{"id":7770,"date":"2022-08-11T07:56:45","date_gmt":"2022-08-11T07:56:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7770"},"modified":"2022-08-22T07:37:32","modified_gmt":"2022-08-22T07:37:32","slug":"von-runden-mit-dem-rennrad-und-begegnungen-mit-kultur-landschaften-und-menschen-in-ueberetsch-unterland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7770","title":{"rendered":"Von Runden mit dem Rennrad und Begegnungen mit Kultur-Landschaften und Menschen in \u00dcberetsch-Unterland"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-7771\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/kur-1.jpg\" alt=\"\" width=\"3456\" height=\"4608\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/kur-1.jpg 3456w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/kur-1-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/kur-1-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 3456px) 100vw, 3456px\" \/>Von Kraft und geschlossener Hoffnung<\/strong><\/p>\n<p>Schon am Bahnhof von Innsbruck begegnet mir zu fr\u00fcher Stunde die Welt in ihrer Br\u00fcchigkeit und Verletzlichkeit. Eine Obdachlose schl\u00e4ft umgeben von ihren Plastiksackerln, den Kopf auf ihren Knien, in einer Nische, die es doch noch irgendwo im Bahnhofsbereich gibt. Die Security ist damit besch\u00e4ftigt, die Dutzenden von Fl\u00fcchtlingen im Auge zu behalten, die sich in der Schalterhalle aufhalten. Es sind lauter junge M\u00e4nner aus Afghanistan, Pakistan oder aus den Maghreb-Staaten, so meine Vermutung. Der Tiroler FP\u00d6-Chef w\u00fcrde sich mit seiner populistischen Fl\u00fcchtlingshetze best\u00e4tigt f\u00fchlen. Es sind nicht diese jungen M\u00e4nner, die mir Angst machen, sondern eine Politik, die dazu f\u00fchrt, dass sie \u00fcberhaupt fliehen m\u00fcssen, und eine Politik hierzulande, die ihnen wohl keine Perspektive geben wird. Ich verstehe nicht, warum viele von diesen Fl\u00fcchtlingen den ersten Zug auf den Brenner nehmen. Die Handys scheinen ihnen Orientierung zu geben. Im Zug in Italien gilt noch Maskenpflicht. Anders als in \u00d6sterreich ist hier scheinbar die Pandemie noch nicht f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt worden. Bahnhof Bozen. Das Rennrad steht bereit vor einer klassizistischen Statue \u2013 einer Allegorie weiblicher Kraft und Energie. Ein guter Startpunkt. Wenn ich allein mit meinem Rad unterwegs bin, sauge ich stets Begegnungen in mich auf \u2013 seien es eben Statuen oder Landschaften oder Kirchen oder auch Menschen und manches geht tief bis in die Seele hinein. Das kann auch eine geschlossene Essensbude sein, die an der Ausfahrtsstra\u00dfe von Bozen steht. \u201eSperanza\u201c, so hei\u00dft sie. Speranza geschlossen, so denke ich mir. Ich kenne meine Route, \u00fcber die Etsch, bei Sigmundskron vorbei, die alte Bahntrasse hinauf nach Eppan mit Panoramablicken \u00fcber den Bozner Talkessel. Bewusst mache ich noch einen kleinen Umweg nach St. Michael, mache Rast, ohne k\u00f6rperlich m\u00fcde zu sein, am Marktplatz und vor der sp\u00e4tgotischen Kapelle St. Anna.<\/p>\n<p><strong>Von einem ekstatischen Fr\u00e4ulein und einer mystischen Leidensfr\u00f6mmigkeit<\/strong><\/p>\n<p>In der Pfarrkirche von Kaltern liegt eine kleine fast druckfrische Brosch\u00fcre \u00fcber Maria von M\u00f6rl, auf deren Lebensgeschichte ich bereits einmal durch meine Historikerin-Schwester aufmerksam gemacht worden bin. Ich lege meinen knallgelben Rennradhelm neben mich auf die Bank und beginne zu lesen: \u201e1833 pr\u00fcfte sie Gott mit ungew\u00f6hnlichem Leiden, dies er ihr aber schon seit dem Jahre 1832 mit der Gabe der Ekstase und des beschaulichen Lebens belohnte. Am 5. Februar 1834 beschenkte sie der Herr mit den Hl. Wundmahlen (sic). &#8230; Seit Mitte September des Jahres 1867 heimgesucht, nahm endlich der g\u00f6ttliche Br\u00e4utigam diese reine und vielgepr\u00fcfte Braut zu sich, \u2026\u201c \u201eNein!\u201c, m\u00f6chte ich in die leere Kirche rufen. Und wie als Antwort gegen eine leibfeindliche Religiosit\u00e4t schaue ich auf das Deckengem\u00e4lde in der Apsis. Es stellt in barocker Prunkmalerei die Aufnahme Marias in den Himmel dar. Maria \u2013 leiblich in den Himmel aufgenommen. Der Leib, der K\u00f6rper mit all dem, was uns lebendig sein l\u00e4sst, hat mit \u201eHimmel\u201c zu tun. Nie und nimmer darf daher der K\u00f6rper, der Leib, verletzt, niedergemacht, klein geredet werden. Es gibt keinen Gott, der h\u00e4tte gewollt, dass Maria von W\u00f6rl mit Wundmalen gequ\u00e4lt worden w\u00e4re. Wo der Leib nicht ernst genommen wird, wird der Erfahrungsraum des G\u00f6ttlichen eingeschr\u00e4nkt. Wo ein Mensch in seiner K\u00f6rperlichkeit verletzt wird, wird g\u00f6ttliches Gesetz missachtet.<\/p>\n<p><strong>Von einer Kirche, die sich \u00e4ndert<\/strong><\/p>\n<p>Meine Blicke schweifen in der Kirche herum, in der ich alleine bin. Mein Rennrad habe ich hinten zum gro\u00dfen marmornen Taufbecken gestellt, wo Maria von W\u00f6rl 1812 getauft worden ist. Die Kalterer Pfarrerkirche l\u00e4sst heute im Inneren nur wenig mehr von den gotischen und sp\u00e4tmittelalterlichen Urspr\u00fcngen erahnen. Selbst die gotischen Pfeiler wurden stukkiert, um sie an eine barocke Umgebung anzupassen. Die Fresken erinnern mich an jene von der Karlskirche, meiner Schulkirche, die von Martin Knoller angefertigt wurden. Tats\u00e4chlich war in der Kalterer Kirche Joseph Sch\u00f6pf als Maler t\u00e4tig, der als Sch\u00fcler von Knoller seine Kunstfertigkeit in barocker Kirchenmalerei lernte. \u00dcber mir ist das gro\u00dfe Deckenfresko, das die blutr\u00fcnstige Szene darstellt, wie der Heilige Vigil mit Schuhen und Steinen von den Bauern erschlagen wird, weil er die Statue von Saturn vom Sockel st\u00fcrzte. Als Bischof von Trient, als M\u00e4rtyrer und Heiliger ist er so etwas wie der Lokalpatron von S\u00fcdtirol und vom Trentino. Zum Gl\u00fcck zeigt die Erschlagung des Vigil im Deckenfresko keinen Blutstropfen auf seinem hellblauen M\u00e4rtyrerkleid. Kein Mensch soll mehr erschlagen werden \u2013 so sollte die Message lauten, und ich denke an den Krieg in der Ukraine, der nicht aufh\u00f6ren will.<\/p>\n<p><strong>Von einer Maria auf der S\u00e4ule und dem Marktplatz von Kaltern<\/strong><\/p>\n<p>Der Hochsommer hat in die Touristenorte im Raum Bozen Leben gebracht. Die ersten Cappucinos werden in den Kaffees rund um die Mariens\u00e4ule getrunken. Maria blickt hoch oben auf die Kirche, in der ich soeben war, auf den m\u00e4chtigen Turm, der an die gotische Ursprungskirche erinnert, und vor allem auf das Geschehen, wo Religion hautnaher und tiefer gelebt wird als in der leeren Kirche, auf die sie blickt. Hier \u00a0sind an diesem Morgen Menschen, die Zeit finden, um miteinander zu reden und so das Leben zu tauschen. Religion findet in Begegnung und Anteilnahme statt. Es sind die Kellnerinnen, die den Cappucino oder das Croissant dazu servieren. Religion ist immer Dienst und F\u00fcrsorge.<\/p>\n<p><strong>Kalterer See<\/strong><\/p>\n<p>Meine Fahrt heute ist ohne Stress. Ich lasse mich einfach anziehen von den Landschaften und w\u00e4hle den Radweg hinunter zum Kalterer See und weiter nach Auer. Noch einige andere Rennfahrer n\u00fctzen die Vormittagszeit. Die Trauben haben schon kr\u00e4ftige Farben bekommen. Nicht mehr lange, dann wird das \u201eWimmern\u201c beginnen, wie es die Locals hier nennen. Unten im Etschtal fahre ich an Apfelkisten vorbei, die sich wie ein Hochhaus auft\u00fcrmen. Zwei Wochen fr\u00fcher als sonst, so habe ich geh\u00f6rt, beginnt heuer die Apfelernte bei manchen Sorten. Ich fahre den Apfelplantagen entlang, wo schon kr\u00e4ftig die \u00c4pfel geklaubt werden. Ich bremse dort ab, wo eine Freundschaft mit Menschen lebendig bleibt, die mittendrin in diesem Geschehen sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/kur-1.jpg' class='thumbnail' \/>Von Kraft und geschlossener Hoffnung Schon am Bahnhof von Innsbruck begegnet mir zu fr\u00fcher Stunde die Welt in ihrer Br\u00fcchigkeit und Verletzlichkeit. Eine Obdachlose schl\u00e4ft umgeben von ihren Plastiksackerln, den Kopf auf ihren Knien, in einer Nische, die es doch noch irgendwo im Bahnhofsbereich gibt. 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