{"id":7730,"date":"2022-08-01T07:26:23","date_gmt":"2022-08-01T07:26:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7730"},"modified":"2022-08-22T07:37:33","modified_gmt":"2022-08-22T07:37:33","slug":"ein-hoher-gipfel-mit-vielen-graten-und-ein-wolkenschloss","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7730","title":{"rendered":"Ein hoher Gipfel mit vielen Graten und ein Wolkenschloss"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-7732\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/wf-11-fernerstube.jpg\" alt=\"\" width=\"4608\" height=\"3456\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/wf-11-fernerstube.jpg 4608w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/wf-11-fernerstube-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/wf-11-fernerstube-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/wf-11-fernerstube-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 4608px) 100vw, 4608px\" \/>WildeWasserWeg<\/strong><\/p>\n<p>In diesen Tagen, einige Tage nach dem Murenungl\u00fcck, hat der im hintersten Stubaital gelegene WildeWasserWeg in meiner Gedanken- und Gef\u00fchlswelt noch einen anderen Widerhall als jenen \u00fcber die Sch\u00f6nheit und Pracht der Natur. Beim touristisch gut gen\u00fctzten Grawa Wasserfall beginnt unsere zweit\u00e4gige AV-Hochtour. Die Stra\u00dfe weiter hinein zum Gletscherskigebiet und damit auch die Gletscherlifte sind gesperrt. Eine Touren\u00e4nderung wurde notwendig. Von der Grawa Alm geht es \u00fcber den Ruetzbach. In diesen Mittsommertagen nach den Unwettern und Regenf\u00e4llen und den Tagen, in den aufgrund der Hitze die Gletscher enorm schmelzen, sind seine Wasser rei\u00dfend-braun. Entsprechend m\u00e4chtig und spektakul\u00e4r ist momentan auch der Grawa Wasserfall und auf einer der unteren Plattformen verweile ich etwas, um die Gischt der herunterst\u00fcrzenden Wassermassen am K\u00f6rper zu sp\u00fcren. Der Tourismus setzt auf Superlative \u2013 und daher steht auf einem der Schilder, dass es der \u201ebreiteste Wasserfall der Ostalpen\u201c sei. Von Beginn an wird deutlich, dass wir als Gruppe von sechs Leuten ein passendes Bergteam sind. Mein Rucksack mit Steigeisen, Pickel und Seil f\u00fchlt sich schwer an. Der Pfad hinauf bis zum Sulzengg ist mit vielen Holzstegen ausgebaut, die an diesem Tag rutschig sind. Die Br\u00fccke, \u00fcber die ich erst vor kurzem noch gegangen bin, gibt es nicht mehr. Sie wurde bei einem Unwetter weggesp\u00fclt. Eine neue ist inzwischen errichtet. Es geht nun hinein durch den fast ebenen Talboden in Richtung Sulzenaufall, \u00fcber dem 200 Meter dar\u00fcber direkt an der Abbruchkante wie ein Adlerhorst die Sulzenauh\u00fctte thront. Ich ziehe gedanken- und gef\u00fchlsversunken die Serpentinen hinauf. Immer wieder tr\u00f6pfelt es etwas vom Himmel. Im Westen sind die Berge in Regen- und Nebelwolken verpackt. Daher sind kaum Menschen unterwegs und wir sind w\u00e4hrend der Apfelstrudelpause auf der Sulzenauh\u00fctte (2191 m, rund 2km von der Grawa Alm) fast allein. Hinweisschilder warnen davor, bestimmte Routen zur M\u00fcllerh\u00fctte oder auf das Zuckerh\u00fctl aufgrund von Steinschlag und Toteis nicht mehr zu gehen. Die Berge sind in Bewegung. Permafrost l\u00f6st sich.<\/p>\n<p><strong>L\u00fcbecker Steig<\/strong><\/p>\n<p>Vorbei geht es\u00a0 an der Blauen Lacke mit den vielen Steinm\u00e4nnchen hinein zur Fernerstube. Der Gletscher sieht heute so anders aus, als noch vor einigen Wochen. Die vielen Gletscherspalten sind offen. Angeseilt kurven wir um sie herum und manchmal mit kleinen Schritten dar\u00fcber. Wir haben die entsprechende Ausr\u00fcstung dabei, die es f\u00fcr diesen Gletscherkontakt braucht, und unsere Tourenf\u00fchrerin w\u00e4hlt geschickt einen Weg um die Spalten. Meine Gef\u00fchle schaukeln zwischen der Traurigkeit und Wut einerseits, wenn ich wieder so hautnah miterlebe, wie das Gletschereis unter den Steigeisen dahinschmilzt, und der Freude \u00fcber die Sch\u00f6nheit dieser Bergwelt andererseits. Es wird jedenfalls nicht mehr lange dauern und auch dieser Gletscherteil wird verschwunden sein. Bei der L\u00fcbecker Scharte (3144 m) beginnt die Gratkletterei im festen Granit und dann wieder aber auch stellenweise im losen Ger\u00f6ll hinauf zum Wilden Freiger. Da wir an diesem Tag nur wenig Abstieg haben und auch die Regenwolken vom Wind abgehalten werden \u2013 er f\u00fchlt sich sehr kalt an heute, besteht keine Eile. Die schwierigen Stellen sind mit Stahlseil versichert, die Markierungspunkte gut sichtbar, nach fast 10 Kilometer stehen wir auf dem Freiger Gipfel (3418 m) mit der grandiosen Rundsicht. Wilder Pfaff und Zuckerh\u00fctl und der \u00dcbeltalferner mit der M\u00fcllerh\u00fctte im Westen, tief unten im Osten Ridnaun und unser Tagesziel, das Becherhaus, thront unweit vor uns im S\u00fcden auf der Spitze vom Bechergipfel.<\/p>\n<p><strong>Becherhaus<\/strong><\/p>\n<p>Mein Leben und auch das Bergsteigen hat sich im letzten Jahr sehr ver\u00e4ndert. War ich es fr\u00fcher gewohnt, immer wieder allein unterwegs zu sein, m\u00f6glichst rasch auch wieder daheim, Gipfel rauf und runter an einem Tag, so bin ich inzwischen dankbar f\u00fcr das Gehen in der Gruppe, die Gemeinschaft schenkt, und den Luxus, in einer H\u00fctte zu \u00fcbernachten. Diese \u201eH\u00fctte\u201c \u2013 es ziemt sich wohl besser es als \u201eHaus\u201c zu bezeichnen oder die Eigendefinition \u201eWolkenschloss\u201c zu w\u00e4hlen \u2013 liegt auf 3195 m und ist damit die h\u00f6chste Schutzh\u00fctte S\u00fcdtirols. Da gibt es sogar eine repr\u00e4sentative Kapelle, die an die Geschichte erinnert. Kaiserin Elisabeth-Schutzhaus hie\u00df das Becherhaus zu Beginn seiner Entstehung. Im vorderen rechten Eck der Kapelle wird an die Majest\u00e4ten aus der Habsburger Zeit erinnert. Ein Portr\u00e4t zeigt den \u201eSeligen\u201c Karl von Habsburg. \u00dcber die Fragw\u00fcrdigkeit dieser Beatifikation schrieb ich vor nun schon fast 20 Jahren einen Artikel. Der Monarch hat als Oberbefehlshaber letztlich selbst den Einsatz von Giftgas am Ende des Ersten Weltkrieges gerechtfertigt und war nicht bereit war, auf den Thron zu verzichten, als \u00d6sterreich aus dem Schrecken des gro\u00dfen Krieges erwachte und die Erste Republik gegr\u00fcndet wurde. Selig??? Zum Gl\u00fcck finden wohl nur wenige Bergsteiger den Weg in die Kapelle, sonst k\u00f6nnten religionskritische Menschen sich in ihrer Kirchenkritik best\u00e4tigt f\u00fchlen. Hier oben in der Kapelle auf weit \u00fcber 3000 m rutschen angesichts der anachronistischen Habsburgerecke meine Gedanken in die Kriegsgebiete der Ukraine, wo sich die gleiche verheerende Logik wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den gleichen L\u00e4ndern wiederholt. Auf einem anderen Portr\u00e4t blickt mich Kaiserin Sisi an. Ihr Mann war es, an dessen Geburtstag das Becherhaus alias Kaiser Elisabeth-Schutzhaus eingeweiht wurde, der einige Jahre sp\u00e4ter mit der Kriegserkl\u00e4rung die erste gro\u00dfe Schreckenszeit des 20. Jahrhunderts ausl\u00f6ste. Nein, Habsburger-Nostalgie kommt bei mir keine auf. Lieber schaue ich mir das Mariabildnis Maria Schnee an, das im Zentrum der Kapelle ist, flankiert von einer Statue der Hl. Barbara und der Hl. Katharina \u2013 also eine Art Trifeminat, was mich als Theologe schon wieder etwas mit der Kapelle vers\u00f6hnen kann. Einen Stock dar\u00fcber h\u00f6rt man die Wirtsleute das Abendessen vorbereiten. Ich beame mich in die Gegenwart zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Vor dem Abendessen sitze ich noch allein auf der Terrasse im kalten Wind, lasse meine Gedanken und mehr noch Gef\u00fchle frei fliegen, blicke hin\u00fcber zur M\u00fcllerh\u00fctte, mit der ich eine wichtige Geschichte verbinde, hinunter zum \u00dcbeltalferner \u2013 er sieht mit den vielen Spalten so anders aus als noch vor einigen Wochen, als wir im knietiefen Sumpfschnee eine Spur zogen\u00a0 &#8211; und gegen\u00fcber zur Sonnklarspitze, die mich zuletzt im Aufstieg sehr gefordert hatte, als wir die \u00dcberschreitung hinunter nach S\u00f6lden machten.<\/p>\n<p><strong>Signalkopf \u2013 Seescharte \u2013 Gamsspitzel \u2013 Gr\u00fcnausee<\/strong><\/p>\n<p>Der Gipfel des Wilden Freiger liegt in Nebelwolken. \u00dcber den S\u00fcdgrat geht es zun\u00e4chst wieder hinauf zum Signalkopf. Die Felsen und Steine sind mit Eis \u00fcberzogen. Es hei\u00dft, vorsichtig die Schritte zu w\u00e4hlen. Die schwierigen Passagen sind mit Trittb\u00fcgeln und Eisenklammern abgesichert. Ein kurzes Firnfeld l\u00e4sst sich gut gehen. Beim Abstieg lockt es mich, noch den Abstecher hinauf um Gamsspitzel (3051 m) zu machen. Dort oben ist anstelle der \u00fcblichen Gipfelkreuze ein verwitterter Holzpfahl, in dessen oberes Ende die Figur des auferstandenen Christus geschnitzt ist. Bunte tibetische Gebetsfahnen sind um das Holz gewickelt. Wo der Wille und das religi\u00f6se Grundverst\u00e4ndnis daf\u00fcr da sind, verschmelzen hier auf einem der 3000er zwei Weltreligionen. Der Abstieg hinunter zur Seescharte ist kurzweilig. Die Gebirgswelt rund um den Wilden Freiger ist vielf\u00e4ltig. Besonders eindrucksvoll liegt der Gr\u00fcnausee. Die Sonne kommt etwas raus. Es tut gut, f\u00fcr ein paar Minuten im kalten Wasser des ehemaligen Gletschersees zu schwimmen. Die Gletscherabbr\u00fcche des Sulzenauferners sind beeindruckend. Ich liege im Wasser und schaue noch einmal hinauf zum Gipfel des Gamsspitzls und hin\u00fcber zum Wilden Freiger. Leben sp\u00fcren. Auf der Sulzenauh\u00fctte herrscht an diesem Sommersonntag Hochbetrieb. Ich sp\u00fcre Dankbarkeit f\u00fcr zwei Tage im Hochgebirge, f\u00fcr Gemeinschaft und Bergerlebnis und dass auch alles gut gegangen ist \u2013 keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit bei Tausenden von Tritten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/wf-11-fernerstube.jpg' class='thumbnail' \/>WildeWasserWeg In diesen Tagen, einige Tage nach dem Murenungl\u00fcck, hat der im hintersten Stubaital gelegene WildeWasserWeg in meiner Gedanken- und Gef\u00fchlswelt noch einen anderen Widerhall als jenen \u00fcber die Sch\u00f6nheit und Pracht der Natur. Beim touristisch gut gen\u00fctzten Grawa Wasserfall beginnt unsere zweit\u00e4gige AV-Hochtour. 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