{"id":9492,"date":"2023-09-22T13:19:44","date_gmt":"2023-09-22T13:19:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=9492"},"modified":"2023-09-23T04:53:54","modified_gmt":"2023-09-23T04:53:54","slug":"philosophie-des-schwachen-denkens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=9492","title":{"rendered":"Philosophie des &#8222;schwachen Denkens&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><em>schwach!<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/00-gianni-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/00-gianni-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9493\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/00-gianni-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/00-gianni-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/00-gianni-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/00-gianni-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/00-gianni-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>schwach sein d\u00fcrfen<br>nicht stark sein m\u00fcssen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>schwach sein lassen<br>nicht Held sein m\u00fcssen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>schwach sein k\u00f6nnen<br>in Schw\u00e4che St\u00e4rke sp\u00fcren<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>schwach sein annehmen<br>nicht schw\u00e4chlich sein<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>klaus.heidegger, 22.9.2023<br>(in memoriam Gianni Vattimo, +19.9.2023)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gedanken zur Philosophie des \u201eschwachen Denkens\u201c von Gianni Vattimo<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der italienische Philosoph Gianni Vattimo starb 87-j\u00e4hrig am 19. 9. 2023. In meinem philosophischen Suchen, das immer zugleich ein existenzielles Ringen angesichts meines eigenen Hineingeworfenseins in diese Welt mit all ihrem Sch\u00f6nen und Schmerzlichen, mit den Klarheiten und Widerspr\u00fcchen ist, bin ich manchmal \u00fcber seine Gedanken gestolpert und je \u00e4lter ich werde, desto mehr finde ich mich selbst in seiner Denkschule wieder, die als \u201ePhilosophie des schwachen Denkens\u201c bezeichnet wird. Meine Seinserfahrungen in den unterschiedlichen Rollen will ich interpretieren mit der Denkbrille des gerade verstorbenen gesch\u00e4tzten Philosophen und Politikers.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst blicke ich auf das Sein im Privaten, das zugleich immer politische Dimensionen hat. Im ganz Pers\u00f6nlichen und in Beziehungen z\u00e4hlt die Erfahrung, angenommen zu sein und anzunehmen und zu lieben nicht nur der St\u00e4rken wegen, sondern gerade auch in den Schw\u00e4chen. Keine gelebten Worte sind kr\u00e4ftigender als jene: \u201eIch mag dich gerade so, wie du bist.\u201c \u201eIch unterst\u00fctze dich in deinen Schw\u00e4chen und werde sie nicht zynisch kommentieren, werde dich wertsch\u00e4tzen, gerade damit du lernst, das Schwache anzunehmen und darin \u00fcber dich hinauszuwachsen.\u201c In solcher Grunderfahrung braucht in einer Beziehung oder Freundschaft niemand mehr \u201eHeld\u201c oder \u201eHeldin\u201c sein, werden narzisstische Selbstdarstellungen nicht Raum finden, wird es kein Verstecken oder Vorspielen mehr geben. Der in der Bibel beschriebene paradiesische Urzustand, wo Adam und Eva sich ihrer Nacktheit nicht sch\u00e4men mussten, kann so erfahrbar werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens blicke ich ins Politische. Gianni Vattimo war als Philosoph zugleich Politiker bzw. als Politiker zugleich Philosoph. Ich wei\u00df nicht mehr, wer es sagte, ein Diktum f\u00e4llt mir dazu jedenfalls ein: Jeder Politiker sollte zugleich ein Philosoph und jede Politikerin sollte zugleich eine Philosophin sein. Unsere Welt w\u00fcrde anders aussehen, w\u00fcrde sie regiert von Menschen mit der Einstellung des \u201eschwachen Denkens\u201c. Unsere Welt jedoch wird beherrscht von M\u00e4nnern und einigen Frauen, die sich ihrer zur Schau gestellten St\u00e4rke r\u00fchmen und in narzisstischen Selbstdarstellungen \u00fcberbieten. Putin, Orban, Salvini, Meloni, Kickl &amp; Co sind solche Prototypen. Je rechtsradikaler und faschistischer politische Systeme sind, desto mehr wird Schwachsein verdr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Drittens schlie\u00dflich blicke ich ins explizit Religi\u00f6se, das sich in den zuvor genannten Dimensionen des Privaten und Politischen ereignet.  Die fundamentalistischen Absolutheiten, mit denen Verwalter der Religionsgemeinschaften die religi\u00f6sen Grunderfahrungen konterkarieren \u2013 beispielsweise in der Vergiftung des Eros \u2013 werden in einem philosophischen Denken von Martin Heidegger \u00fcber Hanna Arendt und Karl Jaspers bis zu Gianni Vattimo dekonstruiert und mit dem Konzept der Wahrnehmung des Je-Seienden kritisiert. Hier setzt die \u201ekommunikative Theologie\u201c an, in die ich mich in der Schule von Matthias Scharer ein\u00fcben konnte, der wiederum dem Ansatz von Ruth Cohn folgte. Als Religionslehrer sah ich mich stets nicht nur als der Lehrende, sondern zugleich als derjenige, der aus dem religi\u00f6sen Erfahrungsschatz der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler lernen konnte, und wenn sie mich fragten, wer Gott sei, fragte ich stets zur\u00fcck, wo ihnen heute Gott* schon begegnete. Woran ich bei meinen verschiedensten Funktionen in der Kirche am meisten litt, ist der dogmatische Fundamentalismus, der sich religi\u00f6sen Seinsweisen in den Weg stellt und den g\u00f6ttlichen Reichtum in Fesseln legt. Demgegen\u00fcber erfahre ich im Privaten wie im Politischen jene ber\u00fchrbare Gottkraft, die sich ereignet in jenen Lebensvollz\u00fcgen, die das Wesen des J\u00fcdisch-Christlichen ausmachen: In einem Gott, der als El-Roj der Hagar begegnet, als Gottkraft, die hinsieht auf das Schwache, als JHWH des Moses, die \u201eIch-bin-die-Seiende\u201c. Der Blick auf das Kreuz macht uns symbolisch jedenfalls immer wieder neu aufmerksam, dass Jesus von Nazareth einen Weg der Erl\u00f6sung durch die paradoxe Schwachheit am Kreuz zeigte, die letztlich radikale St\u00e4rke ist. Die Philosophie des \u201eschwachen Denkens\u201c von Vattimo ermutigt und bekr\u00e4ftigt die wichtigste Botschaft des Christentums: Die Aufmerksamkeit f\u00fcr die Schwachen bzw. Schwachgemachten um uns und in der Welt in den Systemen, die von einer pervertierten Version des kapitalistischen Prinzips des \u201esurvival of the fittest\u201c vergiftet sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger, 22.9.2023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/00-gianni-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>schwach! schwach sein d\u00fcrfennicht stark sein m\u00fcssen schwach sein lassennicht Held sein m\u00fcssen schwach sein k\u00f6nnenin Schw\u00e4che St\u00e4rke sp\u00fcren schwach sein annehmennicht schw\u00e4chlich sein klaus.heidegger, 22.9.2023(in memoriam Gianni Vattimo, +19.9.2023) Gedanken zur Philosophie des \u201eschwachen Denkens\u201c von Gianni Vattimo Der italienische Philosoph Gianni Vattimo starb 87-j\u00e4hrig am 19. 9. 2023. 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