{"id":8827,"date":"2023-04-02T14:58:00","date_gmt":"2023-04-02T14:58:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8827"},"modified":"2023-04-02T15:00:51","modified_gmt":"2023-04-02T15:00:51","slug":"8827","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8827","title":{"rendered":"Paradoxe Intervention vor dem Pessachfest: Palmsonntag historisch-kritisch gedeutet"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8829\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Wer hat gejubelt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Samstagvorabendmesse vor dem Palmsonntag. Wieder einmal bin ich einer Predigt ausgesetzt, die gehalten wird, als g\u00e4be es keine historisch-kritische Jesusforschung und keine historisch-kritische Exegese der biblischen Texte. Dann geschieht es, dass bestimmte Narrative weiter verk\u00fcndet werden, die die Bedeutsamkeit eines Textes verstellen oder gar ins Gegenteil verkehren. Das Evangelium taugt dann besser f\u00fcr eine idealistische Deutung der Wirklichkeit, bei der vor allem die politischen Dimensionen ausgespart werden bzw. der revolution\u00e4re Geist drau\u00dfen bleibt. So hie\u00df es auch diesmal mit warnendem Zeigefinger: Das Volk, das beim Einzug in Jerusalem gejubelt habe, habe dann gerufen, \u201eans Kreuz mit ihm\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Stimmt nicht, sagt uns die Forschung: Jene, die Jesus als Befreier bejubelten und ihn in der messianischen Tradition sahen, waren Menschen aus den Provinzen, vor allem auch aus Galil\u00e4a, die anl\u00e4sslich des Pessachfestes nach Jerusalem gekommen waren. Beim Einzugsjubel war die j\u00fcdische Lokalaristokratie, die als Kollaborateure der r\u00f6mischen Besatzungsherrschaft in der Hauptstadt wohnten, nicht dabei. Auch die Bewohnerinnen und Bewohner Jerusalems, die abh\u00e4ngig waren vom \u00f6konomischen Ausbeutungssystem, das sich rund um den Tempel gebildet hatte, den Jesus im Kontext des Evangeliums bei der so genannten \u201eTempelreinigung\u201c mit dem prophetischen Begriff \u201eR\u00e4uberh\u00f6hle\u201c bezeichnet hatte, d\u00fcrften keine Palmzweige gewedelt haben. Sie konnten vielmehr, so die Logik in der Passionsgeschichte, ben\u00fctzt werden und sich gut gebrauchen lassen, um dann \u201eans Kreuz mit ihm\u201c zu rufen. Die jesuanische Bewegung hingegen st\u00f6rte die herrschende \u00f6konomische Ordnung und das politische Ausbeutungssystem. \u201eHosianna!\u201c riefen all jene, die sich \u2013 ganz in der Tradition des Pessachfestes \u2013 nach Befreiung von Unterdr\u00fcckung und Besatzung sehnten und in denen die messianische Hoffnung lebte. Ihr Hosianna haben sie auch am Karfreitag sicher nicht aufgegeben, als Jesus verurteilt und grausam hingerichtet worden ist. Daher noch einmal: Die \u201eHosianna\u201c-Rufer und die \u201eAns-Kreuz-mit-ihm\u201c-Rufer waren ganz kontr\u00e4re Gruppen zur Zeit Jesu. Wenn dies nicht beachtet wird, dann k\u00f6nnten allzu schnell antijudaistische Denkmuster und Stereotype weiterwirken, die den Kellernazis unserer Zeit gefallen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was wurde gerufen? Der Hosianna-Ruf<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBewahre uns vor dem Jubel!\u201c, hie\u00df es bei diesem Gottesdienst dann auch, so als sei der Jubel, der den Einzug in Jerusalem kennzeichnete, falsch gewesen. Das Gegenteil will uns das Evangelium am Anfang der Passionsgeschichte sagen: Wer unterdr\u00fcckt wird, wer die Unfreiheiten sp\u00fcrt, wer sich nach messianischer Befreiung sehnt, soll laut rufen: Hosianna, das hei\u00dft \u201eHerr hilf\u201c. Es ist der Hilferuf, den ich bei den Aktionen der Letzten Generation so deutlich wahrnehme. Angesichts der Klimakrise und ihrer desastr\u00f6sen Auswirkungen kann nicht laut genug \u201eHosianna\u201c gerufen werden. Hilf, Herr! Es ist weiters heute auch der Hilferuf angesichts der vielen Kriege auf der Welt! Hilf, Herr!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der st\u00f6rrische Esel und der Gewaltverzicht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Palmsonntags-Evangelium liest sich wie ein Musterbeispiel einer Aktionsform aus dem breiten Feld des gewaltfreien Widerstands bzw. des zivilen Ungehorsams. Man k\u00f6nnte es auch als paradoxe Intervention bezeichnen. Paradox, weil zum einen bewusst ein k\u00f6niglicher Anspruch wahrgenommen wird, zugleich aber dieses K\u00f6nig-Narrativ konterkariert wird mit dem Reiten auf dem Fohlen einer Eselin. Ein K\u00f6nig, so war doch die g\u00e4ngige Meinung, m\u00fcsse mit Gewalt kommen, aber nicht auf dem Reittier der armen und verarmten Bev\u00f6lkerungsmehrheit. Das ist wohl etwas vergleichbar mit Papst Franziskus, der zu Beginn seines Pontifikats vor 10 Jahren einen geschenkten Fiat 500 einem monstr\u00f6sen Dienstfahrzeug der Luxusklasse vorzieht. Die Einzugsgeschichte ist im Kontext der Evangelien daher auch nur zu verstehen, wenn sie mit der Aktion der Tempelreinigung in Beziehung gesehen wird. Die Art und Weise, wie Jesus kritisiert, dass der Tempel zur \u201eR\u00e4uberh\u00f6hle\u201c geworden ist und seine eigentliche Aufgabe l\u00e4ngst verraten hat, ist das Vorzeichen, um den Einzug zu begreifen. Die Pilgerinnen und Pilger in Jerusalem wussten schon vor der Eselaktion, was die messianische Bewegung im Sinn hatte. Sie wussten es vor allem auch, weil sie in den Schriften der Hebr\u00e4ischen Bibel beheimatet waren. Sie kannten die Bibelstelle aus dem Buch des Propheten Sacharja, der einen Friedensk\u00f6nig verhei\u00dfen hatte, der auf dem Fohlen einer Eselin ins Zentrum der Macht einziehen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Aktionen der Letzten Generation im Spiegel des Palmsonntags<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In mehrfacher Hinsicht erinnert mich der bejubelte Einzug Jesu in Jersualem an die Aktionen der letzten Generation. Sie geschehen aus einer radikalen Notlage heraus \u2013 f\u00fcr Jesus war es die Verelendung der Bev\u00f6lkerung verbunden mit den Gewaltspiralen, f\u00fcr die \u201eKlimakleber\u201c sind es die Kipppunkte im Prozess der Erderhitzung. \u201eKlebeaktionen\u201c geschehen absolut gewaltfrei, wie ich bei jeder dieser Aktionen erfahren konnte. Sie geschehen im \u00f6ffentlichen Raum: Die Jesusbewegung w\u00e4hlte bewusst das Zentrum der damaligen j\u00fcdischen Macht, den Tempel und die Stadt Jerusalem, f\u00fcr die Letzte Generation ist es der Raum der am meisten befahrenen Stra\u00dfen. Aktionen geschehen zu wichtigen Zeiten. Jesus w\u00e4hlte die Woche vor dem Pessachfest, die Aktionen der Letzten Generation beginnen meist zu Beginn einer neuen Arbeitswoche und w\u00e4hrend der morgendlichen Rushhour. Die Aktivistinnen und Aktivisten der Letzten Generation nehmen Nachteile und Unbilligkeiten auf sich. Zugleich sind ihre Aktionen bestens vorbereitet. Auch die Palmsonntagsaktion war, so k\u00f6nnen wir allen vier Evangelien entnehmen, minuti\u00f6s vorbereitet. Jesus und seine Freundinnen und Freunde wussten genau, wo dieses Eselsfohlen zu finden war, was zugleich aber bis in den innersten Kreis noch ein Geheimnis blieb, um dann wie bei einem \u00dcberraschungscoup \u2013 als solches mussten es wohl die siegessichere Herrscherclique empfinden \u2013 die Aktionsform zu setzen. Vieles deutet daraufhin, dass die Pilgerinnen und Pilger in der Stadt schon durch Mundpropaganda vorinformiert gewesen sind. Wenn am Palmsonntag Kardinal Erzbischof Sch\u00f6nborn im ORF-Gespr\u00e4ch \u201ePressestunde\u201c sich als 68er outet, der selbst an studentischen Protestbewegungen teilnahm und von daher auch Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Aktivistinnen und Aktivisten der Letzten Generation mit Blick auf die Klimakrise hat, dann wird f\u00fcr mich die Palmsonntagsbotschaft hoffnungsvoll kommuniziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, Palmsonntag, 2.4.2022<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8829\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Esel-Blume-1024x768.jpg' class='thumbnail' \/>Wer hat gejubelt? 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