{"id":7735,"date":"2022-08-04T12:24:05","date_gmt":"2022-08-04T12:24:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7735"},"modified":"2022-08-22T07:37:33","modified_gmt":"2022-08-22T07:37:33","slug":"watzmann-einen-mythos-erspueren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7735","title":{"rendered":"Watzmann \u2013 einen Mythos ersp\u00fcren"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-7737\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/wat-11.jpg\" alt=\"\" width=\"4608\" height=\"3456\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/wat-11.jpg 4608w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/wat-11-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/wat-11-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/wat-11-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 4608px) 100vw, 4608px\" \/>Kopfkino Hollar\u00f6dulli\u00f6h<\/strong><\/p>\n<p>Zuletzt war ich im am Ende meiner Gymnasialzeit mit meinem Klassenkameraden Peter am Watzmann.\u00a0 Wir waren wagemutig. Heimlich kletterten wir an einem Septemberwochenende morgens aus dem Fenster im Sch\u00fclerheim in Bischofshofen, machten uns auf nach Berchtesgaden, hatten ein Seil dabei und irgendwie schafften wir dann die Route \u00fcber S\u00fcdgipfel und die \u00dcberschreitung bis zum Hocheck. Wir trafen den ganzen Tag keine anderen Menschen. Es wurde bereits dunkel und wir sahen die rettenden Lichter vom Watzmannhaus weit unterhalb. Es sind vage Erinnerungen an mein fr\u00fcheres Leben, in dem es kein Smartphone gab, das uns in Bergnot h\u00e4tte eine Hilfe sein k\u00f6nnen. Da gab es noch die Telefonzelle in unserer Schule, in denen ich meine Schillingm\u00fcnzen werfen konnte. Es gab kein Internet, um eine Tourenplanung zu machen und das Wetter im Vorhinein zu pr\u00fcfen. Wolfgang Ambros hatte erst vor zwei Jahren sein Konzept-Album \u201eDer Watzmann ruft\u201c ver\u00f6ffentlicht und wir hatten die Lieder wie \u201eauffi mua\u00df i\u201c \u00fcber Transistorradios oder auf der Vinylscheibe geh\u00f6rt. Die Gegend um den Watzmann war noch nicht als Nationalpark deklariert. Schon damals aber war mir die \u201eRettung der Erde\u201c ein wichtiges Anliegen, dem ich durch meine pers\u00f6nliche Lebensf\u00fchrung entsprechen wollte. Die Klimakrise war noch kein Thema und doch gab es schon die Warnungen des Club of Rome und der Meadows-Bericht von den \u201eGrenzen des Wachstums\u201c hatte mich bereits radikalisiert. Und auch die ganze Ausr\u00fcstung zum Bergsteigen war noch so anders. Jedenfalls hatte ich aber mehr Sicherheit beim Klettern auf ausgesetzten Graten. Viele Jahre danach sind meine Werthaltungen nicht anders: Die Liebe zur Natur und den Bergen und mein Wunsch nach Einheit und einem Einklang in wertsch\u00e4tzenden Beziehungen sind geblieben.<\/p>\n<p>Viele Jahre danach erf\u00fcllt mich der Gedanke an die Watzmann\u00fcberschreitung mit gro\u00dfem Respekt. Der Ruf des Watzmann in den Berchtesgadener Alpen als \u201eSchicksalsberg\u201c ist legend\u00e4r. \u201eGro\u00df und m\u00e4chtig, schicksalstr\u00e4chtig \u2026\u201c, so die Fama. Was mir allerdings jetzt Zuversicht gibt, ist unsere klettererprobte Gruppe, auf deren Zusammenhalt ich mich verlassen kann. Meine Nichte und ihr Freund sind gerade von der Besteigung der Gro\u00dfen Zinne zur\u00fcckgekommen. Wir wissen auch: Das Wetter k\u00f6nnte nicht besser sein.<\/p>\n<p><strong>Watzmannhaus<\/strong><\/p>\n<p>Wir starten unsere Tour an der Wimbachbr\u00fccke in Ramsau \u00fcber Stubenalm und Falzalm zum Watzmannhaus (1935 m). Nat\u00fcrlich sind wir nicht alleine, wenn es gilt, auf den wohl bekanntesten Berg Deutschlands zu steigen. Das Personal hat ziemlich gestresst alle H\u00e4nde voll zu tun, um die hungrigen Menschen zu versorgen \u2013 die dann angesichts der kleinen Portionen doch etwas hungrig bleiben. Lange schaue ich auf der Terrasse der untergehenden Sonne zu, die das westliche Berchtesgadener Land noch in ein zauberhaftes rot-oranges Licht taucht. Ich denke an den &#8222;Kleinen Prinzen&#8220;, der die Sonnenunterg\u00e4nge besonders liebt, auch wenn sie ihn immer traurig stimmten, weil die Sonne auch die unerf\u00fcllten Tr\u00e4ume mit sich nahm. Doch sie wird wiederkommen. Als es dunkel wird, wird der Halbmond \u00fcber der H\u00fctte sichtbar. Viele haben sich schon irgendwo im Bettenlager zum Schlafen bereit gemacht. Rechts unter mir wird kr\u00e4ftig geschnarcht und mein Schlaf dauert bis kurz nach drei. Um diese Zeit machen sich auch schon die ersten fertig zum Aufbruch. Als ich kurz nach vier vor der H\u00fctte bin, sehe ich die Schneide hinauf zum Hocheck bereits die Stirnlampen leuchten \u2013 wie eine Lichterkette vom Watzmanhaus bis auf den Gipfel.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich n\u00e4chtens vor der H\u00fctte sitze, den LED-Lichtern zusehe, die bergauf sich bewegen auf dem Kalkfels, der im Schein des halben Mondes selbst Licht widerstrahlt, w\u00e4hrend manche auch schon vom Tal heraufkommen und manches Schnarchen bis vor die H\u00fctte kommt, sinniere ich \u00fcber die Sage von K\u00f6nig Watzmann, die dem Narrativ der Sagen vom K\u00f6nig Serles, vom Bettelwurf oder der Frau Hitt in einem Punkt so \u00e4hnlich sind. Immer geht es darum, dass jemand unzufrieden ist mit dem, was er hat, dass selbst der \u00e4u\u00dferlich reichste und m\u00e4chtigste Mensch &#8211; wie eben K\u00f6nig Watzmann &#8211; in seiner Uners\u00e4ttlichkeit und \u00dcberheblichkeit &#8211; Entzweiung und Chaos mit sich bringt. W\u00e4hrend ich zu Watzfrau und den Watzmannkindern hin\u00fcberschaue, denke ich auch an die so deutliche Herrschaftskritik, die in dieser alten Sage liegt. Anteile von K\u00f6nig Watzmann sehe ich in vielen Herrschern dieser Welt &#8211; beginnend wohl mit dem Kriegsherr Putin. Warum aber haben all die Sagen so ein schreckliches Ende, wo die B\u00f6sen letztlich bestraft werden &#8211; indem sie beispielsweise bis in alle Ewigkeit zu steinernen Kolossen versteinert werden? Meinen Kindern habe ich nie Sagen erz\u00e4hlt, um wegzukommen von jenem Schema, dass die B\u00f6sen verdammt werden. Viel lieber spielte ich Kasperltheater, wo sich stets das Kasperl und Petzi mit dem b\u00f6sen Wolf vers\u00f6hnten und gemeinsam dann ein Fest feierten. Vers\u00f6hnendes Leben, das w\u00e4re wohl zu sp\u00fcren: Du, ich mag dich, wie du bist, mit deinen Ecken und Kanten.<\/p>\n<p><strong>Watzmann\u00fcberschreitung \u2013 \u201eaufimuasi\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Der erste von drei Gipfeln ist das Hocheck (2617 m) , zugleich der niedrigste Gipfel.\u00a0 Etwas weniger als eineinhalb von der H\u00fctte. Goldfarben leuchtet das Kruzifix. Die Temperatur ist angenehm. Schon beim Aufstieg auf das Hocheck wird sichtbar, wie speckig und damit rutschig die Steine sind. Vom Hocheck wird der Watzmanngrat sichtbar. Sieht nicht einfach aus. Zur Sicherheit haben wir das Klettersteigset angezogen, obwohl es sich definitiv nicht um einen Klettersteig handelt. Bewusst sollen in den letzten Jahren Drahtseilversicherungen wieder entfernt worden sein. Daher gibt es etliche Passagen, die frei zu klettern sind. Es hei\u00dft, vorsichtig zu sein und lieber blicke ich nicht die fast 2000 Meter unter mir hinunter und konzentriere mich auf jeden Schritt und Tritt.\u00a0 Es geht rauf und runter und meine begleitenden \u201eKletterprofis\u201c legen ein flottes Tempo vor, so dass wir in einer Stunde schon bei der Mittelspitze (2713 m) sind, dem h\u00f6chsten Gipfel der Berchtesgadener Alpen. Ich gehe vorsichtig und pr\u00fcfe konzentriert die Schritte. Das Klettersteigset kommt nur einmal zum Einsatz, weil ich es gerade anhabe. Nach\u00a0 einer weiteren Stunde haben wir die \u00dcberschreitung geschafft und sind am S\u00fcdgipfel (2712 m). Anders als bef\u00fcrchtet, gab es nie einen Stau. \u00a0Der Ausblick ist gro\u00dfartig. Der Himmel ist wolkenlos und tiefblau. Auf der einen Seite ist das Steinerne Meer und im Hintergrund leuchtet wei\u00df \u2013 es gibt noch etwas Gletscher \u2013 der Glockner und der Gro\u00dfvenediger. Auf der anderen Seite weit unterhalb sind der K\u00f6nigsee und das Wimbachgries zu sehen, zu dem wir absteigen werden. Beim Abstieg hei\u00dft es weiterhin sehr vorsichtig zu sein. Ger\u00f6ll und kleine Steinchen liegen auf dem engen Steig und immer wieder sind die Abbr\u00fcche darunter enorm. Zum Gl\u00fcck habe ich meine festen Schuhe an. Nach zwei Dritteln des Abstiegs gibt es eine Quelle. Das Wasser hat hier \u00fcber die Jahrhunderte einen Canyon gebildet. Schlie\u00dflich bin ich sehr froh, als wir dann wieder \u201efesten\u201c Boden im Wimbachgries haben. \u201eFest?\u201c Der Kalkstein wurde zu feinem Gries verarbeitet, \u00fcber den wir nun das Tal hinaus gehen. Zwischen dem Schuttstrom wachsen manchmal Latschen in die H\u00f6he \u2013 bis zu 20 Meter, eine botanische Besonderheit, die ich aus meinen Bergen gar nicht kenne. Auf einem kleinen Wanderweg entlang vom Tal duften die Bergkr\u00e4uter. Ein liebevoll zubereiteter XXL-Spinatkn\u00f6del und ein dunkles Weizenbier sind wie eine Belohnung f\u00fcr eine Tour, die mich mental \u2013 was ausgesetztes Gehen betrifft \u2013 schon an die Grenze gebracht hat. Kurze Statistik: Vom Watzmannhaus bis zu unserem Ausgangspunkt bei der Wimbachbr\u00fccke waren es 22,31 km, 2290 m im Abstieg und 1.059 m im Aufstieg. Von 6.19 Uhr bis 15.15 Uhr waren wir unterwegs &#8211; mit allen den wundervollen Pausen zwischendrin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/wat-11.jpg' class='thumbnail' \/>Kopfkino Hollar\u00f6dulli\u00f6h Zuletzt war ich im am Ende meiner Gymnasialzeit mit meinem Klassenkameraden Peter am Watzmann.\u00a0 Wir waren wagemutig. 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