{"id":8095,"date":"2022-10-06T08:05:08","date_gmt":"2022-10-06T08:05:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8095"},"modified":"2022-10-07T20:52:04","modified_gmt":"2022-10-07T20:52:04","slug":"ein-gletschererlebnis-unerwuenschter-art","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8095","title":{"rendered":"Ein Gletschererlebnis unerw\u00fcnschter Art oder: von brachialgewaltiger Anpassung der Natur an entfremdete Bed\u00fcrfnisse"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Durch das \u00d6tztal<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/rett-1-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/rett-1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8096\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/rett-1-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/rett-1-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/rett-1-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/rett-1-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/rett-1-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Mein Start ist in \u00d6tztal Bahnhof. Das geplante Ziel, die Gletscherstra\u00dfe auf den Rettenbach- bzw. Tiefenbachferner mit dem h\u00f6chsten Punkt auf 2830 m, hatte ich bislang immer vermieden, auch wenn es eine klassische sportliche Herausforderung f\u00fcr Rennradfahrende darstellt. Das Skispektakel oberhalb von S\u00f6lden ist nicht meine Welt. Der Verkehr auf der \u00d6tztalstra\u00dfe ist im Sommer unertr\u00e4glich. Die Hotspots des Tourismus meide ich, wenn es geht, weil sie meiner Seele nicht gut tun. Die Vermutung, dass so ganz au\u00dferhalb der Saison und mitten in einer Woche weniger Verkehr ist, war falsch. Schon bei der kurzen Fahrt bis \u00d6tz habe ich das Gef\u00fchl, als w\u00e4re die halbe Bev\u00f6lkerung des Tales zugleich talaus- oder talein unterwegs und als g\u00e4be es Hunderte Gro\u00dfbaustellen ebendort. Daher weiche ich, wo immer es geht, auf den Radweg aus, der von \u00d6tz bis nach S\u00f6lden angelegt ist, allerdings mit dem Rennrad nicht immer gut befahrbar ist. Ich fahre ohne Eile, lasse mich auf das herbstliche Farbenspiel des Morgens ein und meditiere, w\u00e4hrend ich fahre und bleibe an manchen Stellen stehen, um einen Blick l\u00e4nger zu genie\u00dfen oder eine versteckte Kapelle zu fotografieren. \u00dcber den Ortschaften liegt gr\u00e4ulicher Nebel von den Heizungsanlagen und es riecht nach den Abgasen von Holz\u00f6fen. Abseits der l\u00e4rmenden Bundesstra\u00dfe gibt es noch verstreut alte Bauernh\u00f6fe. Die Felder entlang des Radweges riechen nach der letzten Mahd des Jahres. Andernorts fressen K\u00fche nun das Talgras. &nbsp;Erst vor kurzem wurden sie von den Almen geholt. Sie glotzen den einsamen Radfahrer verwundert an. W\u00e4hrend ich durch die Orte fahre, kommen mir gef\u00fchlsgetr\u00e4nkte Gedanken in den Sinn von erlebten Berg- und Skitouren aber auch von Bildungsaktivit\u00e4ten, die mich biographisch mit den einzelnen Orten verbinden. Ein Seminar f\u00fcr die Katholische Jugend, das ich mehrere Tage in K\u00f6fels gestaltete; ein Eis mit Kirschengeschmack nach einem Klettersteig in Umhausen; die Halbmarathons, die ich in L\u00e4ngenfeld lief; der k\u00fchne Renhard-Schiestl-Klettersteig  \u2026 und dann sind es Gedanken an die Fahrten hinaus durchs \u00d6tztal, wenn ich vom Timmelsjoch kam oder zuletzt im Pulk beim \u00d6tztal-Radmarathon. Radfahren weckt eben immer wieder Geschichten aus meinem Leben in mir wach. Der Radweg \u00fcber die \u00d6tztalstufen ist aufw\u00e4ndig gemacht mit Serpentinen und eigenen stolzen Radwegbr\u00fccken. So ganz m\u00fchelos ist S\u00f6lden da. 40 Kilometer sind hinter mir. Alles scheint in diesem eigenartigen Ort k\u00e4uflich und vermarktbar zu sein. Am Dorfeingang der Tourismusmetropole locken grelle Schilder mit \u201eGIRLS &amp; MORE\u201c, dann kommen die Hotels, Restaurants, Gesch\u00e4fte und Bars und riesige Parkgaragen und am Ende des Dorfes noch einmal Reklametafeln f\u00fcr ein bestimmtes Gewerbe. Weibliche K\u00f6rper werden als k\u00e4ufliche Ware angeboten \u2013 so wie die Natur einem Raubkapitalismus geopfert wird. Die Pfarrkirche duckt sich an den Abhang, als wollte sie nicht diesem Treiben ihren Segen geben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gletscherstra\u00dfe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>14 Kilometer sind nicht viel f\u00fcr eine Rennradstrecke. Allerdings sind sie ganz besonders. Die Steigung betr\u00e4gt fast durchgehend 13 Prozent. Zum Gl\u00fcck fahren an diesem Tag in der Nachnach- oder Vorvor-Saison kaum Autos oder Motorr\u00e4der. Nur manchmal kommen mir die kleinen Mannschaftsbusse von irgendeiner Trainingsgruppe entgegen. Eine Ziegenherde kann gem\u00fctlich die Stra\u00dfe ben\u00fctzen und selbst die Raupen werden es schaffen, \u00fcber die Stra\u00dfe zu kriechen, ohne \u00fcberfahren zu werden. Der Himmel ist herbstlich-stahlblau. Die Almb\u00f6den sind r\u00f6tlich-braun gef\u00e4rbt. Durch das Rettenbachtal windet sich eine k\u00fcnstlich angelegte Piste, auf der gerade Skikanonen in Stellung gebracht werden. \u201eIn Stellung bringen\u201c \u2013 eine Formulierung, die passt. Es ist ein CO-2 intensiver Kampf, der gegen das Klima gef\u00fchrt wird. Am Ende des Tales sehe ich schon von weitem die plattgewalzten Pisten \u00fcber den Gletscherfl\u00e4chen. Ich fl\u00fcchte mich gleich \u00fcber die Parkfl\u00e4chen bei der Rettenbachferner-Arena zum Tunnel, der auf die andere Seite zum Tiefenbachferner f\u00fchrt. Auch hier wieder ein Superlativ: der h\u00f6chste Stra\u00dfentunnel der Welt. Den Tunnelausgang habe ich als kleines, helles Licht vor Augen. Zum Gl\u00fcck fahren gerade keine Autos und Motorr\u00e4der. Nach dem fast 2 Kilometer langen Tunnel ist jene Stelle, der als \u201eh\u00f6chster mit dem Rennrad erreichbarer Punkt der Alpen\u201c gilt. Das Gef\u00fchl, mich in der Bergwelt wohl zu f\u00fchlen, bleibt heute v\u00f6llig aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gletscherschock<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Superlative des h\u00f6chsten Punktes wird erschlagen von dem, was ich hier oben sehe. Jetzt wei\u00df ich, warum ich bislang nie da hinaufgefahren bin. Hinter dem Tunnel \u00a0ist am Rande des Tiefenbachferners eine Gro\u00dfbaustelle. Riesige Parkfl\u00e4chen wurden vor die Liftanlagen auf 2800 m planiert, von denen die Liftst\u00fctzen bis weit auf die Dreitausender hinaufgehen. Dort oben ist auch das Wahnsinnsprojekt der Zusammenschlie\u00dfung mit dem Pitztaler Skigebiet geplant \u2013 oder doch schon vom Tisch der Gletscherkaiser genommen, die in dieser Gegend regieren? \u201eEs ist l\u00e4ngst genug! Zu viel von hochalpiner Landschaft wurde bereits zerst\u00f6rt\u201c, schreit es in mir, w\u00e4hrend ich die tonnenschweren Ratracs h\u00f6re, die den frischen Schnee der vergangenen Tage zusammenschieben und w\u00e4lzen. Kurz bleibe ich dann doch noch auf der anderen Seite beim Rettenbachferner stehen. Ich habe mehr das Gef\u00fchl, in einem Industriegel\u00e4nde als in hochalpiner Landschaft zu sein. Die blau gef\u00e4rbte Gletscherzunge sehe ich hinter einem \u00fcberdachten F\u00f6rderband, auf dem sich Skifahrer zum Lift bef\u00f6rdern lassen wie Gep\u00e4cksst\u00fccke in der Halle eines Flughafens. Nur sp\u00e4rlich bedeckt mit Neuschnee sind die Felsen am absterbenden Eisbruch. Die neu entstandenen Gletscherseen sind Zeugen der Gletscherschmelze. Statt Rettenbachgletscher hei\u00dft es nun wohl Rettenbachsee. Die riesigen Parkfl\u00e4chen auf mehrere Ebenen wirken wie ein surrealer Alptraum. Tats\u00e4chlich haben die S\u00f6ldener Gletscher keine anderen Zubringeranlagen im Herbst als eine Fahrt \u00fcber die Gletscherstra\u00dfe. Um \u00fcberhaupt in dieser Gegend ein Skifahren zu erm\u00f6glichen, muss eben gebaggert werden, was das Zeug h\u00e4lt. Die Natur wird bestimmten menschlichen Bed\u00fcrfnissen angepasst \u2013 nicht der Mensch passt sich an die Natur an. Die Geschichte dieses Skigebietes erz\u00e4hlt von all den Absurdit\u00e4ten: Beheizbare Sattelst\u00fctze, die in den Gletscher gebaut wurde \u2013 und dann doch nie ben\u00fctzt wurde; Liftst\u00fctzen auf Gletscherfl\u00e4chen, die mit dem Eis sich bewegen und st\u00e4ndig erneuert werden m\u00fcssen; Tonnen von Schutt, der auf Eisresten liegt. Ein Sommerskilauf ist auf den Gletscherresten ohnehin nicht mehr m\u00f6glich. Ein Sattelschlepper qu\u00e4lt sich die steile Bergstra\u00dfe hinauf. Es wird kr\u00e4ftig an den B\u00fchnenanlagen gebaut. In gut zwei Wochen ist Weltcupauftakt. Spiele in Zeiten von Klima- und Energiekrise. Seit 30 Jahren findet das Weltcup &#8222;Opening&#8220; am Rettenbachferner statt. Das \u00d6kologie-Thema wird verdr\u00e4ngt, auch wenn selbst bekannte Rennl\u00e4ufer auf einen sp\u00e4teren Start dr\u00e4ngen. Am Rande stehen die Schneekanonen, mit denen in Zeiten der Erderhitzung die Gletscherskigebiete beschneit werden. Ich lehne mein Rennrad an eine abgestellte Baggerschaufel, h\u00f6re das Dr\u00f6hnen von Motoren. \u201eSnow-Farming\u201c-Realit\u00e4t. Der \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck f\u00fcr diese Art des Tourismus ist gigantisch. Ein tonnenschwerer Ratrac bereitet den Weltcuphang vor. Wie muss es erst zugehen, wenn dann Tausende Skifahrer hier oben sind und die Parkpl\u00e4tze voll mit Autos sind? Schnell  sause ich hinunter, ich habe mehr als genug Wunden gesehen, verlasse das Gebiet, das die S\u00f6ldner Tourismusindustrie als \u201ebike republic\u201c ausgerufen hat \u2013 und nehme den schnellsten Weg zur\u00fcck durch das \u00d6tztal zu meinem Ausgangspunkt. 2820 H\u00f6henmeter und 110 Kilometer, gef\u00fcllt mit Gedanken und Gef\u00fchlen und dem Wissen: meine Wunschheimat sieht anders aus. Sie ist dort, wo Menschen im Einklang mit der Natur leben und nicht gegen sie!<\/p>\n\n\n\n<p>5. Oktober 2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/rett-1-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>Durch das \u00d6tztal Mein Start ist in \u00d6tztal Bahnhof. Das geplante Ziel, die Gletscherstra\u00dfe auf den Rettenbach- bzw. 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