{"id":7521,"date":"2022-05-22T07:41:35","date_gmt":"2022-05-22T07:41:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7521"},"modified":"2026-02-02T19:53:03","modified_gmt":"2026-02-02T19:53:03","slug":"3-musketiere-ins-heute-geholt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7521","title":{"rendered":"3 Musketiere ins Heute geholt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Musical von gestern als bleibender Spiegel<\/strong><\/p>\n<p>In einem Europa, das heute von schrecklichem Kriegsgeschehen und Aufr\u00fcstung bestimmt wird und wo die Schlachten in der Ukraine in das vierte Monat gehen, kann ich gar nicht die Vorlage f\u00fcr das Musical \u201e3 Musketiere\u201c vom Heute trennen. In meiner eigenen Welt mit all dem Hoffen und Sehnen nach gelingendem Leben erz\u00e4hlen Bilder, Musik und Texte auch von eigenem Erleben. Das Musical, das vom Theater.RUM im ForRum auf h\u00f6chst professionelle und in jeder Hinsicht genial inszeniert wird mit glanzvollen Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler, kreativen B\u00fchnenkreationen und Kost\u00fcmen und einem gro\u00dfartigen Orchester im Hintergrund f\u00fchrt mich weder hinaus aus dem Weltgeschehen noch aus dem, was inmitten von all dem mit mir selbst geschieht. Ich erlebe die \u201e3 Musketiere\u201c mehr als eine Show und mehr als eine Unterhaltung mit Weltb\u00fchnenflair.<\/p>\n<p><strong>Der Inhalt des St\u00fcckes<\/strong><\/p>\n<p>Der Stoff des Musicals f\u00fchrt hinein in die Zeit des 17. Jahrhunderts in Europa, das gepr\u00e4gt war von den Kriegen um Macht, die vordergr\u00fcndig als Konfessionskriege galten, w\u00e4hrend es tats\u00e4chlich stets um die mimetischen Machtspiele der Herrschenden ging: um Landbesitz, um Schl\u00f6sser, um Eitelkeiten und um Grenzen. Am franz\u00f6sischen K\u00f6nigshof regierte Ludwig XIII., der wie eine l\u00e4cherliche Marionette eines kriegsl\u00fcsternen und machtbesessenen Kardinals agiert. Ein Krieg sollte zwischen England und Frankreich angezettelt werden, damit das \u201ekatholische\u201c Frankreich siegreich im Kampf gegen die Hugenotten w\u00e4re. Dahinein wird die Geschichte des jungen D\u2019Artagnan verstrickt, der sich aus seiner su\u0308dfranz\u00f6sischen Heimat\u00a0auf nach Paris macht, um in die Fu\u00dfstapfen seines Vaters zu treten und sich den\u00a0Musketieren \u2013 der Leibgarde des K\u00f6nigs \u2013 anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Inmitten von S\u00e4beln<\/strong><\/p>\n<p>Denke ich an Musketen, denke ich an Krieg, denke ich an Krieg, denke ich an das T\u00f6ten durch Gewehre, die mit ihrer Schusskraft selbst Harnische durchdringen k\u00f6nnen. Heute sind es nicht mehr Musketen, sondern Panzerabwehrlenkwaffen, Streubomben und Co mit ihren scheu\u00dflichen Folgen. Denke ich an S\u00e4bel, denke ich an das aberwitzige m\u00e4nnliche K\u00e4mpfen um Ehre, um Stolz, um Sieg. Da z\u00e4hlt es, Feinde zu konstruieren und sie mit der eigenen Waffe zu verletzen, zu verst\u00fcmmeln, niederzufechten. \u00a0Ich kann die Worte \u201ewir werden siegen\u201c schon l\u00e4ngst nicht mehr h\u00f6ren. Die waffentragenden Burschenschaftler als s\u00e4belschwingende Relikte einer unseligen Zeit sind im heutigen \u00d6sterreich zwar dank Ibiza in die zweite Reihe ger\u00fcckt, verschwunden sind sie allemal noch nicht. Auf ironische Weise deckt D\u2019Artagnan anfangs noch die L\u00e4cherlichkeit der Fechtduelle auf und macht sich dar\u00fcber auf seine Weise lustig. Die F\u00fclle an Fechtszenen wird dann aber doch zu sehr zum Selbstzweck, in dem die Kritik an einer Kampfideologie und ihren letztlich verheerenden Folgen untergeht.<\/p>\n<p><strong>Inmitten von Intrigen und kirchlichen Verfehlungen<\/strong><\/p>\n<p>Ein bekannter Religionskritiker, der auch im Publikum sa\u00df, wird sich wohl bei der Darstellung der pointierten Karikatur von kirchlichem Machtgehabe in Gestalt von Kardinal Richelieu best\u00e4tigt f\u00fchlen und sich erneut denken: So ist Kirche. Der orthodoxe Patriarch Kyrill I. wirkt heute wie eine Kopie des Kardinals im Musical. Mehrmals frage ich mich beim Zusehen: Wird die Kritik an einer kriegsl\u00fcsternen und machtbesessenen Kirche, die mit der Figur Richelieu und seiner widerw\u00e4rtigen Leibgarde, seinen frauenverachtenden Ausspr\u00fcchen und seinen kriegsl\u00fcsternen Ambitionen dargestellt wird, letztlich zu einer genauso plumpen allt\u00e4glichen Religionskritik f\u00fchren, oder k\u00f6nnte sie dazu beitragen, den innersten Kern von Religion wieder zu entdecken: Gott* in der liebenden Zuwendung zwischen Menschen zu erfahren?<\/p>\n<p><strong>Inmitten von Heldentum<\/strong><\/p>\n<p>Das Musketier-Motto \u201eeiner f\u00fcr alle, alle f\u00fcr einen\u201c kann als Zeichen f\u00fcr eine starke Freundschaft gewertet werden, f\u00fcr Zusammenhalt und Solidarit\u00e4t. All zu leicht k\u00f6nnte es aber auch zu einem aufopfernden Heldentum f\u00fchren, von dem unsere Welt schon zu viel bis zum heutigen Tag kennt. Es kann als kollektivistisches Grundrechtsprinzip in der Diktatur Nordkoreas dienen genauso wie in einer eidgen\u00f6ssischen Solidarit\u00e4t in der Schweiz. Was wir \u2013 gerade auch wieder mit Blick auf die heutige Welt \u2013 aber so dringend brauchen, ist nicht Heldentum, in dem ein Gegner mit H\u00e4me und Spott \u00fcberzogen wird, wo nicht gelacht wird, wenn dem Duellpartner ein Auge ausgestochen wird, sondern Feinde zu Freunden werden.<\/p>\n<p><strong>Inmitten die Liebe<\/strong><\/p>\n<p>Was in dieser Welt aber wirklich z\u00e4hlt, es k\u00f6nnte wohl auch als das ganz gro\u00dfe oder das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck bezeichnet werden, ist die verliebte Begegnung zwischen Constance und D\u2019Artagnan. Er entdeckt in dieser Begegnung, dass das, wof\u00fcr er wirklich \u201ek\u00e4mpft\u201c, nicht die Ehre und W\u00fcrde Frankreichs ist, kein Kampf gegen Hugenotten, kein Kampf gegen Intrigenspiele, sondern ein bedingungsloses Eintreten f\u00fcr dieses wechselseitige z\u00e4rtliche Angenommensein in einer liebenden Umarmung. Diese Welt w\u00e4re so sch\u00f6n, w\u00fcrde dieses liebende Sichbegegnen nicht immer wieder eingeschr\u00e4nkt, bedroht oder sogar get\u00f6tet. Wenn jedenfalls D&#8217;Artagnon den S\u00e4bel aus der Hand nimmt, wird seine Hand frei, um z\u00e4rtlich eine andere zu halten. Wie es ausgeht, soll hier nicht verraten werden. Vielleicht muss diese Geschichte auch erst immer wieder neu ertr\u00e4umt, erlitten oder erfahren werden.<\/p>\n<p><strong>Epilog: liebendes Erfahren<\/strong><\/p>\n<p>inmitten von rasselnden S\u00e4beln und Musketen<br \/>\nunterbricht liebende Zuwendung den L\u00e4rm der Waffen:<br \/>\nnichts ist mehr wie fr\u00fcher<\/p>\n<p>inmitten von Intrigen und Machtspielen<br \/>\nerweist sich Liebe als st\u00e4rkste Kraft:<br \/>\nnichts h\u00e4lt sie auf<\/p>\n<p>inmitten von S\u00e4beln und Intrigen<br \/>\nwird Liebendes verdr\u00e4ngt und get\u00f6tet:<br \/>\nnichts kann sie sch\u00fctzen<\/p>\n<p>inmitten von allem<br \/>\nglaubt, hofft und liebt die Seele:<br \/>\nein Du l\u00e4sst sie leben im Heute<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 22.5.2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Musical von gestern als bleibender Spiegel In einem Europa, das heute von schrecklichem Kriegsgeschehen und Aufr\u00fcstung bestimmt wird und wo die Schlachten in der Ukraine in das vierte Monat gehen, kann ich gar nicht die Vorlage f\u00fcr das Musical \u201e3 Musketiere\u201c vom Heute trennen. 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