{"id":7387,"date":"2022-04-07T20:21:15","date_gmt":"2022-04-07T20:21:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7387"},"modified":"2026-02-02T19:50:00","modified_gmt":"2026-02-02T19:50:00","slug":"imagine","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7387","title":{"rendered":"Imagine"},"content":{"rendered":"<p>Der Aschermittwochgottesdienst an unserer Schule wurde ein Friedensgottesdienst. Eine Sch\u00fclerin sang \u201eImagine\u201c. Ein Popsong, der atheistisch interpretiert werden k\u00f6nnte, wurde zum Gebet f\u00fcr den Frieden. Vier Wochen sp\u00e4ter wurde an unserer Schule ein Video ver\u00f6ffentlicht, in dem Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gemeinsam mit Musiklehrern \u201eImagine\u201c neu interpretierten und im Innenhof der Schule ein Friedenszeichen zur Musik von \u201eGive Peace a Chance\u201c erstellten.<\/p>\n<p>Wenn man \u201eimagine\u201c als Begriff in eine digitale Suchmaschine eingibt, dann wird der Popsong von John Lennon ganz oben angezeigt. 1971 haben John Lennon und Yoko Ono ihren Protest gegen den Vietnamkrieg auf den Punkt gebracht. Die Botschaft gilt heute \u2013 vor allem mit Blick auf den Krieg in der Ukraine \u2013 nicht weniger als damals. Imagine ist die Hymne der Friedensbewegung. W\u00e4hrend so viele Staatshymnen milit\u00e4risches Heldentum in sich tragen, dr\u00fcckt &#8222;Imagine&#8220; eine pazifistische Vision aus, die an die prophetischen Texte der heiligen Schriften erinnert.<\/p>\n<p>\u201eTo imagine\u201c hat im Deutschen zwei \u00dcbersetzungsinhalte, die miteinander zu tun haben. Erstens bedeutet es, sich etwas vorzustellen \u2013 oder noch sch\u00f6ner \u2013 sich etwas auszumalen oder zu ertr\u00e4umen. &#8222;You may say, I&#8217;m a dreamer&#8220;, hei\u00dft es weiter unten in den Lyrics. In diesem Bedeutungsgehalt k\u00f6nnte &#8222;imagine&#8220; beinhalten: Sich etwas in seine Phantasie zu holen, das die gegenw\u00e4rtige Wirklichkeit sprengt \u2013 oder \u2013 um ein religi\u00f6ses Grundvokabel ins Spiel zu bringen \u2013 das in die Transzendenz reicht und von ihr her gen\u00e4hrt wird. Immanenz wird durchs\u00e4ttigt von Transzendenz. Zweitens, und da sind wir zutiefst in der Dimension des Religi\u00f6sen, kann \u201eto imagine something\u201c auch bedeuten: an etwas glauben. Glauben wiederum hat immer mit Vertrauen zu tun oder mit Etwas-f\u00fcr wahr-halten. Den Song von John Lennon k\u00f6nnten wir als \u201eGlaubensbekenntnis\u201c bestimmen. Wenn Millionen Menschen heute angesichts der schrecklichen Kriegsbilder \u201eImagine\u201c singen und auf Anti-Kriegs-Tafeln schreiben, dann dr\u00fccken sie ihren Glauben an die M\u00f6glichkeit des Friedens aus \u2013 an einen Frieden, der nicht mit Waffen geschaffen werden kann.<\/p>\n<p><strong><em>Nothing to kill or die for<\/em><\/strong><strong><em><br \/>\n<\/em><\/strong>Der vom Putin-Regime angeordnete Angriffskrieg auf die Ukraine, die wochenlangen Kampfhandlungen \u2013 es gibt nichts zu rechtfertigen. Die milit\u00e4rischen \u00dcbergriffe sind absolut zu verurteilen. Zugleich muss festgehalten werden: Die milit\u00e4rischen Verteidigungsanstrengungen der ukrainischen Armee und ukrainischer Kampfeinheiten und damit die massiven Waffenlieferungen aus dem Westen haben den Krieg angefeuert. Die Souver\u00e4nit\u00e4t eines Landes steht nicht \u00fcber dem Leben von Tausenden von Menschen. Selbstverteidigung steht nicht \u00fcber dem Recht auf Leben. Kein Mensch darf in einen Krieg gezwungen werden. Mit dieser Aussage wird jede Generalmobilmachung infrage gestellt.<\/p>\n<p>Indem die EU und die NATO bzw. EU- und NATO-L\u00e4nder Kriegsger\u00e4t in die Ukraine liefern, machen sie sich zur Kriegspartei, befeuern sie den Krieg, tragen so nicht zur Rettung von Menschen und derer lebensnotwendigen Infrastruktur bei. Wenn nationalistische Kr\u00e4fte im S\u00fcden der Ukraine mit Blick auf die russischen Angreifer sagen, unser Verteidigungswille ist so stark, dass selbst das Meer sich rot f\u00e4rben w\u00fcrde, wenn wir angegriffen w\u00fcrden, dann zeigt dies die Brutalit\u00e4t einer reziproken milit\u00e4rischen Verteidigung gegen einen \u00fcberm\u00e4chtigen Angreifer auf. Im Krieg gibt es nichts zu gewinnen, f\u00fcr beide Seiten nicht. Es wird immer Verlierer geben mit desastr\u00f6sen Auswirkungen.<\/p>\n<p>Der ukrainische Regierungschef Selenskyi fordert seit Wochen dazu auf, dass die NATO eine Flugverbotszone \u00fcber der Ukraine errichten sollte. F\u00fcr seine Reden und Ansprachen, oftmals als Videobotschaft in den Parlamenten europ\u00e4ischer Staaten oder internationaler Konferenzen eingespielt, bekommt er gro\u00dfen Zuspruch. Mit Blick auf die zerst\u00f6rten St\u00e4dte in der Ukraine und einer permanenten Prolongierung des Krieges, mit Blick auf die 4 Millionen Kriegsvertriebenen und vor allem auch mit Blick auf die drohende Eskalation bis hin zum Einsatz atomarer oder chemischer Waffen muss diese Strategie kritisch hinterfragt werden.<\/p>\n<p><strong><em>Livin&#8216; for today<\/em><\/strong><\/p>\n<p>John Lennon bringt es mit diesem Liedvers auf den Punkt. Es soll kein Festhalten an Vergangenem gelten, das hindert am Leben in F\u00fclle, es soll keine Vertr\u00f6stung mehr auf ein Sp\u00e4ter geben, wenn dies ein Leben im Hier und Jetzt behindert.<\/p>\n<p><strong><em>You may say I\u2019m a dreamer, but I\u2019m not the only one<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der Traum lautet, dass die Strategien der gewaltfreien Verteidigung eines Landes, dass Diplomatie, dass ziviler Widerstand und Sanktionsma\u00dfnahmen die st\u00e4rkeren Waffen sein werden, wenn sie massenhaft eingesetzt werden. Der Traum lautet, dass Soldaten ihre Waffen niederlegen, dass Kampfflugzeuge nicht mehr fliegen, dass R\u00fcstungsindustrien lahmgelegt werden und Feinde sich die H\u00e4nde reichen. Wer solches tr\u00e4umt &#8211; &#8222;imagine&#8220;! &#8211; wird gerne als Spinner abgetan, als realit\u00e4tsferner Idealist oder &#8211; schlimmer noch &#8211; solchen Tr\u00e4umenden wird Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Die Kriegsbilder heute sind schrecklicher Beweis, wohin eine milit\u00e4rische Eskalation und das Ziehen der milit\u00e4rischen Karte f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong><em>Imagine there&#8217;s no heaven<\/em><\/strong><strong><em><br \/>\n<\/em><\/strong>Uns keinen \u201cHimmel\u201d vorstellen \u2013 das k\u00f6nnte missverst\u00e4ndlich ausgelegt werden. Wenn John Lennon und Yoko Ono diese Worte getextet haben, wollten sie eine bestimmte Vorstellung von Himmel in Frage stellen: Erstens einen Himmel, der in einem Jenseits verortet ist und die Gegenw\u00e4rtigkeit des Lebens geringachtet. Zweitens einen Himmel, f\u00fcr den es sich lohnte zu t\u00f6ten und zu sterben. Wenn \u201cheaven\u201d aber gleichzusetzen ist mit \u201cFrieden f\u00fcr alle\u201d \u2013 was die Hauptbotschaft von Lennon war, dann m\u00fcssen wir uns im Gegenteil gerade diesen Himmel vorstellen und an diesen Himmel glauben.<\/p>\n<p><strong><em>And no religion, too<\/em><\/strong><\/p>\n<p>K\u00fcrzlich sagte mir ein Freund: Lennon sei Atheist gewesen, wenn er sich eine Welt ohne Religion herbeiw\u00fcnscht. Mehr noch, Lennon sehe in der Religion letztlich einen wesentlichen Grund f\u00fcr die Kriege in der Welt. \u201eNein\u201c, war meine Antwort: Lennon habe wiederum nur eine bestimmte Pervertierung von Religion kritisiert, eine Religion, die Kriege f\u00fcr heilig erkl\u00e4rt und Menschen nicht zum Frieden bef\u00e4higt. Auch im Song \u201eGive Peace a Chance\u201c greift Lennon das Narrativ von Ideologien auf, die zu Trennungen f\u00fchren, statt zu einen. Um es auf den Punkt zu bringen: F\u00fcr mich ist \u201eImagine\u201c eine zutiefst religi\u00f6se Hymne, weil sie letztlich zum wahren Kern der Religionen hinf\u00fchrt: Religionen, die nicht mehr trennen, sondern Menschen zusammenf\u00fchren. Religionen, die nicht mehr vertr\u00f6sten, sondern leben lassen. Vor allem aber Religionen, die den Gl\u00e4ubigen das T\u00f6ten verbieten.<\/p>\n<p><strong><em>And the world will be as one<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Utopie von Lennon und Ono lautet, dass es eine Welt geben wird, in der nicht mehr um Grenzen gestritten wird und deretwegen Kriege gef\u00fchrt werden. Falsche Nationalismen werden verstummen. Der Schlusssatz von Imagine fast alles zusammen: Religionen werden nicht mehr spalten; Grenzen werden nicht mehr trennen; die Gier von Menschen wird verstummen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 7. 4. 2022<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"PORG VOLDERS PLAYING FOR PEACE\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/BhZVUNZK2q4?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Aschermittwochgottesdienst an unserer Schule wurde ein Friedensgottesdienst. Eine Sch\u00fclerin sang \u201eImagine\u201c. Ein Popsong, der atheistisch interpretiert werden k\u00f6nnte, wurde zum Gebet f\u00fcr den Frieden. 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