\/<br \/>\nAus Handwerks- und Gewerbesbanden\/<br \/>\nAus dem Druck von Giebeln und D\u00e4chern\/<br \/>\nAus den Stra\u00dfen quetschender Enge\/<br \/>\nAus den Kirchen ehrw\u00fcrdiger Nacht\/<br \/>\nsind sie alle ans Licht gebracht.\u201c<\/p>\n<p>In diesem Faust&#8217;schen Ausruf wird h\u00f6rbar, was Auferstehung vor allem in einem politischen Sinne bedeutet. Dazu freilich ist es notwendig, den alten Goethe mit heutigen Wirklichkeiten in Verbindung zu setzen.<\/p>\n<p><strong>Klaus Heidegger, Ostern 2021<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Emmaus-1.jpg' class='thumbnail' \/>1\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Auferstehung verstehen und begreifen \u201eWir verfehlen von vornherein den Sinn von Auferstehung\u00a0im allgemeinen und auch bei Jesus,\u00a0wenn wir uns urspr\u00fcnglich an der Vorstellung einer Wiederbelebung eines physisch-materiellen Leibes orientieren.\u201c (Karl Rahner) Keine wortw\u00f6rtlich-fundamentalistische Auslegung Kurz vor den Osterferien beteiligte sich eine Sch\u00fclerin einer Maturaklasse intensiv am Gespr\u00e4ch \u00fcber Auferstehung. 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