{"id":6999,"date":"2021-12-07T20:34:00","date_gmt":"2021-12-07T20:34:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6999"},"modified":"2022-08-22T07:37:36","modified_gmt":"2022-08-22T07:37:36","slug":"nachdenken-ueber-das-fest-mariae-empfaengnis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=6999","title":{"rendered":"Sinnliche Empf\u00e4nglichkeit: Nachdenken \u00fcber das Fest Mari\u00e4 Empf\u00e4ngnis"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-7000\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Munch-Madonna-5.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"594\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Munch-Madonna-5.jpg 450w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Munch-Madonna-5-227x300.jpg 227w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Nicht l\u00e4nger leibfeindlich!<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Diente das Fest \u201eMari\u00e4 Empf\u00e4ngnis\u201c dazu, uns Mirjam von Nazareth einmal mehr noch zu entmenschlichen, w\u00fcrde dieser Festtag mit seinem sperrigen Dogma missbraucht, um alles Sinnlich-Erotische aus der jungen j\u00fcdischen Frau zu nehmen, ich w\u00fcrde dieses Fest nicht feiern wollen. Damit w\u00fcrde einmal mehr eine jahrhundertealte leib- und sexualfeindliche und zugleich unbiblische Tradition prolongiert. Das oft falsch verstandene mythische Bild von der Jungfrauschaft, das in das \u201eHochfest von der ohne Erbs\u00fcnde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria\u201c hineinverstrickt worden ist, ist mehrfach missverst\u00e4ndlich. Mit Blick auf eine wertsch\u00e4tzende Haltung gegen\u00fcber dem Leiblichen kann es dysfunktional wirken.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Nicht l\u00e4nger sexualfeindlich!<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Zahl jener, die hinter dem Fest am 8. Dezember vermuten, es ginge um die Empf\u00e4ngnis Jesu durch Maria \u2013 was sich rein biologisch bei einer durchschnittlich neunmonatigen Schwangerschaft und einer Geburt, die rund 14 Tage sp\u00e4ter liegt, nicht ausginge \u2013 wird gr\u00f6\u00dfer. Sinnentleerter wird so auch das Fest. Der Begriff \u201eunbefleckte Empf\u00e4ngnis\u201c tut das seine dazu, um sexuelle Konnotationen zu wecken im Sinne des Narrativs, die Kirche w\u00fcrde mit Sexualit\u00e4t ein Beflecken verbinden. Hinzu kommt noch die Kombination mit \u201eErbs\u00fcnde\u201c. Dann sind wir eben bei dem Konstrukt: Jungfrau \u2013 unbefleckt \u2013 ohne Erbs\u00fcnde: Achtung Sexualit\u00e4t!<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Jungfrau ist theologischer Mythos<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Tatsache ist jedoch erstens, dass der Titel Jungfrau mit Bezug auf Maria nicht im Sinne einer biologischen Jungfr\u00e4ulichkeit zu verstehen ist. Was ist die wichtigste Botschaft im Christentum? Dass Gott ganz Mensch wird. Das wiederum bedeutet die so notwendige Aufwertung des Menschlichen schlechthin. Im Menschlichen realisiert sich das G\u00f6ttliche. Das Christentum ist somit keine Abkehr von der Welt und vom Menschen mit all seinen Dimensionen, sondern die radikale Hinwendung. Wir sehen dies auch sinnf\u00e4llig formuliert in einem anderen Mariendogma: Der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. \u201eWas Maria so anziehend macht, ist ihre Menschlichkeit.\u201c So steht es in dem Kommentar von Kardinal Christoph Sch\u00f6nborn zum Festtag Mari\u00e4 Empf\u00e4ngnis am 8.12.2021 in der Krone.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Erbs\u00fcnde sind s\u00fcndhafte Verstrickungen in Strukturen des B\u00f6sen<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Zweitens handelt es sich bei der Erbs\u00fcnde nicht um eine sexuelle Dimension, sondern vielmehr um die Urs\u00fcnde, die bereits im Adam-Eva-Mythos als S\u00fcnde von Rivalit\u00e4t und Gewalt beschrieben wird. Es geht also um s\u00fcndhafte Verstrickungen in Strukturen und Mechanismen des B\u00f6sen.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Das L\u00f6sen von Verstrickungen<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Damit wird aber deutlich, worum es beim Fest Mari\u00e4 Empf\u00e4ngnis geht: Um die Grunderfahrung \u2013 die sich in diesem Dogma verdichtet \u2013 dass es m\u00f6glich ist, wie Maria auszubrechen aus den Teufelskreisen von Gewalt und Gegengewalt, L\u00fcge und Versteckspiel, Feindschaft und Unvers\u00f6hnlichkeit. Unbefleckt kann heute hei\u00dfen: Die Freiheit und den Mut in sich zu sp\u00fcren, Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten, Feinde zu Freunden zu machen, Unvers\u00f6hntes in Vers\u00f6hnung zu f\u00fchren. Wir haben die Wahl, entweder mitzumachen im Untergang dieser Welt oder durch ein anderes Leben diese Welt zu retten. Niemand zwingt mich, bei einem Onlineriesen steuerbefreit einzukaufen oder ein umweltfeindliches Produkt zu kaufen. Ich bin frei, \u00f6kologisch-nachhaltig Schritte zu setzen und so die Luft und die Erde weniger mit Abgasen und M\u00fcll zu be-FLECKEN. Jeder und jede von uns ist frei, Nahrungsmittel zu w\u00e4hlen, die nicht mit der Ausbeutung und dem Leid von Tieren verkn\u00fcpft sind, ist frei, auf Autofahrten weitestgehend zu verzichten und umweltfreundliche Fortbewegungsmittel zu w\u00e4hlen. Wir alle k\u00f6nnen heute beginnen, einem Menschen, der mich angrantelt, mit einem l\u00e4chelnden Blick zu begegnen. Mit aller Covid-Vorsicht lassen sich mit einer Umarmung Verkrampfungen l\u00f6sen.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Erw\u00e4hlt zur Befreiung<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Der evangelische Sperintendent von Tirol, Olivier Dantine, weist mit Bezug auf Dietrich Bonhoeffer auf einen wichtigen Aspekt im Zusammenhang mit der Interpretation von der Befreiung von der Erbs\u00fcnde hin. W\u00e4re Maria schon von der Empf\u00e4ngnis an \u201eerbs\u00fcndenfrei\u201c gewesen, dann w\u00e4re ihr Befreiungswerk wohl weniger radikal gewesen. Sie h\u00e4tte gar nicht anders handeln k\u00f6nnen. Es w\u00e4re auch, was die ontologische Qualit\u00e4t der Erbs\u00fcnde betrifft, gar nicht m\u00f6glich und w\u00fcrde ihr widersprechen. Daraus folgt, dass die Gr\u00f6\u00dfe Mariens darin besteht, dass sie sich eben nicht \u201eanstecken\u201c l\u00e4sst von dieser Erbs\u00fcnde, dass es ihr gelingt, ankn\u00fcpfend an die ganze j\u00fcdische Tradition, an die Erzeltern Sarah und Abraham, an die Prophetinnen und Propheten des Alten Bundes, durch ihre Beziehung zur Mutter Anna, zu Elisabeth und all den Frauen und M\u00e4nnern, mit denen sie unterwegs war, vor allem aber auch durch ihren Sohn Jesus, den s\u00fcndhaften Strukturen und Mechanismen zu widersagen.<\/p>\n<p>In den orthodoxen Kirchen wird daher das Fest von der Empf\u00e4ngnis Mariens weniger missverst\u00e4ndlich \u201eFest der Erw\u00e4hlung Mariens\u201c genannt. Bibeltheologisch gesehen geschieht die Berufung Mariens durch den Engel Gabriel im Lukasevangelium wie eine typische Prophetenberufung. Da ist der Ruf Gottes, die Auserw\u00e4hlung, dann das Erschrecken \u00fcber diese Berufung und schlie\u00dflich die Zusicherung, dass Gott* sie auf diesem Weg unterst\u00fctzen wird.<\/p>\n<p>Gott* erw\u00e4hlt nicht nur Maria von ihrer Empf\u00e4ngnis an zu einem Leben in Freiheit, zum Widerstand gegen Ungerechtigkeit sowie zu radikaler N\u00e4chstenliebe, sondern wir alle k\u00f6nnten \u201eunbefleckt\u201c auf g\u00f6ttlichen Wegen wandeln.\u00a0Dann entdecke ich die bleibende Dynamik hinter dem Fest \u201eMari\u00e4 Empf\u00e4ngnis\u201c in all jenen Bewegungen und Personen, die heute authentisch klimafreundlich leben, die heute beginnen, Reicht\u00fcmer zu teilen, damit es ein gutes Leben f\u00fcr alle gibt, die heute nicht um sich kreisen, sondern die N\u00f6te ringsherum wahrnehmen und handeln. Es ist m\u00f6glich!<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Marienbilder<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>In unserer religi\u00f6sen katholisch gepr\u00e4gten Volkskultur gibt es den Brauch, dass beginnend mit dem Hochfest Mari\u00e4 Empf\u00e4ngnis bis zum Weihnachtsabend ein Marienbild von Haus zu Haus gebracht wird. Das Marienbild verweilt einen Tag in einem Haus und wandert dann zum n\u00e4chsten. Ich w\u00e4hle f\u00fcr mich heuer ein Marienbild, das so anders ist als all die vielen, die wir kennen, und werde es in die Klassenzimmer tragen. Edvard Munch hat es in seinem typisch expressionistischen Stil gemalt. Die Madonna wird sinnlich-erotisch dargestellt. Ihre Nacktheit ist Ausdruck ihrer Menschlichkeit. Ganz hell ist ihr Bauch, aus dem ihr Kind geboren wurde. G\u00f6ttliche Reinheit und Sexualit\u00e4t scheinen zu verschmelzen. In der Sinnlichkeit entdecken wir sowohl die unermessliche Freude als auch das Leid, das es in unserem Leben gibt. Sie macht uns empf\u00e4nglich empfindsam und zerbrechlich zugleich.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, zum Fest Mari\u00e4 Empf\u00e4ngnis 2021<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Munch-Madonna-5.jpg' class='thumbnail' \/>Nicht l\u00e4nger leibfeindlich! Diente das Fest \u201eMari\u00e4 Empf\u00e4ngnis\u201c dazu, uns Mirjam von Nazareth einmal mehr noch zu entmenschlichen, w\u00fcrde dieser Festtag mit seinem sperrigen Dogma missbraucht, um alles Sinnlich-Erotische aus der jungen j\u00fcdischen Frau zu nehmen, ich w\u00fcrde dieses Fest nicht feiern wollen. 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