{"id":6777,"date":"2021-10-09T06:26:10","date_gmt":"2021-10-09T06:26:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6777"},"modified":"2026-02-02T17:01:32","modified_gmt":"2026-02-02T17:01:32","slug":"6777","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6777","title":{"rendered":"Moralische Impfpflicht &#8211; ein notwendiger Disput"},"content":{"rendered":"<p><strong>Klaus Heidegger<br \/>\n<\/strong>8. Oktober 2021 &#8211; im Zug dieser Zeit<\/p>\n<p>Sehr geehrter Rechtsanwalt NN!<\/p>\n<p>Danke zun\u00e4chst f\u00fcr Ihr Schreiben, das mir Gelegenheit gibt, meine Sichtweise in einem offen gehaltenen Brief genauer zu begr\u00fcnden. Ich schreibe diese Zeilen \u00fcbrigens, w\u00e4hrend ich am Ende einer Schulprojektwoche mit einer Maske im Zug sitze \u2013 und trage diese Maske gerne, um mich und andere zu sch\u00fctzen. Zugleich w\u00fcnsche ich mir aber wieder eine Zeit, in der wir endlich auf solche Schutzma\u00dfnahmen verzichten k\u00f6nnen. Je mehr Menschen sich impfen lassen, desto schneller wird dies m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p><strong>Unqualifizierte Einsch\u00fcchterungsstrategien<\/strong><\/p>\n<p>Ihr Brief an die Schulleitung entspricht einer Vorgangsweise, die leider nur wenig kommunikatives Feingef\u00fchl aufweist. Erstens stelle ich mir die Frage: Wer ist es, der einen Rechtsanwalt beauftragt, gegen eine Lehrperson zu intervenieren? Haben diese Personen, die aus der Anonymit\u00e4t heraus agieren, selbst zu wenig Argumente oder zu wenig Courage f\u00fcr eine offene Diskussion? Im Rahmen der Schule gibt es schulgesetzliche Usancen, die bei Konflikten zwischen Lehrpersonen und Eltern vorgesehen sind.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst ist mir in meinem Unterrichtsalltag wichtig, dass die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler das Klassenzimmer als einen Ort sehen, wo Gespr\u00e4che stattfinden und Differenzen ausgetauscht werden k\u00f6nnen. Widerspruch offen zu \u00e4u\u00dfern ist eine wichtige Qualifikation, die in der Schule gelernt und einge\u00fcbt werden kann. Wenn Sie jetzt vielleicht unterstellen, Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler w\u00fcrden Angst vor mir haben, dies zu tun, dann fragen Sie selbst jene ins Dunkel der Anonymit\u00e4t eingetauchten Personen, die von hinten her Eltern informieren.<\/p>\n<p>Ein logischer zweiter Schritt w\u00e4re, wenn bei Beschwerden der Weg \u00fcber die entsprechende Lehrperson ginge. Sp\u00e4testens in der Oberstufe eines Gymnasiums sollte es den Eltern bekannt sein, dass es Sprechstunden gibt, die f\u00fcr Differenzen vorgesehen sind. Auch unser Schulleiter sagt immer wieder in Konferenzen und dergl.: Bitte zun\u00e4chst direkt die Lehrpersonen informieren, bevor ein anklagendes Verhalten an die Schulleitung stattfindet. So manches Face-to-face-Gespr\u00e4ch w\u00fcrde helfen, Verst\u00e4ndnis aufzubauen, statt einen Sch\u00fctzengraben zu ziehen, wo dann aus dem Hinterhalt geschossen wird. Schade, dass ich keine M\u00f6glichkeit habe, mit jenen angeblichen Eltern in Kontakt zu treten. Ich w\u00fcrde mit ihnen gerne im Gespr\u00e4ch sein.<\/p>\n<p>Am liebsten w\u00fcrde ich also sagen: Zur\u00fcck an den Start. Ein offenes Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Letztklassig finde ich freilich, wie Sie am Schluss des Briefes mit einer juridischen Keule drohen, um einen Lehrer einzusch\u00fcchtern, der mit Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern angesichts der Gefahren der Corona-Pandemie ein F\u00fcr-und-Wider die moralische Impfpflicht thematisiert. Dazu noch ein paar zus\u00e4tzliche Argumente, weil mir scheint, dass Sie die wesentlichen Punkte nicht verstehen wollten.<\/p>\n<p>Abwertend schreiben Sie, dass ich f\u00fcr die \u201eImpfpflicht werbe\u201c \u2013 was in Ihren Augen nicht zul\u00e4ssig sei. Leider haben Sie auch in diesem Punkt mein p\u00e4dagogisches Anliegen nicht verstanden: Ich arbeite mit den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern zu Fragen des Lebens, der Ethik, der sozialen Verantwortlichkeit, \u00fcber moralische Verpflichtungen \u2013 und \u00fcber all dies auch an Beispielen, zu denen die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler viele Fragen haben. Wenn Sie schon von \u201eWerbung\u201c sprechen \u2013 was freilich ein von Ihnen in diesem Kontext b\u00f6se gemeinter Begriff ist \u2013 dann ist es zumindest eine \u201eWerbung\u201c f\u00fcr Rechtsstaatlichkeit, f\u00fcr soziale Verantwortlichkeit und f\u00fcr Demokratie.<\/p>\n<p><strong>Moralische Impfpflicht<\/strong><\/p>\n<p>In einem Punkt k\u00f6nnten wir uns gut treffen. Ich bin nicht f\u00fcr eine Rechtsverpflichtung zur Impfung. Es soll keinen Zwang geben. Wer Bedenken gegen die Impfung hat, darf nicht dazu verpflichtet werden. Bei der moralischen Impfpflicht geht es hingegen darum, auf die Eigenverantwortung hinzuweisen. Es gilt die Frage. Was kann ich auch im Sinne des Gemeinwohls tun, um andere und mich selbst in Pandemie-Zeiten zu sch\u00fctzen? \u00a0Eigenverantwortung hei\u00dft, die Folgen des eigenen Handelns zu verantworten \u2013 die Folgen f\u00fcr sich selbst und f\u00fcr andere.\u00a0 Eine moralische Impfpflicht stellt dabei keinen Eingriff in Freiheitsrechte dar. Ich schlie\u00dfe mich der Direktorin der Diakonie, Maria Katharina Moser, an: \u201eImpfen ist eine pers\u00f6nliche Entscheidung, jede*r ist frei, der moralischen Impfpflicht nicht nachzukommen, muss aber die Folgen verantworten. Etwa zu erkranken, andere anzustecken, einen Lockdown zu verursachen, oder andere Mittel zum Infektionsschutz anzuwenden. Davon zu unterscheiden ist eine rechtliche Impfpflicht, die in jedem Fall aber auch ethisch gerechtfertigt werden m\u00fcsse. Ein solcher Rechtfertigungsgrund k\u00f6nnte etwa der Schutz dritter sein.\u201c In dieser Diskussion sind wir jedenfalls im Kerngesch\u00e4ft des Religions- und Ethikunterrichtes. Eine unbegr\u00fcndete Impfmuffelei oder ein fahrl\u00e4ssiges Nicht-Impfen entspricht sicherlich nicht den religi\u00f6s-ethischen Anspr\u00fcchen der N\u00e4chstenliebe.<\/p>\n<p>Gerade angesichts einer weiterhin noch viel zu niederen Impfquote spricht moraltheoretisch nichts gegen eine Impflicht. Im Gegenteil. Ich zitiere hier die Philosophin Sabine S\u00f6ring: \u201eSich impfen zu lassen, sofern im individuellen Fall medizinisch nichts dagegenspricht, ist nicht nur Selbstschutz, sondern auch Fremdschutz. Wer sich impfen l\u00e4sst, leistet seinen Beitrag zum Gemeinwohl. \u200bGemeinwohl setzt Solidarit\u00e4t voraus. \u2026 Die wissenschaftliche Evidenz spricht daf\u00fcr, dass wir eine hohe Impfquote zum Kampf gegen das Virus erreichen m\u00fcssen, um unser aller grundlegendes Interesse an k\u00f6rperlicher Unversehrtheit f\u00fcr m\u00f6glichst viele Mitglieder der Solidargemeinschaft erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen \u2013\u00a0<em>NoCovid<\/em>\u00a0ist ja offensichtlich nicht durchsetzbar. Aber die negativen externen Effekte meiner Impfverweigerung gehen weit \u00fcber die gesundheitlichen Folgen f\u00fcr die, die ich infiziere, hinaus. Wird die erforderliche Impfquote nicht erreicht, drohen wieder viele weitere und weitreichendere Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung bis hin zu einem erneuten Lockdown. In der Waagschale der G\u00fcterabw\u00e4gung liegen nicht nur noch mehr vermeidbare Corona-Tote und Long Covid-Patienten, sondern zum Beispiel auch Insolvenzen oder lebenslange Bildungsnachteile einer ganzen Generation von Sch\u00fclern. Im Vergleich dazu ist der k\u00f6rperliche Schaden der Impfgegner aus der solidarischen Handlung wider Willen, also die Nebenwirkungen der Impfung, statistisch gesehen verschwindend gering.\u201c<\/p>\n<p><strong>Gef\u00e4hrlichkeit von Covid-19-Infektionen<\/strong><\/p>\n<p>Ihre Argumente \u00e4hneln stark jenen der \u201eQuerdenker\u201c. Covid wird auf eine Ebene mit Grippe gestellt. Maskentragen ist f\u00fcr Sie eine Schikane. Jetzt fehlt nur noch das Argument, dass Kinder wegen Maskenpflicht schon gestorben seien. Die Massengr\u00e4ber von Bergamo zu Beginn der Pandemie sind Wirklichkeit. Wirklichkeit ist: Tausende Menschen, die mit SARS-CoV-2 infiziert waren, leiden Monate sp\u00e4ter an Symptomen wie Ersch\u00f6pfung und eingeschr\u00e4nkter Leistungsf\u00e4higkeit. Hier k\u00f6nnten wir uns von vielen Beispielen aus dem Bekanntenkreis erz\u00e4hlen. Ich m\u00f6chte auf eine Studie verweisen, auch wenn Sie dies wahrscheinlich ohnehin wieder nur als L\u00fcgenpropaganda qualifizieren: Demnach war fast jeder Dritte auch zw\u00f6lf Monate nach einer Covid-19-Erkrankung noch kurzatmig, jeder F\u00fcnfte f\u00fchlte sich noch schlapp, mehr als jeder Vierte litt an Angstst\u00f6rungen oder Depressionen. Die h\u00e4ufigsten Beschwerden sind Atemnot, ein Druckgef\u00fchl auf dem Brustkorb und das Fatigue-Syndrom, also eine schwere M\u00fcdigkeit und schnelle Erm\u00fcdbarkeit im Alltag. Ist dies vergleichbar mit den Nachwirkungen einer Grippeinfektion?<\/p>\n<p><strong>N\u00fctzlichkeit von Covid-19-Vakzinen<\/strong><\/p>\n<p>Zu Ihrem Narrativ \u2013 gleich wie jenem der Querdenker &amp; Co \u2013 z\u00e4hlt es, die Vakzine gegen Covid-19 schlechtzureden, dass sie unwirksam seien, dass dahinter nur Gesch\u00e4ftemacherei stecke und die Bev\u00f6lkerung von den Regierungen f\u00fcr dumm verkauft w\u00fcrde. Nur eines der vielen Argumente sei angesprochen: Blicken wir nach Bulgarien. Die Durchimpfungsrate ist extrem niedrig. Die Zahl der Intensivstationen und Pflegebetten in den Krankenh\u00e4usern ist an der Kapazit\u00e4tsgrenze und die Zahl der an Covid-Verstorbenen sehr hoch. Dass in ganz seltenen F\u00e4llen eine Impfung auch mit negativen medizinischen Reaktionen verbunden sein kann, m\u00f6chte ich gar nicht leugnen. Allerdings gilt, was so viele Male geschrieben und festgestellt wurde: Jede Covid-Erkrankung ohne Impfung ist mit enorm hohen gesundheitlichen Risiken verbunden.<\/p>\n<p><strong>Untergrabung staatlicher Autorit\u00e4ten<\/strong><\/p>\n<p>Gleichlautend mit dem Chef der FP\u00d6 oder der Diktion der AfD oder der MFG verwenden Sie Begriffe wie \u201eRegierungspropaganda\u201c, wenn es um die Aufkl\u00e4rung der Bev\u00f6lkerung bzgl. Impfung geht. Ihr Vergleich mit dem Dritten Reich ist wohl mehr als deplatziert. Gerade angesichts der Regierungskrise, in die unsere Republik aufgrund eines r\u00fccksichtslosen und korrupten Verhaltens geraten ist, betrachte ich Ihre Worte als demokratie- und staatsgef\u00e4hrdend. Parteipolitik hat hier nichts zu suchen. Es geht darum, dass Experten und Expertinnen aus dem Bereich der Medizin, der Epidemiologie oder Virologie, des Gesundheitswesens und der Kliniken und Krankenh\u00e4user den bestm\u00f6glichen Weg aus der Pandemie vorgeben. Mit Greta Thunberg m\u00f6chte ich auch in diesem Fall sagen: \u201eListen to the scientists!\u201c Im Unterricht ist es mir wichtig, dass Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler Vertrauen in die Demokratie gewinnen und eine kritische Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber staatlichen Entscheidungen und dem Rechtsstaat entwickeln.<\/p>\n<p><strong>Ceterum Censeo<\/strong><\/p>\n<p>Die vergangenen zwei Jahre haben mit Blick auf die Schule gezeigt, dass wir die Bedrohungen unseres Lebens ernst zu nehmen haben. Es ist nicht die Zeit, diese zu ignorieren, zu verharmlosen, den Kopf in den Sand zu stecken. Die Schule ist ein wichtiger Ort, um auch dar\u00fcber im Gespr\u00e4ch zu sein. Von Sokrates bis Jesus Christus gilt wie in allen Religionen die Goldene Regel, die Eigenwohl und Gemeinwohl stets in einer Ausgewogenheit sehen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Ich bin gespannt, ob Sie meine \u00dcberlegungen nun erneut als \u201efaschistisch zu bezeichnende Impfpropaganda\u201c verunglimpfen. Sie k\u00f6nnen darauf vertrauen, dass ich mich weiterhin bem\u00fchen werde, dem Zielparagraphen des \u00d6sterreichischen Schulorganisationsgesetzes (\u00a7 2 SchOG) zu entsprechen. Mein Dienst ist es daher, \u201ean der Entwicklung der Anlagen der Jugend nach den sittlichen, religi\u00f6sen und sozialen Werten sowie nach den Werten des Wahren, Guten und Sch\u00f6nen durch einen ihrer Entwicklungsstufe und ihrem Bildungsweg entsprechenden Unterricht mitzuwirken.\u201c Ihre Aufforderung, die zentralen aktuellen und ethischen Grundthemen unserer Zeit nicht im Unterricht zu behandeln, darf ich daher gar nicht befolgen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus Heidegger 8. Oktober 2021 &#8211; im Zug dieser Zeit Sehr geehrter Rechtsanwalt NN! Danke zun\u00e4chst f\u00fcr Ihr Schreiben, das mir Gelegenheit gibt, meine Sichtweise in einem offen gehaltenen Brief genauer zu begr\u00fcnden. 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