{"id":9683,"date":"2023-11-18T19:25:54","date_gmt":"2023-11-18T19:25:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=9683"},"modified":"2023-11-18T19:25:54","modified_gmt":"2023-11-18T19:25:54","slug":"hineingeworfensein-in-unbekanntes-und-bekanntes-darin-entdecken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=9683","title":{"rendered":"Hineingeworfensein in Unbekanntes und Bekanntes darin entdecken"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231116_161421-1-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231116_161421-1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9685\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231116_161421-1-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231116_161421-1-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231116_161421-1-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231116_161421-1-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231116_161421-1-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>M\u00f6dling m\u00fcsste mir vertraut sein. Die kleine Stadt ist nur einen Steinwurf \u2013 besser gesagt mit dem Regionalexpress von Meidling nur zwei Stationen \u2013 von Wien entfernt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war M\u00f6dling als 24. Bezirk sogar Teil von Wien. Und Wien wiederum war \u00fcber viele Jahre die Stadt meines Lebens. Die viele Arbeit im Dienst der Kirche damals f\u00fchrte mich aber nie bis hierher. M\u00f6dling war mir zuvor schon als Sch\u00fcler eines Steyler Missionsgymnasiums vertraut und ich besuchte das Missionshaus St. Gabriel ein paar Mal und meine Lehrer waren mit M\u00f6dling verbunden und sp\u00e4ter weilte ich auch mit einer Schulklasse in diesem gro\u00dfen Kloster au\u00dferhalb von M\u00f6dling. So bin ich mit M\u00f6dling doch biographisch verbunden. Die Stadt selbst f\u00e4llt mir heute zu, wartend auf einen Termin. Eine Wartezeit wiederum schenkt Offenheit f\u00fcr ungeplant Neues, f\u00fcr bewusstes Erleben von R\u00e4umen, f\u00fcr das Wahrnehmen von Augenblicken und die Seele kommt zur Ruhe und \u00f6ffnet die Sinne f\u00fcr Neues.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne Erwartung und ohne bestimmtes Ziel lasse ich mich vom Bahnhof wegtreiben, vermutend, wo es ins Zentrum gehen k\u00f6nnte. Viele Dutzend Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler kommen mir entgegen. Es ist Mittagszeit. Jetzt im tiefen Novemberherbst scheint mittags schon abends zu sein. Die Sonne schafft es kaum \u00fcber die meist einst\u00f6ckigen H\u00e4user dar\u00fcber zu kommen. Die Stra\u00dfe zieht mich hinein zur Altstadt. Gro\u00df ist sie nicht. Gro\u00df sind auch die H\u00e4user nicht. Sie bilden aber ein wundersch\u00f6nes Panorama. Ein Platz mit dem malerischen Rathaus. Kaffees. Fast alle Gesch\u00e4fte sind klein. Weltladen, Gea, ein Lebkuchengesch\u00e4ft, ein Wollgesch\u00e4ft, kleine B\u00e4ckereien. Die Wirtschaft tickt hier anders als in der nahen Shopping City S\u00fcd. Die Eingangst\u00fcren zu den H\u00f6fen und T\u00fcren von so manchem Haus sind besonders sch\u00f6n gestaltet. Die gro\u00dfe Kirche auf dem H\u00fcgel am Rande der Stadt zieht mich an. Davor steht ein runder Karner in romanischem Stil aus dem 13. Jahrhundert. Eindrucksvoll ist der Eingang, m\u00e4chtig sind die alten Mauern. M\u00e4chtig ist auch die gotische Hauptkirche von St. Othmar daneben. Davor ist eine Tafel, die mir wieder das Grauen von gestern und heute \u2013 und es w\u00e4re, als w\u00e4re das Gestern im Heute und ein Heute im Gestern zu finden. Im Jahr 1683 soll die Bev\u00f6lkerung von M\u00f6dling in dieser Kirche Schutz vor den angreifenden t\u00fcrkischen Gruppen gesucht haben. \u201eDie ganze Bev\u00f6lkerung des Marktes wurde niedergemetzelt\u201c \u2013 so steht es auf der Steintafel. Ich denke an das Massaker, das vor einem Monat in Gaza geschah und nehme meine Gedanken mit in die gro\u00dfe gotische Kirche mit ihrem barocken Inventar, das so gar nicht zur Gotik des Kirchenhauses zu passen scheint. Wenn doch endlich diese blutigen Taten, dieses Morden und Abschlachten ein Ende h\u00e4tte! \u201eWaffenstillstand!\u201c \u201eFeuerpause!\u201c \u2013 so lautet mein Gebet in der Kirche St. Othmar; dar\u00fcber schrieb ich einen Artikel in meinem Blog heute, ein verzweifeltes Beten f\u00fcr den Frieden. Langsam gehe ich entlang der B\u00fcrgerh\u00e4user die Elisabeth-Stra\u00dfe hinunter. Judengasse war einst ihr Name. 1421 kam es in M\u00f6dling zu einem Pogrom. Die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung wurde ermordet oder vertrieben, die Synagoge abgebrannt. Und wieder nehme ich solchen R\u00fcckblick mit in eine andere Kirche, in der ich nun lange verweile, unter dem Kreuzrippengew\u00f6lbe und den gotischen Pfeilern und vor einem gotischen Altar. Niemand sonst verirrt sich an diesem Tag und zu dieser Stunde hinein in den Raum des Schweigens. Drau\u00dfen verkauft ein H\u00e4ndler gebratene Maronis, ein anderer Stand bietet Langos an \u2013 ich habe keinen Hunger danach, sp\u00fcre nur den Hunger nach Frieden f\u00fcr diese Welt, nach Gerechtigkeit und Solidarit\u00e4t. Schnell wird es dunkel. Rot flackert das Licht k\u00fcnstlicher Kerzen in den Fenstern des Rathauses. Im wei\u00dfen Kaffee schreibe ich, lese ich, beobachte ich, f\u00fchle ich mich in das provinzielle Treiben in der kleinen Stadt M\u00f6dling hinein und bin doch so stark verbunden mit einer Welt, die l\u00e4ngst aus den Fugen ist. In dieser Welt tut es so gut, sich nicht allein, sondern gehalten zu f\u00fchlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231116_161421-1-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>M\u00f6dling m\u00fcsste mir vertraut sein. 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