{"id":9463,"date":"2023-09-19T20:19:58","date_gmt":"2023-09-19T20:19:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=9463"},"modified":"2026-02-03T07:51:18","modified_gmt":"2026-02-03T07:51:18","slug":"vom-ganz-normalen-autowahn-ein-beitrag-zur-europaeischen-mobilitaetswoche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=9463","title":{"rendered":"Vom ganz normalen Autowahn: ein Beitrag zur Europ\u00e4ischen Mobilit\u00e4tswoche"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Aus den Fugen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Welt ist aus den Fugen.\u201c Dieses bekannte Diktum aus Shakespeares Hamlet ben\u00fctzte der UN-Generalsekret\u00e4r bei der Generalversammlung. Die Klimakrise ist dabei der gr\u00f6\u00dfte Faktor f\u00fcr eine Welt in Turbulenzen. Der individuelle Massenverkehr wiederum tr\u00e4gt in vielen L\u00e4ndern am meisten zu den Treibhausgasemissionen bei. Anschauungsunterricht gibt es zuhauf vor der eigenen Haust\u00fcr. Die Europ\u00e4ische Mobilit\u00e4tswoche und die vorgeschlagenen Autofreien Tage in der dritten Septemberwoche legen den Fokus darauf, dass Autofahrten minimiert werden und eine klimafreundliche Mobilit\u00e4t praktiziert wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Normalit\u00e4ten <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einen Diskurs \u00fcber Normalit\u00e4t brach zu Sommerbeginn eine \u00f6sterreichische Landeshauptfrau von nieder\u00f6sterreichischen Z\u00e4unen. Normalit\u00e4t, das muss vorangestellt sein, ist ein politischer Kampfbegriff aus rechtsradikalem Eck. Mit dem blau-schwarzen Zaunpfahl fordert sie zumindest intellektuell auf, \u00fcber Normalit\u00e4t zu sinnieren. Nicht will ich, wie es die Ex-Innenministerin tat, Menschen in den Kategorien von normal und abnormal schubladisieren. Zurecht hatte der gr\u00fcne Vizekanzler solche begrifflichen Klassifizierungen als faschistoid bezeichnet. Die Bad Boys aus Nieder\u00f6sterreich, mit denen sich Mikl-Leitner liiert hat, betreiben mit ihrem Landbauer an der Spitze mit rechtslastigen Normalit\u00e4tsdefinitionen jedenfalls eine postfaschistoide Politik. Was sie als \u201ewoke\u201c diffamieren \u2013 n\u00e4mlich Menschen der LGTBQ*-Gemeinschaften, eine gendergerechte Sprache, eine menschenrechtskonforme Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen oder gar die Letzte Generation \u2013 gilt ihnen als abnormal. Was aber ist normal? Was ist die Norm? Wer sind die Normaldenkenden von Mikl-Leitner, Landbauer &amp; Co? In der Frage der Automobilit\u00e4t l\u00e4sst sich dies leicht ausmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erfahre und ertrage t\u00e4glich und immer wieder eine bestimmte Normalit\u00e4t. Normal ist es, wenn eine Stadt im automobilen Verkehrsgeschehen erstickt. Stinkende und l\u00e4rmende Blechw\u00fcrmer w\u00e4lzen sich morgens von den Speckg\u00fcrteln rund um Innsbruck in das Stadtgebiet und abends wieder zur\u00fcck. Meist sitzt nur ein Mensch in dem tonnenschweren High-Tech-Gef\u00e4hrt. Egal ob die Stadt in hei\u00dfen Sommertagen sich anf\u00fchlt wie ein Backofen \u2013 und eine verkehrsbedingte hohe Ozonkonzentration vor allem die Schwachen gef\u00e4hrdet, egal ob im Winter noch mehr Abgase freigesetzt werden, um die Motoren in Gang zu bringen und das Innere der Autos zu heizen, Normaldenkende denken nicht daran, ihr Auto vielleicht nicht ben\u00fctzen zu m\u00fcssen. Normaldenkende regen sich f\u00fcrchterlich auf, wenn in den letzten Monaten ganz gezielt und nur an ganz wenigen Tagen und nur in ganz kurzer Zeit ein Stau durch eine Letzte Generation-Aktion erzeugt wurde, wenn aber t\u00e4glich neu irgendwo ein Stau in der Stadt durch den Massenverkehr entsteht, dann z\u00e4hlt dies zur Normalit\u00e4t. Normal ist, dass nicht nur an den Wochenenden sich die Blechw\u00fcrmer durch die T\u00e4ler und \u00fcber die P\u00e4sse w\u00e4lzen, durch St\u00e4dte und D\u00f6rfer, damit Normaldenkende an fremden Orten jene Erholung suchen, die sie mit ihrem massenhaften Verhalten den Menschen entlang der Autotrassen zerst\u00f6ren. Normaldenkende denken wohl nicht an die Emissionen, mit denen der Massenverkehr die Klimakrise befeuert, denken nicht daran, dass die fossilen Treibstoffe irgendwo aus meerverseuchenden Off-Shore-Bohrungen kommen und aus Gegenden, die durch die Erd\u00f6lgewinnung zerst\u00f6rt werden. Zu viele der Autos sind viel zu gro\u00df und zu PS-stark dimensioniert, was einen achtsamen Umgang mit dem Gaspedal naturgem\u00e4\u00df erschwert, weil in der Gro\u00dfhirnrinde evolution\u00e4r das Signal ankommt, der Mensch kann sich mit weniger Energieaufwand fortbewegen als ein Steinzeitmensch auf der Jagd nach Wild oder der Suche nach Schwammerln. Normaldenkende verkn\u00fcpfen nicht den Preis an der Zapfs\u00e4ule mit dem Geld, das dann f\u00fcr Waffenk\u00e4ufe und kriegerische Unternehmungen verwendet wird. Vielf\u00e4ltig sind die Verkoppelungen von neuen Kriegen und Kriegsvorbereitungen auf der einen Seite und den Gesch\u00e4ften mit den Mineral\u00f6lkonzernen auf der anderen Seite. Die KI, die eine F\u00fclle an Daten auf den hochmodernen Cockpits anzeigt, ist jedoch nicht f\u00fcr solche Zusammenh\u00e4nge programmiert.  Emotionale und vorausschauende Intelligenz fehlt darin. Es fehlt wohl auch: Empathie f\u00fcr die vielen Menschen, die heute schon von den Folgen der Erderhitzung betroffen sind, f\u00fcr die von Unwetterkatastrophen Gesch\u00e4digten, f\u00fcr Umweltfl\u00fcchtlinge oder Hitzeopfer. Zur Normalit\u00e4t z\u00e4hlt auch, dass sich Motorradfahrende an Wochenenden \u00fcber die Passstra\u00dfen Nord- und S\u00fcdtirols Rennen liefern und die AnrainerInnen entlang der Strecken lieber in die H\u00e4user mit geschlossenen Fenstern verziehen. Normal ist, wenn zu Beginn eines Schuljahres bei einer Anfangskonferenz auf Calium-Jodid-Tabletten im Sekretariat  oder auf ein Schreiben zum Verhalten bei einem Black-Out hingewiesen wird, und vor der Schule der Parkplatz gef\u00fcllt ist, weil die stattfindende Katastrophen hingenommen werden. Die in den Umfragen st\u00e4rkste Partei \u00d6sterreichs will sich jedenfalls der Anliegen der Normaldenkenden annehmen und hetzt wider alle Vernunft gegen sch\u00e4rfere Temporegulierungen wie 30\/80\/100.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8222;Stop fossil fuels&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Hauptforderung am weltweiten Klimastreiktag 2023 lautete: Raus aus den fossilen Kraftstoffen. Derzeit hat der Verkehrssektor den gr\u00f6\u00dften Anteil an Treibhausgasemissionen. Der massenhafte Individualverkehr ist so etwas wie der Geisterfahrer bei Klimaschutzma\u00dfnahmen. Das hei\u00dft zugleich: Im Verkehrssektor lie\u00dfen sich ohne viel Aufwand sehr leicht Klimaschutzma\u00dfnahmen setzen. &nbsp;Daher auch die so einfache Forderung der Letzten Generation nach Tempo 100 auf Autobahnen als ein wesentlicher Schritt. Angesichts der katastrophalen Folgen der Erderhitzung, der apokalyptischen Szenarien, wenn die Kipppunkte des Abschmelzens der gro\u00dfen Gletschermassen erreicht sind, wenn die 1,5- oder 2 Grad-Ziele der Klimaabkommen nicht erreicht werden, angesichts dessen schenken Aktivistinnen und Aktivisten der Letzten Generation oder von Extinction Rebellion Hoffnung und ermutigen, doch nicht zu resignieren. Eine andere Mobilit\u00e4t ist m\u00f6glich!<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr braucht es zwei miteinander in Interaktion und Interdependenz verbundene Strategien: Zum einen das individuelle Verhalten und zum anderen das politische Gestalten und Steuern. Im politischen Bereich g\u00e4be es viele Ansatzpunkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch immer fehlt ein Klimaschutzgesetz, das dringend notwendige \u00f6ko-soziale Ma\u00dfnahmen b\u00fcndeln k\u00f6nnte. Die CO-2-Steuer auf fossile Brennstoffe ist angesichts der Sch\u00e4den weiterhin viel zu niedrig. Entgegen aller Ank\u00fcndigungen wurde das so genannte Dieselprivileg immer noch nicht abgeschafft. Der Klimabonus sollte nicht gie\u00dfkannenm\u00e4\u00dfig ausbezahlt werden, sondern \u00f6ko-sozial lenkend. Was bringt es n\u00e4mlich, wenn eine Klimabonus-Zahlung ben\u00fctzt wird, um damit ein paar Mal einen SUV mit Diesel vollzutanken? Eine Studie des WWF hat gezeigt, dass \u00d6sterreich j\u00e4hrlich 4,5 bis 5,7 Milliarden Euro f\u00fcr &#8222;klimakontraproduktive Subventionen&#8220; ausgibt. Und nicht \u00fcberraschend: Der gr\u00f6\u00dfte Anteil betrifft mit 61% F\u00f6rderma\u00dfnahmen f\u00fcr den Verkehr.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinem Sabbatical-Jahr habe ich immer wieder mit sp\u00fcrbarer Verzweiflung wahrgenommen, was in diesem Europa tagt\u00e4glich geschieht: In den Gro\u00dfst\u00e4dten, die von einem Ring aus Autobahnen umgeben sind, die mir wie w\u00fcrgende Krakenarme vorkamen, in dem Inneren der St\u00e4dte, wo Nicht-Motorisierten nur die R\u00e4nder der Stra\u00dfen bleiben oder auf den Passstra\u00dfen der Alpen, wo ich von Motorr\u00e4dern oder Sportw\u00e4gen nicht nur einmal fast \u00fcber den Stra\u00dfenrand hinausgedr\u00e4ngt worden bin. <\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, 19.9.2023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus den Fugen \u201eDie Welt ist aus den Fugen.\u201c Dieses bekannte Diktum aus Shakespeares Hamlet ben\u00fctzte der UN-Generalsekret\u00e4r bei der Generalversammlung. 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