{"id":7362,"date":"2022-03-29T19:39:22","date_gmt":"2022-03-29T19:39:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7362"},"modified":"2022-08-22T07:37:34","modified_gmt":"2022-08-22T07:37:34","slug":"zugbegleiter-geschichten-von-engeln-teil-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7362","title":{"rendered":"Zugbegleiter: Geschichten von Engeln: Teil 5"},"content":{"rendered":"<h1><\/h1>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-7363\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/20220326_153835-2.jpg\" alt=\"\" width=\"4608\" height=\"3456\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/20220326_153835-2.jpg 4608w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/20220326_153835-2-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/20220326_153835-2-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/20220326_153835-2-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 4608px) 100vw, 4608px\" \/>Wieder einmal war er mit dem Zug unterwegs. Wie so oft in seinem fr\u00fcheren Leben. Unterwegs zu irgendeiner Sitzung irgendwo in \u00d6sterreich. Die Radabstellfl\u00e4chen am Bahnhof waren wie \u00fcblich \u00fcberf\u00fcllt. Irgendwo fand er noch einen Platz in zweiter Etage. Im Zug setzte er sich meist in den allerletzten Wagon. Da war die Chance am gr\u00f6\u00dften, ungest\u00f6rt arbeiten zu k\u00f6nnen, sich auf die Sitzung vorzubereiten und den eigenen Gedanken nachzuh\u00e4ngen. Doch heute wurde nichts daraus. Am Platz gegen\u00fcber sa\u00df gegen die Fahrtrichtung wieder sein Engel und sah ihm in die Augen, wie nur Engel in die Augen schauen k\u00f6nnen. \u201eGuten Morgen!\u201c, sagten sie diesmal gleichzeitig, so als w\u00e4re es ganz normal, sich zu begegnen. Der Schaffner wunderte sich ein wenig, mit wem der Reisende scheinbar redete, als er den QR-Code der Karte scannte. Engel sind ja nur sichtbar f\u00fcr die Person, die daran glaubt. \u201eWohin f\u00e4hrst du?\u201c, war die rhetorische Frage des Begleiters. Und dann begann der Mann wieder zu erz\u00e4hlen von dem, was ihn seit seiner Jugendzeit anspornte. \u201eIch hatte in mir immer das Gef\u00fchl, die Welt retten zu wollen. Fr\u00fcher war es das Engagement gegen die sterbenden W\u00e4lder. Selbst versuchte ich so zu leben, dass der \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck m\u00f6glichst klein blieb. Von Erderhitzung und Klimawandel hat damals noch niemand gesprochen \u2013 doch ich hatte die Warnung des Club of Rome im Kopf und im Herzen. Wenn die Menschheit so weitermacht wie bisher, wird sie in einem \u00f6kologisch-sozialen Kollaps landen. Ich war bei unz\u00e4hligen Demonstrationen und organisierte auch solche und sp\u00e4ter war ich wochenlang engagiert, als eine Partei gegr\u00fcndet wurde, die meinen politischen Anspr\u00fcchen gerecht zu sein schien. Ich wollte auch die Kirche ver\u00e4ndern, hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit. Sie sollte ihren prophetischen Anspr\u00fcchen der Gewaltfreiheit gerecht werden. Den Verantwortlichen der Kirche hatte es nicht gefallen.\u201c W\u00e4hrend er redete und der Engel zuh\u00f6rte, schauten sie die vorbeiziehenden Berge an, auf denen noch wei\u00dfgl\u00e4nzend der Schnee lag. Lieber w\u00e4re der Reisende da oben gewesen als unten im Zug. Zu viele Tage seines Lebens hatte er verbracht in Z\u00fcgen, auf Sitzungen und mit Terminen in seinem missionarischen Eifer, die Welt zu retten. \u201eMein eigenes Leben habe ich aber nicht wirklich retten k\u00f6nnen\u201c, sagte er dann traurig. Die Felder und Wiesen hatten bereits ein Fr\u00fchlingskleid \u00fcbergestreift. \u201eMagst du mir dein Fr\u00fchlingsgedicht vorlesen?\u201c, fragte der Engel, und verriet sich dabei, dass er dieses Gedicht bereits auf der Website gesehen haben musste. Aber Texte werden ohnehin erst dann richtig verst\u00e4ndlich, wenn sie laut gelesen werden. \u201eMagst du es mir vorlesen?\u201c, fragte der Mann den Engel \u2013 und er tat es gerne. Schlie\u00dflich war darin auch von ihm die Rede.<\/p>\n<p><strong>fr\u00fchlingshaftes Wachsenk\u00f6nnen<\/strong><\/p>\n<p>Was l\u00e4sst das Schneegl\u00f6ckchen erbl\u00fchen?<br \/>\nEs sind die w\u00e4rmenden sonnigen Strahlen<br \/>\nund es ist die Kraft in sich selbst,<br \/>\nes sind die ersten Regentropfen<br \/>\nund es ist die Zwiebel in der Tiefe der Erde.<\/p>\n<p>Kein Wachsen ohne die Impulse von au\u00dfen.<br \/>\nkein Wachsen ohne die Energie in sich selbst:<br \/>\ndie beiden Kr\u00e4fte sich brauchen<br \/>\nwie eine Antwort auf eine Frage,<br \/>\nwie eine Hilfe auf eine Bitte.<\/p>\n<p>Einem Schneegl\u00f6ckchen gleicht das Leben:<br \/>\nohne die w\u00e4rmenden Sonnenstrahlen menschlicher N\u00e4he<br \/>\nund ohne die Kraft und Sehnsucht tief drinnen im Menschen:<br \/>\ndas Leben bliebe im Winter<br \/>\nder Fr\u00fchling w\u00e4re nicht da.<\/p>\n<p>Was l\u00e4sst die Hasel in F\u00fclle erbl\u00fchen?<br \/>\nEs ist der w\u00e4rmende Wind des Fr\u00fchlings<br \/>\nund es ist die Natur im Wesen der Pflanze,<br \/>\nes sind die l\u00e4nger werdenden Tage<br \/>\nund es sind die kr\u00e4ftigen Wurzeln der Staude.<\/p>\n<p>Einer Haselstaude gleicht unser Leben:<br \/>\nohne den w\u00e4rmenden Wind menschlicher N\u00e4he<br \/>\ndie Lust und Freude am Leben w\u00e4ren nicht da,<br \/>\nohne auf eine fr\u00fchlingshafte Melodie zu h\u00f6ren<br \/>\ndie Tr\u00e4ume w\u00fcrden verstummen.\u201c<\/p>\n<p>Viel zu schnell war die Zugfahrt vorbei. \u201eIch will noch nicht aufh\u00f6ren, an meinen Traum zu glauben \u2026 noch nicht\u201c, sagte sich der Reisende wie ein Mantra vor.<\/p>\n<p><em>Klaus, Samstag, 26.3.2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/20220326_153835-2.jpg' class='thumbnail' \/>Wieder einmal war er mit dem Zug unterwegs. Wie so oft in seinem fr\u00fcheren Leben. Unterwegs zu irgendeiner Sitzung irgendwo in \u00d6sterreich. Die Radabstellfl\u00e4chen am Bahnhof waren wie \u00fcblich \u00fcberf\u00fcllt. Irgendwo fand er noch einen Platz in zweiter Etage. Im Zug setzte er sich meist in den allerletzten Wagon. 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