{"id":7316,"date":"2022-03-06T18:10:32","date_gmt":"2022-03-06T18:10:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7316"},"modified":"2026-02-02T19:46:22","modified_gmt":"2026-02-02T19:46:22","slug":"den-versuchungen-widerstehen-zum-evangelium-vom-ersten-fastensonntag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7316","title":{"rendered":"Den Versuchungen widerstehen: Zum Evangelium vom ersten Fastensonntag"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Formalgeschichtliche Einordnung<\/strong><\/p>\n<p>Am ersten Fastensonntag h\u00f6ren wir in den katholischen Kirchen jene Stelle aus dem Neuen Testament, die bleibende Wahrheit auf geniale Art verdichtet. Wir finden die Stelle bei Matth\u00e4us (4, 1-11) und in fast identer Form bei Lukas (4,1-13), was schon f\u00fcr eine fr\u00fche \u00dcberlieferung aus der Logienquelle Q schlie\u00dfen l\u00e4sst. In einer k\u00fcrzeren Form erw\u00e4hnt aber auch das Markusevangelium (1,12f) die Versuchung Jesu in der W\u00fcste. Diese Geschichte steht somit bei den Synoptikern als Schl\u00fcsselstelle am Beginn des \u00f6ffentlichen Wirkens Jesu unmittelbar nach der Taufe am Jordan. Jesus erweist sich f\u00e4hig, dem Teufel zu widersagen.<\/p>\n<p><strong>Lenkung durch die Geistkraft Gottes<\/strong><\/p>\n<p>Im Lukasevangelium hei\u00dft es: \u201eErf\u00fcllt vom Heiligen Geist kehrte Jesus vom Jordan zur\u00fcck.\u201c (Lk 4,1) Bei Matth\u00e4us fast ident: \u201eDanach wurde Jesus von der Geistkraft in die W\u00fcste hinaufgebracht, um vom Teufel zur Verleugnung Gottes verf\u00fchrt zu werden.\u201c (Mt 4,1) Am Anfang dieser Perikope ist also die Rede vom Geist Gottes beziehungsweise von der Geistkraft (pneuma), wie es in der feministischen Bibel\u00fcbersetzung wortgetreu \u00fcbersetzt wird. Die Geistkraft f\u00fchrt Jesus in die W\u00fcste. Beim Evangelium nach Markus hei\u00dft es noch dramatischer, dass der Geist Jesus in die W\u00fcste \u201etreibt\u201c. Jesus l\u00e4sst sich ein auf die Geistkraft Gottes und nimmt sie als Richtschnur f\u00fcr sein Handeln. Dies ist zugleich ein gef\u00e4hrlicher Weg, weil dadurch die Begegnung mit dem Teuflischen geschieht. Wir sehen aber: Die Geistkraft l\u00e4sst Jesus nicht im Stich, als er den teuflischen Versuchungen begegnet.<\/p>\n<p><strong>W\u00fcste<\/strong><\/p>\n<p>Jesus wird in die \u201eW\u00fcste\u201c geschickt. In Zeiten der Krise, dann, wenn Menschen in Schwierigkeiten sind, gerade dann tritt oft auch der Versucher auf und verf\u00fchrerische Optionen ergeben sich. Die W\u00fcste ist Ort der Versuchung, der Entbehrung, des Entsagens \u2013 und immer aber auch Ort der Begegnung mit dem G\u00f6ttlichen, das den Menschen in der \u201eW\u00fcste\u201c nicht alleine l\u00e4sst. Das hat das Volk Israel beim Exodus erfahren k\u00f6nnen. In der W\u00fcste f\u00fchrt JHWH sein Volk, indem JHWH dem Volk durch die Wolkens\u00e4ule vorausgeht und Orientierung gibt. In der W\u00fcste wird dem Volk das Manna geschenkt, damit es nicht verhungert. In der W\u00fcste ist schlie\u00dflich auch der Ort der Gottesbegegnung am Sinai, wo dem Volk die Gebote Gottes geschenkt werden.<\/p>\n<p><strong>40<\/strong><\/p>\n<p>Jesus bleibt 40 Tage. Dies ist eine heilige Zeit. Sie bedeutet die F\u00fclle der Zeit. 40 markiert in der Bibel immer wieder eine wichtige Zeitspanne. 40 Tage dauerte die Sintflut. 40 Tage war Mose auf dem Berg Sinai, wo er das Gesetz erhielt. 40 Jahre zog das Volk Israel durch die W\u00fcste. 40 Tage war Elija am Gottesberg Horeb, um die Stimme Gottes zu vernehmen. 40 Tage rief der Prophet Jona die Stadt Ninive zur Umkehr auf. 40 Tage erschien Jesus nach Tod und Auferstehung den J\u00fcngern und J\u00fcngerinnen. 40 also: eine lange Zeit, Zeit der F\u00fclle. Sich auf Gott einlassen braucht Zeit. Sich zu l\u00e4utern, braucht Zeiten der Ein\u00fcbung. Es ist wie ein Training.<\/p>\n<p><strong>Der Teufel<\/strong><\/p>\n<p>Er tritt als der gro\u00dfe Versucher auf. Der Teufel ist eine Gestalt, die von au\u00dfen an den Menschen herantritt, also eine \u00e4u\u00dferliche Macht. In der Versuchungsperikope wird er zuerst als \u201ediabolos\u201c, also als Kraft bezeichnet, die ein Chaos erzeugt, die durcheinander w\u00fcrfelt und eine g\u00f6ttliche Ordnung zerst\u00f6ren m\u00f6chte. Diabolos ist eine negative Kraft und Dynamik, die zu Trennungen und Abspaltungen f\u00fchrt. Am Ende stehen die pers\u00f6nlichen Verletzungen. Auf der politischen und weltpolitischen Ebene erleben wir gerade im Krieg in der Ukraine, was Chaos und Trennung bedeutet.<\/p>\n<p>Jesus redet den Teufel mit dem hebr\u00e4ischen Begriff \u201eSatan\u201c an, was mit \u201eWidersacher\u201c oder \u201eFeind\u201c \u00fcbersetzt werden k\u00f6nnte. Die gef\u00e4hrliche Qualit\u00e4t des Teufels liegt in seinem vermeintlich logischen Auftreten. Der Teufel argumentiert ethisch. \u201eEs ist doch gut, wenn die Menschen zu essen haben \u2026\u201c Die rhetorische Verf\u00fchrung des Teufels liegt auch in dem st\u00e4ndig sich wiederholenden \u201eWenn-dann\u201c-Muster. Wir kennen dieses zur Gen\u00fcge aus dem Alltag. Schon Kinder lernen es: Wenn du brav bist, dann \u2026 In vielen Beziehungen ist es zum verh\u00e4ngnisvollen Muster geworden: Wenn du das tust, dann \u2026 Es ist nicht das g\u00f6ttliche Prinzip der unbedingten Liebe.<\/p>\n<p><strong>Aus Steinen Brot machen oder: nicht Zauberei, sondern Teilen<\/strong><\/p>\n<p>Die erste Versuchung in der W\u00fcstengeschichte besteht darin, \u201eaus Steinen Brot machen zu k\u00f6nnen\u201c. Jesus und die Jesusbewegung demonstrieren, wie es anders geht: Nicht durch einen \u00e4u\u00dferen Machterweis und nicht durch Zauberei werden die hungrigen Menschen satt, sondern indem sie zu teilen beginnen. Das ist das Wunder der Brotvermehrung, von der in den Evangelien gleich mehrfach berichtet wird. Jesus verwandelt nicht die Steine zu Brot, sondern verwandelt die steinernen Herzen der Menschen, die ihre Sch\u00e4tze mit anderen teilen.<\/p>\n<p>Die Steine-Brot-Metapher hat f\u00fcr unser Leben im Heute viele Bez\u00fcge. Die Steine sind heute im Krieg die Molotow-Cocktails, mit denen die Angegriffenen vergeblich gegen eine milit\u00e4rische \u00dcbermacht k\u00e4mpfen sollen. Aus Steinen Brot machen, k\u00f6nnte aber auch bedeuten: Um billiges Fleisch f\u00fcr den enorm hohen Fleischkonsum zu produzieren, werden Abermillionen Tiere in Massenhaltungen gequ\u00e4lt und brutal geschlachtet. Um zu ausreichend Fisch zu kommen, werden die Meere mit riesigen Fangbooten leergefischt. Um billiges Palmfett f\u00fcr unsere Nahrungsmittel zu bekommen, werden Regenw\u00e4lder abgeholzt.<\/p>\n<p>Den Versuchungen zu widerstehen, w\u00fcrde bedeuten: Selbst vegetarisch oder vegan zu leben. \u00d6kologisch-regionale Nahrungsmittel zu kaufen auch dann, wenn sie teurer sind.<\/p>\n<p><strong>Nicht Habgier, sondern Bescheidenheit<\/strong><\/p>\n<p>Die zweite Versuchung im Matth\u00e4usevangelium \u2013 bei Lukas ist es die dritte Versuchung \u2013 lautet, \u201eHerr \u00fcber alle K\u00f6nigreiche zu sein\u201c. Jesus selbst und die ersten J\u00fcngergemeinden erfuhren eine Welt, die in vieler Hinsicht der Macht des Teufels ausgeliefert war: Die grausame Herrschaft der R\u00f6mer in den von ihnen besetzten Gebieten, Krieg, Folter, Versklavung, Ausbeutung \u2026 dies war die Tagesordnung im Pal\u00e4stina des 1. Jahrhunderts. Da w\u00e4re es nur verst\u00e4ndlich gewesen, sich auf die Logik der M\u00e4chtigen einzulassen, einfach eine Umkehrung der Herr-Knecht-Verh\u00e4ltnisse zu fordern.<\/p>\n<p>Auch heute sieht die Welt mit Schrecken, wie C\u00e4sarentum und Gro\u00dfmachtdenken ein Welt in Krieg verwandelt.<\/p>\n<p><strong>Nicht Hochmut, sondern Demut<\/strong><\/p>\n<p>Die dritte Versuchung lautet, \u201esich von der Zinne des Tempels zu st\u00fcrzen und sich von den Engeln tragen zu lassen\u201c. Jesus und seine J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen lebten in st\u00e4ndiger Gefahr, von den M\u00e4chtigen gefoltert oder get\u00f6tet zu werden. Die Versuchung, unverwundbar zu werden, k\u00f6nnte auch die Versuchung sein, sich auf eine bequeme, b\u00fcrgerliche Existenz zur\u00fcckzuziehen, wo man sich mit den herrschenden Verh\u00e4ltnissen arrangiert.<\/p>\n<p><strong>Den mimetischen Zirkel von Gewalt-Gegengewalt durchbrechen<\/strong><\/p>\n<p>Die Versuchung f\u00fcr die Jesusbewegung war gro\u00df, \u00e4hnlich der zelotischen Bewegung den gewaltsamen Aufstand zu w\u00e4hlen. Sikarier und Zeloten waren bis zur Verhaftung Jesu unter den J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern. Jesus lebte aber etwas Anderes vor: Die Feindesliebe und den Gewaltverzicht \u2013 gerade angesichts einer brutalen Besatzungspolitik.<\/p>\n<p><strong>Teuflische versus g\u00f6ttliche Logik in der Ziel-Mittel-Dialektik<\/strong><\/p>\n<p>In der teuflischen Grundlogik hei\u00dft es, dass der Zweck die Mittel heiligt. Mit den Mitteln des B\u00f6sen k\u00f6nne das Gute erreicht werden. In der Kriegslogik hei\u00dft es: Dem Aggressor m\u00f6glichst viel Schaden zuf\u00fcgen, damit er von seinem unrechtm\u00e4\u00dfigen Tun abl\u00e4sst. Die jesuanische Logik lautet hingegen: Die Mittel sollen schon den Zielen entsprechen. Im Heute liegt schon das Morgen und das Reich Gottes ist angekommen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Formalgeschichtliche Einordnung Am ersten Fastensonntag h\u00f6ren wir in den katholischen Kirchen jene Stelle aus dem Neuen Testament, die bleibende Wahrheit auf geniale Art verdichtet. Wir finden die Stelle bei Matth\u00e4us (4, 1-11) und in fast identer Form bei Lukas (4,1-13), was schon f\u00fcr eine fr\u00fche \u00dcberlieferung aus der Logienquelle Q schlie\u00dfen l\u00e4sst. 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