{"id":10358,"date":"2024-06-30T16:45:39","date_gmt":"2024-06-30T16:45:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10358"},"modified":"2024-06-30T16:45:39","modified_gmt":"2024-06-30T16:45:39","slug":"wo-religion-zur-heimat-wird-und-auch-wieder-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10358","title":{"rendered":"Wo Religion zur Heimat wird und auch wieder nicht"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Silz-3-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Silz-3-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10359\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Silz-3-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Silz-3-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Silz-3-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Silz-3-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Silz-3-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Lebensgro\u00dfe Statuen werden von der Kirche ins Freie getragen. Vier Frauen in Tracht haben die Statue der Hl. Anna geschultert. Hinter ihnen gehen weitere Frauen vom Frauenbund. Feuerwehrm\u00e4nner mit traditionellen metallglitzernden Helmen und Uniformen aus Lodenstoff k\u00fcmmern sich um einen vergoldeten Josef mit Kleinjesussohn. Es ist Patrozinium. Traditionell findet an diesem Tag eine Prozession statt mit all dem, was in Tiroler Volks-Kultur-Religiosit\u00e4t dazu geh\u00f6rt. Das hat Ordnung und schenkt Heimat. Sch\u00fctzen mit ihren H\u00fcten, auf denen wei\u00dfe Auerhahnfedern im warmen Sommerwind wehen. Die Blasmusikkapelle spielt auf. Kinder schwingen gelbwei\u00dfe Fahnen. Eine besondere Fertigkeit brauchen die M\u00e4nner, um die gro\u00dfen, schwerbestickten Prozessionsfahnen stets in der Vertikale zu halten. In der Mitte des Zuges, der von der Kirche \u00fcber die Felder der Oberinntaler Gemeinde zieht, geht die Geistlichkeit und ganz in der Mitte unter dem Himmel schreitet der Priester mit einer goldenen Monstranz und dem \u201eallerheiligsten Altarsakrament\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Kindestagen an sind mir diese Prozessionen vertraut, die Rituale mit ihren Worten und Gesten. Als Kind war ich meist als Ministrant dabei und dann sp\u00e4ter mit meinen eigenen Kindern und bis vor kurzem auch einmal im Jahr bei der Dorfprozession als Himmeltr\u00e4ger. Einer meiner S\u00f6hne war eifriger Ministrant und ein anderer bei der Musikkapelle. Prozessionen waren Ereignisse, wo ich mit meinen famili\u00e4ren Beziehungen dazugeh\u00f6rte: zum Dorf und zur Kirche.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe diesmal ganz am Ende des Prozessionszuges wie jemand, der nicht so ganz dazugeh\u00f6rt, der mehr beobachtet, als k\u00e4me er von au\u00dfen. Bin ich wohl auch etwas. Ein Gast. Ein Oberinntaler aus einem anderen Dorf, der hierher eingeladen wurde, weil sein Freund ein besonderes Jubil\u00e4umsfest feiern kann. Der Peter- und Paultag f\u00e4llt heuer auf einen Samstag. Eigentlich ist es ein untypischer Tag f\u00fcr einen Festgottesdienst plus Prozession. In dieser Gemeinde spielt es keine Rolle, ob es ein Werk- oder Sonntag ist. Da wird jedes Jahr das Patrozinium ganz gro\u00df gefeiert. F\u00e4llt es auf einen normalen Wochentag, so gibt es f\u00fcr die Pflichtsch\u00fcler sogar schulfrei.<\/p>\n\n\n\n<p>Am m\u00e4chtigen Turm der Pfarrkirche flattern eine gelbwei\u00dfe und eine rotwei\u00dfe Fahne. Tirol und katholische Kirche als zwei Fixgr\u00f6\u00dfen, die zusammengeh\u00f6ren. An der nordseitigen lachsbraunen Fassade steht das Erbauungsjahr in r\u00f6mischen Lettern: MDCCCXXXXVIII. 1848 sinniert mein Geist. Revolutionsjahr. Die Kirche ist gro\u00df wie ein Dom. 1400 Menschen sollen hier Platz finden. Am Patroziniumstag ist die Kirche gut gef\u00fcllt. Ich rechne schnell: Rund 2600 Einwohner hat Silz. Der Prozentsatz der Anwesenden ist also betr\u00e4chtlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Gedanken gehen mir bei der Prozession durch den Kopf. Aus theologischer Sicht ist es sch\u00f6n, dass der Glaube buchst\u00e4blich in die Welt hinausgetragen wird, dorthin, wo die Menschen leben und arbeiten, wo sie in die Kinderg\u00e4rten oder in die Schule gehen, vorbei an den Wohnh\u00e4usern und an den f\u00fcr diesen Ort so typischen Erd\u00e4pfelfeldern. Hier in der weiten Ebene zwischen den Abh\u00e4ngen des Tschirgantmassivs im Norden und den Sellrainer Alpen im S\u00fcden sind noch nicht alle Fl\u00e4chen verbaut. Da gibt es selbst noch Streuobstwiesen. Theologisch passend ist es auch, dass sich eine Nachfolgegemeinschaft miteinander auf den Weg macht, hinausgeht, sich zugleich orientiert mit dem Jesusbrot in der Mitte. Bei den Prozessionen werden alle zu Kumpaninnen und Kumpanen Jesu, schrieb ich vor einiger Zeit in einem Artikel f\u00fcr die Tiroler Tageszeitung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prozession geht an der Sch\u00fctzenkanone vorbei, die an diesem Tag mehrmals f\u00fcr Salutsch\u00fcsse geladen wird. 1809 steht auf der Kanone. Der Prozessionszug ging an einer Statue vorbei, die an einen der Helden der Tiroler Freiheitsk\u00e4mpfe unter Andreas Hofer erinnert. Einer der vier Alt\u00e4re drau\u00dfen auf den Feldern ist bei dem Geb\u00e4ude der Sch\u00fctzengilde. Wieder wird an 1809 erinnert \u2013 zugleich steht auf dem Geb\u00e4ude: Erweitert und ausgebaut 1942. Da bekomme ich unangenehme G\u00e4nsehaut selbst bei Hochsommertemperatur. Die Sch\u00fctzen schie\u00dfen eine Ehrensalve. Ich denke an die Deutung: Man schie\u00dft die letzte Patrone in die Luft, um damit keinen Feind mehr t\u00f6ten zu k\u00f6nnen. Immer wieder kreisen dabei meine Gedanken um die Lesung, die ich in der Kirche zuvor h\u00f6rte und auf die in der Predigt nicht eingegangen wurde. Ich verkn\u00fcpfe sie mit dem Auftreten der Sch\u00fctzen, verkn\u00fcpfe sie mit den vielen Berichten aus dieser Welt, wo von Gewalt und Kriegen die Rede ist, verkn\u00fcpfe sie mit dem Wissen, dass es auch Engel gibt, die Menschen in scheinbar ausweglosen Gewaltsituationen zur Befreiung verhelfen k\u00f6nnen. In meinem Kopf ist l\u00e4ngst schon ein Text entstanden. &#8222;Gelobt sei das allerheiligste Altarsakrament&#8220;, hei\u00dft es wieder aus dem Lautsprecher und der Priester macht den Segen mit der Monstranz.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Stopp macht sich der Prozessionszug weiter auf den Weg. Die Geistlichkeit mittendrin. Warum, so denke ich mir, hei\u00dft es mit einem weiblichen Begriff \u201edie Geistlichkeit\u201c, wo es doch lauter M\u00e4nner sind, die als \u201eGeistliche\u201c mit dabei sind? Widerspr\u00fcche in unserer Kirchenwelt gehen da wohl auch mit. Weder Petrus noch Paulus waren jedenfalls \u201egeweihte M\u00e4nner\u201c und in der Jesusbewegung gab es auch eine Apostelin Maria Magdalena und andere Frauen. Paulus selbst bestellte Gemeindeleiterinnen und Diakonissinnen. Von Petersberg sind bei der Prozession viele Klosterschwestern und Ordensbr\u00fcder dabei. In schwarzen Talaren ein gutes Dutzend M\u00e4nner und mit schwarzem Habit auch ein gutes Dutzend Frauen. Um sie ranken sich so viel unbekannte Geheimnisse. Ihr Leben auf der nahen Burg St. Petersberg, das zugleich der Sitz vom Engelswerk ist, bleibt mir verborgen. Zugleich wei\u00df ich genug, um zu sagen: Das ist f\u00fcr mich so weit weg von dem, wie ich Glaube und Kirche sehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder l\u00e4utet die m\u00e4chtige Glocke. Der Klang kommt zwischen den beiden flatternden Fahnen aus den Fenstern des Turmes. Der Verkehr auf der Bundesstra\u00dfe wird aufgehalten. Danach m\u00f6chte ich ein Mitglied der Letzten Generation sein und mich am liebsten am Schutzweg \u00fcber der Stra\u00dfe ankleben. Doch das Leben geht weiter mit all seinen Ambivalenzen. F\u00fcr mich geht es sp\u00e4ter zur\u00fcck zum Bahnhof mit seiner Architektur aus der Gr\u00fcndungszeit der Arlbergbahn. In der Zeitung steht, dass bei fortschreitender Erderhitzung bald schon einmal Palmen im Inntal wachsen k\u00f6nnten &#8211; grad&#8216; so wie am Gardasee. <\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Silz-3-768x1024.jpg' class='thumbnail' \/>Lebensgro\u00dfe Statuen werden von der Kirche ins Freie getragen. Vier Frauen in Tracht haben die Statue der Hl. Anna geschultert. Hinter ihnen gehen weitere Frauen vom Frauenbund. 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