{"id":7400,"date":"2022-04-14T10:04:13","date_gmt":"2022-04-14T10:04:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7400"},"modified":"2022-08-22T07:37:34","modified_gmt":"2022-08-22T07:37:34","slug":"wildspitze-2-0","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7400","title":{"rendered":"Wildspitze 2.0"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-7401\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/w-1.jpg\" alt=\"\" width=\"4608\" height=\"3456\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/w-1.jpg 4608w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/w-1-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/w-1-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/w-1-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 4608px) 100vw, 4608px\" \/>Die Wildspitze war der Gipfel meiner Jugend- und Studentenzeit. Als Kind schon ging es mit Papa und Bruder gef\u00fchrt von dem Dekan meiner Heimatpfarre \u00fcber den Grat vom Nordgipfel zum S\u00fcdgipfel auf den h\u00f6chsten Punkt Nordtirols. Ich kann mich noch gut an das wei\u00dfe Seil erinnern, das uns verband. Am Gipfel stopfte sich der Dekan \u2013 wir nannten ihn immer so \u2013 seine Pfeife und paffte gem\u00fctlich, wie er es bei jeder Gelegenheit tat. Das wei\u00dfe Seil ist verschwunden und sichert l\u00e4ngst nicht mehr. Als der Dekan vor langer Zeit starb, konnte ich mich nicht von ihm verabschieden. Er hatte in meiner Kindheit, als ich fast t\u00e4glich bei ihm ministrieren war, den Wunsch in mir gen\u00e4hrt, Priester zu werden. In meiner Zeit im Priesterseminar war ich dann mehrmals mit Skiern auf der Wildspitze. Damals gingen wir noch an einem Tag von Mittelberg aus auf den Gipfel und fuhren \u00fcber den Taschachgletscher hinunter. Handys gab es keine \u2013 und auch keine Bilder von damals sind heute vorhanden. Die Ausr\u00fcstung war schwer. An der Kondition und Ausdauer und einem gewissen Wagemut vor allem aber an Bergbegeisterung mangelte es aber nie. Der k\u00fchne Verbindungsgrat zwischen Nord- und S\u00fcdgipfel war damals mit Schnee und Eis \u00fcberzogen \u2013 jetzt schaut selbst im Winter nackter Fels hervor. Damals gab es aber vor allem noch nicht die Pitztaler Gletscherbahnen. Mein \u00f6kologisches Herz tat sich schwer mit diesen gro\u00dfen Eingriffen in die hochalpine Gletscherwelt. Zum Gl\u00fcck scheint zumindest der Widerstand von WWF und anderen Umweltgruppen gegen die noch gr\u00f6\u00dferen Eingriffe, wie sie mit dem Zusammenschluss der Gletscherschigebiete Pitztal-\u00d6tztal geplant waren, inzwischen Erfolg gehabt zu haben, und man hat davon Abstand genommen.<\/p>\n<p>Die Kassa \u00f6ffnet um 8.00 Uhr. Die ersten \u00f6ffentlichen Busse kommen an. So ist also auch eine Anfahrt mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln gut m\u00f6glich. Um 8.30 startet der Pitzexpress. In der unterirdischen Standseilbahn habe ich das Gef\u00fchl wie in einer Rushhour in der U-Bahn in einer der Megacitys dieser Welt, nur dass hier Menschen nicht mit Aktenkoffern und in Business-Anz\u00fcgen K\u00f6rper an K\u00f6rper stehen, sondern mit Ski- oder Snowboardausr\u00fcstung, mit Helmen und maskiert. Die Bahn saust in 8 Minuten die gut 1111 H\u00f6henmeter hinauf ins Gletscherschigebiet am Mittelbergferner. Ich hatte schon vergessen, wie beeindruckend die Bergwelt in dieser Gegend ist. Die vielen Narben in der Natur, die diese Erlebniswelt in die Natur geschlagen hat, sind zum Gl\u00fcck mit frischem wei\u00dfen Schnee bedeckt. Im Sommer muss es hier aussehen wie in einem aufgelassenen Industriegebiet.\u00a0 K\u00fchn schwingt sich die Wildspitz-Gondelbahn auf den Gipfel des Hinteren Brunnenkogels, wo sich mit 3440 m das h\u00f6chstgelegene Kaffeehaus \u00d6sterreichs befindet. Wir nehmen die Mittelberggondelbahn und steigen nach kurzer Abfahrt dann von dort hinauf auf das Mittelbergjoch 3166 m, nochmals kurze Abfahrt auf den Taschachferner.\u00a0 Es tut gut, die High-Tech-Welt des Gletscherschigebietes hinter sich liegen zu lassen und unber\u00fchrte Naturlandschaft vor sich zu haben. Das Ziel, der Doppelgipfel der Wildspitze, ist immer vor uns und wir sehen die Aufstiegsspur unterhalb der Gletscherbr\u00fcche und in einem weiten Bogen hinauf zum S\u00fcdwestgrat des S\u00fcdgipfels. Es gibt hier keine skitechnischen Herausforderungen. Insgesamt sind es nicht mehr als 700 H\u00f6henmeter Aufstieg. Obwohl traumhaftes Wetter ist, sind nicht viele Tourengeher unterwegs. Die ausgegangene Spur vermittelt Sicherheit und das Seil bleibt im Rucksack. Gletscherspalten zeigen, dass ein Abkommen von der Route lebensgef\u00e4hrlich w\u00e4re. Ein paar Menschen kommen von der \u00d6tztaler Seite hinauf. Ich bin dann am S\u00fcdwestgrat froh um meine Steigeisen. Vom Skidepot zum Gipfel sind es nicht viele H\u00f6henmeter. Nur an einer kurzen Stelle knapp unterhalb des Gipfels ist es notwendig, Griffe auch an den Felsen zu finden. Am Gipfel wird es dann etwas enger, sind wir doch auf einem der meistbesuchten Gipfel der Ostalpen. Noch wichtiger als der gro\u00dfartige Rundumblick ist es, dies alles nicht alleine zu erleben, sondern miteinander in Freundschaft.<\/p>\n<p>Heute k\u00f6nnen wir die Abfahrt \u00fcber den Taschachferner w\u00e4hlen. Ein Bergf\u00fchrer f\u00e4hrt mit einem Gast voraus und auch wir lassen nun das Seil wieder im Rucksack. Es gibt einige Spuren hinunter. Die Schneebedingungen sind gut. Zuletzt geht es in einem Steilhang hinunter ins Taschachtal, wo wir auf der rechten Seite hinausfahren bzw. hinausschieben. Unten im Tal bl\u00fchen die Fr\u00fchlingskrokusse.<\/p>\n<p>Unsere Welt ist so sch\u00f6n, w\u00fcrde sie nicht von den Menschen kaputt gemacht werden. Ich sp\u00fcre auch die Tr\u00e4nen und die Wut in mir, weil ich wei\u00df: Diese Gletscherwelt wird es in dieser F\u00fclle in Zukunft nicht mehr geben, weil wir Menschen die Erderhitzung, die Klimaver\u00e4nderung und damit das Abschmelzen der Gletscher verursachen. Der tiefblaue Himmel ist am heutigen Tag durchkreuzt von den Kondensstreifen der Flugzeuge \u2013 so wie in den Tagen vor den Lockdowns vor mehr als zwei Jahren. Die mit Millionenbetr\u00e4gen w\u00e4hrend der Lockdowns staatlich unterst\u00fctzten Fluggesellschaften machen wieder ihre gro\u00dfen Gesch\u00e4fte. Statt Lockdowns werden nun wieder Menschen angelockt mit Billigfl\u00fcgen, weil Kerosin weiterhin steuerbefreit ist. Die Erderhitzung und damit das beschleunigte Abschmelzen der Gletscher wird befeuert. So mischt sich in die Dankbarkeit f\u00fcr die in Freundschaft erlebte Bergwelt immer auch meine Sorge um die Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Klaus, 12. 4. 2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/w-1.jpg' class='thumbnail' \/>Die Wildspitze war der Gipfel meiner Jugend- und Studentenzeit. Als Kind schon ging es mit Papa und Bruder gef\u00fchrt von dem Dekan meiner Heimatpfarre \u00fcber den Grat vom Nordgipfel zum S\u00fcdgipfel auf den h\u00f6chsten Punkt Nordtirols. Ich kann mich noch gut an das wei\u00dfe Seil erinnern, das uns verband. 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