{"id":12470,"date":"2026-04-09T15:30:20","date_gmt":"2026-04-09T15:30:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=12470"},"modified":"2026-04-09T17:22:56","modified_gmt":"2026-04-09T17:22:56","slug":"heldenplatz-in-innsbruck-eine-kuenstlerische-warnung-vor-punschkrapferln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=12470","title":{"rendered":"Heldenplatz in Innsbruck: Eine k\u00fcnstlerische Warnung vor Punschkrapferln"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Punschkrapferl.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"624\" height=\"390\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Punschkrapferl.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12471\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Punschkrapferl.jpg 624w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Punschkrapferl-300x188.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 624px) 100vw, 624px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>1988 war mein erstes Arbeitsjahr in Wien. Um auf den Heldenplatz zu kommen, musste ich nur wenige Minuten quer durch die Innenstadt gehen. Auf meinen Arbeitswegen fuhr ich immer wieder am Burgtheater vorbei. Heldenplatz und Burgtheater. Mein politisches Leben war so intensiv, dass ich mir nicht einmal Zeit nahm f\u00fcr Kunst und Kultur. So war es auch im Herbst 1988, als im Burgtheater unter der Leitung von Claus Peymann das St\u00fcck \u201eHeldenplatz\u201c von Thomas Bernhard aufgef\u00fchrt wurde. Die Gesellschaft \u00d6sterreichs war \u00fcber dieses St\u00fcck zutiefst gespalten. In der Hofburg sa\u00df ein Bundespr\u00e4sident, der seine Mitgliedschaft in der SA zuerst leugnete, um dann sp\u00e4ter dies mit dem Satz zu rechtfertigen, dass er nur seine Pflicht erf\u00fcllt habe. Auf der einen Seite stand jene Front von \u00d6VP-FP\u00d6-Boulevardmedien und unterst\u00fctzt von rechts-konservativen Bisch\u00f6fen wie Kurt Krenn, auf der anderen Seite waren K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, Linke und zum Gl\u00fcck auch der damalige Bundeskanzler Vranitzky. Ich stand auch in physischem Sinne auf Seite von Bernhard und Peymann, als vor dem Burgtheater demonstriert wurde. Es war das Bedenkjahr. Vor 50 Jahren geschah die Annexion \u00d6sterreichs an Hitlerdeutschland, die mit jener denkw\u00fcrdigen Rede von Hitler am Heldenplatz in Verbindung steht. Der wohl umstrittenste lebende Dramatiker und Dichter \u00d6sterreich \u2013 Thomas Bernhard \u2013 schrieb im Auftrag von dem ebenfalls umstrittenen Burgtheaterdirektor ein Drama zum Bedenkjahr. Wer Bernhard kannte, wusste. Der Dichter w\u00fcrde sich mit seiner Kritik an verlogenen Erscheinungsweisen, an verdr\u00e4ngten und dumpf grassierenden nationalsozialistischen Einstellungen und spie\u00dfb\u00fcrgerlichen, dummdreisten Attit\u00fcden, an Verbl\u00f6dungen durch die Boulevardpresse und an einen Katholizismus, der dies alles nicht nur unterst\u00fctzt, sondern sogar bef\u00f6rdert, nicht zur\u00fcckhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>2026. Heldenplatz findet sich im Spielplan des Tiroler Landestheaters. Dem Wunsch des entt\u00e4uschten Autors, dass bis zu 70 Jahre nach seinem Tod seine Werke nicht mehr aufgef\u00fchrt werden d\u00fcrfen, wird zum Gl\u00fcck nicht entsprochen. Mit seinem Stilmittel maximaler \u00dcbertreibung, seiner ganz eigenen Sprachmelodie von sich wiederholenden W\u00f6rtern und S\u00e4tzen und den markanten Charakterfiguren deckt Thomas Bernhard unbarmherzig auf, was es an untergr\u00fcndig faschistoidem Bewusstsein und offenkundig falschem Herrschaftsgef\u00fcge in unserer Gesellschaft gibt. Die Inszenierung am Tiroler Landestheater unterstreicht auf geniale Weise, was vor fast 40 Jahren Bernhard in Zusammenarbeit mit Peymann als Gesellschaftsspiegel auf die B\u00fchne brachte. Bernhard warnte vor einer R\u00fcckkehr faschistoider Zust\u00e4nde, weil solche Kr\u00e4fte weiterhin in allen Gesellschafts- und Politikbereichen wirkten. \u201eIhr werdet wieder einen F\u00fchrer haben \u2026\u201c, orakelt einer der Protagonisten. 2026 ist das Jahr, in dem die freiheitliche Partei mit ihrem M\u00f6chtegern-Volkskanzler l\u00e4ngst die anderen Parteien stimmenm\u00e4\u00dfig \u00fcberflogen hat. Sonntagsfragen zeigen, dass bis zu 40 Prozent der Wahlberechtigten sich einen Volkskanzler Kickl w\u00fcnschen w\u00fcrden. In Tirol schielt die FP\u00d6 darauf, bei den n\u00e4chsten Landtagswahlen einen Landeshauptmann-Sessel zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einfachen Stilmitteln und Ausdrucksformen hat die Regisseurin verdeutlicht, was Sache ist. Am Anfang sind die Hausbediensteten mit Reinigungsarbeiten besch\u00e4ftigt. \u00d6sterreich wird nicht gereinigt vom Mief des Nationalsozialismus, sondern akribisch werden die Hirschgeweihe an der Wand abgestaubt. Mit Ausnahme der engen Traurergesellschaft sind die Kost\u00fcme der Schauspielerinnen und Schauspieler so wie das Tischgedeck in pinker Farbe. Wie ein Punschkrapferl, meinte die Regisseurin dazu in einem Interview. Oder wie \u00d6sterreich: Ein rosaroter Zuckerguss auf einen braunen Inhalt. Das Theater ist an diesem Abend voll. Viele waren 1988 noch gar nicht geboren. Alle verstehen \u2013 ob alt oder jung \u2013 was die politische Botschaft ist. Man geht wachsamer und aufger\u00fcttelt aus diesem St\u00fcck. Am Ende gibt es keine Buhrufe. Das Publikum hat die Botschaft verstanden. Danke Thomas Bernhard. Danke Tiroler Landestheater.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Punschkrapferl.jpg' class='thumbnail' \/>1988 war mein erstes Arbeitsjahr in Wien. Um auf den Heldenplatz zu kommen, musste ich nur wenige Minuten quer durch die Innenstadt gehen. Auf meinen Arbeitswegen fuhr ich immer wieder am Burgtheater vorbei. Heldenplatz und Burgtheater. Mein politisches Leben war so intensiv, dass ich mir nicht einmal Zeit nahm f\u00fcr Kunst und Kultur. 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