{"id":11268,"date":"2025-05-29T18:08:53","date_gmt":"2025-05-29T18:08:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=11268"},"modified":"2026-01-31T11:31:47","modified_gmt":"2026-01-31T11:31:47","slug":"in-alle-himmelsrichtungen-am-fest-christi-himmelfahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=11268","title":{"rendered":"In alle Himmelsrichtungen am Fest Christi Himmelfahrt"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Vertr\u00f6stungen \u00fcberwinden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWinterm\u00e4rchen\u201c hei\u00dft eines der bekanntesten Gedichte von Heinrich Heine, das wie ein bleibender Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis des Festes Christi Himmelfahrt sein k\u00f6nnte. Fast 200 Jahre sp\u00e4ter haben die Verse des Poeten aus dem fr\u00fchen 19. Jahrhundert nichts an Aussagekraft eingeb\u00fc\u00dft. Auch am Festtag Christi Himmelfahrt soll dieses \u201eneue\u201c, dieses \u201ebessere Lied\u201c gesungen werden, von dem der Dichter im Geist der Aufkl\u00e4rung geschrieben hat. Sein Himmelsblick ist wirklichkeitszugewandt und lustorientiert. Er will nichts weniger als den Himmel auf Erden und fordert zum Handeln f\u00fcr Frieden, soziale Gerechtigkeit und Gleichheit auf. Diese Blickrichtung geht vom Wissen aus, dass \u201ehienieden Brot genug f\u00fcr alle Menschenkinder\u201c w\u00e4chst \u2013 \u201eauch Rosen und Myrten, Sch\u00f6nheit und Lust und Zuckererbsen nicht minder\u201c. Heute w\u00fcrden wir sagen: Das Leben b\u00f6te gen\u00fcgend Lust, wenn sie befreit, gelebt und nicht unterdr\u00fcckt w\u00fcrde. Die Welt b\u00f6te gen\u00fcgend Lebensmittel f\u00fcr alle \u2013 wenn sie nur gerecht verteilt w\u00e4ren oder wenn nicht Hunger gar als zynisches Kalk\u00fcl der Kriegf\u00fchrenden eingesetzt w\u00fcrde. Ein gutes Leben f\u00fcr alle, das mit den einlullenden \u201eEiapopeias\u201c der Konsum- und Werbeindustrie und den populistischen Heilsversprechern nichts gemein hat und nicht auf einer Zerst\u00f6rung der Sch\u00f6pfung aufbaut: das w\u00e4re m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kirchen vertr\u00f6sten nicht mehr<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Anders als in der Zeit, als Heine sein \u201eWinterm\u00e4rchen\u201c dichtete, haben sich die Kirchen positioniert. Sie haben den Mut, das \u201eirdische Jammertal\u201c in den Blick zu nehmen, die teuflischen Abschreckungslogiken zu hinterfragen, die Fl\u00fcchtlingskatastrophen anzuklagen, die ungerechten Verteilungen zu kritisieren und auf die katastrophalen Folgen der Erderhitzung hinzuweisen. Einen \u201ePfaffensegen\u201c \u2013 von dem Heine kritisch schreibt \u2013 gibt es heute nicht mehr f\u00fcr postfaktische Vertr\u00f6stungen, sondern einen kirchlichen Segen f\u00fcr Fl\u00fcchtlings- und Sozialinitiativen, f\u00fcr Klimaschutzma\u00dfnahmen und Friedensbem\u00fchungen \u2013 ja, und auch f\u00fcr die Liebe, die in Beziehungen und Freundschaften jeder Art gelebt wird. Das politische Engagement von Papst Leo XIV. ist ein Zeichen f\u00fcr ein nicht-vertr\u00f6stend gelebtes Himmelfahrtschristentum. \u201eSchaut nicht hinauf!\u201c, das ist in der biblischen Himmelfahrtslegende laut Apostelgeschichte der zentrale Satz, den die himmlischen Boten kritisch an die J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger richten.<\/p>\n\n\n\n<p>Lange vor dem Dichtergenie Heinrich Heine hat der Evangelist Lukas als Autor der Apostelgeschichte mit der Himmelfahrtslegende die jesuanische Grundbotschaft als Verm\u00e4chtnis festgeschrieben. \u201eSchaut nicht hinauf \u2026\u201c \u2013 das bedeutet: Schaut euch in die Augen, ganz tief, um die Freude oder den Schmerz der anderen erfahren zu k\u00f6nnen. Schaut auf jene, von denen Bert Brecht in der \u201eDreigroschenoper\u201c schreibt: auf \u201edie im Dunkeln sieht man nicht\u201c. Der \u00f6sterliche Blick sieht sie sehr wohl. Heute sagt uns Jesus: Schaut in die Luftschutzbunker der Menschen in den Kriegsgebieten und h\u00f6rt ihr sehns\u00fcchtiges Rufen nach Waffenstillstand und Verhandlungen! Schaut durch die Stacheldrahtz\u00e4une an der Festungsmauer Europa und hinter die Betonw\u00e4nde der Fl\u00fcchtlingslager! Schaut auf jene in prek\u00e4ren Lebensverh\u00e4ltnissen, die mit Inflation und Teuerungen nicht mehr zurechtkommen. Heinrich Heine, Bert Brecht und Jesus von Nazaret eint das Bem\u00fchen um ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens. Daf\u00fcr hat dieser Jesus gek\u00e4mpft und daf\u00fcr ist er gestorben. Nicht weniger erwartet er von jenen auf seinem Nachfolgeweg und von den Kirchen heute. Daher beten wir im \u201eVater unser\u201c: \u201eDein Reich komme \u2026 wie im Himmel so auf Erden!\u201c Der Himmelfahrtstag bewahrt uns vor einer Genickstarre und l\u00e4sst uns lustvoll und mit Freude, engagiert und mit Wut im Bauch auf diese Welt und unser eigenes Leben blicken. Eine andere Welt ist m\u00f6glich: eine himmlische Welt hier unten in meinem und deinem und unserem Leben. Am Christi Himmelfahrtstag k\u00f6nnen wir mit dem Dichter des Vorm\u00e4rz ein Bekenntnis zur Lebensfreude und zum Gegenw\u00e4rtigsein sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Heidegger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vertr\u00f6stungen \u00fcberwinden \u201eWinterm\u00e4rchen\u201c hei\u00dft eines der bekanntesten Gedichte von Heinrich Heine, das wie ein bleibender Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis des Festes Christi Himmelfahrt sein k\u00f6nnte. Fast 200 Jahre sp\u00e4ter haben die Verse des Poeten aus dem fr\u00fchen 19. Jahrhundert nichts an Aussagekraft eingeb\u00fc\u00dft. 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