{"id":10746,"date":"2024-10-07T17:18:58","date_gmt":"2024-10-07T17:18:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10746"},"modified":"2026-02-03T07:15:23","modified_gmt":"2026-02-03T07:15:23","slug":"von-binaerer-und-nicht-binaerer-goettlicher-schoepfungs-und-liebesordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=10746","title":{"rendered":"Von bin\u00e4rer und nicht-bin\u00e4rer g\u00f6ttlicher Sch\u00f6pfungs- und Liebesordnung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Von der Erschaffung des Menschen und der Tiere im zweiten Sch\u00f6pfungsbericht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Lesungen im liturgischen Plan f\u00fcr den Sonntag am 6. Oktober 2024 sind aufeinander abgestimmt. Die Lesung aus dem Ersten Testament ist aus dem zweiten Sch\u00f6pfungsbericht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Buch Genesis Kapitel 2 wird bildhaft beschrieben, wie Gott den Menschen schafft. Es ist der \u00e4ltere der beiden Sch\u00f6pfungsberichte. In der Exegese spricht man vom Jahwisten als Quelle und ortet die Entstehungszeit zur\u00fcck bis ins 9. Jahrhundert vor Christus. Wir sind also bei diesen Worten in den \u00e4ltesten Schichten der biblischen Schriften. F\u00fcr das j\u00fcdische Volk und damit auch f\u00fcr Jesus und seine Bewegung hatte dieser Text gro\u00dfe Bedeutung, weshalb in den Evangelien darauf \u00f6fters Bezug genommen wird. Es sind viele Aspekte, die mich politisch, kulturell und pers\u00f6nlich ansprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beschrieben wird ein f\u00fcrsorglicher und menschenfreundlicher Gott. Nachdem der Mensch von ihm geschaffen worden war, will Gott schlie\u00dflich auch, dass es ihm gut gehe. Vor allem soll er nicht allein sein. Der Mensch braucht eine Hilfe. Daher schafft Gott alle Tiere und gibt sie in die Verantwortung des Menschen. Indem der Mensch ihnen einen Namen gibt, macht er sich zu ihrem Besch\u00fctzer.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser einfachen Darstellung liegen so viel Weisheit sowie Anspr\u00fcche f\u00fcr das Mensch-Tier-Verh\u00e4ltnis. Gott sp\u00fcrt, so der jahwistische Sch\u00f6pfungsbericht, dass der Mensch mehr braucht, mehr Hilfe, mehr, um nicht allein zu sein. In der alttestamentlichen Bilderwelt kommt nun die Geschichte mit der Rippe Adams, aus der Gott eine Frau modelliert, ganz dem Manne ebenb\u00fcrtig \u2013 wie es ausdr\u00fccklich hei\u00dft. Schon in diesem \u00e4ltesten Text der Bibel ist also nicht von einer Ungleichheit zwischen Mann und Frau die Rede. Mit anderen Worten: Jede Unterordnung von Frauen unter M\u00e4nner ist im Widerspruch zum biblischen Sch\u00f6pfungsauftrag. Statt Rippe w\u00fcrde man heute vielleicht von Chromosomenpaaren sprechen oder von \u00d6strogen- und Testosteronhormonen, die \u00fcber die Geschlechtlichkeit des Menschen entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute \u2013 im Licht der Humanwissenschaften, getragen von psychologischen, philosophischen und theologischen Erkenntnissen \u2013 w\u00fcrden wir diesen alten Text noch erg\u00e4nzen mit der Tatsache, dass die Geschlechterbestimmung wesentlich bunter ist, dass m\u00e4nnliche und weibliche Eigenschaften in jedem Mann und in jeder Frau in unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen zu finden sind, dass es auch mehr als nur den Mann und die Frau gibt, mehr als nur eindeutig m\u00e4nnlich und eindeutig weiblich, dass es also eine bin\u00e4re und eine nicht-bin\u00e4re Geschlechtlichkeit gibt, dass weiters Liebe und Partnerschaft auch zwischen Mann und Mann und Frau und Frau als g\u00f6ttliches Geschenk erlebbar werden kann. Mit anderen Worten: Nach den jahrhundertealten Diskriminierungen von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften k\u00f6nnen wir heute betonen, dass Gott auch Mann und Mann und Frau und Frau in Liebe verbinden kann und dass es zugleich auch Menschen gibt, deren Geschlecht nicht so eindeutig in ein xx- oder xy-Schema passt. Nur biblische Fundis und ihre politischen Epigonen in den rechtsextremen Parteien, die so gerne von \u201eGenderwahn\u201c sprechen und aus ihrer Verachtung von Minderheiten politisches Kapital schlagen wollen, werden die biblischen Berichte so deuten, dass es nur Mann und Frau gibt und dass es geschlechtliche Verbindungen nur auf heterosexueller Ebene geben darf. Auf die Bibel jedenfalls k\u00f6nnen sich solche homophoben und transphoben Kr\u00e4fte nicht berufen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von Ehe und Trennung im Markusevangelium (Mk 10,2-16)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Stelle aus dem Markusevangelium, in der von der Ehescheidung die Rede ist, nimmt direkt Bezug auf den biblischen Sch\u00f6pfungsbericht. Jesus grenzt sich von einer fundamentalistischen Gesetzesethik ab, die die Buntheit g\u00f6ttlicher Beziehungsm\u00f6glichkeiten eingrenzt. Keinesfalls darf aber, so die sozial-historisch wichtigste Interpretation, ein Mann einfach seine Frau \u201estehen lassen\u201c, wie dies in einer gewissen Art und Weise von manchen M\u00e4nnern in der damaligen Gesellschaft interpretiert worden ist. Was typisch f\u00fcr Jesus und seine Bewegung ist: Er nimmt die Frauen in Schutz. Um diesen Schutz ging es auch im angesprochenen Scheidungsbrief, den laut dem Buch Deuteronomium ein Mann im Falle einer Scheidung ausstellen musste, damit sie \u00fcberhaupt die M\u00f6glichkeit zu einer Wiederverheiratung hatte, was f\u00fcr ihre eigene Existenzsicherung \u00fcberlebensnotwendig war. Der Scheidungsbrief war also Schutzbrief f\u00fcr die Frau und eben nicht ein Freibrief f\u00fcr machohafte \u00dcberheblichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trennung und Neubeginn<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der angesprochenen Passage aus dem Markusevangelium geht es nicht darum, was die Kirche daraus gemacht hat und in der katholischen Kirche bis zum heutigen Tag von streng konservativen Kreisen behauptet wird: Das Verbot jeder Ehescheidung. In einer solchen Verbotsmoral wird nicht R\u00fccksicht genommen auf die Lebenssituation, in die Paare geraten k\u00f6nnen, in der eine Trennung oder ein Loslassen mehr dem g\u00f6ttlichen Prinzip der Barmherzigkeit entsprechen k\u00f6nnten als ein stures Festhalten am ehelichen Bund. W\u00fcrde die katholische Kirche ihre veralteten Grunds\u00e4tze des Katechismus umsetzen, dann w\u00e4ren l\u00e4ngst schon mehr als ein Drittel aller Gl\u00e4ubigen von den Sakramenten ausgeschlossen. Es ist daher an der Zeit, dass sich die katholische Kirche mit ihrem Eherecht \u00e4ndert, was in der pastoralen Praxis l\u00e4ngst schon gelebt wird: Dass geschiedene Menschen nicht mehr als \u201es\u00fcndig\u201c angesehen werden, wenn sie neue Beziehungen leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus warnt in dieser Stelle ausdr\u00fccklich vor einem \u201epharis\u00e4erhaften\u201c \u2013 gemeint ist ein gesetzesrigoroses \u2013 Verhalten. Jesus lehnt ausdr\u00fccklich eine \u201eHartherzigkeit\u201c ab. Was es in jeder Trennungssituation braucht, ist Vers\u00f6hnung und nicht wechselseitiges Schuldzuschieben, ist Heilung und nicht Verurteilung. Gerade in Trennungssituationen ist g\u00f6ttliche Geistkraft gefragt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ehe als Sakrament der Liebe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Sakramentalit\u00e4t ehelicher Beziehungen als Realsymbol f\u00fcr g\u00f6ttliche Liebe wird nicht durch eine Trennungsm\u00f6glichkeit weggenommen. Ehe bleibt dabei mehr als nur ein \u201eweltlich Ding\u201c, wie es Martin Luther nannte. Eine Ehe kann freilich auch enden, wenn die Liebe in ihr verschwindet, manchmal einseitig, wenn eine den anderen nicht mehr unterst\u00fctzen will, sondern seine oder ihre eigenen Wege gehen m\u00f6chte oder wenn Anspr\u00fcche an die Partnerschaft nicht erf\u00fcllt werden. Vielleicht sollte man dann weniger vom \u201eScheitern\u201c sprechen, das mit so viel negativen Konnotationen verbunden ist, sondern davon, dass ein neuer Lebensweg begonnen wird, vers\u00f6hnt mit einer Zeit, die vorbei ist, vers\u00f6hnt auch deswegen, weil keiner der Partner in ungerechte Verh\u00e4ltnisse abgedr\u00e4ngt wird. Vielleicht auch, so darf gedacht werden, kann auch in diesem neuen Lebensweg f\u00fcr beide ein Segen liegen. Eine solche Sichtweise freilich erscheint immer noch als Tabubruch, obwohl in unserem Land mehr als jede 3. Ehe bereits geschieden wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Biblische Vorgaben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die einzelnen Aussagen zur Ehe in den biblischen Schriften bed\u00fcrfen einer genauen Interpretation. Sie m\u00fcssen zun\u00e4chst historisch-kritisch verortet werden. Vor allem kann das Institut der Ehe in israelitischer Zeit nicht mit Ehe von heute gleichgesetzt werden. Damals war eine Ehe nicht vorrangig eine Liebesehe. Sie wurde meist arrangiert von den V\u00e4tern und zwischen den Familien. Oftmals wurde eine solche Ehe schon in Kindeszeit vereinbart. Frauen waren dann fast wie ein Eigentum des Mannes, wie das 10. Gebot im Dekalog anklingen l\u00e4sst. Daher brauchte die Frau auch einen besonderen Schutz, wie er im Buch Deuteronomium vorgegeben ist. \u00dcber jeder Gesetzeskasuistik steht in der Botschaft Jesu stets das Kriterium von Liebe und Barmherzigkeit. Eine starre Gesetzesfr\u00f6mmigkeit wird von ihm abgelehnt. Wenn Jesus in einem anderen Zusammenhang davon spricht, dass der Sabbat f\u00fcr den Menschen da ist und nicht umgekehrt, so k\u00f6nnen wir analog formulieren, dass die Ordnung der Ehe f\u00fcr die Liebenden da ist und nicht die Menschen f\u00fcr eine bestimmte Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem gilt aber, dass Menschen, die in oft schmerzlichen Trennungssituationen sind, sp\u00fcren, dass Gott sie durch tr\u00f6stende Menschen begleitet, dass ein Neuanfang in manchen Situationen Segen bedeuten kann. Niemand soll sich im Fall von Trennungen besch\u00e4mt f\u00fchlen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>g\u00f6ttlich verbunden und vers\u00f6hnt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>wenn Gott ist Liebe<br>so sagen es die heiligen Schriften<br>wenn Liebe ist Gott<br>so die Gleichung andersherum<\/p>\n\n\n\n<p>dann f\u00fchrt Gott=Liebe zusammen<br>dann ist Gott das Verbindende<br>dann st\u00e4rkt Gott das Verbundene<br>so die g\u00f6ttliche Logik<\/p>\n\n\n\n<p>wenn Gott ist Vers\u00f6hnung<br>so sagen es die heiligen Schriften<br>wenn Vers\u00f6hnung ist Gott<br>so die Gleichung andersherum<\/p>\n\n\n\n<p>dann will Gott=Vers\u00f6hnung<br>dass Getrenntes nicht schmerzlich trennt<br>dass Wunden der Trennung heilen<br>so die g\u00f6ttliche Logik<\/p>\n\n\n\n<p>klaus.heidegger, 6. Oktober 2024 <br>(zum Bild: in der Kirche St. Petrus Canisius war gerade in einer gro\u00dfen Bibel dieses Bild aufgeschlagen, als ich \u00fcber die Sonntagslesungen nachdachte. Wie passend, dachte ich.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Erschaffung des Menschen und der Tiere im zweiten Sch\u00f6pfungsbericht Die Lesungen im liturgischen Plan f\u00fcr den Sonntag am 6. Oktober 2024 sind aufeinander abgestimmt. Die Lesung aus dem Ersten Testament ist aus dem zweiten Sch\u00f6pfungsbericht. Im Buch Genesis Kapitel 2 wird bildhaft beschrieben, wie Gott den Menschen schafft. Es ist der \u00e4ltere der&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[183],"tags":[2007,2004,2008,2005,2009,2006],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10746"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10746"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10746\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12249,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10746\/revisions\/12249"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10746"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10746"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10746"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}