{"id":12478,"date":"2026-04-11T09:40:37","date_gmt":"2026-04-11T09:40:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=12478"},"modified":"2026-04-11T09:40:37","modified_gmt":"2026-04-11T09:40:37","slug":"kein-warten-auf-godot-in-krueckenhaften-seinserfahrungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=12478","title":{"rendered":"Kein Warten auf Godot in kr\u00fcckenhaften Seinserfahrungen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Kr\u00fcckeng\u00e4nge<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/kruecke.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"288\" height=\"290\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/kruecke.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12479\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/kruecke.jpg 288w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/kruecke-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Ohne die Kr\u00fccken unterschiedlicher Natur w\u00fcrde ich es nicht oder kaum schaffen, alleine zur Nachuntersuchung auf die Unfallambulanz der Universit\u00e4tsklinik Innsbruck zu kommen. Die wichtigsten Kr\u00fccken sind mir derzeit wohl Zweibeiner, die mich physisch und seelisch unterst\u00fctzen. Dann gibt es aber auch jene zwei Unterarmgehst\u00fctzen, die seit einer Woche meinen winzig gewordenen Bewegungsradius bestimmen. Ich glaubte urspr\u00fcnglich, dass das Gehen mit ihnen leichter sei. Meinen verletzten eingegipsten Fu\u00df darf ich nicht einsetzen. Mein Gewicht ist also auf den zwei knallgelben Gummist\u00f6pseln sowie dem gesunden Bein einerseits und auf den Unterarmst\u00fctzen andererseits verteilt. Damit ist eine Art Dreipunktgehen m\u00f6glich. Oder genauer: Ein Dreipunkth\u00fcpfen. Das Balancehalten f\u00e4llt mir nicht leicht. Keinesfalls darf ich auf das kaputte Bein st\u00fcrzen. Gleich am ersten Kr\u00fcckentag nach dem Unfall bin ich tats\u00e4chlich schon einmal umgefallen und lag wie ein kafkaesker K\u00e4fer am Boden und kam kaum mehr auf. Die Folge war ein neuerliches R\u00f6ntgen und Untersuchen auf der Klinik.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter nun: Unverletzt eine Dreierstelle in festem Felsen zu klettern oder eine 5c-Route in der Kletterhalle erscheinen mir leichter, als jetzt mit den Kr\u00fccken und dem intakten Bein eine kleine Schwelle zu \u00fcberwinden, ohne dass ich dabei das Gleichgewicht verliere. Der Weg vom Eingang der Klinik bis zum Wartebereich d\u00fcnkt mir weiter als eine 1000-H\u00f6henmeter-Skitour. So bin ich dankbar f\u00fcr die Hilfe und Unterst\u00fctzung, die ich f\u00fcr meinen eingeschr\u00e4nkten Bewegungsradius bekomme. Ich h\u00e4tte noch Angst, in einen Bus zu steigen oder dass eine Gehsteigkante zu hoch sein k\u00f6nnte. In diesen Tagen einer gewissen Hilflosigkeit erfahre ich selbst, was es bedeutet, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, um von A nach B zu kommen und um das Rundherum im Leben zu schaffen, vor allem aber erfahre ich wieder neu, dass seelische und k\u00f6rperliche Unterst\u00fctzung sich jeweils wechselseitig verst\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warter\u00e4ume<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Warten. Im Wartebereich der Unfall-Ambulanz bei der Nachbehandlung. Gleich morgens. Warten. Der Mann mir gegen\u00fcber hat einen \u00fcberdimensional wirkenden eingegipsten Mittelfinger, den er wohl nur verletzungsbedingt nach oben streckt. Es wirkt wie ein Szenenbild in einem absurden Theater. Schade, dass nicht irgendeiner der Kriegsherren oder FP\u00d6-Granden ihm gegen\u00fcbersitzt. Warten. Zwischendrin immer wieder Aufrufe. \u201ezur R\u00f6ntgenkontrolle \u2026 R\u00f6ntgen 1 \u2026 zur Gipsabnahme \u2026 zur Nachbehandlung \u2026 Raum \u20261\u201c. Ich warte auf meinen Aufruf. Mein philosophisches Bewusstsein nimmt den Erz\u00e4hlfaden von Samuel Bekett in \u201eWarten auf Godot\u201c auf. Das verk\u00fcrzt mein Warten und gibt ihm eine philosophische Bedeutsamkeit. Wie umgehen mit der Absurdit\u00e4t im Leben? Viktor Frankl w\u00fcrde es wohl anders formulieren: Jedes Leiden in jedem Augenblick schenkt einen beIsonderen Sinn. Mir gegen\u00fcber wartet eine Frau. Ihr Arm ist vom Handgelenk bis zur Schulter eingegipst. Ich bin in einem System von wartenden Verunfallten. Mein Name wird aufgerufen. Der Raum mit der Gipsabnahme ist gef\u00fchlt meilenweit entfernt. Aber ich schaffe es. Eine junge Pflegerin nimmt meinen Spaltengips ab. In ihrem Leben und Arbeiten liegt so viel Sinn. Die massive Schere wirkt fast bedrohlich. Wie ein Symbol in einem absurden Theater. Die behandelnde Frau wirkt beruhigend. Den ganzen Tag wird sie hier sein, nur im Kunstlicht, mit blauen Desinfektionshandschuhen den Menschen ihre Gipse abnehmen, w\u00e4hrend drau\u00dfen die Sonne scheint und der Tag lichtvoll-warm ist. Ich bin ihr dankbar. Mein Gips l\u00f6st sich nicht so leicht. Hoffentlich wird sie nicht zu sehr mein schmerzendes Bein nach links oder rechts bewegen, denke ich mir. Danke, Godot, h\u00e4tte ich am liebsten gesagt. Sie h\u00e4tte mich nicht verstanden. Nun sehe ich die Schwellungen rund um mein Sprunggelenk. Sie verst\u00e4rken meine Angst, dass die gerissenen Bandstrukturen nicht so schnell heilen werden. Mit meinem wackeligen Kr\u00fcckengang bewege ich mich gipslos noch unsicherer zur\u00fcck zu meinem Warteplatz inmitten der Wartenden. Dort wartet Godot auf mich. Eine Frau, die mit ihrem Vater wartet, begleitet mich zum Platz. Zur Sicherheit, falls ich das Gleichgewicht verlieren sollte. In dieser Wartezeit im Warteraum sind alle Beteiligten zu einer wartenden Gemeinschaft geworden. Alle sind freundlich. Gebrochene Arme. Gebrochene Beine. Gebrochene Finger. Warten. Ich mag meinen Fu\u00df, der nun gipsfrei ist, gar nicht ansehen und ziehe mir umst\u00e4ndlich den Socken dar\u00fcber. Ein anderer wartender Mann sitzt mit blauem Gips in einem Rollstuhl und wird geschoben. Geschobenwerden w\u00fcrde ich mir nun fast f\u00fcr mich w\u00fcnschen. Mein Name wird wieder aufgerufen. Um den Fu\u00df zu r\u00f6ntgen, soll ich nun darauf stehen. Kaum komme ich auf das Podest. Den Fu\u00df will ich nicht wirklich belasten. Die R\u00f6ntgenfrau ist freundlich. Nur kurz belaste ich das Bein. Elektromagnetische Strahlen sausen durch. Ich kr\u00fcckle \u2013 so ein Wort m\u00fcsste erfunden werden \u2013 mich zur\u00fcck zum Wartestuhl im Warteraum der Wartenden. Erfolg. Habe es geschafft. Warten auf die Begutachtung durch den Arzt. Mir gegen\u00fcber sitzt ein vollt\u00e4towierter schwer beeintr\u00e4chtigter Mann in seinem Elektro-Rollstuhl. Warten. Podcasth\u00f6ren. Nach vielen Aufrufen nun mein Name. Ich kr\u00fcckle zum Arzt. Er ist jung. Ich sehe mir mit ihm das R\u00f6ntgenbild an. Seiner Diagnose muss ich vertrauen. Ich br\u00e4uchte keine Operation. Der Knochen \u2013 die gebrochene Fibula \u2013 w\u00fcrde von alleine heilen. Es st\u00fcnde nicht so schlecht. Auch die B\u00e4nder \u2013 jenes am Kn\u00f6chel sei sicher gerissen \u2013 w\u00fcrden wieder zusammenwachsen. Was ich nun br\u00e4uchte: Nur Ruhe. Ruhe. Ruhe. Thrombosespritzen. Ich kr\u00fcckle zur\u00fcck in den Warteraum. Kurz denke ich mir: In dieser Zeit des Wartens h\u00e4tte ich schon 1500 H\u00f6henmeter bei einer Skitour hinter mir. Ich nehme jetzt nicht im Sonnenschein auf einem Gipfel Platz, sondern auf dem blauen Wartestuhl im Kunstlicht. Warten. Warteraumbild. Der Anteil der wartenden Menschen mit Migrationshintergrund ist auff\u00e4llig hoch. Das st\u00f6rt mich nicht. Die Mutter mit ihrem verletzten Kind w\u00fcrde sich eine Privatpraxis wohl nicht leisten k\u00f6nnen. Es ist gut, ein Gesundheitssystem zu haben, das allen Menschen offen ist und in dem alle gleichbehandelt werden. Warten. Ich werde in den Gipsraum aufgerufen. \u201eWelche Farbe?\u201c, werde ich gefragt. Am liebsten h\u00e4tte ich gesagt \u201eknallrot\u201c. Aber die Gipsbastlerin fragt mich nicht nach der politischen Gesinnung und ich lasse sie selbst f\u00fcr blau entscheiden. Zwei Pflegerinnen gipsen routiniert meinen Kn\u00f6chel-Unterschenkel ein. Sie machen es vertrauensw\u00fcrdig freundlich, w\u00e4hrend sie \u00fcber das Mittagessen reden. Ich z\u00e4hle schon nicht mehr, wie viele Godots mir heute schon unerwartet erwartet begegnet sind. Wieder ein Raum nur mit Kunstlicht. Mit dem Gips f\u00fchle ich mein Bein nun mehr in Sicherheit, auch wenn es sich sehr eingesperrt anf\u00fchlt. So kr\u00fcckle ich jetzt mit mehr Sicherheit zur\u00fcck in den Warteraum. Warten.&nbsp; Pflegepersonal in Gr\u00fcn, Pflegepersonal in Wei\u00df, Pflegepersonal in Hellblau und manchmal wohl auch \u00c4rzte in Wei\u00df gehen vorbei. Es ist Mittagszeit geworden. Warten. Wieder werde ich zum R\u00f6ntgen aufgerufen. Wieder r\u00f6ntgen, die gleiche Frau ist f\u00fcr mich da. Nun noch freundlicher. Ich stelle mir vor, wie die elektromagnetischen Strahlen durch mein Fu\u00dfgelenk sausen. Ein \u00e4lterer Herr h\u00e4lt mir die T\u00fcr in den Wartebereich auf. Irgendwie sind die Wartenden eine Schicksalsgemeinschaft geworden. Der Mann mit dem gro\u00dfen Mittelfinger wird aufgerufen. Mit erhobenem Mittelfinger geht er in den R\u00f6ntgenraum. Die Gegen\u00fcberfrau kann mit dem gebrochenen Arm eingegipst nun heimgehen. Der junge Mann neben mir wartet. Sein linker Arm ist eingegipst. Rechtsh\u00e4ndig kann er sein Smartphone bedienen. Warten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Geistspr\u00fcnge in Wartezeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In meine Kopfh\u00f6rer kommen die Nachrichten. Wieder gab es trotz der angek\u00fcndigten Waffenruhe in Nahost israelische Angriffe auf den S\u00fcdlibanon und auf Beirut. Hunderte Menschen wurden get\u00f6tet und verletzt. Meine Gedanken sind in dieser Weltgegend. In Gaza, wo die Krankenh\u00e4user und Kliniken systematisch zerst\u00f6rt wurden. Die verletzten Menschen dort \u2013 und meist sind sie so viel schlimmer verletzt \u2013 haben nicht jene professionell-klinische Betreuung, wie ich sie habe. Wieder gab es in der Nacht Bombenangriffe auf zivile Einrichtungen in Gaza. ich habe die beste Versorgung bei relativ kleiner Verletzung. In Gaza gibt es keine Krankenh\u00e4user mehr f\u00fcr die Tausenden Schwerverletzten mit ihren abgetrennten Gliedma\u00dfen. Ohne Medikamente h\u00fcpfen Verletzte mit ihren Kr\u00fccken durch die Fl\u00fcchtlingscamps, liegen mit Schmerzen in den notd\u00fcrftigen Zelten \u2013 und wenn die Bomben kommen, k\u00f6nnen sie wohl nicht mehr fliehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder werde ich aufgerufen. Ein letztes Mal. L\u00e4ngst ist Mittagszeit. Der Arzt meint nun, dass der Unterschenkel und das Fu\u00dfgelenk gut im Gips l\u00e4gen. Er stellt mir noch Rezepte aus. Gegen die Schmerzen. F\u00fcr die Thrombosespritzen. Mit Physiotherapie sollte ich erst nach der Heilung beginnen. In zwei Wochen gibt es eine Nachkontrolle. Dann hei\u00dft es wieder: Dankbares Warten. Dankbar f\u00fcr all die Menschen, die auf ihre Weise f\u00fcr andere Menschen da sind. Ein gro\u00dfes organisiertes kollektives Ich-bin-f\u00fcr-dich-da, damit du Heilung erf\u00e4hrst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/kruecke.jpg' class='thumbnail' \/>Kr\u00fcckeng\u00e4nge Ohne die Kr\u00fccken unterschiedlicher Natur w\u00fcrde ich es nicht oder kaum schaffen, alleine zur Nachuntersuchung auf die Unfallambulanz der Universit\u00e4tsklinik Innsbruck zu kommen. Die wichtigsten Kr\u00fccken sind mir derzeit wohl Zweibeiner, die mich physisch und seelisch unterst\u00fctzen. 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