{"id":9984,"date":"2024-03-12T11:31:19","date_gmt":"2024-03-12T11:31:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=9984"},"modified":"2026-02-02T20:19:49","modified_gmt":"2026-02-02T20:19:49","slug":"die-weisse-fahne-und-die-weisse-soutane-warum-papst-franziskus-so-recht-hat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=9984","title":{"rendered":"Die wei\u00dfe Fahne und die wei\u00dfe Soutane: Warum Papst Franziskus so recht hat!"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Vom Mut zur wei\u00dfen Fahne und vom Nein zum Waffenlieferungs-Bellizismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weltweit hat der Vorschlag von Papst Franziskus, dass die \u201ewei\u00dfe Fahne\u201c als Friedensstrategie f\u00fcr die Ukraine in Erw\u00e4hnung gezogen werden sollte, f\u00fcr Aufsehen und auch Emp\u00f6rung gesorgt. Im ORF darf ein Generalstabschef wieder einmal den Krieg erkl\u00e4ren, f\u00fcr Aufr\u00fcstung \u2013 die er als \u201eNachr\u00fcstung\u201c beh\u00fcbscht \u2013 Werbung machen, Sky-Shield loben und zugleich den Papst f\u00fcr seine deeskalierende Botschaft als \u201enaiv\u201c bezeichnen. In Deutschland wird zeitgleich mit dem p\u00e4pstlichen Aufruf zur Waffenruhe \u00fcber die Lieferung der Taurus-Marschflugk\u00f6rper an die Ukraine debattiert. Ein einzelnes St\u00fcck kostet eine Million Euro \u2013 das ganze Drumherum ist damit noch gar nicht einberechnet. Jene, die dies zu verantworten h\u00e4tten, reden absch\u00e4tzig \u00fcber die \u201eWei\u00dfe Fahne\u201c-Politik des Papstes. Wird der Katholik Joe Biden auf Papst Franziskus h\u00f6ren? Scharf abgelehnt wurden die Papst-\u00c4u\u00dferungen jedenfalls von Selenskyi selbst. Die EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen genauso wie die deutsche Au\u00dfenministerium Annalena Baerbock bekundeten gleich ihre bleibende milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung f\u00fcr Selenskyi. Der NATO-Generalsekret\u00e4r deutete die Wei\u00dfe Fahne zum jetzigen Zeitpunkt als Aufgabe der Ukraine und damit zu einer Besatzung dieses Landes. Momentan sei nur milit\u00e4rischer Widerstand gegen Russland sinnvoll. <\/p>\n\n\n\n<p>Leider reduziert sich die Debatte zu sehr auf das Symbol der &#8222;wei\u00dfen Fahne&#8220;, das unrichtigerweise mit einer feigen Kapitulation vor dem b\u00f6sen Feind gleichgesetzt wird. Papst Franziskus sprach vor allem von Waffenstillstandsverhandlungen unter internationaler Vermittlung. Das Kapitulationsnarrativ wurde ihm ungerechtfertigterweise angedichtet. Der Papst im Wortlaut des Interviews, das in einem Schweizer Rundfunksender am 20. M\u00e4rz ausgestrahlt werden soll: &#8222;Wenn man sieht, dass man besiegt wird, dass die Dinge nicht gut laufen, muss man den Mut haben zu verhandeln&#8220; &#8230;  Er sei der Ansicht, dass derjenige St\u00e4rke zeige, &#8222;der die Situation erkennt, der an das Volk denkt, der den Mut hat, die wei\u00dfe Fahne zu hissen und zu verhandeln &#8230; und heute kann man mit der Hilfe der internationalen M\u00e4chte verhandeln. Das Wort &#8218;verhandeln&#8216; ist ein mutiges Wort.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDas Gebell der NATO\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was der Papst fordert, ist so gar nicht neu f\u00fcr ihn, und der Blick auf die letzten zwei Kriegsjahre zeigt schmerzlich, wie recht der Staatschef im Vatikan doch hat. Franziskus hat vor zwei Jahren den v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine unmittelbar sch\u00e4rfstens verurteilt. Er hat sich seither st\u00e4ndig um diplomatische Kl\u00e4rungen bem\u00fcht, sowohl gegen\u00fcber Patriarch Kyrill und zugleich gegen\u00fcber Staatenlenkern. In seinen Stellungnahmen hat der Papst versucht wegzukommen von dem Einteilen in Gute und B\u00f6se. Anders als in der westlichen Welt \u00fcblich hat sich Franziskus auch mit der Kritik an der NATO nicht zur\u00fcckgehalten. Er sprach von einem \u201eGebell der NATO\u201c, das den Krieg befeuert habe. Auf die Kritik an seiner Positionierung antwortete Franziskus einmal: \u201eAn dieser Stelle k\u00f6nnte mir jemand sagen, ich sei f\u00fcr Putin. Nein, das bin ich nicht. So etwas zu behaupten, w\u00e4re vereinfachend und falsch. Ich bin einfach dagegen, die Komplexit\u00e4t auf die Unterscheidung von Gut und B\u00f6se zu reduzieren, ohne \u00fcber die Wurzeln und Interessen nachzudenken, die sehr komplex sind. W\u00e4hrend wir die Grausamkeit der russischen Truppen sehen, d\u00fcrfen wir die Probleme nicht vergessen und wir m\u00fcssen versuchen, sie zu l\u00f6sen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im Dritten Weltkrieg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mehrfach hat der Papst bereits vor dem Ukrainekrieg von einem \u201eDritten Weltkrieg in St\u00fccken\u201c gesprochen. Mit dem Ukrainekrieg ist dieser Weltkrieg in den Augen von Franziskus nun ausgebrochen. Die Ablehnung des Krieges ist dem Bergoglio-Papst bereits in die Wiege gelegt worden. Sein Gro\u00dfvater war als Soldat im Ersten Weltkrieg an der Piave eingesetzt und hat die Schrecken dieses Krieges am eigenen Leib erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>In den vergangenen zwei Jahren wurde der Papst immer wieder als \u201ePutin-Versteher\u201c diffamiert. Seine Kritik an den Waffenlieferungen war jedoch stets verbunden mit der Sorge um die Ausweitung des Krieges. Er hat unerm\u00fcdlich f\u00fcr den Verhandlungsweg pl\u00e4diert. Damit steht der Papst in der Tradition der diplomatischen Vatikanstrategie, die sich bewusst nicht auf eine Seite stellt, um als Vermittler f\u00fcr beide t\u00e4tig sein zu k\u00f6nnen. Wenn wir an das Pontifikat von Franziskus denken, so k\u00f6nnten wir auf jenen Erfolg vor 10 Jahren blicken, als es mit vatikanischer Diplomatie gelang, ein Treffen zwischen der kubanischen Staatsf\u00fchrung und US-amerikanischen Vertretern zustande zu bringen. Franziskus verkn\u00fcpft in seinen Dokumenten wie Fratelli tutti, Laudato Si und zuletzt Laudate Dominum stets die Fragen von \u00d6kologie, Gerechtigkeit und Frieden. Die Ablehnung der Atomwaffen ist dabei konstitutiv im Denken von Franziskus. Gerade jetzt ist diese Verurteilung so wichtig. Selbst der Besitz von Atomwaffen und die Strategie der Abschreckung wird als \u201es\u00fcndhaft\u201c beschrieben. Das \u201eKonzept der sozialen Freundschaft\u201c, wie es in der Enzyklika Fratelli Tutti entwickelt wurde, ist ein Strategie, die so gar nicht den Aufr\u00fcstungs- und Hochr\u00fcstungspl\u00e4nen der Herrschenden heute entspricht. Freilich ist es ins Herz der katholischen Soziallehre eingeschrieben, in der Gewaltverzicht beginnend mit Papst Leo XIII. der rote Faden \u00fcber all die Jahrzehnte geblieben ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Selbstverteidigungsrecht ist nicht gleich milit\u00e4rischer Waffengang<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das zentrale Argument der Bef\u00fcrworter f\u00fcr Waffenlieferungen lautet, dass die Ukraine doch ein Recht auf Selbstverteidigung habe. Auch die katholische Kirche, so wird gesagt, h\u00e4tte stets dieses Selbstverteidigungsrecht als Grundlage ihrer Friedenslehre gesehen. Pazifistische Positionen negieren nicht dieses Recht. Allerdings wird darauf hingewiesen, dass Selbstverteidigungsrecht und die Wiederherstellung von Recht, Ordnung und Frieden mit nicht-milit\u00e4rischen, mit diplomatischen Mitteln, mit gewaltfreien Strategien weit besser bewerkstelligt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die klassische, 1500 Jahre alte Lehre vom \u201ebellum justum\u201c (Gerechter Krieg) taugt weiterhin, auch im Falle des Ukraine-Krieges als Referenzrahmen. Sie gesteht zun\u00e4chst zu, dass Verteidigung der einzige Rechtfertigungsgrund f\u00fcr einen Krieg sei, stellt zugleich aber klare Bedingungen auf: Wenn es keinen Aussicht auf Erfolg gibt, wenn sich die Situation f\u00fcr die Menschen verschlimmert, wenn die Mittel unangemessen sind, dann darf nicht zu den Waffen greifen. Au\u00dferdem m\u00fcssen zuerst auch alle anderen nicht-milit\u00e4rischen Mittel ausgesch\u00f6pft sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Papst glaubt nicht an Gewalt und Waffen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit Gewalt kann ich nichts erreichen. Das ist das Credo von Papst Franziskus. Krieg schafft nichts als Elend. Waffen schaffen nichts als Tod. Das ist wohl gemeint, wenn der Papst von der Notwendigkeit der Wei\u00dfen Fahne spricht, die nicht gleichzusetzen ist mit einer unterw\u00fcrfigen Kapitulation, sondern als Waffenruhe interpretiert werden kann, die dann erst Raum f\u00fcr Friedensverhandlungen schaffen k\u00f6nnte. Die Bergpredigt und die Botschaft und das Beispiel Jesu sind daf\u00fcr die leitgebende Inspiration. Der Gewaltverzicht und die Feindesliebe, wie sie dort beschrieben sind, sind h\u00f6chste Aktivit\u00e4t und Widerstand gegen Unrecht. Der Papst sagte in der Osterbotschaft 2022 vor dem Segen Urbi et orbi &#8211; und es bleibt g\u00fcltig: \u201eM\u00f6ge man den Frieden w\u00e4hlen! Man m\u00f6ge aufh\u00f6ren, die Muskeln spielen zu lassen, w\u00e4hrend Menschen leiden. Bitte, bitte, gew\u00f6hnen wir uns nicht an den Krieg. Setzen wir uns alle daf\u00fcr ein, auf unseren Balkonen und den Stra\u00dfen mit lauter Stimme den Frieden zu verlangen. Frieden! Diejenigen, die f\u00fcr die Nationen Verantwortung tragen, m\u00f6gen auf den Schrei der Menschen nach Frieden h\u00f6ren. Sie m\u00f6gen die beunruhigenden Fragen h\u00f6ren, die Wissenschaftstreibende schon vor 70 stellten: Werden wir dem Menschengeschlecht ein Ende setzen oder wird die Menschheit imstande sein, auf den Krieg zu verzichten.\u201c M\u00f6gen solche Worte auch zur Osterbotschaft der Bisch\u00f6fe und katholischer Organisationen hierzulande werden! <\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;<strong>Bleibende Solidarit\u00e4t mit der Ukraine<\/strong>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6rt man jedoch auf die Stimmen in der katholischen Kirche in \u00d6sterreich, so vermisse ich die Klarheit, mit der sich Papst Franziskus gegen das Waffengedr\u00f6hne ausspricht. Die \u00c4u\u00dferungen des Papstes fielen in die Zeit, als die \u00d6sterreichische Bischofskonferenz tagte. Bischof Zsifkovics mahnt eine &#8222;bleibende Solidarit\u00e4t&#8220; mit der Ukraine ein. Nichts ist gegen eine &#8222;bleibende Solidarit\u00e4t&#8220; einzuwenden. Die Frage bleibt jedoch, was darunter verstanden werden soll. Eine milit\u00e4rische Solidarit\u00e4t mit Waffenlieferungen und Aufr\u00fcstung, mit einem Heranr\u00fccken an die NATO und einer Konfrontationspolitik? Oder eine Solidarit\u00e4t im Sinne von Papst Franziskus, die dem W\u00fcten des Krieges und dem sinnlosen T\u00f6ten ein Ende machen m\u00f6chte und zum Verhandlungsweg aufruft? Eine Solidarit\u00e4t, die milit\u00e4rische Logik inkludiert, die letztlich bis zu einer atomaren Auseinandersetzung f\u00fchren k\u00f6nnte, oder eine Solidarit\u00e4t, die auf Seiten aller V\u00f6lker steht, die nicht den Krieg wollen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Mut zur wei\u00dfen Fahne und vom Nein zum Waffenlieferungs-Bellizismus Weltweit hat der Vorschlag von Papst Franziskus, dass die \u201ewei\u00dfe Fahne\u201c als Friedensstrategie f\u00fcr die Ukraine in Erw\u00e4hnung gezogen werden sollte, f\u00fcr Aufsehen und auch Emp\u00f6rung gesorgt. Im ORF darf ein Generalstabschef wieder einmal den Krieg erkl\u00e4ren, f\u00fcr Aufr\u00fcstung \u2013 die er als \u201eNachr\u00fcstung\u201c beh\u00fcbscht&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[182],"tags":[1810,1141,1809],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9984"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9984"}],"version-history":[{"count":11,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9984\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12223,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9984\/revisions\/12223"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9984"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9984"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9984"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}