{"id":7609,"date":"2022-06-21T17:44:30","date_gmt":"2022-06-21T17:44:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7609"},"modified":"2022-08-22T07:37:33","modified_gmt":"2022-08-22T07:37:33","slug":"stubaier-gletscherwelt-erleben-in-der-hitze-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7609","title":{"rendered":"Stubaier Gletscherwelt erleben in der Hitze der Zeit"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-7610\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/m\u00fcll-2.jpg\" alt=\"\" width=\"1159\" height=\"869\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/m\u00fcll-2.jpg 1159w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/m\u00fcll-2-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/m\u00fcll-2-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/m\u00fcll-2-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1159px) 100vw, 1159px\" \/>Als Erdenb\u00fcrger der Jetztzeit war ich und bin ich privilegiert, dass ich noch in die Gletscherwelt quasi vor der Haust\u00fcr eintauchen kann. Sp\u00e4tere Generationen werden nur mehr Reste davon erleben k\u00f6nnen. Fr\u00fcher sah ich das Wei\u00df des Zuckerh\u00fctls von daheim aus. Das \u201eewige Eis\u201c hat angesichts des menschengemachten Klimawandels ein rasches Ablaufdatum. Wir sind Mitte Juni f\u00fcr eine zweit\u00e4gige Hochalpintour in die Stubaier Gletscherwelt aufgebrochen. Die Hitzewelle, die Tage davor in Spanien und Frankreich war und Waldbr\u00e4nde zur Folge hatte, ist in \u00d6sterreich angekommen. Mit dem ersten Bus von Innsbruck aus kommen wir um 8.00 Uhr beim Parkplatz Sulzenau (1607 m) im hinteren Stubaital an. Die Sommersaison hat noch nicht richtig angefangen. Die Sulzenaualm (1.847 m) mit den merkw\u00fcrdig geschnitzten Holzst\u00fchlen ist nicht bewirtschaftet. Der Gletscherbach schl\u00e4ngelt sich \u00fcber den flachen Almboden und weiter oben st\u00fcrzt er sich in einem pr\u00e4chtigen Wasserfall ins Tal hinunter. Majest\u00e4tisch thront die Sulzenauh\u00fctte \u00fcber dem Talkessel. Von dort geht es den L\u00fcbecker Weg zur Blauen Lacke, einem romantischen Bergsee, der vom Schmelzwasser des Sulzenauferners gespeist wird. Einmal hatte sich der Ferner bis hierhergeschoben. Die Mor\u00e4ne vor dem See erinnert an die urspr\u00fcngliche Gr\u00f6\u00dfe des Ferners. Weit reichte er einmal ins Tal hinunter. Hinauf zur Fernerstube haben wir erstmalig Gletscherkontakt. Zwischen dem faulen Schnee des vergangenen Winters und dem aufgeweichten Eis darunter gluckst das Schmelzwasser. Fast ist es so, als w\u00fcrde der Gletscher angesichts der Erderhitzung kr\u00e4ftig weinen. Am Hang gegen\u00fcber donnert eine Ger\u00f6lllawine die Nordflanke vom Wilden Pfaff hinunter. Aus Vorsicht vor den Spalten gehen wir angeseilt zum Einstieg der Kletterroute auf der L\u00fcbecker Scharte. Dann geht es \u00fcber den L\u00fcbecker Grat und Freigergrat hinauf zum Wilden Freiger. Die Stellen mit II und die Ausgesetztheit f\u00fchlen sich f\u00fcr mich nicht als zu gro\u00dfe Herausforderung an, weil alle schwierigen Stellen mit Drahtseilen und Trittb\u00fcgel gesichert sind, vor allem aber ist es die achtsame Gegenw\u00e4rtigkeit der Mitkletternden, die Sicherheit vermittelt. Oben am Freigergipfel (3418 m) k\u00f6nnen wir dann dankbar den Rundumblick in die Gletscherwelt genie\u00dfen. Hier oben gibt es auch keine wirkliche Grenze zwischen zwei Staatsgebieten. Grenzen sind menschengemacht \u2013 so wie der anthropogene Klimawandel. Ich denke an so viele Grenzen, die wir Menschen uns machen und mit denen wir uns so manches Gl\u00fcck verhindern. Der Abstieg erfolgt \u00fcber den Signalgipfel (3392 m) und dem an schwierigen Stellen versicherten und gut markierten Grat Richtung Becherhaus, um dann \u00fcber einen weiteren Gletscher zur M\u00fcllerh\u00fctte zu kommen. Manchmal sinken wir tief in dem faulen Schnee ein. Schneebr\u00fccken \u00fcber die Spalten w\u00fcrden bei diesen Temperaturen wohl kaum mehr dem Gewicht eines Menschen standhalten. Bei einem steileren Gletscherfeld geben die Steigeisen Sicherheit. Die M\u00fcllerh\u00fctte auf 3134 m ist einzigartig, weil sie nur \u00fcber Gletscherwege erreichbar ist. Auf der Terrasse ist es so warm, dass wir mit T-Shirt und barfu\u00df einen Rundumfernerblick erleben k\u00f6nnen. Von der gegen\u00fcberliegenden Bergflanke kollern wieder Steine hinunter. Anschauungsunterricht f\u00fcr das Auftauen von Permafrost. Der Felsgrat und die W\u00e4nde hinauf zum Wilden Pfaff sehen sehr br\u00f6ckelig aus. Das Zuckerh\u00fctl sieht inzwischen eher wie ein Pfefferh\u00fctl aus, weil es schon um diese Zeit sein Wei\u00df verloren hat. Die Garmin-Uhr hat die Daten gespeichert: Vom Sulzenau-Parkplatz bis hierher waren es 1.936 m Gesamtanstieg und 17 Kilometer.<\/p>\n<p>Tag 2: Ich sp\u00fcre die Dankbarkeit f\u00fcr die gro\u00dfartige Bergwelt. Lange stehe ich auf der Terrasse, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Langsam zeichnen sich die Konturen der einzelnen Berggruppen heraus. Rot leuchten die wei\u00dfen Gletscher und Felsw\u00e4nde im Werden des Tages. Als Ziel haben wir zun\u00e4chst die Sonnklarspitze (3444 m). Wieder geht es \u00fcber einen Gletscher. Vorsichtig geht ein Erfahrener voraus. Allein w\u00fcrde ich die Stellen im freien Klettern im Schwierigkeitsgrat II \u00fcber den steilen und ausgesetzten Grat \u2013 allerdings im festen Granitfels \u2013 nicht wagen. Bin jedenfalls erleichtert, dass wir\u00a0 zun\u00e4chst auf die vergletscherte Gipfelhochfl\u00e4che gelangen und dann auf der Spitze stehen mit einem ph\u00e4nomenalen Blick in die m\u00e4chtige Bergwelt. Der Aufstieg zum Gipfel Hohes Eis (3388 m) ist kaum merkbar. Wieder vertraue ich den Erfahrenen, dass sie die Route hinunter zur Siegerlandh\u00fctte (2710 m) ins Windachtal finden, zun\u00e4chst \u00fcber Gletscher und dann den steilen Felsgrat, auf dem zum Gl\u00fcck schwachrote Punkte und etwas sp\u00e4rlich Steinm\u00e4nnchen sind. Im letzten Teil unterhalb des Grates geht es dann \u00fcber gigantisches Blockwerk mit kr\u00e4ftigroten Felsbl\u00f6cken zur H\u00fctte. Und dann beginnt die 15 Kilometer-Wanderung hinaus nach S\u00f6lden. Es ist ein beeindruckendes Tal, das mir bislang v\u00f6llig unbekannt war. Jetzt im Fr\u00fchsommer ist die Blumenpracht auf den Bergh\u00e4ngen und Almwiesen ganz besonders: Das Blau von Enzianen und Schusternagele, das Rosa der Alpen-Nelken, das Lila der Alpengl\u00f6ckchen, das Gelb der Primeln und um diese Zeit vor allem der rote Almenrausch der Alpenrosen. Die Windache wird aufgrund der B\u00e4che, die links und rechts von den Steilw\u00e4nden rinnen, immer kr\u00e4ftiger. Weiter unten beginnt das Naturwaldreservat mit Silikat-L\u00e4rchen-Zirbenwald. Steil und in einer Schlucht f\u00e4llt das Windachtal nach S\u00f6lden hinunter. S\u00f6lden: Von der M\u00fcllerh\u00fctte \u00fcber die beiden 3000er Gipfel und die Siegerlandh\u00fctte waren 22 Kilometer, 2150 m im Abstieg und 475 m im Aufstieg. Nach hochalpinen Stunden in der Gletscherwelt und einem unber\u00fchrten Hochtal ist es wie ein Sturz in eine andere Zivilisation, die nicht meine sein will. Westlich gehen die S\u00f6ldner Bergbahnen hinauf ins Gletscherskigebiet am Rettenbachferner. Auf der anderen Talseite stimmt die Dorfbev\u00f6lkerung von St. Leonhard an diesem Tag \u00fcber den Zusammenschluss der Gletscherskigebiete von Pitz- und \u00d6tztal ab. In S\u00f6lden l\u00e4rmen die Autos auf der Durchfahrtsstra\u00dfe. Horden von Motorradfahrern sind auf dem Weg zum Timmelsjoch. Es sind Spa\u00dffahrten, die die Erderhitzung und damit den Gletscherschwund befeuern. Es wird gelebt, gefahren und gekauft, als g\u00e4be es keinen Klimawandel, als g\u00e4lte es nicht, das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen. Ein roter Porsche steht vor dem Lokal, in dem wir auf die Abfahrt vom Bus warten und das Fl\u00fcssigkeitsdefizit beheben. Ich h\u00f6re und blicke weg, will diese Tourismuswelt aber auch nicht verurteilen. Es ist nur nicht meine. Dankbar bin ich der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, die ich in unserer Gruppe in den zwei Tagen auf den Routen zwischen Stubaital und \u00d6tztal erleben durfte. Passend zum Erlebnis von Hitze im Juni, von schmelzenden Gletschern, von auftauendem Permafrost und br\u00f6ckelnden Bergriesen war es wohl wieder, dass es gelang, die Anreise ins hintere Stubaital und einen Tag sp\u00e4ter die Abreise von S\u00f6lden CO-2-freundlich mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln zu machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/m\u00fcll-2.jpg' class='thumbnail' \/>Als Erdenb\u00fcrger der Jetztzeit war ich und bin ich privilegiert, dass ich noch in die Gletscherwelt quasi vor der Haust\u00fcr eintauchen kann. Sp\u00e4tere Generationen werden nur mehr Reste davon erleben k\u00f6nnen. Fr\u00fcher sah ich das Wei\u00df des Zuckerh\u00fctls von daheim aus. Das \u201eewige Eis\u201c hat angesichts des menschengemachten Klimawandels ein rasches Ablaufdatum. 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