{"id":6414,"date":"2021-05-25T13:33:21","date_gmt":"2021-05-25T13:33:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6414"},"modified":"2022-08-22T07:37:55","modified_gmt":"2022-08-22T07:37:55","slug":"scham-kunstwerke-zum-petrus-canisius-jahr-objekt-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6414","title":{"rendered":"Scham &#8211; Kunstwerke zum Petrus-Canisius-Jahr, Objekt 2"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-6422\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/canis-bild-8.jpg\" alt=\"\" width=\"3120\" height=\"4160\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/canis-bild-8.jpg 3120w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/canis-bild-8-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/canis-bild-8-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 3120px) 100vw, 3120px\" \/>Missgebildetes Fohlen: Ein provozierend auff\u00e4lliges Kunstwerk<\/strong><\/p>\n<p>Die Skulptur der belgischen K\u00fcnstlerin Berlinde De Bryckere tr\u00e4gt den Titel \u201eHonte\u201c, was im Deutschen \u201eScham\u201c bedeutet. Auf einem h\u00f6lzernen Gestell, das wie ein Opfertisch bzw. wie ein Altar wirkt, beides ist wohl intendiert, liegt ein totes Fohlen. Die Skulptur sieht aus, als w\u00e4re sie ein echtes Tierpr\u00e4parat. Das junge Tier versteckt seinen Kopf mit den Vorderl\u00e4ufen so wie ein Mensch, der das gebeugte Haupt versucht, mit H\u00e4nden und Armen zu verstecken. Im Hintergrund stehen die inzwischen wohl nie mehr ben\u00fctzten Beichtst\u00fchle der Haller Jesuitenkirche. So wird die Skulptur selbst Teil des Kirchenraumes.\u00a0 Der Kopf des Fohlens ist ostseitig \u2013 also in Richtung des Altarraumes \u2013 ausgerichtet, dorthin, wo Erl\u00f6sungsrituale praktiziert wurden. Die K\u00fcnstlerin selbst sieht ihre Objekte immer in Beziehung mit dem Raum, in dem sie ausgestellt werden. So passen Kunstwerk und Raum in sich zusammen und stehen in einem Dialog. Die tiefere Bedeutsamkeit dieses Kunstwerks erschl\u00f6sse sich wohl nicht in dieser Deutlichkeit, st\u00fcnde es in irgendeinem Museum dieser Welt.<\/p>\n<p><strong>Schmerzhafte Vulnerabilit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Meine erste innere Reaktion zu diesem Kunstwerk war das Gef\u00fchl, dass ich diesem Fohlen sagen m\u00f6chte. &#8222;Du musst dich nicht sch\u00e4men, weil du nicht so gro\u00df und stark bist, weil du eine andere Form hast als die anderen Fohlen, aus denen starke Rennpferde werden, die mit Stolz geritten und ausgef\u00fchrt werden. Deswegen brauchst du auch nicht den Beichtstuhl hinter dir, sondern die erl\u00f6senden Worte des Evangeliums, die lauten: Ich nehme die Schwachheit an! Selig sind die Traurigen, denn sie werden getr\u00f6stet werden!&#8220;<\/p>\n<p>Doch durfte dieses Fohlen \u00fcberhaupt leben oder war es totgeboren? Ist es nicht so wie vieles, auch in unserem eigenen Leben, das nie zum Leben geweckt wird?<\/p>\n<p>Das ausgestopfte Tier im braunen Fellkleid passt sich an die Braunt\u00f6ne der Kirchenb\u00e4nke und der Beichtst\u00fchle an. Es geh\u00f6rt sozusagen in die Kirche, so wie Leid und Schmerz in der Kirche ihren Platz haben, nicht weil die Kirche masochistisch w\u00e4re, sondern weil sie Schmerz und Leid ernst nehmen, um sie \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen, weil dir Kirche einen Weg anbietet, wie ein lustvolles Leben gelingen k\u00f6nnte. Nie d\u00fcrfen Gl\u00e4ubige den Schmerz anbeten, sondern seine \u00dcberwindung. Das gilt auch f\u00fcr den Tod Jesu Christi, der in dem \u00fcberdimensionalen Kreuz in der Jesuitenkirche so drastisch dargestellt wird. Ja, Jesus wurde auch besch\u00e4mt, er wurde bespuckt, ihm wurden die Kleider vom Leib gerissen, er wurde verspottet und starb letztlich als Gesp\u00f6tt der M\u00e4chtigen am Kreuz. Er wurde zum &#8222;Lamm Gottes&#8220;, das f\u00fcr die K\u00fcnstlerin die Vorlage war f\u00fcr das totgeborene Fohlen.<\/p>\n<p><strong>Beichte und das Sakrament der Bu\u00dfe<\/strong><\/p>\n<p>Petrus Canisius hat sich als Gegenreformator f\u00fcr die Verteidigung der sieben Sakramente stark gemacht. W\u00e4hrend Martin Luther nur Taufe und Abendmahl als Sakramente gelten lie\u00df, war gerade f\u00fcr die katholische Kirche das Sakrament der Bu\u00dfe sehr wichtig. Heute hat es wohl in seiner klassisch-traditionellen Form der Beichte im Beichtstuhl seine Bedeutsamkeit fast v\u00f6llig verloren. Die Beichtst\u00fchle bleiben leer. Das soll kein Klagen sein, sondern den Blick \u00f6ffnen f\u00fcr andere, vielleicht authentischere Orte und Riten der Vers\u00f6hnung. Das Sakrament der Bu\u00dfe kann eine Aussprache zwischen Freunden oder Eheleuten sein, die sich eingestehen, manches falsch gemacht zu haben und sich zusichern, mit kleinen Zeichen wieder neu aufeinander zuzugehen. Nie und nimmer d\u00fcrfen Bu\u00dfe und Beichte, in welcher Form auch immer, in Besch\u00e4mungen enden. Ein Opfer darf es nie und nimmer mehr geben, in keiner Beziehung und in keiner der vielen Formen und Orte menschlichen Zusammenlebens.<\/p>\n<p><strong>Ambivalenter Charakter der Scham<\/strong><\/p>\n<p>Scham kann zur Reue f\u00fchren, wenn eine Person merkt, dass sie etwas falsch gemacht hat, dass sie sich schuldig gemacht und diese Schuld auch einbekennen m\u00f6chte. Scham kann aber auch dazu f\u00fchren, dass man sich verkriecht aus Angst vor der eigenen Schw\u00e4che, aus Angst, Leistungsvorgaben nicht zu entsprechen, aus Angst, den Ma\u00dfst\u00e4ben anderer Menschen oder der Gesellschaft nicht zu gen\u00fcgen. Es gibt in Beziehungen sowie im gr\u00f6\u00dferen sozio-kulturellen Kontext und auch in der Politik so viele Muster und Handlungsweisen, mit denen andere besch\u00e4mt werden. Besch\u00e4mung ist eine \u00e4u\u00dferst subtile Form der Machtaus\u00fcbung, die die Seelen von Menschen krank machen kann. Da werden andere blo\u00dfgestellt. Besch\u00e4mung geschieht vor allem auch im sexuellen Bereich. Sie schl\u00e4gt sich dann nieder in sexistischen Strukturen. Das menschliche Grunddilemma von Scham finden wir bereits ganz am Beginn der biblischen Geschichte im Mythos von Adam und Eva. Es hei\u00dft dort, dass sie sich sch\u00e4mten und selbst vor Gott sich verstecken wollten. Sie sch\u00e4mten sich ihres eigenen Nacktseins, das hei\u00dft auch ihrer eigenen Sexualit\u00e4t, und begannen das Versteckspiel, das nicht zur Einheit, sondern zu Trennungen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Von der K\u00fcnstlerin Berlinde De Bryckere steht noch eine weitere Skulptur in Hall im Rahmen der Petrus-Canisius-Ausstellung. Sie greift diese Thematik der Verletzlichkeit auch wieder auf. Aber dar\u00fcber in einem anderen Text.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 25.6.2021<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Scham<\/strong><\/p>\n<p>ich verstecke mein Gesicht<br \/>\ndamit du meine Tr\u00e4nen nicht siehst<br \/>\ndamit du meine Angst nicht erkennst<br \/>\ndamit du meiner Verletzlichkeit nicht gewahr wirst<br \/>\nhinter einer Maske<br \/>\ndie ich nicht bin<\/p>\n<p>ich verstecke meine Gef\u00fchle<br \/>\ndamit ich nicht l\u00e4cherlich wirke<br \/>\ndamit ich nicht wieder verletzt werde<br \/>\ndamit alte Wunden nicht tiefer werden<br \/>\nhinter einer Mauer<br \/>\ndie mir das Leben nimmt<\/p>\n<p>ich verstecke meine Nacktheit<br \/>\nweil ich dir nicht gen\u00fcge<br \/>\nweil ich dir nicht gefalle<br \/>\nweil ich nicht sein kann der ich bin<br \/>\nhinter den allt\u00e4glichen Besch\u00e4ftigungen<br \/>\ndie das wirklich Wesentliche verdr\u00e4ngen<\/p>\n<p>ich warte auf Worte<br \/>\ndie nicht mehr besch\u00e4men<br \/>\nich warte auf Ber\u00fchrungen<br \/>\ndie \u00c4ngste l\u00f6sen<br \/>\nich warte auf N\u00e4he<br \/>\ndie Versteckspiele beendet<\/p>\n<p>klaus \u2026 26.5.2021<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/canis-bild-8.jpg' class='thumbnail' \/>Missgebildetes Fohlen: Ein provozierend auff\u00e4lliges Kunstwerk Die Skulptur der belgischen K\u00fcnstlerin Berlinde De Bryckere tr\u00e4gt den Titel \u201eHonte\u201c, was im Deutschen \u201eScham\u201c bedeutet. Auf einem h\u00f6lzernen Gestell, das wie ein Opfertisch bzw. wie ein Altar wirkt, beides ist wohl intendiert, liegt ein totes Fohlen. Die Skulptur sieht aus, als w\u00e4re sie ein echtes Tierpr\u00e4parat. Das&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6422,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[183],"tags":[928,925,926,929,927],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6414"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6414"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6414\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6423,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6414\/revisions\/6423"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/6422"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6414"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6414"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6414"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}