{"id":8818,"date":"2023-03-30T06:33:14","date_gmt":"2023-03-30T06:33:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8818"},"modified":"2023-03-30T06:33:35","modified_gmt":"2023-03-30T06:33:35","slug":"bleiben-in-der-fremde-eine-ausstellung-im-taxispalais-kunsthalle-tirol","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8818","title":{"rendered":"\u201eBLEIBEN IN DER FREMDE\u201c \u2013 eine Ausstellung im Taxispalais Kunsthalle Tirol"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/bleiben-3-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/bleiben-3-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8819\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/bleiben-3-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/bleiben-3-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/bleiben-3-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/bleiben-3-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/bleiben-3-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Seelenversunken verliere ich mich in der Innsbrucker Prachtstra\u00dfe. Die goldenen Riesenosterhasen an der Fassade des Einkaufstempels schrecken mich eher ab, als dass sie mein verlorenes Ich ins hektische Treiben locken w\u00fcrden. In diesem Getriebe f\u00fchle ich mich wie ein Fremder. Mein innerlich suchender Blick bleibt vor dem Landhaus beim wei\u00dfen Plakat mit dem tiefsinnigen Titel \u201eBLEIBEN IN DER FREMDE\u201c h\u00e4ngen. Ein Spiel mit zwei Begriffen, die k\u00fcnstlerisch in Schwarz-Wei\u00df und Graut\u00f6nen zusammengef\u00fcgt sind. \u201eGURBETTE KALMAK\u201c ist als zweiter Titel \u00fcber das \u201eBLEIBEN IN DER FREMDE\u201c gelegt, das verschwommen wirkt. Das Plakat selbst wird zum Kunstwerk mit begrifflicher Spielerei. Der Titel zieht mich an. Hat wohl auch mit seiner dialektischen Bedeutung zu tun, der zwei zun\u00e4chst antagonistisch konnotierte Begriffe zusammenf\u00fchrt. Das Fremde als Bezugsgr\u00f6\u00dfe, wo man nicht daheim ist, wo man entwurzelt ist, wo man sich selbst als unbeheimatet suchend f\u00fchlt. Ein Ort also, wo man eigentlich nicht auf Dauer \u201ebleiben\u201c m\u00f6chte. Und doch geschieht es, dass man in der Fremde bleibt bzw. scheinbar alternativlos bleiben muss und eine Beheimatung nicht stattfinden kann. Trifft es etwa auch auf mich zu: \u201eBleiben in der Fremde\u201c? Die Massen gehen in das Einkaufszentrum. Es kommt mir vor, als verschl\u00e4nge es wie ein Monster Menschenmassen und verdaute es in seinen Ged\u00e4rmen von Rolltreppen und Stiegen, in denen piepsende Ger\u00e4te wie Verdauungsger\u00e4usche sind. Mich zieht es in die Ausstellung. Da bin ich fast allein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGURBETTE KALMAK\u201c hei\u00dft \u201eBLEIBEN IN DER FREMDE\u201c in t\u00fcrkischer Sprache. Linnea Streit, die Projektleiterin vom Taxispalais, erkl\u00e4rt tiefsinnig die Hintergr\u00fcnde der Ausstellung. Kuratiert wurde sie bewusst in Teamarbeit der Direktorin vom Taxispalais mit G\u00fcroy Dogtas, einem Kurator mit t\u00fcrkischem Hintergrund. Nur so kann authentisch der Blickwinkel jener zur Sprache kommen, die in den 1970er Jahren im Zuge der Arbeitsmigration aus der T\u00fcrkei nach Westdeutschland kamen. &nbsp;Als Fremde wurden sie wahrgenommen, als Fremde erlebten sie sich, als Fremde wurden sie benutzt und ausgegrenzt zugleich, als Fremde sind sie geblieben. Die Artikulationsformen in der Ausstellung sind zum einen ausdrucksstarke Bilder. Hanefi Yeter hat eine Abschiedsszene gemalt: Ein Mann am Zugfenster, der beide H\u00e4nde an die Scheibe h\u00e4lt, so als w\u00fcrde er noch seiner Frau und seinem Kind zuwinken. Der Kopf der Frau spiegelt sich verschwommen in der Scheibe, die nun zur Trennung wird. Vom gleichen K\u00fcnstler sind auch die anderen \u00d6lgem\u00e4lde. \u201eKinderw\u00fcnsche\u201c hei\u00dft eines. Die drei Kinder aus einer t\u00fcrkischen Migrationsfamilie blicken mit gro\u00dfen, fast leeren Augen den Betrachter an. \u00dcber ihnen ist wie in einer Kinderzeichnung ein Spielplatz dargestellt. Sind sie ausgeschlossen davon? In ihren engen Wohnungen eingesperrt, in denen eine andere Sprache gesprochen wird? Das Bild ist 50 Jahre alt. Und heute? Ich denke an Udo Landbauer und seine Marionetten und Claqueure, die heute wollen, dass im Schulhof nur mehr Deutsch in nieder\u00f6sterreichischem Idiom gesprochen wird. Eine Installation zeigt den \u201eTurm von Babel\u201c. Acht TV-Monitore sind in einem Kreis auf Stelen aufgestellt und zeitgleich laufen dort Filme und es entsteht ein Sprachengemisch, das zur Unverst\u00e4ndlichkeit wird. Es wird geredet und man versteht zun\u00e4chst doch nichts. Am meisten allerdings sprechen mich wieder Gedichte an, die ich in der Ausstellung entdecke. Sie sind von Semra Ertan. Sie wuchs zun\u00e4chst in der T\u00fcrkei auf und zog 1972 mit 16 Jahren nach Deutschland zu ihren Eltern, die dort arbeiteten. In ihren Gedichten fand sie eine Sprache, um den Wunsch nach gesellschaftlicher Gleichberechtigung und die Wut angesichts von Diskriminierungen auszudr\u00fccken, vor allem aber auch, um Worte zu finden f\u00fcr das, was jede Fremdheit letztlich im Tiefsten \u00fcberwinden kann: Die Erfahrung von wechselseitiger Liebe. Mit einem Gedicht von ihr gehe ich als Fremder aus der Ausstellung. \u201eFinden ist sch\u00f6n, \/ wenn du suchen kannst. \/ Gesucht werden ist sch\u00f6n, \/ wenn du dich suchen l\u00e4sst. \/ Lieben ist sch\u00f6n, \/ wenn du dich lieben l\u00e4sst. \/ Die Liebe ist sch\u00f6n, \/ wenn du kannst!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>klaus.heidegger, 30. M\u00e4rz 2023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/bleiben-3-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>Seelenversunken verliere ich mich in der Innsbrucker Prachtstra\u00dfe. 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