{"id":7825,"date":"2022-08-23T08:09:03","date_gmt":"2022-08-23T08:09:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7825"},"modified":"2026-02-03T08:34:00","modified_gmt":"2026-02-03T08:34:00","slug":"mirjam-ohne-krone-und-zepter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=7825","title":{"rendered":"Mirjam ohne Krone und Zepter"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Berg- oder Radtour setze ich mich gerne in eine der vielen Kirchen der Stadt, in der mein Wohnsitz ist, den ich als \u201ederzeitig\u201c definieren k\u00f6nnte. Dann lasse ich den diesseitigen Raum mit seinen jenseitigen Botschaften auf mich wirken: ein Bild oder eine Statue gibt es meist, an denen meine Gedanken und Gef\u00fchle h\u00e4ngen bleiben, die zum Gebet, zur Klage oder zum Lob werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fest Maria K\u00f6nigin, das eine Woche nach dem Fest Mari\u00e4 Himmelfahrt gefeiert wird, und der Gedenktag an Pater Franz Reinisch, der vor 80 Jahren als Wehrdienstverweigerer hingerichtet worden ist, f\u00fchrt mich nach der rasanten Rennradabfahrt vom Finstertaler Stausee im K\u00fchtai auf 2349 Meter hinunter zu Wiltener Basilika auf 540 Meter. Sie liegt schon etwas abseits vom Gedr\u00e4nge in der Altstadt, in der sich die touristische Masse als z\u00e4her Fluss zwischen den Gastg\u00e4rten rund um das Goldene Dachl hin- und herschiebt. Ich bin sogar alleine in der gro\u00dfen, weiten Kirche \u2013 allein und irgendwie auch einsam. Es ist jedenfalls ein Status, der offen sein l\u00e4sst. Gef\u00fcllt von den vormitt\u00e4glichen Eindr\u00fccken vom Sellraintal und den Stubaier Alpen k\u00f6nnen K\u00f6rper, Herz und Seele etwas Ruhe finden. Der Geist schafft es nicht. Die Kirche riecht nach Weihrauch, der noch zart-wei\u00df sichtbar ist im Sonnenlicht, das durch die gro\u00dfen s\u00fcdwestlichen Fenster ins Innere kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Blick wird hingezogen auf das kleine Gnadenbild, das in der Mitte des Hochaltars zwischen den vier Marmors\u00e4ulen ist, die den Baldachin mit einer \u00fcberdimensionalen Krone tragen, und das von einem zweischichtigen goldenen Strahlenkranz eingerahmt wird. Die kleine Sandsteinfigur soll auf das fr\u00fche 14. Jahrhundert zur\u00fcckgehen. Die Gottesmutter als K\u00f6nigsmutter auf einem Thron \u2013 ein fr\u00fches Marienbild, das ihre k\u00f6nigliche Natur versinnbildlicht. Die Krone und das Zepter bekam sie erst im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer ist Mirjam von Nazareth f\u00fcr mich heute, frage ich mich. Ich m\u00f6chte ihr in die Augen schauen, die vielleicht braun oder haselnussbraun w\u00e4ren, wie jene der meisten pal\u00e4stinensischen Frauen heute. Dazu m\u00fcsste sie aber hinunter geholt werden von der H\u00f6he der Alt\u00e4re, in die sie emporgehoben wurde. Erst k\u00fcrzlich sah ich das ber\u00fchmteste Marienbild von Innsbruck aus n\u00e4chster N\u00e4he, jenes von Lucas Cranach aus dem Innsbrucker Dom, als es wegen Renovierungsarbeiten hinunter geholt wurde. Ich sah dann die etwas braunen R\u00e4nder der Fingern\u00e4gel von Maria, gerade so, als h\u00e4tte sie gerade mit ihrem Sohn in der Erde gespielt. Aber das ist eine andere Geschichte. Heute m\u00f6chte ich Maria das Zepter aus der Hand nehmen und die Krone vom Kopf. Das Bild von \u201eK\u00f6nigin\u201c passt f\u00fcr mich mehrfach nicht, weder theologisch-philosophisch, noch historisch, auch nicht politisch oder pers\u00f6nlich. Sie ist keine Maria-Theresia und keine Sissi, keine Queen und keine Diana, keine Adelige und keine Herrscherin, keine Frau, die M\u00e4nner vom Thron st\u00fcrzt, um selbst dort zu sitzen. &nbsp;Es brauchte keine Umkehr von Herr-Knecht-Verh\u00e4ltnissen, in der die Knechte zu den Herren werden und die M\u00e4gde zu K\u00f6niginnen. Wie sehr w\u00fcnschte ich mir eine Gesellschaft und Beziehungen, in der M\u00e4nner und Frauen auf Augenh\u00f6he miteinander leben und einander lieben, in der Rivalit\u00e4ten der Vergangenheit angeh\u00f6ren und niemand mehr das Zepter in der Hand h\u00e4lt, um \u00fcber andere zu bestimmen. Wir brauchen weder K\u00f6nige noch K\u00f6niginnen und keine Bilder, die solches verfestigen. Maria ist f\u00fcr mich Kumpanin, Companera, die f\u00fcr mich \u00fcberall dort wieder lebendig wird, wo miteinander das Brot und das Leben geteilt wird. Marias rechte Hand ist befreit vom Zepter, um Tr\u00e4nen von den Wangen zu wischen und heilend zu ber\u00fchren. Die Krone ist ihr beim wilden Tanzen vom Kopf gefallen. Sie sitzt auch nicht mehr auf einem Thron zwischen vier Marmors\u00e4ulen, sondern \u2013 wie es die Ursprungslegende erz\u00e4hlt \u2013 zwischen vier B\u00e4umen und liegt wohl auf dem Gras und tr\u00e4umt von einer Welt, in der Menschen nicht mehr Kriege f\u00fchren und gegeneinander rivalisieren, sondern sich in ihren unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen achten und sch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, am Festtag der \u201eKr\u00f6nung Marias\u201c, 22. August 2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einer Berg- oder Radtour setze ich mich gerne in eine der vielen Kirchen der Stadt, in der mein Wohnsitz ist, den ich als \u201ederzeitig\u201c definieren k\u00f6nnte. 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