{"id":8900,"date":"2023-04-24T14:22:01","date_gmt":"2023-04-24T14:22:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8900"},"modified":"2023-05-06T05:02:43","modified_gmt":"2023-05-06T05:02:43","slug":"das-nairz-loch-oberhalb-von-pontlatz-die-geschichte-eines-deserteurs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=8900","title":{"rendered":"<strong>Das \u201eNairz-Loch\u201c oberhalb von Pontlatz: Die Geschichte eines Deserteurs<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/nairz-2-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/nairz-2-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8901\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/nairz-2-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/nairz-2-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/nairz-2-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/nairz-2-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/nairz-2-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Von einem vergangenen Krieg und heldenhaften K\u00e4mpfen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Fr\u00fchlingssonntagmorgen mit Himmelsschl\u00fcsseln am Wegrand und strahlendem Wei\u00df oberhalb der Waldgrenze. Statt mit den Tourenski bin ich heute mit dem Gravelbike auf der Via Claudia unterwegs. Seit kurzem wurde diese Route als besonderer Fernradweg ausgebaut, der von Deutschland \u00fcber den Fernpass bis an die Adria f\u00fchrt. Bei Pontlatz beginnt das Obere Gericht. Das Tal weitet sich und gibt den Blick auf den imposanten Kaunergrat im S\u00fcdosten und den Glockturmkamm im S\u00fcdwesten frei. An dieser Engstelle des Oberen Inntales beginnt das Obere Gericht und das Dorf meiner Kindheit und meiner Vorfahren. Ein Denkmal auf der linksseitigen Flusseite des Inn bei der Pontlatzbr\u00fccke erinnert an die legend\u00e4ren Schlachten, in denen die bayrischen Truppen erstmals 1703 beim Spanischen Erbfolgekrieg und dann wieder 1809 bei den Napoleonischen Kriegen von den Tiroler Sch\u00fctzen \u201ebesiegt\u201c worden sind. Der riesige Bronzeadler mit m\u00e4chtig ausgebreiteten Schwingen und einer Fahne in seinen F\u00e4ngen erz\u00e4hlt von vergangenen Schlachten, die zum Mythos f\u00fcr das wehrhafte Tirol wurden. Es waren Kriege, die eine starke religi\u00f6se Umkleidung hatten. Die \u201eheilige Maria\u201c, die hochverehrte Mutter Gottes, soll stets hilfreich den K\u00e4mpfenden zur Seite gestanden sein. So ist auch auf dem Steinsockel \u00fcber dem Bronzeadler eine Madonnendarstellung. Ich fahre auf der alten Landstra\u00dfe rund 200 Meter entlang des aufgestauten Inn weiter und bin bei der Tullakapelle. Auch hier wieder das Narrativ von Maria, die 1809 zur siegreichen Schlacht gegen bayrische und franz\u00f6sische Soldaten geholfen habe. Dabei soll sich der Pfarrer von Ladis als besonders schie\u00dfw\u00fctig hervorgetan haben.&nbsp; Selbst der Hl. Martin, Patron der Kirchengemeinde von Ladis, soll laut einer legendarischen \u00dcberlieferung den K\u00e4mpfenden hoch zu Ross zur Seite gestanden sein. Ist die Geschichte des Hl. Martin aber nicht gerade eine Geschichte eines Mannes, der den Dienst in der Armee verweigerte, der in der Nachfolge Jesu vom Schlachtross stieg und die Waffen weglegte? Die pazifistische Spur findet sich nicht auf den alten Denkm\u00e4lern. Eine Inschrift in der Tullakapelle lautet: \u201eHier streckten am 9. August 1809 bei tausend Mann feindlicher Truppen vor dem Landsturm des Gerichtes Landeck die Waffen. Ehre den Siegern!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230423_113947-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230423_113947-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8904\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230423_113947-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230423_113947-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230423_113947-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230423_113947-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230423_113947-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Das \u201eNairz-Loch\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wohl niemand kennt jenen Ort besser als Werner Th\u00f6ny, wo sich in den letzten Kriegsmonaten 1944\/45 eine andere Geschichte zutrug. Es ist die Geschichte von Joachim Nairz, eines Mannes, den ich irgendwie als meinen \u201eGro\u00dfonkel\u201c bezeichnen k\u00f6nnte. Jedenfalls war er der Taufpate meines Vaters. Abgesehen von verwandtschaftlichen Konstrukten f\u00fchle ich mich als Pazifist jedenfalls mit dem Wehrmachtsdeserteur verbunden. Werner f\u00fchrt uns in die Steilabbr\u00fcche oberhalb von Pontlatz. Ohne ihn w\u00e4re die H\u00f6hle, in der sich Joachim Nairz nach seiner Desertion versteckt hielt, wohl kaum auffindbar. In der Wildnis von B\u00e4umen, die \u00fcber den Abgr\u00fcnden wachsen, zwischen den Felsbl\u00f6cken des B\u00fcndnerschiefers, f\u00fchrt er uns zur H\u00f6hle, und es ist, als w\u00e4re Joachim Nairz nicht schon 1945 hier ausgezogen. Durch einen verschlie\u00dfbaren Schlitz kommt Licht in die H\u00f6hle, die gro\u00df genug ist f\u00fcr eine Schlafstelle und eine Sitzm\u00f6glichkeit. Werner erkl\u00e4rt uns, wie Joachim das Wasser mit Steinen auffing, um Trinkwasser zu gewinnen. Auf der anderen Seite war der schmale Eingang. Der Zugang ist inzwischen ver\u00e4ndert, weil die H\u00f6hle etwas eingebrochen ist. Die Bretter, mit denen sich der Gefl\u00fcchtete wohnlich einrichtete, ein Regal bastelte und die anderen Notwendigkeiten gestaltete, sind gut erhalten. Selbst das Brennholz ist noch so gestapelt, als w\u00fcrde es der Fahnenfl\u00fcchtige noch ben\u00fctzen. Ein morsche Schuhsole findet sich unter Glasscherben und kleinen Schalt\u00e4felchen. Wurde der Schuh von meinem Opa gen\u00e4ht, frage ich mich. Es h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Mein Opa war ja Schuster damals und mit Joachim Nairz verwandtschaftlich verbunden. In der Einstellung zum Vernichtungskrieg der Wehrmacht d\u00fcrften sie sich aber wohl nicht verstanden haben. Aber dar\u00fcber haben wir leider nie sprechen k\u00f6nnen. Obwohl ich seit meiner Jugendzeit an Friedens- und Widerstandsgeschichten interessiert bin, war es nie ein Thema in unseren Gespr\u00e4chen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Nairz-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"588\" height=\"776\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Nairz-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8902\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Nairz-1.jpg 588w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Nairz-1-227x300.jpg 227w\" sizes=\"(max-width: 588px) 100vw, 588px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Die Geschichte der Desertion<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Roman Kneringer war einer meiner Volksschullehrer. Am besten kann ich mich erinnern, wie er als leidenschaftlicher Kettenraucher am Lehrerpult sa\u00df und an seinen Zigaretten zog, w\u00e4hrend er uns in die Logik des 1&#215;1 und die Welt des ABC ein\u201cweihte\u201c. Hinter ihm hing ein \u201eHeiligen\u201c-Bild von Andreas Hofer neben dem Kruzifix. Manchmal konnte ich ihm \u2013 dem Herrn Oberlehrer und nicht dem Hofer \u2013 mit einer 5-Schilling-M\u00fcnze eine Packung \u201eSmart\u201c kaufen und zu Weihnachten bekam er von meinen Eltern eine ganze Stange geschenkt. Das war nicht Bestechung, damit ich ins Gymnasium gehen konnte, weil ich die Aufnahmepr\u00fcfung, auf die er uns eigens vorbereitete, problemlos bestanden hatte. Roman Kneringer jedenfalls wohnte im Ortsteil Entbruck nur knapp oberhalb des Hauses, in dem Joachim Nairz nach seiner Desertion etwas au\u00dferhalb vom Dorf und unterhalb der Burg Laudegg wohnte und in seiner Schilderwerkstatt arbeitete. Au\u00dferhalb des Dorfes \u2013 es passte symboltr\u00e4chtig dazu, dass seine Fahnenflucht wohl nicht zu den Ritualen im Dorf passte und zu den Verehrungen, die die Kriegshelden der Wehrmacht als Gefallene bekamen. Ihnen wurde auch in Prutz ein gro\u00dfes Denkmal errichtet. Die Namen von Deserteuren finden sich nicht darauf. Man kennt auch ihre Geschichten wohl nicht. Heute gibt es im Prutzer Friedhof nichts mehr, das an Joachim Nairz erinnert. Roman Kneringer hatte nach seiner Pensionierung aber ein Interesse, die Geschichte seines Fast-Nachbarn festzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Biographie von Joachim Nairz beginnt in Grist, einem Bergweiler in der Gemeinde Zams im ersten Jahr des 20. Jahrhunderts. Es ist der Ort, in dem meine Oma aufwuchs, die eine Cousine von Joachim Nairz war. Als Bergbauernkind war er dann mit 12 Jahren \u2013 wie viele seiner Zeit \u2013 gezwungen, als \u201eH\u00fctenkind\u201c ins Schwabenland zu gehen. In Friedrichshafen verkaufte er seine Arbeitskraft am Kindermarkt. Es war ein Leben voller Entbehrungen, voll von R\u00fcckschl\u00e4gen, voll schwerer Arbeit, zugleich voller Erfahrungen. 1943 kam er zur Gendarmerie und er sollte am Posten in Ried die \u201eSchwarzschl\u00e4chter\u201c und \u201eSchwarzarbeiter\u201c aufsp\u00fcren. Das tat er auch, wobei laut seiner Erz\u00e4hlungen er die Strafmandate nur an bekannte Nazis austeilte, w\u00e4hrend er Kritiker des Regimes unbehelligt lie\u00df. Seine Bemerkung mit anschlie\u00dfender Vernaderung durch einen fanatischen Nazi, dass die Amerikaner den Krieg gewinnen w\u00fcrden, brachte ihm eine Versetzung ins Lager Reichenau. Was er dort erlebte, d\u00fcrfte ihn wohl endg\u00fcltig zu einem Widerst\u00e4ndler gemacht haben. Er erz\u00e4hlte Kneringer aus dem Lager in der Reichenau: \u201eStr\u00e4flinge mussten mit leerem Magen, im Winter mit Sandalen, die sie mit Papier umwickelt hatten, schwer arbeiten. Ein nicht mehr arbeitsf\u00e4higer Arbeiter wurde auf einen Lastwagen geworfen und totgetrampelt. Ein Jude, ein gro\u00dfer hungriger Bursche, hatte die Jauchew\u00fcrmer aus der Abortgrube geholt und diese verzehrt wie Zuckerln. Str\u00e4flinge wurden von der SS als Zielscheiben benutzt, von Hunden zerfetzt, in Arrestzellen totgefroren.\u201c Wegen eines Missgeschicks sollte Joachim Nairz dann aber f\u00fcr den Kriegsdienst an der Jugoslawienfront eingesetzt werden. Hier beginnt die eigentliche Desertionsgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-container-2 wp-block-gallery-1 wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped\"><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Er erbat sich noch einen kurzen Heimaturlaub und entwickelte dann einen strategisch genauen Plan f\u00fcr seine Desertion. Fr\u00fchmorgens am 5. Juni 1944 fuhr er mit dem Rad von Prutz nach Landeck. In seinem Gep\u00e4ck hatte er eine Schnapsflasche und ein doppeltes Gewand. Der Br\u00fcckenwache bei der Pontlatzerbr\u00fccke bot er noch einen Schnaps an und tat selbst so, als sei er beschwipst, und sagte den Wachebeamten, es sei ihm nicht gut. Beim Neuen Zoll \u2013 einer Stelle wo es tief in den Inn hinabgeht, warf er dann Rad, Rucksack, Gewand und Dienstm\u00fctze mit eingesticktem Namen hin, streute dort Salz und Pfeffer aus, damit Sp\u00fcrhunde ihn nicht finden k\u00f6nnten, und ging hinauf auf die H\u00f6he bei Niedergallmigg, um die fingierte Unfallsstelle zu beobachten. Alle glaubten, dass er tats\u00e4chlich in den Inn gefallen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit Roman Kneringer hat Joachim dann sein Leben beschrieben, das 1987 wie folgt zu Papier gebracht worden ist: \u201eEinige hundert Meter watete ich durch steiles Gel\u00e4nde einem Bach entlang, besser gesagt, im Bach aufw\u00e4rts, wieder deswegen, um eventuell verfolgenden Hunden die Spur zu nehmen. Endlich gelangte ich zu der mir bekannten H\u00f6hle, in der ich 5 Tage weniger als ein Jahr verbrachte. Kirchtag hatte ich nat\u00fcrlich keinen. Eine Frau aus Niedergallmigg versorgte mich mit den allerwichtigsten Lebensmitteln, oft auf Umwegen und in Lebensgefahr; im Winter nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht, denn dort h\u00e4tte man ja ihre Spuren im Schnee gesehen. Nur einmal am Tag, in der Nacht (meist um Mitternacht) konnte ich kochen, da konnte man den Rauch nicht so gut sehen, auch hatte ich Lebensmittelmangel. Ich kam mir vor wie ein Jagdwild. Ich schreckte auf, wenn ein Hase oder ein Reh um die Wege war. Wie oft verfluchte ich die Hitlerbrut! Oft dachte ich an die Soldaten in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben, in Dreck und Angst, und war dann wieder froh, ruhig schlafen zu k\u00f6nnen. Auch konnte ich die Einschl\u00e4ge der Bomben in Innsbruck oder in M\u00fcnchen in meiner H\u00f6hle wahrnehmen. Im Winter war es besonders schlimm. Etwas Holz hatte ich mir im Herbst zurechtgerichtet. Im Winter durfte ich die H\u00f6hle wegen der Spuren nur in dringendsten F\u00e4llen verlassen. Dann musste ich Schnee sieben, um die Spuren zu verwischen. Vier Monate sah ich keinen Menschen. Die Kartoffeln, etwas 15 kg, waren gefroren, dass sie klingelten wie N\u00fcsse. Brot gab es keines. In der H\u00f6hle war es meist kalt, zentimeterdick war das Eis an den W\u00e4nden, die Schlafstelle war nass. Einmal ging es mir besonders nahe: Ein J\u00e4ger ist durch das Verhalten seines Hundes auf die H\u00f6hle aufmerksam geworden und ruft beim Einschluff herunter: \u201aIst da jemand drunten?\u2018 Nat\u00fcrlich habe ich mich nicht ger\u00fchrt. Der oder die J\u00e4ger war(en) w\u00e4hrend des Winters noch zweimal hier um nachzuschauen. Einer sagte: \u201aDa hat sich jemand f\u00fcr den Krieg ein Fluchtloch, ein Versteck hergerichtet f\u00fcr alle F\u00e4lle.\u2018 Ich dachte mir: Ihr solltet wissen, dass da schon einer drinnnen steckt. Ich musste mich daraufhin tiefer eingraben, noch fester verbarrikadieren, das Rauchloch verlegen, mehrere Fluchtausg\u00e4nge herrichten. Drei Tage lang getraute ich mir kein Feuer zu machen. Als ich nach drei Tagen auf den Locus musste, nahm ich einen Sack mit, sch\u00f6pfte ich voll Schnee, dann hatte ich wieder f\u00fcr drei Tage Wasser und verwischte die Spuren. Meine Besch\u00e4ftigung bei Tage war das Beten von 12 Rosenkr\u00e4nzen. Es hatte auch geholfen. Als dann gegen Ende des \u201aTausendj\u00e4hrigen Reiches\u2018 ein Offizier und eine Mannschaft kamen, um die Pontlatzbr\u00fccke zu sprengen, konnte ich es mitbekommen, wie Widerst\u00e4ndler dem Offizier ins Knie schossen; er ist dem Vernehmen nach daran gestorben. \u2026 Wenige Tage sp\u00e4ter sah ich dann von meinem Standort aus, wie Amerikaner mit Autos, die aussahen wie Schiffe, dem Dorf Prutz zufuhren. Auch konnte ich mit dem Fernglas sehen, dass die Fahrzeuge mit Sternen versehen waren. \u201aJetzt bist du gerettet!\u2018 dachte ich mir. Aber es war noch nicht so weit. Es waren noch zu viele SS-ler im Dorf, zwar entwaffnet, aber immer noch gef\u00e4hrlich. \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nach der Befreiung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Joachim Nairz ist nicht wie einige andere Deserteure aus dem Oberen Gericht in die Schweiz gefl\u00fcchtet. Das h\u00e4tte seine Frau gef\u00e4hrdet. Die alten SS-ler im Dorf wollten beim B\u00fcrgermeister seine Verhaftung erwirken, der ihn aber besch\u00fctzte. Nairz wurde von den Amerikanern als Schildermaler gebraucht. Seine Stellung hat er nicht ben\u00fctzt, um alte Nazis zu verpetzen. Zur Gendarmerie ist er nicht mehr gegangen. Als die Sch\u00fctzenkompanie Prutz-Faggen die Namen der Wohlt\u00e4ter der Kompanie am Fahnenband einstickte, wurde sein Namen abgelehnt. Diese \u201eEhre\u201c sollte ein Deserteur nicht bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Schwester arbeitet als Historikerin an der Universit\u00e4t Innsbruck. Sie kennt die Hintergr\u00fcnde besser und kennt die Quellen. Mit ihr gehe ich nach dem H\u00f6hlenbesuch noch zu einer kleinen Kapelle, die Joachim Nairz unweit seines Wohnhauses als Dank eigenh\u00e4ndig errichtete. Die Mauern der Kapelle sind der ehemalige Pulverturm. Aus einem Depot f\u00fcr t\u00f6dliches Schie\u00dfpulver hat er eine Gebetsst\u00e4tte errichtet. Das Gebetsschild, das sich dort findet, ist aus seiner Handwerkskunst und entspricht dem Glauben der damaligen Zeit, die von einer Angst vor der H\u00f6lle gekennzeichnet war. Die Kriege in Vergangenheit und Gegenwart zeigen, dass es diese H\u00f6llenerfahrungen wirklich gibt. Das Leben von Joachim Nairz zeigt aber auch, dass es eine Auferstehung durch widerst\u00e4ndische Menschen geben kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Joachim Nairz im Kontext der historischen Forschung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Peter Pirker erforscht seit vielen Jahren die Geschichte der Desertion in Tirol. Sein Interesse an der H\u00f6hle bot auch mir die Gelegenheit, diese mit ihm, einem Fotografen, meiner Historikerin-Schwester und unter der ortskundigen F\u00fchrung von Werner Th\u00f6ny zu besuchen. Der Historiker Peter Pirker von der Universit\u00e4t Innsbruck hat unter anderem zur Geschichte der Deserteure vom Vomper Loch gearbeitet. Diese ist mir besonders vertraut geworden. Joachim Nairz war kein Einzelfall. Desertion in den verschiedensten Formen galt f\u00fcr die Nazis als eines der schlimmsten Delikte und wurde von der Wehrmachtsjustiz mit dem Tod bestraft. Eine Untersuchung von Peter Pirker gibt eine dokumentierte Zahl von 528 Deserteuren f\u00fcr Tirol an, wovon 51 hingerichtet worden sind. Peter Pirker dazu: \u201eGenerell ist festzuhalten, dass Deserteure innerhalb des Deutschen Reiches auch in diesem Gebiet eine sehr kleine Minderheit bildeten. Geht man von etwa 93.000 im Reichsgau Tirol und Vorarlberg einberufenen M\u00e4nner aus und sch\u00e4tzt die Zahl der Deserteure basierend auf der oben genannten Zahl von 718 auf etwa 1.0000, lag ihr Anteil knapp \u00fcber der Ein-Prozent-Marke.\u201c Das meiste, was Pirker in seinem Artikel zur Desertion aufzeigt, trifft auf Joachim Nairz zu, beispielsweise das Fakt, dass Deserteure nicht in andere L\u00e4nder fliehen mussten, sondern auf eine gewisse lokale Solidarit\u00e4t aufbauen konnten, die ihnen \u00dcberlebensm\u00f6glichkeiten in Verstecksituationen erm\u00f6glichte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kriegsdienstverweigerung 2023<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und heute im Jahr 2023: Krieg in der Ukraine. Es gibt mehr als 150.000 russische Milit\u00e4rdienstpflichtige und Deserteure, die den Angriffskrieg ablehnen. Sch\u00e4tzungsweise 22.000 belarussische Milit\u00e4rdienstpflichtige haben ihr Land verlassen, weil sie sich nicht am Krieg in der Ukraine beteiligen wollen. Sie alle m\u00fcssen wegen ihrer Haltung gegen den Krieg eine mehrj\u00e4hrige Verfolgung bef\u00fcrchten. Die Ukraine hat das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ausgesetzt und die Grenze f\u00fcr M\u00e4nner zwischen 18 und 60 Jahren geschlossen. Mehr als 170.000 M\u00e4nner haben sich der Kriegsbeteiligung in der Ukraine entzogen und sind ins Ausland geflohen. In der Ukraine wurden bereits mehrere Kriegsdienstverweigerer zu mehrj\u00e4hrigen Haftstrafen verurteilt. Verweigerer halten sich seit vielen Monaten irgendwo versteckt, meist in irgendwelchen Wohnungen, die sie nicht verlassen k\u00f6nnen und wo sie auf die Solidarit\u00e4t von Menschen bauen k\u00f6nnen, die sie nicht verraten. Desertion ist heute wie auch damals wohl eine der besten Ma\u00dfnahmen, um Kriege zum Erlahmen zu bringen. W\u00e4ren es doch viel viel mehr. Das Beispiel von Joachim Nairz ermutigt dazu.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Religi\u00f6se Hintergr\u00fcnde <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was mich als Theologe besonders interessieren w\u00fcrde: Welche Rolle spielte beispielsweise f\u00fcr Joachim Nairz die Religion, das Eingebundensein \u2013 vor allem was Tirol betrifft \u2013 in die katholische Kirche? Die ver\u00f6ffentlichten Forschungen geben dazu keine expliziten Hinweise. Allerdings hat mich bei Joachim Nairz beeindruckt, wie er im Gespr\u00e4ch mit Roman Kneringer angab, dass ihm das Rosenkranzbeten half, in der H\u00f6hle zu \u00fcberleben, und wie er dann als Dank die Pulverturmkapelle selbsth\u00e4ndig erbaute.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Desertion als Widerstand<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>von den Fahnen sind sie gefl\u00fcchtet<br>die Todesstrafe drohte ihnen<br>von den Armeen sind sie desertiert<br>von Kettenhunden wurden sie gejagt<br>von den Einheiten haben sie sich entfernt<br>H\u00f6hlen gaben ihnen Schutz<br>wenige Mutige lie\u00dfen sie nicht im Stich<br>sie wurden gejagt wie Wild<br>Befehle zu t\u00f6ten haben sie verweigert<br>von Gerichten wurden sie verurteilt<br>ach w\u00e4ren es doch viel mehr<br>es g\u00e4be keine Kriege mehr<\/p>\n\n\n\n<p>als Verr\u00e4ter wurden sie beschimpft<br>Kameradenschweine wurden sie genannt<br>mit Nachteilen hatten sie zu rechnen<br>ihre Frauen, Kinder und Verwandte wurden besch\u00e4mt<br>kein Denkmal wurde ihnen errichtet<br>Urteile blieben noch Jahrzehnte rechtswirksam<br>Deserteure hatten es nie leicht<br>ach w\u00e4ren es doch viel mehr<br>es g\u00e4be keine Kriege mehr<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, 24.4.2022<\/p>\n\n\n\n<p>Quellen: Peter Pirker (2022): Deserteure in den Alpen. Vermessungen von Fluchten aus der Wehrmacht, in: zeitgeschichte 49. Jahrgang, Heft 4 (2022); unver\u00f6ff. Manuskript (1987) aus dem Archiv A. Maislinger von Roman Kneringer \u00fcber Joachim Nairz.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230423_150433-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230423_150433-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8903\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230423_150433-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230423_150433-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230423_150433-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230423_150433-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20230423_150433-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/nairz-2-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>Von einem vergangenen Krieg und heldenhaften K\u00e4mpfen Es ist ein Fr\u00fchlingssonntagmorgen mit Himmelsschl\u00fcsseln am Wegrand und strahlendem Wei\u00df oberhalb der Waldgrenze. Statt mit den Tourenski bin ich heute mit dem Gravelbike auf der Via Claudia unterwegs. 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