{"id":12543,"date":"2026-05-06T10:30:31","date_gmt":"2026-05-06T10:30:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=12543"},"modified":"2026-05-06T11:24:00","modified_gmt":"2026-05-06T11:24:00","slug":"von-der-philosophie-und-theologie-eines-gipsfusses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=12543","title":{"rendered":"Von der Philosophie und Theologie eines Gipsfu\u00dfes"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Klaus-Kreuecke-Kirche.jpeg\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Klaus-Kreuecke-Kirche-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12546\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Klaus-Kreuecke-Kirche-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Klaus-Kreuecke-Kirche-225x300.jpeg 225w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Klaus-Kreuecke-Kirche-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Klaus-Kreuecke-Kirche.jpeg 1530w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Absurdit\u00e4t als Ausgangspunkt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schon der Unfall hatte etwas Absurdes an sich und katapultierte mich in die Philosophie eines Camus. Die Ski waren wie so oft in diesem Winter-Fr\u00fchling auf dem Rucksack. Mit dem Rad versuchte ich schnell auf der linken Seite an einem Fu\u00dfg\u00e4nger vorbeizufahren, der auf meinem Weg war und nicht wusste, ob er sich nun rechts oder links bewegen sollte. Mein Gem\u00fctszustand war im Augenblick ohnehin nicht der beste. Es war ein Mix von verschiedenen \u00e4u\u00dferen und inneren Umst\u00e4nden. Zu schnell. Zu unaufmerksam. Da war allerdings auch ein Baum, dessen \u00c4ste mit sprie\u00dfend-fr\u00fchlingsgr\u00fcnem Laub voll waren. Die Skispitzen verh\u00e4ngten sich darin. Es zog mich abrupt zur\u00fcck. Ich machte einen Vollbremser und landete vor dem Beginn einer Br\u00fccke auf dem Asphalt. Der Radrahmen entfaltete wie ein Brecheisen seine physikalische Energie von Geschwindigkeit mal Gewicht auf meinem Sprunggelenk und Wadenbein. Die Br\u00fccke sollte mich auf die andere Seite bringen. Vor der Br\u00fccke blieb ich nun liegen. Aus der Br\u00fccke wurde ein Bruch \u2013 eine Fibula fractura, wie ein CT-Bild sp\u00e4ter zeigen sollte. Noch in der Notfallambulanz der Klinik wollte ich mir der Absurdit\u00e4t nicht bewusst sein und tr\u00e4umte von der Skihochtour in den Viertausendern der Schweiz, die unmittelbar im Anschluss h\u00e4tte sein sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnf Wochen Gipserlebnis liegen nun bereits hinter mir. Von einem t\u00e4glich aktiven Sportleben mit Skitouren, Sportklettern, Radfahren und Schwimmen war ich auf Null gestellt. Zun\u00e4chst war eine Woche Liegespaltgips. Ich traute meinen Fu\u00df kaum zu bewegen, damit m\u00f6glichst schnell zusammenwachse, was auseinander war. Ich blickte hinauf zu den Bergen, auf denen ich den Tagen zuvor noch war und wo nun der Schnee in der Fr\u00fchlingssonne und mit den warmen Winden aus dem S\u00fcden schnell schmolz. Meine neue Existenzweise mit einem gebrochenen Bein und irgendwie ramponierten B\u00e4ndern rund um das Sprunggelenk schenkte mir nun neue Erfahrungen, die ich verkn\u00fcpfte mit jenen philosophischen und theologischen Grundgedanken, die mir in den letzten Jahren wichtig wurden. Nun hatte ich mehr Zeit f\u00fcr diese geistigen Ausfl\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ph\u00e4nomenologie des Gipsfu\u00dfes<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Philosophie und Theologie gehen von konkreten Realit\u00e4ten und einem konkreten Erleben aus. Als ich auf der theologischen Fakult\u00e4t vier Semester Philosophie studieren konnte, hatte ich vieles noch nicht verstanden, obwohl die Namensgleichheit von Heidegger mit Heidegger eine existenzphilosophische N\u00e4he zum gro\u00dfen deutschen Philosophen vermuten lie\u00dfe. Doch beginne ich mit der Ph\u00e4nomenologie eines Edmund Husserl. Mit ihm k\u00f6nnte ich philosophieren, dass ein Gipsfu\u00df nicht nur ein Objekt ist, sondern seine Objektivit\u00e4t auch mit der Subjektivit\u00e4t des Betrachtenden zu tun hat und erst darin seine besondere Bedeutsamkeit erlangt. Auch das Sprechen und Schreiben \u00fcber einen Gipsfu\u00df kann in Anlehnung an Husserl schon Philosophie sein. Mein Dasein mit Gipsfu\u00df \u2013 hier nun die Terminologie von Martin Heidegger \u2013 er\u00f6ffnet die m\u00f6glichen neuen Begegnungen. Ich verkn\u00fcpfe diese im Sinne der kommunikativen Theologie mit dem, was \u00fcber Glauben und Religion gesagt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Himmel, das sind die anderen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das wohl ber\u00fchmteste Diktum von Sartre lautet: &#8222;Die H\u00f6lle, das sind die anderen.&#8220; In der Unbeholfenheit und relativen Hilflosigkeit, so pl\u00f6tzlich nur mehr einbeinig den Alltag zu meistern und unterwegs zu sein \u2013 den rechten Fu\u00df durfte ich ja nicht belasten \u2013 erfuhr ich vor allem auf vielf\u00e4ltige Weise die heilend-helfenden Kr\u00e4fte. Ohne Vorbehalt kann ich wohl von g\u00f6ttlichen Zuwendungen sprechen. In der liebenden F\u00fcrsorge begegnet mir das, was Religionen als \u201eGott\u201c bezeichnen, denn Gott ist Liebe und Barmherzigkeit, ist Licht im Dunkeln und eine Kraft, die Hoffnung und St\u00e4rke schenkt. Dankbar bin ich, in so einer Situation, wo ich auf Hilfe angewiesen bin, nicht alleine zu sein. Ich denke auch an kleine Alltagssituationen, als ich notwendige Erledigungen zu bew\u00e4ltigen hatte. Neben der gro\u00dfen Erfahrung von Unterst\u00fctzung denke ich an ein paar Erlebnisse der letzten Wochen, in denen ich sowohl empathische und helfende Mitmenschen erlebte aber auch selbstzentrierte Egos.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Donnerstag, an dem ich mich mit meinen Kr\u00fccken und ihren auff\u00e4llig plastikgelben Ellbogenst\u00fctzen zur Nachbehandlung auf die Klinik bewege. Tiefblau ist der Fr\u00fchlingshimmel. Schneewei\u00df darunter noch die Gipfel. Kr\u00e4ftig-gr\u00fcn schon die B\u00e4ume und Str\u00e4ucher. Die Welt ist bunt und kr\u00e4ftig in ihren Farben und Schattierungen. Mein Weg hinunter zur n\u00e4chsten Busstation ist mit meinem gebrochenen Bein und den l\u00e4dierten B\u00e4ndern am Sprunggelenk eine Herausforderung. Autos fahren an dem kr\u00fcckelnden Mann vorbei, dem es sichtlich nicht so leichtf\u00e4llt, nur einbeinig die enge steile Stra\u00dfe hinunter zu gehen. Eigentlich k\u00f6nnte mich ja ein empathischer Autofahrer mitnehmen, denke ich mir. Ein Mann in meinem Alter geht gerade die Stra\u00dfe hinunter. Freundlich fragt er auf Englisch, ob alles okay sei. An seinem Rucksack baumelt eine Jakobsmuschel. Ich sage: Ultreia! Ein wenig gehen wir gemeinsam. Ich mag seinen australischen Akzent und vergesse etwas die Anstrengung meines Kr\u00fcckengangs. So redend, schaffe ich das Humpeln leichter. Australien ist mit Austria f\u00fcr ein paar Minuten verbunden. Bis zur Busstation ist es eine halbe Stunde. Mit dem Rad w\u00e4ren es nur wenige Minuten. Der Bus f\u00e4hrt mir direkt vor der Nase weg. Ein \u00e4lterer Herr gibt mir einen Tipp, wie ich am besten zur Klinik komme. Bus \u2013 Stra\u00dfenbahn. Nach mehr als eineinhalb Stunden Wegzeit bin ich in der Ambulanz. Ich entschuldige mich f\u00fcr die halbst\u00fcndige Versp\u00e4tung. Die Anmeldefrau ist wieder sehr freundlich. Es geht dann auch schnell: Gipsabnahme \u2013 neuer Gips \u2013 wieder in einem Tiefblau. Blau ist die Farbe des Himmels. In deutlich Oberinntaler Dialekt bekomme ich vom Gipsbastler Tipps. Er gibt mir einen \u00dcberziehschuh f\u00fcr den Gips. Dann R\u00f6ntgen. Dann Untersuchung. Der Arzt ist mit meinem R\u00f6ntgenbild zufrieden. Ruhe im Gips sei die Therapie. Wieder beginnt f\u00fcr mich eine lange Reise zur\u00fcck. Der Weg durchs Klinikgel\u00e4nde ist lang. Hundert Meter sind nun vergleichbar mit einem Halbmarathon. Die Ampelphase am Zebrastreifen ist zu kurz f\u00fcr mich. Stra\u00dfenbahn. Bus. Dann die steile Stra\u00dfe hinauf. Ich mache mehrmals Pause. Es geht langsam. Dann f\u00e4hrt wieder ein Auto vorbei. Es f\u00e4hrt unerwartet zur\u00fcck. Ein junger Mann fragt mich, ob er mich irgendwohin mitnehmen k\u00f6nne. Dankbar nehme ich es an.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe der n\u00e4chsten Wochen hatte ich noch zwei Mal eine solche Erfahrung. Gott schickt also doch immer wieder Engel auf diese Erde. Von Nietzsche \u00fcber Sartre und Camus \u2013 ich w\u00fcrde all diesen gro\u00dfen Denkern antworten: Den Gott, den ihr in euren Denksystemen verworfen habt, den gibt es wirklich nicht. Es gibt keinen allm\u00e4chtigen \u00dcber-Ich-Vater-Gott. Dieser ist wirklich nur eine Erfindung, eine Vertr\u00f6stung, eine Projektion und muss abgeschafft werden. Es gibt nicht den Himmel in einem Jenseits. Mein Gipsfu\u00dfsein hat mir aber wieder neu auf besondere Weise gezeigt. Jene heilende und empathische Gottkraft gibt es, die im inneren Wesen aller Religionen liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Freilich gibt es auch die anderen Erfahrungen: Autofahrende, die das unbeholfene Kr\u00fcckenwesen eher noch an den Rand einer engen Stra\u00dfe dr\u00e4ngen. Meine Wohnsein in einem Mehrparteienhaus, wo innerhalb von sechs Wochen niemand von meiner Malaise erfuhr. Ich k\u00f6nnte wohl neben meinen Nachbarn, die T\u00fcr an T\u00fcr wohnen, sterben, ohne dass es auffiele.  Wie hatte es Sartre in seinem Werk &#8222;geschlossene Gesellschaft&#8220; formuliert: &#8222;L\u2019enfer, c\u2019est les autres\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von der Gipsfu\u00dfexistenz zur Essenz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal zur\u00fcck zu Camus. Was k\u00f6nnten die Philosophie und das Denken von Camus mir sagen? Was zeigen mir seine literarischen Werke? Er w\u00fcrde mich wohl ermutigen, das Absurde zu umarmen, um es zu ver\u00e4ndern und in dieser Umarmung einen Sinn zu sehen. Nicht aufgeben, sondern im Gegenteil das Absurde als Gegebenheit annehmen, um in dieser Auseinandersetzung mit dem chaotisch Absurden die eigene Resilienz zu st\u00e4rken und einen Sinn zu entdecken. Nochmals las ich den kurzen Essay von Camus &#8222;Der Mythos des Sisyphos&#8220;. Es gilt auch f\u00fcr mich: So wie selbst Sisyphos in seiner Aufgabe, den Stein immer neu hinauf zu w\u00e4lzen, gl\u00fccklich sein konnte, weil er gegen diese unausweichliche Arbeit nicht rebellierte, weil ihn diese Arbeit nicht in eine nihilistische Lebensverweigerung trieb, sondern ihn selbst zum anderen \u201eHelden\u201c machte. Ich denke an Viktor Frankl und seine logotherapeutische Weisheit. Nicht du schenkst dem Leben einen Sinn, sondern das Leben schenkt dir in seinen je verschiedenen Seinsformen einen Sinn. Und Sartre w\u00fcrde erg\u00e4nzen: Es ist meine Freiheit, in jeder konkreten Situation meiner Existenz die Essenz zu entfalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Klaus-Kreuecke-Kirche-768x1024.jpeg' class='thumbnail' \/>Absurdit\u00e4t als Ausgangspunkt Schon der Unfall hatte etwas Absurdes an sich und katapultierte mich in die Philosophie eines Camus. 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