{"id":9687,"date":"2023-11-20T06:04:55","date_gmt":"2023-11-20T06:04:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=9687"},"modified":"2023-11-20T06:04:55","modified_gmt":"2023-11-20T06:04:55","slug":"sein-und-nichtsein-zwischen-kaspar-und-black-friday","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=9687","title":{"rendered":"Sein und Nichtsein zwischen Kaspar und Black Friday"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wien-steffl-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wien-steffl-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9688\" srcset=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wien-steffl-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wien-steffl-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wien-steffl-1152x1536.jpg 1152w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wien-steffl-1536x2048.jpg 1536w, http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wien-steffl-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Abertausend mal abertausend Menschen str\u00f6men in einem dunkel-schwarz wirkenden Strom in der Mitte der Megastadt mit ihren m\u00e4chtigen Mauern, hinter denen m\u00e4chtige Menschen ihre Macht exekutieren, hinter denen sie regieren und in einem Strom str\u00f6men die Regierten entlang der Gesch\u00e4fte, die offen sind wie die M\u00e4uler, mit denen sie Konsumhungrige verschlingen wollen. Verloren f\u00fchle ich mich \u2013 fast verloren \u2013 g\u00e4b\u2019s nicht sch\u00fctzende Gegenw\u00e4rtigkeit in der Mitte der Megastadt und lass mich nicht treiben vom Strom der str\u00f6menden Menschen, die sich wie klebrige Masse zieht entlang der hellerleuchteten Stra\u00dfe mit den lockend verlockenden Gesch\u00e4ften zu beiden Seiten der hellerleuchteten Stra\u00dfe im zu fr\u00fch dunkel werdenden Tag am Ende des Tages, am Ende der Woche, am Ende des Monats, am Ende des Jahres. Am Ende sehnt sich die Seele nach Beginn von anderem Leben. Black-Friday-Hysterie scheint die Masse erfasst zu haben. Nicht locken mich die Gesch\u00e4fte mit ihren LED-Lichtern und Schaufenstern, die mir wie weit aufgerissene Augen erscheinen, nicht verlocken die feilgebotenen Waren; sie erschrecken mich vielmehr. \u201eMaria hilf!\u201c formt sich als Gebet in meiner Seele, und ich fl\u00fcchte in die Kirche mit ihren zwei kupferbehelmten T\u00fcrmen, die gibt dieser Stra\u00dfe mit ihren gro\u00dfen und kleinen Gesch\u00e4ften, 450 auf knapp zwei Kilometern, den Namen. Nicht hilft mir solche Flucht. Die schwere h\u00f6lzerne Doppelt\u00fcr l\u00e4sst sich nur schwer \u00f6ffnen und hinter dem modrigen Vorhang er\u00f6ffnet sich ein dunkler Barockraum, in dem die riesigen \u00d6lbilder und Fresken l\u00e4ngst altersdunkel und kraftlos geworden sind. Dankbar denk ich an die Krypta darunter, in die ich beim Wienbesuch f\u00fchrte meine Schulklassen, um zu zeigen, es gibt sie: die andere Kirche, die sich k\u00fcmmert in der Gruft um die Obdachlosen, die psychisch Erkrankten, die ihren Kummer ertrinken wollen mit Alkohol. Solcher Gedanke an Hilfe f\u00fcr die \u00c4rmsten schenkt mehr Licht als das Gnadenbild vorne am barocken Hochaltar. Die Kirche weckt den Eindruck, als h\u00e4tte sie gar nichts zu tun mit dem Treiben drau\u00dfen vor ihren schweren T\u00fcren, als b\u00f6te sie auch keine Alternative, als st\u00fcrbe sie vor sich dahin oder w\u00e4re sie l\u00e4ngst schon gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Seelenflucht mit der U3 f\u00fchrt ins st\u00e4dterne Herz der Metropole mit der Kathedrale, die so stolz steht und aufragt zum Himmel und zentrieren m\u00f6chte. In tiefblauen Himmel mit schneewei\u00dfen Wolken und goldener untergehender Sonne blickt die suchende Seele, bleibt h\u00e4ngen an der feingliedrigen Fassade und den T\u00fcrmen, die den tiefblauen Himmel und die schneewei\u00dfen Wolken ber\u00fchren. Ich ber\u00fchre die Scheibe beim Eingang zum Dom, wo darunter das ber\u00fchmte \u201e05\u201c von einer Geschichte des Widerstands erz\u00e4hlt. Wie eine Dreht\u00fcr erscheint der Eingang zum Stephansdom: Rechts zieht ein Menschenstrom hinein in das linke Schiff und rechts davon wieder hinaus, verwehrt bleibt der Blick von der Mitte innen nach Innen. Die Blicke der Besuchenden wirken meist empathielos. Auch mich erfasst kein Staunen heute. In meinen Gedanken tauchen immer neu Bilder und Worte aus jenem Theaterst\u00fcck auf, das ich gestern im Akademietheater sah. \u201eKaspar\u201c von Peter Handke.<\/p>\n\n\n\n<p>Genial und vision\u00e4r und schonungslos hat vor weit mehr als 50 Jahren Peter Handke in seinem St\u00fcck aufgedeckt, wie Menschen durch M\u00e4chte zu apathischen Wesen gemacht werden, wie durch Sprachfolterungen die Sprache des wahren Menschseins ausgetrieben wird und wir Menschen zu beziehungslosen Menschen degenerieren, wo am Ende nur mehr der Griff zu einer \u00dcberdosis als fataler Ausweg erscheint. Im St\u00fcck des Literaturnobelpreistr\u00e4gers gibt es keine Religion mehr, die rettet mit ihrer Sprache von Himmel und G\u00f6ttlichem und Engeln. Trotzig und gen\u00e4hrt von Erfahrung sp\u00fcre ich aber: Es gibt den Himmel \u2013 anders freilich oft als im Sprechen der Kirche. Es gibt sie, die Engel mit ihren himmlischen Kr\u00e4ften, die heilen und sch\u00fctzen gegen Irrsinn von Gewalt und Entfremdung, die z\u00e4rtlich tr\u00f6stend zusprechen: Du brauchst nicht Kaspar werden. Du bist und es ist gut, wie du bist. Du musst nicht kaufen und dich verkaufen, um geliebt zu sein im Strom der str\u00f6menden Massen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wien-steffl-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>Abertausend mal abertausend Menschen str\u00f6men in einem dunkel-schwarz wirkenden Strom in der Mitte der Megastadt mit ihren m\u00e4chtigen Mauern, hinter denen m\u00e4chtige Menschen ihre Macht exekutieren, hinter denen sie regieren und in einem Strom str\u00f6men die Regierten entlang der Gesch\u00e4fte, die offen sind wie die M\u00e4uler, mit denen sie Konsumhungrige verschlingen wollen. 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