{"id":8834,"date":"2023-04-03T14:07:21","date_gmt":"2023-04-03T14:07:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8834"},"modified":"2023-04-03T16:53:13","modified_gmt":"2023-04-03T16:53:13","slug":"terraforming-und-snowfarming-zivilisationskritische-ueberlegungen-am-rande-und-zugleich-mittendrin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8834","title":{"rendered":"Terraforming und Snowfarming: Zivilisationskritische \u00dcberlegungen am Rande und zugleich mittendrin"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/a-liz-2b-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/a-liz-2b-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8835\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/a-liz-2b-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/a-liz-2b-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/a-liz-2b-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/a-liz-2b-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/a-liz-2b-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Heute anders als fr\u00fcher<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>2022\/23 war der erste Winter, in dem ich mir \u2013 sabbaticalgeschuldet \u2013 das Freizeitticket kaufte. Das orange-hellblau-wei\u00dfe Plastikding mit Chip darin ist wie eine Eintrittskarte, um zumindest manchmal von einer anderen Seite \u2013 jener der Liftben\u00fctzenden, die Bergwelt zu erfahren. Mein \u00d6ko-Herz schl\u00e4gt ja nicht f\u00fcr Liftanlagen, pr\u00e4parierte Pisten und Kunstschnee oder gar eine Ballermann-Atmosph\u00e4re am Rande von eisigen Pisten, wo ich st\u00e4ndig Angst habe, dass mich einer der au\u00dfer Kontrolle geratenen Zeitgenossen mit seinen Ultra-Carvingski von hinten abschie\u00dft, weil mein Fahrstil doch ganz anders aussieht. Vielleicht w\u00fcrde das dann noch mit GoPro-Helm-Kamera gefilmt und ich w\u00e4re unfreiwillig zum Star auf Insta oder Tik-Tok geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher, als die Kinder klein waren, hatte ich \u00f6fters Lifte ben\u00fctzt, um meine Kleinen in die Welt des Skifahrens einzuf\u00fchren und ihnen die entsprechenden Grundlagen zu schenken, wobei ich in der allerersten Phase ihrer Skifertigkeiten auch noch selbst am Melanser H\u00fcgel oder am Pichl in Gnadenwald Lift sein konnte. Am liebsten hatte ich das nahe Skigebiet am Glungezer. Da musste man nicht weit fahren, es gab noch keinen Kunstschnee und der alte Sessellift hinauf nach Halsmarter, der schon seit ein paar Jahren durch eine moderne Gondelbahn ersetzt wurde, versprach jedes Mal ein prickelndes Gef\u00fchl, von dem aus man fast die Fichten links und rechts ber\u00fchren konnte und wo man mit Spannung immer den Liftb\u00fcgel \u00f6ffnete, um rechtzeitig den Absprung zu schaffen. \u00a0Die Weiterfahrt mit dem Schlepper \u2013 eine Gattung Lift, die fast schon der Vergangenheit angeh\u00f6rt \u2013 war dann schon eine gute Einschulung in die Kunst des Skifahrens, war doch die Spur hinauf zur Tulfein sehr steil und als Papa mit einem Kleinen hatte ich auch meist den Liftb\u00fcgel irgendwo im Bereich der Kniekehlen. \u201eFr\u00fcher\u201c, das ist eine gef\u00e4hrliche Vokabel zugleich, die an jene erinnert, die mit verkl\u00e4rtem Blick ins Gestern blicken und das Heute nur schwer akzeptieren k\u00f6nnen. Aber doch noch zur\u00fcck zum noch fr\u00fcheren Fr\u00fcher: Als ich selbst Kind war, konnten wir am nahen H\u00fcgel im Heimatort hinauf\u201cbretteln\u201c und uns so eine Piste machen. Aufw\u00e4rmen war da vor dem Hinunterfahren nicht mehr notwendig. Heute ist das Klima anthropogen aufgew\u00e4rmt und l\u00e4sst die Winter nicht mehr Winter wie fr\u00fcher sein. Skifahren beginnt nun nicht ab 700 sondern 800 H\u00f6henmeter dar\u00fcber. Nach diesem Winter mit dem Schneemangel wird nun wohl eine Trockenheit drohen, so die Klimaforschung, so der Blick in die Fl\u00fcsse und auf die Berge, wo eben zu wenig Schnee in den vergangenen Monaten gefallen ist. Statistisch gesehen soll es ein Drittel weniger gewesen sein als im langj\u00e4hrigen Mittel. Jedenfalls wei\u00df ich, warum ich die Aktionen der Letzten Generation unterst\u00fctze.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist es mir m\u00f6glich, dass ich mit technischer Unterst\u00fctzung von der Innsbrucker Wohnung in weniger als einer Stunde am Hoadl stehen k\u00f6nnte: Mit Rad zum Finanzamt, von dort mit dem Bus in die Axamer Lizum und von 1560m mit der hochmodernen Hoadl-Bahn in 6 Minuten zum Gipfel auf 2340 m. Eine paar Mal habe ich das diesen Winter auch gemacht. Meist aber w\u00e4hle ich die Tourenvariante. Da bin ich beim ersten Aufstieg noch meist allein, kann abseits der Piste dann selbst eine Spur durch den verwehten Schnee und manchmal sogar durch frischen Pulver legen. Jetzt im Fr\u00fchling h\u00f6re ich keine Liftger\u00e4usche, sondern das Zwitschern der V\u00f6gel. In diesem Winter wurde der untere Teil der \u201eHerrenabfahrt\u201c nie zur Piste umgewandelt. Zuletzt allerdings fuhr eine Pistenraupe dar\u00fcber und hat den Schnee aufgew\u00fchlt und dicke Eisknollen hinterlassen \u2013 so als sollte die Aufstiegsvariante mutwillig zerst\u00f6rt werden. Nach ca 500 &nbsp;H\u00f6henmetern komme ich bei der Pleisenh\u00fctte in den Pistenbereich. Als Tourengeher f\u00fchlt man sich am Rande vom Fr\u00f6schl-Reich doch etwas deplatziert und fast schuldig, weil die Berge hier doch f\u00fcr etwas anderes hergerichtet bzw. umgestaltet worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Terraforming und Snowfarming<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Untergrund der Pisten, die links und rechts vom Hoadl in die Lizum hinunterf\u00fchren, ist eisgefrorener Kunstschnee. Dar\u00fcber haben die Pistenraupen in der Nacht die Hunderttausenden Rillen gezogen, die so charakteristisch sind f\u00fcr die Pistenpr\u00e4parierungen. Bald schon werden die ersten Menschen \u00fcber die gerippten eisigen Fl\u00e4chen kratzen, in der scheinbar jede Unebenheit weggemacht wurde. Es ist das Werk der Pistenbullies. 13 Tonnen wiegt so eine Pistenraupe und verbraucht 40 Liter Diesel pro Stunde. Gut 200 Liter also pro Raupe und Nachteinsatz. Wenn mindestens 5 dieser Raupen jede Nacht in der Lizum im Einsatz sind \u2013 am Stubaier Gletscher sind es 15 \u2013 dann sind es 1000 Liter Diesel, die verbrannt werden, einen enormen \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck bedeuten und den Klimawandel befeuern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gipfelgedanken<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei solchen Gedanken f\u00fchle ich mich als \u201eSpielverderber\u201c ertappt. Beim Aufstieg zum Pleisen l\u00e4sst sich gut das Pistengebiet umgehen und je steiler der Hang, desto lieber ist es mir. Allein sitze ich dann beim Kreuz am Pleisen auf 2236 m, blicke hinunter ins Senderstal und das tiefgr\u00fcne Inntal, blicke hin\u00fcber zum Bergrestaurant am Hoadl, wo urbane Selbstbedienungsrestaurant-Kultur auf einer Bergkuppe realisiert wurde, und weiter zu den vielen T\u00fcrmen, Nadeln und W\u00e4nden der Kalkk\u00f6gel, deren Rinnen mich anziehen. Ich f\u00fchle mich einsam am Gipfel mit meinen Gedanken, mit dem Pfefferminztee aus der Thermoskanne und den bunt gemischten N\u00fcssen, und lasse eine Tr\u00e4ne vom Gipfelwind trocknen, bevor ich durch m\u00f6glichst unverspurtes und pistenfreies Gel\u00e4nde wieder hinunterfahre, dorthin, wo sich inzwischen der gro\u00dfe Parkplatz gef\u00fcllt hat. Einer der deutschen Meisterphilosophen, Friedrich Schlegel, pr\u00e4gte einmal den Begriff von der \u201egeordneten Unvernunft\u201c \u2013 noch lange vor dem Bewusstsein der Klimakatastrophe. Zugleich bin ich zufrieden, dass das Skigebiet der Axamer Lizum noch relativ \u2013 das hei\u00dft im Vergleich zu den gro\u00dfen Skigebieten Tirols oder gar den Gletscherskigebieten mit den massiven Eingriffen in das \u00d6kosystem \u2013 angepasst an die Bergwelt geblieben ist. Zum Gl\u00fcck wurden Pl\u00e4ne f\u00fcr eine Skischaukel \u00fcber das Ruhegebiet Kalkk\u00f6gel verhindert. Regen hat eingesetzt. Zum Gl\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, 1. 4. 2023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/a-liz-2b-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>Heute anders als fr\u00fcher 2022\/23 war der erste Winter, in dem ich mir \u2013 sabbaticalgeschuldet \u2013 das Freizeitticket kaufte. Das orange-hellblau-wei\u00dfe Plastikding mit Chip darin ist wie eine Eintrittskarte, um zumindest manchmal von einer anderen Seite \u2013 jener der Liftben\u00fctzenden, die Bergwelt zu erfahren. 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