{"id":6866,"date":"2021-11-04T19:32:07","date_gmt":"2021-11-04T19:32:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6866"},"modified":"2022-08-22T07:37:36","modified_gmt":"2022-08-22T07:37:36","slug":"6866","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6866","title":{"rendered":"November-Gedenken an der Pontlatzer Br\u00fccke"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-6867\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/IMG_20211101_115332.jpg\" alt=\"\" width=\"3120\" height=\"4160\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/IMG_20211101_115332.jpg 3120w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/IMG_20211101_115332-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/IMG_20211101_115332-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 3120px) 100vw, 3120px\" \/>Es ist der 1. November. Allerheiligen. Das Wetter passt zum Tag. Regentropfen fallen wie Tr\u00e4nen vom Himmel. Ich bremse mit dem Rad ab, um ein wenig an jenem Ort zu verweilen, an dem sich Geschichte verdichtet. F\u00fcr mich ist es wie ein einsames Gedenken. An Sommertagen passieren hier an einem Tag oft Hunderte Radreisende auf dem Fernradweg Via Claudia Augusta die denkmalgesch\u00fctzte Eisenbogenbr\u00fccke, die bereits 1899 errichtet worden ist. Heute \u2013 im Regen und in der K\u00e4lte eines Novembertages \u2013 bin ich allein. Der aufgestaute Inn hat eine tiefgr\u00fcne Farbe. Das gr\u00fcne Eisen der Br\u00fccke korrespondiert mit der Farbe des Flusses. Die L\u00e4rchen am Ufer und das Gras in der Au leuchten trotz Nebel und Regen kr\u00e4ftig golden. Zwei wei\u00dfe Schw\u00e4ne mit ihren schwarzen K\u00fcken schwimmen im Wasser, das hier ruhig wie ein See ist.<\/p>\n<p>Zweimal fanden an dieser Engstelle des Inntales entscheidende Schlachten statt. Die Sieger sprechen von Siegen und die Sieger wurden zu Helden stilisiert. Die Opfer waren jeweils M\u00e4nner, die in den Armeen bayrischer Kriegsherren dienen mussten. Die Soldaten waren M\u00e4nner mit Familien, mit Ehepartnerinnen, mit Kindern, mit Eltern \u2013 nun wurden sie erschlagen oder erschossen. 1703 war es im Spanischen Erbfolgekrieg. Die Gegner wurden unter Steinlawinen begraben oder von auf den H\u00e4ngen postierten Sch\u00fctzen erschossen. Und wieder waren es 1809 bayrische Truppen, die bei den Napoleonischen Kriegen zwischen Prutz und der Pontlatzer Br\u00fccke zun\u00e4chst in einen Hinterhalt gelockt wurden, um dann in einer Schlacht in die Niederlage gef\u00fchrt zu werden. Haben sie dann freiwillig die Waffen niedergelegt. Wurden sie ermordet? Die religi\u00f6se Legitimation f\u00fcr kriegerisches Tun wird auf dem Denkmal aus dem Jahr 1903 gleich mitgeliefert. Am gemauerten Steinsockel des Denkmals, auf dem ein monumentaler Bronzeadler ruht, ist ein Relief der Madonna mit dem Kind. Dieses Kind sprach dann, als es zum Mann wurde, jene Worte, die an diesem Festtag von Allerheiligen in allen Kirchen gelesen werden: \u201eSelig, die keine Gewalt anwenden.\u201c Die knallrote Informationstafel daneben zeigt einen Tiroler Sch\u00fctzen, der mit dem Gewehrkolben einen am Boden liegenden feindlichen Soldaten erschl\u00e4gt. In der N\u00e4he \u2013 dort wo 1809 die Schlacht zwischen den Tiroler Sch\u00fctzen und den Bayern war \u2013 ist die Tullen-Kapelle mit einem Bild der Mutter Gottes, die sich liebevoll einem verwundeten oder sterbenden Krieger entgegen neigt. Was ist wohl ihre Botschaft? Ich h\u00e4tte gerne eine Kerze bei mir. Ich w\u00fcrde sie anz\u00fcnden f\u00fcr die Opfer der unsinnigen Kriege \u2013 egal ob bayrisch oder tirolerisch.<\/p>\n<p>Bleibend in mir ist die Erinnerung an einen Ausflug als Volksschulkind. Damals hing auch noch ein Andreas-Hofer-Bild im Klassenzimmer. Der Volksschullehrer in der 4. Klasse, der wenige Meter entfernt von der Tullner-Kapelle im Ortsteil Entbruck wohnte, erz\u00e4hlte uns Knirpsen vor der Kapelle vom Heldenmut der Tiroler Sch\u00fctzen, wie sie tapfer die feindlichen Soldaten erschossen oder erschlugen. Vielleicht haben mich die Erz\u00e4hlungen von solchen Grausamkeiten sp\u00e4ter zum Pazifisten gemacht.<\/p>\n<p>Beim Pontlatzer Denkmal wird heute von den Tiroler Sch\u00fctzenkompanien eine andere Dimension des Sch\u00fctzens aufgezeigt, die ihrem neuen Leitbild entspricht. Die Jungsch\u00fctzen haben 70 B\u00e4ume f\u00fcr einen klimafitten Bergwald gepflanzt. Damit machen sie sichtbar, was es heute zu sch\u00fctzen gilt: Die W\u00e4lder, die im Stress der Folgen der Erderhitzung sind, oder die verschwindende Biodiversit\u00e4t.<\/p>\n<p>Was sich allerdings drei Kilometer weiter am Ortseingang von Prutz abspielt, hat mit Klimaschutz nichts mehr zu tun. Im Gegenteil: Im September 2021 fand der Spatenstich f\u00fcr ein 32 Millionen Euro teures Stra\u00dfenprojekt statt. Eine Unterf\u00fchrung und ein Tunnel werden gebaut. Der Verkehr an der Reschenstra\u00dfe und hinein ins Kaunertal soll besser flie\u00dfen k\u00f6nnen. Die Sch\u00fctzen standen stramm, als der Landeshauptmann anl\u00e4sslich von diesem Festakt durch Prutz marschierte. Wollten die Sch\u00fctzen mit ihren gr\u00fcnen Lodenjacken nicht die Umwelt sch\u00fctzen? Auch vor noch mehr Verkehr, noch mehr Emissionen, noch mehr L\u00e4rm? Vielleicht treffe ich sie bei der n\u00e4chsten Fridays-for-Future-Demonstration; dann w\u00fcrde ich sie danach fragen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 1.11.2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/IMG_20211101_115332.jpg' class='thumbnail' \/>Es ist der 1. November. Allerheiligen. Das Wetter passt zum Tag. Regentropfen fallen wie Tr\u00e4nen vom Himmel. 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