{"id":8026,"date":"2022-09-24T23:00:22","date_gmt":"2022-09-24T23:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8026"},"modified":"2022-09-25T14:08:40","modified_gmt":"2022-09-25T14:08:40","slug":"vor-den-tueren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8026","title":{"rendered":"vor den T\u00fcren"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/ross-6-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/ross-6-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8028\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/ross-6-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/ross-6-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/ross-6-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/ross-6-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/ross-6-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>nicht drinnen, sondern drau\u00dfen<br>nicht aufgenommen, sondern abgeschoben<br>nicht beachtet, sondern \u00fcbersehen<br>er geh\u00f6rt nicht dazu<\/p>\n\n\n\n<p>hinter den T\u00fcren wird gefeiert<br>es gibt gen\u00fcgend Brot<br>es wird getanzt und gelacht<br>er geh\u00f6rt nicht dazu<\/p>\n\n\n\n<p>er h\u00f6rt die Musik<br>er riecht das frische Brot<br>er sehnt sich nach Gemeinschaft<br>er geh\u00f6rt nicht dazu<\/p>\n\n\n\n<p>hinter den T\u00fcren ist es nobel<br>man kleidet sich in k\u00f6niglichen Purpur<br>man tr\u00e4gt priesterliche Gew\u00e4nder aus Leinen<br>man geh\u00f6rt zur besseren Gesellschaft<\/p>\n\n\n\n<p>Hunde lecken an seinen Geschw\u00fcren<br>ausgesetzt dem Wind und dem Wetter<br>er hat einen Namen<br>Lazarus geh\u00f6rt nicht dazu<\/p>\n\n\n\n<p>er ist nun in Abrahams Scho\u00df<br>er kann feiern und lachen<br>er hat Brot und Wein<br>Lazarus angekommen hinter den himmlischen T\u00fcren<\/p>\n\n\n\n<p>klaus.heidegger, 24.9.2022<\/p>\n\n\n\n<p>(zu Lk 16,19-31)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine existenzielle Deutung der Geschichte vom armen Lazarus und dem reichen <\/strong>Prasser<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Name Lazarus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir den Namen Lazarus h\u00f6ren, denken wir meistens zun\u00e4chst an eine andere Geschichte. Auch der Mann, den Jesus laut Johannesevangelium von den Toten auferweckt, tr\u00e4gt den Namen Lazarus. Mit der Beispielerz\u00e4hlung in Lk 16,19-32 hat dieser Auferweckte nichts zu tun. Die Wortbedeutung passt jedoch f\u00fcr beide Erz\u00e4hlungen. Lazarus hei\u00dft auf Hebr\u00e4isch El-Azahr was hei\u00dft: Gott hat geholfen. Der Begriff Lazarett hat hier seinen etymologischen Ursprung. Sicher ist der Name Lazarus f\u00fcr die Geschichte nicht zuf\u00e4llig gew\u00e4hlt. Sie f\u00fchrt uns zu zwei Fragen: Wo und wie kann g\u00f6ttliche Hilfe erfahrbar werden, so dass im Nachhinein gesagt werden kann: \u201eGott hat geholfen!\u201c Bewusst hat der Arme bzw. die Armut in dieser lukanischen Geschichte einen Namen bekommen, so wie der Blinde eben auch nicht namenlos bleibt, sondern Bartim\u00e4us hei\u00dft. In der Gottesherrschaft bekommen die Armen, Verzweifelten, An-den-Rand-Gedr\u00e4ngten und Traurigen einen Namen, wobei die in ihrem Reichtum Verschlossenen nicht namentlich genannt werden. Die Frage f\u00fcr uns lautet: Welcher Armut in unserer Gesellschaft oder in unseren Lebenskontexten geben wir einen Namen? Wo entdecken wir bei uns Grundhaltungen des reichen Prassers und wollen und k\u00f6nnen wir uns den N\u00f6ten von Menschen um uns oder in der Welt nicht \u00f6ffnen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Exegetische Hinweise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Formgeschichtlich ist die Geschichte vom armen Lazarus und dem reichen Prasser eine typische Beispielerz\u00e4hlung, die uns exemplarisch verdeutlichen will, wie menschliches Leben gelingen kann. Damit werden nicht reale Aussagen \u00fcber den Himmel oder die H\u00f6lle gemacht, wie es gerne in solche Geschichten f\u00e4lschlicherweise hineingelegt wird. Die Beispielerz\u00e4hlung ist typisch f\u00fcr das lukanische Sondergut \u2013 jenem Quellenmaterial, das von der lukanischen Redakteursgruppe im Jahre 80 rund um die Jesusworte und die Vorlage aus dem Markusevangelium konstruiert worden ist. Man geht davon aus, dass zu dieser Zeit Spannungen zwischen Reichen und Armen in der Gemeinde vorhanden waren. Der Typos vom \u201egerechten Leidenden\u201c geh\u00f6rt zur j\u00fcdischen Mystik \u2013 sp\u00e4testens seit dem babylonischen Exil, las 90 Prozent der Bev\u00f6lkerung verarmt war. Man wusste: Armut ist nicht eine Strafe Gottes f\u00fcr ungerechtes Verhalten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lazaruserfahrungen im Heute<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir an Lazarus in der heutigen Zeit denken, dann g\u00e4be es viele Beispiele: Die materiell Armen oder Verarmten, die vor den T\u00fcren der Reichen liegen, gibt es in den Spaltungen zwischen dem Norden und den L\u00e4ndern im globalen S\u00fcden, zwischen denen in unserem Land, die mehr als ausreichend Besitz und Einkommen habe und jenen, die mit den gegenw\u00e4rtigen Teuerungen kaum mehr zurecht kommen. Die Lazarusse heute sind die Fl\u00fcchtlinge, die an den Wohlstandsmauern scheitern. Sicherlich hatte die lukanische Gemeinde wirtschaftliche Ungleichheiten im Blick.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Reichtumskritik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aufpassen m\u00fcssen wir freilich, nicht in eine plumpe klassenk\u00e4mpferische Anti-Reichen-Rhetorik zu rutschen. Das w\u00fcrde dem Sinn des Evangeliums nicht entsprechen. Es geht nicht um eine Kritik an &#8222;den Reichen&#8220;, sondern um eine Kritik an einer Grundhaltung, die in diesem Fall mit Reichtum verkn\u00fcpft ist. Kritisiert wird, dass der geschilderte Reiche gar nicht wahrnehmen will, dass da vor seinen Toren ein Mensch ist, der Hilfe br\u00e4uchte und dem er helfen k\u00f6nnte. Es geht also um eine verweigerte Hilfeleistung, um mangelnde Empathie dem Leidenden gegen\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Himmel und H\u00f6lle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine h\u00f6chst bedenkliche Leseart des Evangeliums hat sich freilich auch festgefressen in den K\u00f6pfen der Menschen. Man liest die Geschichte wie eine Straf- und Drohpredigt. Der b\u00f6se reiche Prasser wird im Jenseits bestraft, w\u00e4hrend der gerechte Leidende im Himmel belohnt wird. Eine solches Narrativ ist tiefste schwarze P\u00e4dagogik, die dem Wesen jeder barmherzigen Religion widerspricht. Wenn Jesus &#8211; bzw. eben seine Redakteure &#8211; von Himmel und H\u00f6lle sprechen, dann geht es nicht um jenseitige Wirklichkeiten, die nach dem Tod einmal eintreten, sondern um realpr\u00e4sentische Zust\u00e4nde. H\u00f6lle ist das, was Jean Paul Sartre  in seinem existenzialistischen Werk &#8222;Eine geschlossene Gesellschaft&#8220; in einem Schl\u00fcsselsatz so formulierte:  &#8222;Die H\u00f6lle, das sind die anderen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00f6lle, das ist letztlich der Lockdown, in den sich der Reiche begeben hat, das ist Sartres &#8222;Geschlossene Gesellschaft&#8220;. In diesem kurzen St\u00fcck erz\u00e4hlt Jean-Paul Satre von drei Menschen, die in einem Raum eingesperrt sind. Da findet man nicht wie in biblischen Erz\u00e4hlungen Folterwerkzeuge oder ewiges Feuer. Es gibt aber weder Tag noch Nacht und die Eingeschlossenen haben keine Augenlider, mit denen sie ihre Blicke verstecken k\u00f6nnten. Sie k\u00f6nnen einander nicht entkommen. Ihr Versuch, den anderen etwas vorzumachen, um bewundert zu werden, scheitert. Sie sind eingeschlossen, solange sie abh\u00e4ngig sind vom wohlwollenden Blick der anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese H\u00f6llensicht er\u00f6ffnet dann den Blick, was eben der Himmel sein k\u00f6nnte: Wenn wir die M\u00f6glichkeit ergreifen, unsere Freiheit zu leben, wo der Blick des anderen mich nicht festlegt und reduziert auf das, was ich sein soll oder gewesen bin, sondern darauf, was ich in Freiheit leben k\u00f6nnte. Im optimistischen Pessimismus von Sartre liegt freilich immer auch die Kernaussage der Lazarusgeschichte. Er braucht jemanden, der sein Sehnen zur Erf\u00fcllung bringen kann. Es ist immer zugleich eine bedingte Freiheit, die uns Menschen geschenkt ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ausgrenzungserfahrungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen an viele andere Situation denken, wo Menschen ausgegrenzt werden  \u2013 quasi vor den T\u00fcren liegen. Lazaruserfahrungen gibt es rund um uns und in unserem eigenen Leben. Dann, wenn Menschen nicht in eine Gemeinschaft hinein kommen k\u00f6nnen, wenn sie ausgesto\u00dfen werden, wenn sie vielleicht selbstverschuldet in sich vergraben sind, wenn strukturelle Umst\u00e4nde Ausschlusssituationen erzeugen, wenn die Sehnsucht nach Gemeinschaft und einem Dazugeh\u00f6ren unbeantwortet bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Wir erleben allerdings genauso, wie gut es uns selbst tut, wenn wir uns von der Haltung des reichen Prassers selbst oder mit Hilfe von anderen befreien k\u00f6nnen, wenn T\u00fcren aufgehen und neues, frisches Leben einziehen kann. Da sind selbst kleine Alltagserfahrungen von offenen T\u00fcren und damit offenen Herzen heilend und wohltuend, dass ein kleines St\u00fcck Himmelreich sp\u00fcrbar wird. Auf einer solchen Erfahrungsebene l\u00e4sst sich dann als Antithese zu Sartre postulieren: &#8222;Der Himmel, das sind die anderen.&#8220; Um es konkret zu nennen: Der Himmel sind Menschen, die deine Wunden mit einem heilenden Blick sehen. Der Himmel ist die wechselseitige Erfahrung: Wir werden uns nie &#8211; und schon gar nicht, wenn wir einander brauchen &#8211; vor den Toren liegen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, Gedanken zum Sonntagsevangelium, 25. 9. 2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/ross-6-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>nicht drinnen, sondern drau\u00dfennicht aufgenommen, sondern abgeschobennicht beachtet, sondern \u00fcbersehener geh\u00f6rt nicht dazu hinter den T\u00fcren wird gefeiertes gibt gen\u00fcgend Brotes wird getanzt und gelachter geh\u00f6rt nicht dazu er h\u00f6rt die Musiker riecht das frische Broter sehnt sich nach Gemeinschafter geh\u00f6rt nicht dazu hinter den T\u00fcren ist es nobelman kleidet sich in k\u00f6niglichen Purpurman tr\u00e4gt&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8028,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[1294,1295,1296],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8026"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8026"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8026\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8050,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8026\/revisions\/8050"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/8028"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8026"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8026"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8026"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}