{"id":6443,"date":"2021-06-06T13:50:55","date_gmt":"2021-06-06T13:50:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6443"},"modified":"2022-08-22T07:37:55","modified_gmt":"2022-08-22T07:37:55","slug":"brenner-penserjoch-ritten-mit-dem-rennrad-am-zwickeltag-in-suedtirol","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6443","title":{"rendered":"Brenner-Penserjoch-Ritten: Mit dem Rennrad am Zwickeltag in S\u00fcdtirol"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-6445\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_20210604_120913-2.jpg\" alt=\"\" width=\"4160\" height=\"3120\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_20210604_120913-2.jpg 4160w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_20210604_120913-2-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_20210604_120913-2-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_20210604_120913-2-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 4160px) 100vw, 4160px\" \/>Sanftes Reisen<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin privilegiert. F\u00fcr einen Umgebungswechsel brauche ich kein Auto. Das Rad ist mein Gef\u00e4hrt. So geht es direkt von der Haust\u00fcre weg. 6.00 morgens. Noch ist es ruhig an diesem Zwickeltag, an diesem Wochenende, das nach einer langen Lockdown-Phase viele n\u00fctzen, um hinaus zu kommen. Sicherheitshalber habe ich am Vortag einen Antigentest gemacht. Der gelbe Impfpass ist im Rucksack. Ebenfalls die Registrierungspapiere f\u00fcr die Einreise nach Italien, die aber vielleicht gar nicht mehr n\u00f6tig sind. Der Himmel ist bew\u00f6lkt. Warmer Sommerwind kommt vom S\u00fcden. Die satten Wiesen duften. Die Fr\u00fchsommer-Blumen leuchten in bunten Farben &#8211; gelb, violett, rosa oder blau. Manche habe noch ihre Bl\u00fctenk\u00f6pfe geschlossen. Die Strecke hinauf nach Igls und die R\u00f6merstra\u00dfe hinein nach Matrei sind mir so vertraut, dass ich sie fast blind fahren k\u00f6nnte. 7.30 Uhr in Matrei. Ich habe es nicht eilig heute. Gedanken- und seelenversunken trete ich das Wipptal hinauf zum Brenner. Dort gibt es gar keine Kontrolle.<\/p>\n<p><strong>Verkehrswahn<\/strong><\/p>\n<p>Auf der Brennerautobahn reiht sich an diesem Freitag nach Fronleichnam Lkw an Lkw. Wo immer ich heute in den Wippt\u00e4lern unterwegs bin, wird mich der L\u00e4rm begleiten, selbst in die Anh\u00f6hen hinauf. Unsichtbar bleiben die anderen Emissionen \u2013 die Feinpartikel vom Abrieb und den Abgasen, die sich in den Lungen der Menschen n\u00f6rdlich und s\u00fcdlich des Brenners, im Inntal, im Eisacktal und Etschtal festfressen und schleichend zu Krankheiten f\u00fchren. Heute stand es in der Tageszeitung: Tirol hat eine Zunahme an den CO-2-Emissionen um 87 Prozent gegen\u00fcber 1990 und liegt damit in \u00d6sterreich an der Spitze. Auch die Stickoxid-Emissionen nahmen in Tirol um 60 Prozent zu. H\u00f6rbar und sichtbar wird: Nach Corona ist die Normalit\u00e4t des Transit-Wahns zur\u00fcck und hat bereits wieder die Pr\u00e4-Pandemie-Horrorzahlen erreicht. Im April sollen an der Mautstelle in Sch\u00f6nberg bereits \u00fcber 200.000 Lkw gez\u00e4hlt worden sein. Auf der linken Fahrspur der A13 und A22 w\u00e4lzt sich Kurz-Urlauberverkehr. Denkt niemand der Menschen, die heute in den Autos sitzen und teils \u00fcber Hunderte Kilometer fahren, um irgendwo im S\u00fcden ihre Freiheit eines verl\u00e4ngerten Wochenendes und aufgehobener Corona-Sperren n\u00fctzen, an die Erhitzung der Erde, die an einen h\u00f6chst problematischen Krisenpunkt gelangt ist? Die \u00dcberkopftafeln auf der Autobahn warnen nicht mit \u201eACHTUNG ERDERHITZUNG\u201c, sondern mit \u201eACHTUNG STAU\u201c. Der heutige Weltumwelttag scheint bedeutungslos zu sein. Proportional zu den sinkenden Inzidenzzahlen \u2013 so steht es weiters geschrieben \u2013 geht es aufw\u00e4rts mit der Zahl der Flugpassagiere und ihren einw\u00f6chigen Kurztrips nach Griechenland &amp; Co.<\/p>\n<p><strong>Vom Brenner \u00fcber das Penserjoch, den Ritten bis ins Unteretsch nach Neumarkt<\/strong><\/p>\n<p>In der kleinen, sch\u00e4big wirkenden Kapelle \u201eMaria zum Guten Rat\u201c oberhalb der Stra\u00dfe am Brenner, die so ziemlich an der Grenzlinie steht, z\u00fcnde ich drei kleine Kerzen an. Sie sind Zeichen der Dankbarkeit f\u00fcr Menschen, die \u201eGuten Rat\u201c geben, weil sie empfindsam sind. Die alte Kapelle spiegelt sich in der Glasfassade des Outletcenters. Religion wird geschluckt vom Kommerz, denke ich mir. 1000 HM, eine Marathonl\u00e4nge und drei Stunden sind vergangen. Aber die Zeit ist mir heute egal. Dann sause ich den Brenner hinunter nach Sterzing. Bei der B\u00e4ckerei kurz vor der Altstadt habe ich schon mehrmals Halt gemacht. Latella und ein Laugenstangerl, das reicht f\u00fcr die kommende Bergstrecke. Es geht von 944m auf 2211m die Nordrampe hinauf, 1269 Hm verteilt auf 16 km. Da ist keine M\u00fcdigkeit in meinen Knochen. Es ist, als fl\u00f6ge ich hinauf. Immer wieder schrecken mich Motorradhorden von meinen Gedanken auf. Dann versuche ich m\u00f6glichst rechts zu fahren. Ein H\u00f6llenl\u00e4rm. Wer gibt ihnen das Recht, all die T\u00e4ler und Bergstra\u00dfen S\u00fcdtirols mit ihrem L\u00e4rm zu \u00fcberziehen? Sportwagenfahrer n\u00fctzen die Strecken f\u00fcr ihre Privatrennen. Weiter oben bl\u00fchen noch Krokusse und Enziane. Die Motorradfahrer, hier muss ich nicht unbedingt gendern, weil es scheint nach wie vor ein Tun \u201estarker\u201c M\u00e4nner zu sein, verschanzt in ihre R\u00fcstungen, werden wohl keinen Blick daf\u00fcr haben. Ihnen scheint es darum zu gehen, m\u00f6glichst schnell in die Kurven zu fahren. Auf der Passh\u00f6he stehen Dutzende von diesen l\u00e4rmenden Ungeheuern. Steif und unbeweglich steigen manche von den Fahrern von ihren Maschinen, so als k\u00f6nnten sie mit ihren dicken Motorradr\u00fcstungen kaum gehen. Kleine Schneew\u00e4nde sind noch am Joch. Das Wetter h\u00e4lt. 6 Stunden sind seit der Abfahrt vergangen. 75 Kilometer. Nun ja, auf die Durchschnittsgeschwindigkeit darf nicht genau hingesehen werden. Aber immerhin sind es schon 2300 H\u00f6henmeter. Die Abfahrt geht rasch. 50 Kilometer Talfahrt nach Bozen w\u00e4re die Normalroute. Bald wird es wieder wunderbar gr\u00fcn im Sarntal. L\u00f6wenzahnwiesen und zunehmend w\u00e4rmer. Heute w\u00e4hle ich nach Bozen nicht die Strecke durch die Talferschlucht mit den vielen Tunnels, sondern hinauf auf den Ritten auf 1220. Sommerlich warm. Bald schon zeigt mein Garmin, dass ich bereits \u00fcber 3000 HM im Aufstieg gefahren bin. Die Hochebene am Ritten beginnt mit der ersten Ortschaft Wangen. Die Kirche dort l\u00e4dt mich zur Rast ein. Am Friedhof steht eine einzigartige gotische Lichts\u00e4ule. Im Inneren der Kirche f\u00e4llt mir vor allem die gotische Kanzel aus Sandstein auf, auf der in einem Fresko eine Mariendarstellung aus gotischer Zeit ist. Dann geht die Fahrt nochmals 300 HM weiter hinauf. Der Ritten ist ein unglaublich gro\u00dfes Gebiet mit vielen verstreuten Siedlungen und Wiesen und W\u00e4ldern dazwischen. Eine Freundin erz\u00e4hlte mir k\u00fcrzlich, wie sch\u00f6n die Grillen am Ritten zirpen. Das kann ich heute best\u00e4tigen. Sie zirpen gegen den L\u00e4rm der Motorr\u00e4der, die auch hier ihr Unwesen auslassen. Eine Leonhardskirche mit einer eisernen Kette rundherum und einem romanischen Turm steht in Oberinn. Auch daf\u00fcr nehme ich mir wieder Zeit. \u00dcber den m\u00e4chtigen Dolomiten im Osten zieht sich gerade ein Gewitter zusammen. Tief unten ist der Bozner Talkessel. Dorthin sause ich nun, m\u00f6glichst schnell durch die Stadt und am Radweg der Etsch entlang bis Neumarkt. Der S\u00fcdwind bl\u00e4st mit voller St\u00e4rke. Manchmal f\u00e4llt es sogar schwer, dass die Geschwindigkeit nicht unter 20 km\/h f\u00e4llt. 17.00 Uhr ist es geworden. 170 Kilometer und fast 3400 H\u00f6henmeter. Drei Passstrecken liegen hinter mir. Von winterlicher Berglandschaft mit Schnee an den R\u00e4ndern nun inmitten von bl\u00fchenden Weinbergen und Apfelplantagen. \u00dcberall finden Menschen Heimat. Meine Seele sucht sie.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 6. Juni 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/IMG_20210604_120913-2.jpg' class='thumbnail' \/>Sanftes Reisen Ich bin privilegiert. F\u00fcr einen Umgebungswechsel brauche ich kein Auto. Das Rad ist mein Gef\u00e4hrt. So geht es direkt von der Haust\u00fcre weg. 6.00 morgens. Noch ist es ruhig an diesem Zwickeltag, an diesem Wochenende, das nach einer langen Lockdown-Phase viele n\u00fctzen, um hinaus zu kommen. 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