{"id":6920,"date":"2021-11-22T20:22:41","date_gmt":"2021-11-22T20:22:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6920"},"modified":"2026-02-03T08:53:00","modified_gmt":"2026-02-03T08:53:00","slug":"hagar-deckt-auf-die-rolle-von-frauen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6920","title":{"rendered":"Hagar deckt auf: die Rolle von Frauen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Kontext der Geschichte und die Erz\u00e4hlung<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind im Buch Genesis, jenem Buch, wo die ersten Grundlinien der Geschichte Gottes mit uns Menschen plastisch geschildert werden. Dieses 1. Buch Mose, so wird es seit Luther in der Evangelischen Kirche genannt, beginnt mit der Sch\u00f6pfungsgeschichte, der Vertreibung aus dem Paradies, handelt von Kain und Abel und der Geschichte von Noah. Dann beginnt die Geschichte der Erzeltern, von Abram and Sarai bzw. Abraham und Sarah, wie sie nach der Begegnung mit Gott genannt werden. Es ist auch die Geschichte einer ganz besonderen Frau: Hagar.<\/p>\n<p><em>Abram und Sarai sind verheiratet. Abram hat die Versprechung von Gott, dass Gott mit ihm ist, dass er in das versprochene Land gehen soll. In das Land Kanaan. Abram nimmt Sarai und alles, was sie haben, und sie gehen in dieses neue und versprochene Land. Sie lassen sich dort nieder. Doch das Gl\u00fcck w\u00e4hrt dort nicht.\u00a0Es kommt eine gro\u00dfe Hungersnot im Land Kanaan. Und wieder m\u00fcssen Abram und Sarai das Land verlassen. So fl\u00fcchten sie nach \u00c4gypten. Abram hat Angst, dass seine wundersch\u00f6ne Frau Sarai weggenommen wird und dass er als ihr Ehemann get\u00f6tet w\u00fcrde. So beschlie\u00dft Abram, \u00fcber ihre Heirat zu l\u00fcgen. Er gibt Sarai als seine Schwester aus und sie wird in den Harem des Pharaos aufgenommen. Es hei\u00dft in der Bibel, Vers 12,16 sehr vielsagend dazu: \u201eUnd Abram ging es um ihretwillen gut, auf ihre Kosten.\u201c\u00a0<\/em><em>Der Pharao gibt Abram Land und Besitz \u2013 ja, und auch Sklavinnen. Eine Seuche kommt in \u00c4gypten auf. Da geht der Pharao zu Abram und fragt ihn, was los sei. Dann gesteht Abram die L\u00fcge. Der Pharao befiehlt ihm, zur\u00fcck zu gehen, da die Seuche als Strafe Gottes gilt. <\/em><\/p>\n<p><em>Wieder gibt Gott Abram, der nun schon hochbetagt ist, ein Versprechen. \u201eIch werde dir mehr Nachkommen als Sterne am Himmel geben.\u201c Doch Sarai bleibt unfruchtbar. Darauf ergreift sie selbst die Initiative. Sarai gibt Abram ihre Sklavin Hagar, damit er ihr ein Kind zeuge. <\/em><\/p>\n<p>Hagar ist eine Sklavin in \u00c4gypten. Sie wird dort wie eine Ware dem Abram und der Sarai gegeben. Als beide wieder hinauskomplentiert werden, muss Hagar ihre Familie in \u00c4gypten verlassen. Hagar ist ein Nobody, sie ist nichts, eine \u00c4gypterin, keine Erw\u00e4hlte, eine junge Frau, abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Als sie von Abram schwanger wird, bekommt sie etwas Hoffnung. Wenn sie einen Sohn hat, dann w\u00fcrde er ein Teil des erw\u00e4hlten Stammes sein. Da entsteht die Eifersucht. Sarai wird eifers\u00fcchtig und gewaltt\u00e4tig. Hagar flieht. Nicht ein paar hundert Meter. Sie flieht mehr als 100 Kilometer, mitten durch die W\u00fcste Richtung \u00c4gypten. Wollte sie wieder Schutz suchen dort, woher sie gekommen ist? Auf der Flucht kommt sie in eine aussichtslose Lage. Da begegnet ihr Gott in Gestalt eines Engels. Es ist der \u201eEngel des Herrn\u201c. Hagar gibt Gott einen Namen. Sie nennt ihn El Roy. Der Gott, der sieht. Hier sehen wir die wahre Natur Gottes. Gerade weil Hagar ein Nobody ist, eine Au\u00dfenseiterin, sieht Gott sie. Gott gibt ihr ein Versprechen, gibt ihr eine Perspektive. Sie wird einen Sohn haben und Ismael soll sein Name sein, das hei\u00dft: Gott h\u00f6rt. Gott ist nicht nur jemand, der sieht, er ist nicht nur El-Roy, er ist auch Ismael \u2013 Gott, der h\u00f6rt. Aufgrund dieser Begegnung wagt es Hagar, wieder zur\u00fcck zu Abram und Sarai zu gehen.<\/p>\n<p><em>Die Geschichte geht nun so weiter, dass Hagar zur\u00fcck zu Abram und Sarai geht und mit ihnen lebt<\/em><em>. 14 Jahre sp\u00e4ter wird Sara doch noch Mutter und gebiert Isaak<\/em><em>. Da sich Ismael \u00fcber Isaak lustig macht, werden er und Hagar, auf Saras Wunsch, von Abraham weggeschickt. Sara w\u00fcnscht nicht, dass beide S\u00f6hne gemeinsam erben. Zuerst ist Abraham unwillig, doch als ihm nachts ein Engel erscheint, der Saras Wunsch best\u00e4tigt und ihm verspricht, auch aus Ismael ein gro\u00dfes Volk zu machen, gibt er nach und schickt Hagar und Ismael mit Proviant fort. Als ihre Vorr\u00e4te in der W\u00fcste zu Ende gegangen sind und ihr Sohn dem Tode nahe ist, erscheint Hagar wiederum ein Engel und zeigt ihr einen rettenden Brunnen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Das biblische Aufdecken der mimetischen Struktur<\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte von Hagar und Sarah ist eine Geschichte einer feministischen Katastrophe. Die beiden Frauen tun sich nicht zusammen, um die patriarchalen Strukturen zu ver\u00e4ndern, sondern bek\u00e4mpfen sich gegenseitig. Ihre Beziehung ist zunehmend gepr\u00e4gt von Eifersucht und Neid. Beide wollen sie das Gleiche: Nachdem Ismael geboren wird, wird es ein Kampf um Leben und Tod. Gleich zweimal schickt Sarah ihre Rivalin in die W\u00fcste \u2013 immer mit der M\u00f6glichkeit, dass sie dort stirbt. Aber auch Hagar wird in der Geschichte nicht als Heilige geschildert. Es hei\u00dft, sie spottete \u00fcber die Unfruchtbarkeit ihrer Rivalin Sarah. Es ist dann mehrmals Gottes Initiative, dass die mimetischen Zirkel aufgehoben werden.<\/p>\n<p>Im Judentum wird diese Geschichte zu Beginn des Rosh Hashanna-Festes gelesen. Das j\u00fcdische Neue Jahr beginnt. Wir k\u00f6nnen die Hagar-Sarah-Geschichte daher auch lesen als Warnung: Nicht in Rivalit\u00e4ten zu verfallen, sondern ein gemeinsames Handeln f\u00fcr ein gutes Leben f\u00fcr alle. Als Mann m\u00f6chte ich sagen: Auch wir M\u00e4nner sind nicht als M\u00e4nner und aufgrund unseres Geschlechts die Rivalen der Frauen, sondern wir k\u00f6nnen gemeinsam f\u00fcr eine Verbesserung eintreten und f\u00fcr die Abschaffung sexistischer und patriarchaler Strukturen in der Kirche \u2013 wie der Verweigerung von gleichberechtigten \u00c4mtern in der Kirche.<\/p>\n<p><strong>Hinschauen wie Gott, El-Roy<\/strong><\/p>\n<p>Wer sind diejenigen, auf die wir wie Gott schauen m\u00fcssen? Es sind diejenigen, die in die W\u00fcste geschickt werden \u2013 wie die Fl\u00fcchtlinge heute, die an der belarussisch-polnischen Grenze aufgehalten werden, die frieren, die keine Perspektive haben, wie die Asylsuchenden in unserem Land, die Angst haben, abgeschoben zu werden. Auch im pers\u00f6nlichen Leben gibt es immer wieder Situationen, wo jemand hinausgemobbt wird, weggedr\u00e4ngt wird, sprichw\u00f6rtlich in die W\u00fcste geschickt wird. Gott wird in der Hagar-Geschichte als El-Roj bezeichnet, als ein Gott, der sieht, und als Ismael, als ein Gott, der h\u00f6rt. Dort ist Gott zu finden, wo die N\u00f6te gesehen werden und wo die N\u00f6te geh\u00f6rt werden, wo es auf die Hilferufe eine Antwort gibt.<\/p>\n<p><strong>Hagar und die Stellung der Frauen in den Religionen<\/strong><\/p>\n<p>Das 16. Kapitel des Buches Genesis ist wie ein Schl\u00fcssel, um die Stellung von Frauen in unseren Gesellschaften, aber auch in der Geschichte des Christentums aufzuzeigen. Hagar, die \u201eFremde\u201c, hat die Rolle von Frauen in einem Patriarchat. Sie ist fremdbestimmt und abh\u00e4ngig. Sie hat als Randfigur ihre Rolle zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Der Ausschluss von Frauen von den Weihe\u00e4mtern in der katholischen Kirche spiegelt ebenfalls eine Situation wider, wo Frauen ausgegrenzt werden: Ausgegrenzt von Entscheidungsstrukturen und vor allem auch ausgegrenzt mit Blick auf die Spendung von Sakramenten. Diese Tatsache kann nicht sch\u00f6ngeredet werden mit Argumenten, dass Frauen bereits in so vielen F\u00fchrungsfunktionen t\u00e4tig seien. Auch die Geschichte von Hagar zeigt, dass es f\u00fcr diese Exklusion keine theologischen und biblischen Argumente gibt. Im Gegenteil.<\/p>\n<p>In dieser Geschichte ist es Hagar, die genau erkennt, wer und wie Gott* ist. Zun\u00e4chst wird sie von Gott* mit einem Namen angesprochen. Sie ist in Gottes Augen kein Nobody. Sie gibt diesem Gott* sogar einen Namen: El-Roy, der Gott*, der mich anschaut. Hagar ist auch diejenige, die ihrem Sohn einen Namen geben soll: Ismael, das hei\u00dft: Gott* h\u00f6rt. Hagar wird \u2013 so k\u00f6nnten wir es in der kirchenrechtlichen Sprache benennen \u2013 direkt von Gott beauftragt und legitimiert, das Heil den Menschen zu bringen. Sie ist Auserw\u00e4hlte und Gesandte.<\/p>\n<p>Die Geschichte von Hagar erinnert an die neutestamentliche Maria aus Magdala, die in der johanneischen Auferstehungserz\u00e4hlung in der tiefsten Verzweiflung erkennt, dass Jesus auferstanden ist und ihn als \u201eRabbuni\u201c benennt und dann hinausgeht und verk\u00fcndet.<\/p>\n<p>El-Roy fragt Hagar \u201ewoher kommst du?\u201c und \u201ewohin gehst du?\u201c El-Roy hat ein Interesse an den marginalisierten Frauen und ihren Geschichten. El-Roy hat Hagar mit Blick auf ihren Sohn eine neue Perspektive geschenkt, die ihr Mut gegeben hat.<\/p>\n<p>Auch die Frauen und M\u00e4nner in unserer Kirche, vor allem aber die jungen Menschen, brauchen Ermutigungen und Perspektiven, damit diese Kirche nicht noch mehr an Bedeutsamkeit verliert.<\/p>\n<p><strong>Hagar als Br\u00fccke zwischen Islam und Christentum<\/strong><\/p>\n<p>Religionsgeschichtlich gibt es zwei kontr\u00e4re Sichtweisen, wie die Rolle von Hagar im christlich-islamischen Verh\u00e4ltnis gesehen wird.<\/p>\n<p>Erstens k\u00f6nnten wir einer islamfeindlichen Interpretation folgen, die ihren Ausgangspunkt im Galaterbrief nimmt. Dort (Gal 4,21-31) wird Hagar von Paulus gleichgesetzt mit Sklavesein. Christen seien nicht \u201eKinder der Sklavin\u201c. Tats\u00e4chlich leiten sich die Muslime in der islamischen Tradition von Hagar-Ismael ab und der Prophet Mohammad stammt von dieser Linie ab.<\/p>\n<p>Aus feministisch-islamischer Perspektive ist es jedoch bedeutsam, dass Hagar laut \u00dcberlieferung letztlich die Gr\u00fcnderin der heiligen Stadt Mekka ist. Eine starke und gl\u00e4ubige Frau steht an der Wiege des Islam.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Gott sieht und h\u00f6rt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">wenn jemand in die W\u00fcste geschickt wird<br \/>\nwie Hagar<br \/>\nunbeachtet<br \/>\nverzweifelt<br \/>\nausgenutzt<br \/>\ndann guter Gott<br \/>\nEl-Roi<br \/>\nblick auf sie<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">wenn jemand ruft in der W\u00fcste<br \/>\nwie Hagar<br \/>\nverzweifelt<br \/>\ndem Tode nahe<br \/>\nhinausgedr\u00e4ngt<br \/>\ndann guter Gott<br \/>\nIsmael<br \/>\nh\u00f6r auf sie<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">klaus.heidegger, 22.11.2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kontext der Geschichte und die Erz\u00e4hlung Wir sind im Buch Genesis, jenem Buch, wo die ersten Grundlinien der Geschichte Gottes mit uns Menschen plastisch geschildert werden. Dieses 1. 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