{"id":6525,"date":"2021-07-08T07:10:17","date_gmt":"2021-07-08T07:10:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6525"},"modified":"2022-08-22T07:37:54","modified_gmt":"2022-08-22T07:37:54","slug":"weise-und-naerrisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6525","title":{"rendered":"weise und n\u00e4rrisch"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-6526\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/pc-1.jpg\" alt=\"\" width=\"4160\" height=\"3120\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/pc-1.jpg 4160w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/pc-1-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/pc-1-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/pc-1-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 4160px) 100vw, 4160px\" \/>aufgebrochen bist du<br \/>\ndie Komfortzonen verlie\u00dft du<br \/>\nein Leiterwagen mit B\u00fcchern dein Zuhause<br \/>\nin die Welt hinein gingst du<\/p>\n<p>eine Welt voller Gewalt<br \/>\nund voll Sehnsucht nach Liebe<br \/>\neine Christenheit in Trennungen<br \/>\nund voll Sehnsucht nach Einheit<\/p>\n<p>wenn Frauen erlitten Gewalt<br \/>\nhast du sie genommen in Schutz<br \/>\nwenn der Mob schrie nach Rache<br \/>\nhast du Vers\u00f6hnung gewollt<\/p>\n<p>das N\u00e4rrische hast du gekannt<br \/>\nes deckte auf die Fratze der Gewalt<br \/>\nes spiegelte wider egoistische Niedertracht<br \/>\nes entthronte den K\u00f6nig<\/p>\n<p>das Weise hast du gelehrt<br \/>\nWorte Jesu lagen dir stets auf den Lippen<br \/>\nso fielen Steine des Hasses zu Boden<br \/>\nso verwandelte sich Aufruhr zu Frieden<\/p>\n<p>klaus.heidegger, 8. Juli 2021<\/p>\n<p><strong>Der Weise und der Narr<\/strong><\/p>\n<p><strong>Genial!<\/strong><\/p>\n<p>Schon als ich vor weit mehr als einem Jahr davon h\u00f6rte, dass es ein Musiktheater \u2013 anfangs war noch die Rede von einem Musical \u2013 \u00fcber Petrus Canisius anl\u00e4sslich seines 500. Geburtstages und entsprechender Jubil\u00e4umsfeierlichkeiten geben wird, war ich gespannt auf die Umsetzung. Als Theologe interessiert mich vor allem die theologische Qualit\u00e4t des Skripts. Nachdem ich mit meiner Klasse gestern im Hof des Zeughauses in Innsbruck das St\u00fcck gesehen hatte, kann ich nun gleich vorneweg keine bessere Einsch\u00e4tzung geben als: Genial! Bernhard J. Lang hat das St\u00fcck im Auftrag der Di\u00f6zese Innsbruck geschrieben. Er verkn\u00fcpft historische Fakten rund um den Di\u00f6zesanpatron von Innsbruck mit grundlegenden philosophischen und religi\u00f6sen Kernfragen, die bis heute uns Menschen bewegen. Nicht nur als Autor, sondern auch als Regisseur hat Lang eine gro\u00dfartige Leistung vollbracht. Schade ist nur, dass es nicht gelang, mehr Zuseherinnen und Zuseher f\u00fcr dieses St\u00fcck zu gewinnen. Es h\u00e4tte wohl auch auf den gro\u00dfen B\u00fchnen dieser Welt gespielt werden k\u00f6nnen \u2013 und wenn man tr\u00e4umen darf, vielleicht gibt es einmal eine Fernsehproduktion davon.<\/p>\n<p><strong>Leiterwagen<\/strong><\/p>\n<p>Schon die Fokussierung auf den Leiterwagen als Zentrum des Schauspiels ist Kern dessen, was die Vita des gro\u00dfen Predigers aus dem 16. Jahrhundert ausmacht. Petrus Canisius war unerm\u00fcdlich unterwegs \u2013 Tausende Kilometer quer durch Europa. Sein Lebensmittelpunkt war letztlich nicht die Kanzel, nicht eine Gelehrtenstube, nicht die Sakristei oder eine Klosterzelle \u2013 all das gab es auch, sondern ein Ort des stetigen Unterwegsseins. Das freilich bedeutete: Er konnte bei den Menschen sein, er war getreu des Charismas seines Jesuitenordens ein Mensch, der in die Welt gesandt ist. Die Welt des 16. Jahrhunderts war gepr\u00e4gt von schrecklichen Bluttaten zwischen Christen. Es war die Zeit der Reformation und Gegenreformation. Es war die Zeit der Bauernkriege und der Hinrichtungen von T\u00e4ufern. Petrus Canisius war gerade 15 Jahre alt, als vor dem Goldenen Dachl in Innsbruck beispielsweise Jakob Huter am Scheiterhaufen verbrannt wurde oder auf der Burg von Rattenberg Dutzende weitere T\u00e4ufer hingerichtet worden sind. Es war die Zeit, als in Tirol bedeutsame St\u00e4dte wie Schwaz oder Hall lutherisch wurden und auf der anderen Seite die katholische Kirche im Konzil von Trient nach einer neuen Orientierung suchte. Petrus Canisius war einer dieser Konzilstheologen. Es war auch die Zeit, als Frauen als Hexen denunziert und hingerichtet wurden. Kaiser und K\u00f6nige \u2013 aber auch P\u00e4pste und bisch\u00f6fliche F\u00fcrsten standen auf Seiten der Gewalt.<\/p>\n<p><strong>Gewalt an Frauen<\/strong><\/p>\n<p>Wie wird der Autor des St\u00fcckes die Frage behandeln, wie sich Petrus Canisius zur Hexenverfolgung gestellt hat? Das ist wohl eine der heikelsten Punkte. Aus heutiger Sicht gibt es leicht eine Kritik, er habe sich gegen\u00fcber der grassierenden Angst vor den Hexen zu wenig abgegrenzt, ja er sei selbst von dieser Angst gefangen gewesen. Im St\u00fcck geschieht eine tiefgehende Interpretation. Als ihm von soldatischer M\u00e4nnergewalt eine gefesselte Frau vorgef\u00fchrt wird, die der Hexerei bezichtigt wird, \u00fcberwindet er letztlich in der konkreten Begegnung mit der Frau auch seinen eigenen Hexenglauben und wird zu einem Canisius, der sich sch\u00fctzend vor die Frau stellt. Sein Handkarren wird zum Refugium f\u00fcr die Verfolgte. Auch in diesem Punkt verstrickt der Autor zentrale Inhalte der feministischen Bibellekt\u00fcre in sein St\u00fcck. Aus dem Mund von Petrus Canisius wird Jesus selbst als Person dargestellt, der sich sch\u00fctzend vor die Ehebrecherin stellte, als sie gesteinigt werden sollte, und der in seiner Nachfolgegemeinschaft Frauen wie Maria Magdalena oder Veronica hatte.<\/p>\n<p><strong>Petrus Canisius als Narr<\/strong><\/p>\n<p>Benjamin Lang ben\u00fctzt in seinem St\u00fcck die so bekannte Kunstfigur des Narren. Es erinnert an die gro\u00dfen Klassiker der Literatur, beispielsweise an den namenlosen Narren in Shakespeares \u201eKing Lear\u201c. Als Schatten seines gro\u00dfen Herrschers bleibt der Narr stets an der Seite Lears und versucht ihn durch seine Weisheit zur Vernunft zu bringen, um eine Katastrophe zu verhindern. Er will seinem Herrscher mit weisen Ratschl\u00e4gen und Warnungen beiseite stehen. Petrus Canisius d\u00fcrfte in seinen Predigten auch selbst immer wieder der Narr gewesen sein, wenn er den M\u00e4chtigen in Kirche und Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten hat. Auf der anderen Seite l\u00f6sen sich im St\u00fcck immer wieder die herrschenden Ordnungen auf, um Freiheit zu erm\u00f6glichen. Der K\u00f6nig wird jemand, der wie ein Reittier einen Narren tr\u00e4gt, der Narr selbst bleibt nicht l\u00e4nger Au\u00dfenseiter, sondern wird von Canisius gemeinsam mit der in L\u00fcge und Angst verstrickten mutma\u00dflichen M\u00f6rderin in eine neue Freiheit geschickt.<\/p>\n<p><strong>Inszenierung<\/strong><\/p>\n<p>Thomas Lackner, der Darsteller von Petrus Canisius, und Oliver Natterer als Narr, sowie Annalena Hochgruber \u2013 aber auch die anderen Darstellerinnen und Darsteller bieten gro\u00dfes Schauspiel. Die inhaltsschweren und tiefen philosophischen Dialoge m\u00fcnden dann in Musik, wenn es auf der Wortebene allein nicht mehr weiter geht. Die Musik schrieb Alexander Giner. Vielleicht h\u00e4tte ich mir deswegen auch noch mehr Musik gew\u00fcnscht, weil sie uns hilft, die Sehnsucht nach einer \u00dcberwindung von Gewalt und Zwietracht und nach Liebe und Einheit \u2013 die immer eine Begegnung mit dem G\u00f6ttlichen ist \u2013 auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/pc-1.jpg' class='thumbnail' \/>aufgebrochen bist du die Komfortzonen verlie\u00dft du ein Leiterwagen mit B\u00fcchern dein Zuhause in die Welt hinein gingst du eine Welt voller Gewalt und voll Sehnsucht nach Liebe eine Christenheit in Trennungen und voll Sehnsucht nach Einheit wenn Frauen erlitten Gewalt hast du sie genommen in Schutz wenn der Mob schrie nach Rache hast du&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6526,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[492,183],"tags":[960,961],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6525"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6525"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6525\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6527,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6525\/revisions\/6527"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/6526"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6525"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6525"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6525"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}