{"id":9646,"date":"2023-11-07T08:29:32","date_gmt":"2023-11-07T08:29:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=9646"},"modified":"2023-11-07T20:21:29","modified_gmt":"2023-11-07T20:21:29","slug":"gedankenpendeln-im-dom-von-trient-zwischen-der-weltsynode-und-dem-konzil-von-trient","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=9646","title":{"rendered":"Gedankenpendeln im Dom von Trient zwischen der Weltsynode und dem Konzil von Trient"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/trie-brunnen-1-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/trie-brunnen-1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9647\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/trie-brunnen-1-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/trie-brunnen-1-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/trie-brunnen-1-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/trie-brunnen-1-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/trie-brunnen-1-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Allerheiligentag 2023. In einer der leeren B\u00e4nke sitze ich gedankenverloren vor dem Hochaltar des Hl. Vigilius. Es ist schon dunkel geworden. Jetzt im November wird es immer zu fr\u00fch dunkel, denke ich mir. Umso heller strahlt das Reliquiar unter dem Altar. Eine Hand des ber\u00fchmtesten B\u00fcrgers der Stadt Trient befindet sich darin. Reliquienschreine erzeugen trotz ihres Goldes in mir nie ein angenehmes Gef\u00fchl. Es ist mir vielmehr makaber. Zum Gebet werden meine Gedanken angesichts des gotischen Schreines nicht, der mit seinem Gold und seinen Edelsteinen dennoch meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ein m\u00e4chtiger barocker Baldachin ist \u00fcber dem Altar. Die vier geschwungenen prunkvollen Marmors\u00e4ulen erinnern mich an Berninis Baldachin im Petersdom, erinnern mich an eine Kirche, die m\u00e4chtig und prunkvoll sein will, ein \u201eHaus, das Glorie schaut\u201c, wie es in triumphalistischen Kirchenliedern besungen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Allein hocke ich da in einer der leeren B\u00e4nke und versuche mich zur\u00fcckzudenken in die Geschichte des Heiligen, der zur religi\u00f6sen Leitgestalt des Trentino wurde. Er soll Ende des 4. Jahrhunderts zum Bischof gew\u00e4hlt worden sein. Gew\u00e4hlt! Vom Volk gew\u00e4hlt \u2013 also nicht von einem Papst bestimmt! In diesem Punkt der Kirchenverfassung war meine Kirche jedenfalls schon einmal weit fortschrittlicher. Was im synodalen Prozess in Deutschland gefordert wurde, die Wahl der Bisch\u00f6fe, war nun bei der Weltsynode in Rom, die gerade zu Ende ging, kein Thema mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich pendle zur\u00fcck zur Vita des Heiligen. Im heutigen Trentino und S\u00fcdtirol war zu seiner Zeit das Christentum noch nicht \u00fcberall verbreitet. In den Geschichtsb\u00fcchern wurde \u00fcber Jahrhunderte einfach geschrieben, dass die Bev\u00f6lkerung von ihrem heidnischen Glauben bekehrt werden sollte. So geht auch die Geschichte. Ich blicke hin\u00fcber zur s\u00fcdlichen Nebenapsis. Dort ging ich gerade am Verehrungsort f\u00fcr die drei M\u00e4rtyrer vorbei, die im Nonstal gewirkt haben sollen. Am Saturnsfest wurden sie dort in der Kirche get\u00f6tet und verbrannt. Der Hl. Vigilius holte ihre Asche und baute f\u00fcr die Verehrung der drei M\u00e4rtyrer aus dem Nonstal die erste Kirche, aus der sp\u00e4ter der Dom von Trient wurde. Vigilius soll selbst das M\u00e4rtyrertum angestrebt haben, ging auch ins Nonstal, zerst\u00f6rte eine Statue des Saturn und wurde darauf von Anh\u00e4ngern des Saturnkultes erschlagen. Als Wurfger\u00e4t dienten ihnen auch Holzschuhe.<\/p>\n\n\n\n<p>Saturn, ein r\u00f6mischer Gott, der laut Mythologie seine eigenen Kinder fra\u00df, verdient wohl keine Verehrung. Wie auch immer: Die Geschichte ist gepr\u00e4gt von Gewalttaten, die \u2013 und das ist erschreckend \u2013 oft auch religi\u00f6se Begr\u00fcndungen und Rechtfertigungen erhielten. Vielleicht hatten die Menschen in den T\u00e4lern des Trentino auch naturverbundene Glaubensinhalte, die sich synkretistisch mit dem Glauben an die gewaltfreie Botschaft des Evangeliums vereinen h\u00e4tten k\u00f6nnen. Ich sp\u00fcre meine Tr\u00e4nen in den Augen und die Wut und den Schmerz, wenn ich an die Menschen denke, die heute unter Gewalttaten leiden, die Menschen und Gruppen aus einem verblendeten religi\u00f6sen Fanatismus begehen und den Namen Gottes missbrauchen. Die abscheulichen Verbrechen der Hamas, die in diesen Tagen im Zentrum der weltpolitischen Aufmerksamkeit sind. Meine Gedanken werden nun zum Gebet. H\u00f6rt auf mit der Gewalt!!! Niemand kann sich auf Gott berufen, der Gewalt begeht. Der barmherzige Jahwe-Gott des Jesus von Nazareth ist kein Gottgestalt wie Saturn, der den eigenen Vater kastriert und aus Angst die eigenen Kinder auffrisst. Ist solche Gewalt aber nicht auch heute weltpolitisch bestimmend? Schreckliche Ideologien, in denen Kinder um eines gr\u00f6\u00dferen Zieles willen geopfert werden? Welche Gottheiten verehrt heute eine Welt, die mit Ignoranz und Blindheit in eine Klimah\u00f6lle f\u00fchrt? Vielleicht w\u00fcrde der Hl. Vigil heute nicht Saturnstatuen st\u00fcrzen, sondern Mitglied von Extinction Rebellion sein und die G\u00f6tzengestalt des \u00dcberkonsums st\u00fcrzen. Vielleicht w\u00fcrde er mit Mitgliedern der Letzten Generation die Autobahn mit ihrem Massenverkehr blockieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer wird hier im 16. Jahrhundert w\u00e4hrend des Konzils von Trient wohl hier gesessen sein, frage ich mich, und stelle mir die rotgekleideten Kardin\u00e4le und Bisch\u00f6fe vor, die in dieser Kirche tagten. Fast vier Jahrzehnte dauerte damals das Konzil. Der Zustand der Kirche und die Folgen der Reformation machten es notwendig. Aus heutiger Sicht war vieles restaurativ. In meinem eigenen Kirchenbild f\u00fchle ich mich weder in den reformierten Kirchen noch in meiner eigenen katholischen Kirche wirklich beheimatet. Zu gro\u00df sind die Widerspr\u00fcche, die es auszuhalten gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Vier Wochen dauerte jetzt gerade die Weltsynode in Rom. Rund vierhundert Delegierte hatten sich mehr als 500 Jahre nach der Reformation und dem Konzil von Trient im Vatikan getroffen, sa\u00dfen in Sesselkreisen, redeten miteinander \u00fcber Reformen in der katholischen Kirche. Anders als beim Konzil von Trient waren diesmal einige wenige Frauen und Laien dabei. 40 Frauen unter mehr als 300 M\u00e4nnern. Dass \u00fcberhaupt ein Zehntel der Delegierten Frauen waren und Laien auch mitberaten konnten, wurde als Aufbruch in der katholischen Kirche lobgeredet. Dass Beratungen in Sesselkreisen stattfanden und man wirklich miteinander redete, wurde als Aufbruch gedeutet. Von einem inhaltlichen Aufbruch habe ich jedoch nichts bemerkt. Beschlossen wurde nichts. Beschl\u00fcsse wird es erst ein Jahr sp\u00e4ter bei der endg\u00fcltigen Bischofssynode geben. Es wurde diesmal beraten und ein rund 70-seitiger Synodentext verfasst, der Grundlage f\u00fcr weitere Beratungen sein soll. In den bekannt strittigen Fragen gab es keine Einigung \u2013 nur Relativierungen. Das Thema Frauenpriestertum sollte kein Thema sein. Vorsichtig sprach man von Varianten, wie ein Diakonat f\u00fcr Frauen gedacht werden k\u00f6nnte, ohne von jenem patriarchal-klerikalen Konzept abzur\u00fccken, das beim Konzil von Trient festgeschrieben worden ist. Wer sich mehr Gleichberechtigung in der Kirche w\u00fcnschte \u2013 was in den heimischen synodalen Prozessen eindeutig verlangt worden war \u2013 wurde vertr\u00f6stet. Man m\u00fcsse eben R\u00fccksicht nehmen auf die Kirche in anderen Erdteilen, wo dieses Thema noch nicht zur Diskussion steht, lautet die Rechtfertigung. Ist ein gleichwertiger Zugang zu allen Funktionen in der Kirche aber nicht allgemeing\u00fcltig? Selbst zum Thema der Positionierung der katholischen Kirche in der Frage der Homosexualit\u00e4t soll es noch zu fr\u00fch f\u00fcr eine Einigung gewesen sein. Auch hier wurde argumentiert, dass beispielsweise auf afrikanischen L\u00e4nder R\u00fccksicht genommen werden m\u00fcsste. Und wieder muss gefragt werden: Warum kann die Kirche sich nicht klar gegen jede homophobe Artikulation stellen?<\/p>\n\n\n\n<p>Zuletzt war ich mit meinem Heimatbischof in diesem Dom und im benachbarten Domkaffee. Als Di\u00f6zesanbischof k\u00f6nnte er mutig sein, k\u00f6nnte er Pastoralassistentinnen zumindest die M\u00f6glichkeit geben zu taufen, ja k\u00f6nnte auch \u00fcber frauenfeindliche Gesetze hinweg nicht nur M\u00e4nner zu Diakonen weihen \u2013 wobei Weihe im Sinne von Luther ohnehin fragw\u00fcrdig ist \u2013 sondern Frauen gleichberechtigten Status gew\u00e4hren, k\u00f6nnte er offen daf\u00fcr stehen, dass zumindest in seiner Di\u00f6zese homosexuelle Paare auch kirchlichen Segen f\u00fcr ihren Ehebund erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam gehe ich hinaus aus der Kirche. Die Scheiben der m\u00e4chtigen Fensterrose oberhalb des Westportals sind nun schwarz. Romanischer und gotischer Baustil gehen ineinander \u00fcber, verbinden sich harmonisch miteinander und dieses Gef\u00fchl von Harmonie will ich mitnehmen. Eigenartig sind die schmalen Stufentreppen, die sich an beiden L\u00e4ngsfassaden zum Turm hinaufziehen. Was nicht zusammenpasst in dieser Basilika, stellt die Widerspr\u00fcchlichkeit dar, mit der meine Kirche sich bis zum heutigen Tag auseinandersetzen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt an einem k\u00fchlen Novemberabend sind die Touristenmassen verschwunden. Ich blicke nochmals auf die Nordfassade mit den romanischen Mauern. Mein Seele dreht am Gl\u00fccksrad, der gro\u00dfen Fensterrose am Seitenschiff, und ich bin dankbar, dass es Fortuna im Augenblick gut mit mir meint. Ich blicke auf den Palazzo gegen\u00fcber und den m\u00e4chtigen Turm, der auch die Geschichte von viel Gewalt erz\u00e4hlt: Von den Todesurteilen, die hier bis weit ins 17. Jahrhundert ausgesprochen wurden, die dann am Platz vor dem Dom vollstreckt wurden, von den Folterungen, mit denen Gest\u00e4ndnisse erzwungen wurden. Ich denke an die Frauen, die am Domplatz als Hexen verbrannt worden sind \u2013 und die F\u00fcrsterzbisch\u00f6fe im Palazzo haben wohl zugeschaut und mitgemacht an solchen Grausamkeiten. Ich denke an die unselige antisemitische Legende des Simon von Trient, mit der Judenpogrome legitimiert worden sind. Und wieder bin ich bei der Gegenwart. Erst gestern gab es in Wien einen antisemitischen Anschlag auf j\u00fcdische Grabst\u00e4tten in Wien.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4chtig steht Neptun als Brunnenfigur im Zentrum des Platzes. Nochmals denke ich an Saturn, der von Vigilius gest\u00fcrzt wurde. Neptun, im r\u00f6mischen G\u00f6tterhimmel der Sohn von Saturn, kann hier stehen, steht wohl auch f\u00fcr die Hoffnung, dass die vom Klimawandel verursachten Unwetter nicht das Land von Wassermassen bedrohen \u2013 etwas weiter im S\u00fcden in der Toskana geschieht dies gerade. Die Wasserfont\u00e4nen am Brunnen sind blau illuminiert. In der Hand h\u00e4lt Neptun einen Dreizack. Ich denke an die vielen Dreieinheiten in den Religionen, an Shiva mit seinem Dreizack, in dem die Kr\u00e4fte von Sch\u00f6pfung-Bewahrung-Zerst\u00f6rung sich vereinen, an den Dreizack im ukrainischen Staatswappen, an ein Land, in dem der Krieg seit zweieinhalb Jahren t\u00e4glich mit noch mehr Waffen gen\u00e4hrt wird. Ich denke an die g\u00f6ttliche Dreieinheit, die sich in gelingenden Beziehungen ereignet.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal ist G\u00f6ttliches allerdings weniger in den Kirchen zu finden, als in einer Bar. Die Bar in Domn\u00e4he ist so klein, dass sie wohl tausendmal in den Dom passen w\u00fcrde. Und dennoch ist sie gro\u00dfe genug, dass Gott hineinpasst. In Gegenw\u00e4rtigkeit wird erfahrbar: Ein wechselseitiges Angenommensein. Aufeinanderh\u00f6ren. Angekommen. Beheimatet.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/trie-brunnen-1-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>Allerheiligentag 2023. In einer der leeren B\u00e4nke sitze ich gedankenverloren vor dem Hochaltar des Hl. Vigilius. Es ist schon dunkel geworden. Jetzt im November wird es immer zu fr\u00fch dunkel, denke ich mir. Umso heller strahlt das Reliquiar unter dem Altar. Eine Hand des ber\u00fchmtesten B\u00fcrgers der Stadt Trient befindet sich darin. 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