{"id":13044,"date":"2026-11-02T14:20:47","date_gmt":"2026-11-02T14:20:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=13044"},"modified":"2026-11-02T14:42:07","modified_gmt":"2026-11-02T14:42:07","slug":"der-freiheitsdichter-am-tiroler-landestheater-maria-stuart-als-politthriller-und-die-bleibende-aktualitaet-von-friedrich-schiller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=13044","title":{"rendered":"Der Freiheitsdichter am Tiroler Landestheater: Maria Stuart als Politthriller und die bleibende Aktualit\u00e4t von Friedrich Schiller"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Theater_3.jpeg\"><img loading=\"lazy\" width=\"600\" height=\"967\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Theater_3.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13047\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Theater_3.jpeg 600w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Theater_3-186x300.jpeg 186w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Prolog: Schiller als intellektueller Wegbegleiter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einige der Dramen von Friedrich Schiller geh\u00f6rten zu meiner Gymnasialzeit zur Pflicht-Schullekt\u00fcre. Als Teenager lie\u00df ich mich von den \u201eR\u00e4ubern\u201c politisch sozialisieren und meine Verliebtheiten verkn\u00fcpfte ich mit \u201eKabale und Liebe\u201c. Sp\u00e4ter als Lehrperson sa\u00df ich bei den Maturapr\u00fcfungen und h\u00f6rte den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern zu, wenn sie \u00fcber die Bedeutung der Weimarer Klassik oder \u00fcber die Merkmale des Sturm und Drang gepr\u00fcft wurden. Aktualisierungen wurden dabei kaum vorgenommen. Es wurde nicht kompetenzorientiert gefragt, was die Werke des deutschen Dichterf\u00fcrsten f\u00fcr die politische Situation heute bedeuten w\u00fcrden. Gro\u00dfartige Werke, die im Kleindruck in gelbe Reclamb\u00fcchlein gepresst waren, wurden so allzu schnell mit ausrangierten Schulheften in Papiercontainern entsorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Anhand von \u201eMaria Stuart\u201c, das im Tiroler Landestheater in den Kammerspielen in der Spielsaison 2026\/27 am Programm steht, m\u00f6chte ich aber dieser Frage der Kontextualisierung nachgehen \u2013 und gleich spoilern, dass die Inszenierung in Innsbruck bewusst eine Verbindung ins Heute wagt, ohne dabei aber die Textvorlage zu verbiegen. Folgende Aspekte sind mir dabei wichtig, die zugleich einen inneren logischen Zusammenhang aufweisen<\/p>\n\n\n\n<p>1.) <strong>Gefangensein in Systemen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDie K\u00f6nige sind nur Sklaven ihres Standes\/<br>Dem eigenen Herzen d\u00fcrfen sie nicht folgen.\u201c (K\u00f6nigin Elisabeth)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Systemkritik von Schiller hat nichts gemein mit jener plump-populistischen und gr\u00f6lenden Systembeschimpfung von Herbert Kickl &amp; Co. \u00a0Das St\u00fcck \u201eMaria Stuart\u201c deckt auf, wie sehr wir alle, die Herrschenden wie die Beherrschten, in systemischen \u201eKerkern\u201c gefangen sind. In der Inszenierung des Tiroler Landestheaters wird dies im B\u00fchnenbild genial wiedergegeben. Die Protagonistinnen und Protagonisten befinden sich in einer Art K\u00e4fig, dessen Gitterst\u00e4be von vertikalen goldenen Ketten gebildet werden. Sie sind Gefangene des Scheins und wissen doch zugleich, wie das echte Leben sein k\u00f6nnte.<strong>Das <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>2.) <strong>Recht folgt der Politik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Dramaturgin der Produktion, Sonja Honold, fragt in der Werkseinf\u00fchrung zum St\u00fcck: \u201eWann wird Recht zum blo\u00dfen Instrument der Politik?\u201c Die Frage wird gestellt in einem Kontext, in dem Herbert Kickl vor einiger Zeit seine politische Einstellung mit der Formel selbst auf den Punkt brachte, dass das \u201eRecht der Politik folgen m\u00fcsse und nicht die Politik dem Recht\u201c. Dass ein solches Politikverst\u00e4ndnis T\u00fcr und Tor \u00f6ffnet f\u00fcr kriminelle Machenschaften, f\u00fcr Korruption im Stil der Ibiza-Aff\u00e4re, f\u00fcr r\u00fccksichtsloses Durchsetzen der eigenen Interessen bis hin zur Anwendung politisch motivierter Gewalt, das deckt Schiller in seinem Schauspiel auf. Die schottische K\u00f6nigin l\u00e4sst ihren eigenen Ehemann ermorden und den M\u00f6rder in einem Scheinprozess wiederum freisprechen, um ebendiesen heiraten zu k\u00f6nnen. Als Gegangene in England wird ihr kein fairer Prozess gew\u00e4hrt. Schiller dekonstruiert das vermeintliche Recht als \u201eSchein-Recht\u201c. Im Hofstaat der K\u00f6nigin geht es nicht um Recht, sondern um Durchsetzung von Machtinteressen.<\/p>\n\n\n\n<p>3.) <strong>Die Konstruktion und die Pflege von Feindbildern<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frankreich ist b\u00f6se, England ist gut. Die Katholiken sind gut, die Protestanten sind b\u00f6se und umgekehrt. Die Stuarts sind b\u00f6se und die Erbfolge des englischen K\u00f6nigs ist gut. All dies gilt wechselseitig. Die jeweils andere Seite wird verd\u00e4chtigt, sich illegitim an die Macht bringen zu wollen. Und heute in den nationalistischen Narrativs der Rechtspopulisten: Die Migranten sind b\u00f6se und gef\u00e4hrlich und die autochthone Bev\u00f6lkerung ist gut. Solches Denken schafft Identit\u00e4t im Stile der Identit\u00e4ren, grenzt aus und endet in Hinrichtungen. Die Religionen k\u00f6nnen dabei noch so hingebogen werden, dass sie dieses Feindbilddenken verst\u00e4rken. Die Stuarts als die wahrhaft Katholischen, K\u00f6nigin Elisabeth auf der Seite jener, die mit Rom gebrochen haben. Und heute: Der Islam sei b\u00f6se, das Christentum sei die wahre Religion f\u00fcr das Abendland. Das ist der Stoff f\u00fcr Trag\u00f6dien &#8211; von Schiller bis ins Heute.<\/p>\n\n\n\n<p>4.) <strong>Die Stimme des Volkes kann auch m\u00f6rderisch sein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einerseits will die K\u00f6nigin Elisabeth ihre Gefangene nicht t\u00f6ten \u2013 und unterschreibt doch das Todesurteil. Es ist die vox populi, die sie angeblich dazu antreibt. Das Volk will es. Sie ist die \u201eVolkskanzlerin\u201c des 16. Jahrhunderts. Machterhalt und Empathie vertragen sich nicht. Elisabeth folgt der Rationalit\u00e4t, die Elon Musk als sein philosophisches Credo ausgibt. \u00d6fters schon hat der Tech-Milliard\u00e4r Empathie als \u201eSchw\u00e4che\u201c bezeichnet oder als \u201ezivilisatorischen Selbstmord\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>5.) <strong>Mimesis und Rivalit\u00e4t aufgedeckt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mein Dogmatikstudium an der Katholischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Innsbruck war gepr\u00e4gt vom hermeneutischen Ansatz der mimetischen Theorie, die insbesondere von Rene Girard entwickelt worden war und von meinem Dogmatikprofessor Raymund Schwager als bedeutsamer Referenzrahmen f\u00fcr die Christologie angewendet worden war. Mimesis wird ein Begehren genannt, wenn zwei Menschen das gleiche Objekt oder die gleiche Person anstreben, die es nur einmal gibt. Dabei ist es meist so, dass die Mimesis durch Nachahmung ausgel\u00f6st wird. Daher folgt aus der Mimesis dann die Rivalit\u00e4t und diese wiederum kann zu Mord und Totschlag f\u00fchren. Ebendiese wechselseitige Gewalt kann aber verhindert werden, wenn statt des urspr\u00fcnglich erstrebten Zieles ein S\u00fcndenbock konstruiert wird, der an Stelle der beidseitig Rivalisierenden get\u00f6tet wird. Dieses einfach Handlungsmuster durchzieht das Drama \u201eMaria Stuart\u201c. Die K\u00f6nigin von Schottland und die K\u00f6nigin von Elisabeth begehren beide danach, die Herrschaft \u00fcber die britischen Inseln auszu\u00fcben. Friedrich Schiller l\u00e4sst in seinem Drama zugleich noch eine andere Rivalit\u00e4tsdimension bestimmend sein. Neben dem Begehren nach Thron und Macht kommt nun das sexuelle Begehren nach einem Mann ins Spiel. Das Schneewittchenprinzip \u2013 wer ist die Sch\u00f6nste im Land \u2013 wird auf ein klassisches Niveau gehoben. Im Drama \u201eMaria Stuart\u201c kommt noch hinzu, dass die Rivalit\u00e4t religi\u00f6s aufgeladen wird und so eine besondere Zuspitzung und zugleich religi\u00f6s-kirchliche Legitimit\u00e4t bekommt. Auf der einen Seite steht die schottische K\u00f6nigin mit ihrer katholischen Einbindung, auf der anderen Seite die puritanische K\u00f6nigin Elisabeth, deren Ehe und deren Kinder vom Vatikan nicht anerkannt werden und vom katholischen Teil der britischen Inseln abgelehnt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich blicke ins politische Heute. Ein M\u00f6chtegern-Volkskanzler begehrt nach der Macht im Lande und setzt auf die Strategie, den politischen Gegner niederzumachen mit b\u00f6sartigen Kommentaren. Es geht der Kickl-FP\u00d6 l\u00e4ngst nicht mehr um einen Wettstreit unterschiedlicher Optionen von politischen Parteien, sondern um Rivalit\u00e4t. Auf der gro\u00dfen weltpolitischen Ebene werden Kriege um Territorien und Einflusssph\u00e4ren gef\u00fchrt. Man nimmt dabei selbst die gegenseitige Vernichtung in Kauf.<\/p>\n\n\n\n<p>6.) <strong>Rebellion gegen den Autoritarismus damals und heute<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schiller hat den Beinamen \u201eDichter der Freiheit\u201c. Es geht ihm in all seinen Dramen darum, dass das Individuum vor illegitimen Einschr\u00e4nkungen staatlicher Obrigkeiten gesch\u00fctzt wird. Dort, wo die Freiheit eingegrenzt wird, braucht es die Rebellion.<\/p>\n\n\n\n<p>Faschismus \u2013 egal ob in alter oder neuer Form \u2013 ist das Gegenteil von Freiheit. Faschismus bedeutet die Unterordnung des Individuums unter eine Autorit\u00e4t. Daf\u00fcr gibt es den politikwissenschaftlichen Begriff \u201eAutoritarismus\u201c. Nicht mehr der kantianische Imperativ, der eigenen Vernunft und dem eigenen Gewissen zu folgen, gilt, sondern es z\u00e4hlt, was ein \u201eF\u00fchrer\u201c will, der seinerseits jene bek\u00e4mpft, die ihm keine Gefolgschaft leisten wollen.\u00a0 Spielregeln, die einem politischen Individuum die Freiheit gew\u00e4hren, sich jene Regierung und jenes Parlament zu w\u00e4hlen, werden infrage gestellt. Eine F\u00fchrerperson entscheidet, was falsch und richtig ist, was gut und was b\u00f6se ist. Die Vielfalt ist in faschistoiden Denkmustern stets ein \u00c4rgernis. Daher auch die rechtspopulistische Ablehnung dessen, was als \u201ewoke\u201c (aufgekl\u00e4rt) bezeichnet wird. Schiller w\u00fcrde heute von den Rechtspopulisten sicher auch als \u201ewoke\u201c diffamiert werden und als zu wenig angepasst.<\/p>\n\n\n\n<p>7.) <strong>Verurteilung politisch organisierter Gewalt damals wie heute<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Maria Stuart wird get\u00f6tet. Todesstrafe. Schiller war f\u00fcr die Freiheit der V\u00f6lker \u2013 doch lehnte er jeden Terror und jede Anwendung von Gewalt ab. Die Ablehnung von Fremdherrschaft soll ohne Gewalt erfolgen. Mit Schiller lassen sich keine Kriege gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das T\u00f6ten ist auch heute noch \u2013 mehr als 80 Jahre nach der Erkl\u00e4rung der Allgemeinen Menschenrechte und damit dem T\u00f6tungsverbot \u2013 staatspolitische Doktrin vieler Ortens. In Kriegssituationen wird der als Feind wahrgenommene Mensch, egal ob als zivile oder milit\u00e4rische Person, gezielt get\u00f6tet. Drohnentechnologie macht dies besonders m\u00f6glich. Werden bei Angriffen auf milit\u00e4rische Ziele Unbeteiligte get\u00f6tet, so gilt dies als \u201eKollateralschaden\u201c, der in Kauf genommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Epilog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Friedrich Schiller gibt in seinem St\u00fcck keine L\u00f6sung vor. Doch zeigt er auf, deckt auf, wie die Mechanismen wirken, die zu Gewalt f\u00fchren, die destruktiv und nicht konstruktiv sind. In diesem Aufdecken liegt jedoch schon ein Ansatz der L\u00f6sung. Das Wahrnehmen von mimetischen Mechanismen kann helfen, aus diesen destruktiven Dynamiken auszusteigen. Es gilt das Individuum gegen\u00fcber staatspolitischen Bevormundungen zu sch\u00fctzen. Und: Politische Gewalt kann nie ein Mittel zum Aufbau einer friedlichen und demokratischen Gesellschaft sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studierendenbewegung in Serbien hat diesen Herbst eindrucksvoll gezeigt, wie ein autorit\u00e4res Regime ganz ohne Gewalt und auf demokratischem Wege \u00fcberwunden werden kann. Randalierend Gewaltt\u00e4tige bei den friedlichen Protesten in europ\u00e4ischen Protesten sind kontraproduktiv. Hass und Rache und Gewalt werden nicht zu jener Gesellschaft von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit f\u00fchren, die das Herzensanliegen von Friedrich Schiller war. Der Graf von Schrewsbury steigt am Ende des St\u00fcckes Maria Stuart aus dem Spiel und den Mechanismen von Intrigen und Gewalt aus. Er verl\u00e4sst die K\u00f6nigin Elisabeth. F\u00fcr Schiller war die Rolle f\u00fcr einen alten Mann gedacht. Im Landestheater wird die Rolle von einem jungen Mann gespielt. Ist es die Generation Z, die sich heute von den goldenen Gitterst\u00e4ben-F\u00e4den l\u00f6st und aufsteht und auf die Stra\u00dfen geht f\u00fcr eine andere, eine bessere, eine gerechte und eine friedliche Welt, frei von Kriegen und der Zerst\u00f6rung des Planeten?<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Dank gilt dem grandiosen Schauspiel-Ensemble, der Regisseurin und der Dramaturgin, der B\u00fchnenbildnerin und schlie\u00dflich auch der Intendantin. M\u00f6ge die Freiheit der Kunst lebendig bleiben. Allerdings ist zu bef\u00fcrchten, dass eine bestimmte politische Richtung, die zwar scheinhaft mit &#8222;Freiheit&#8220; zu tun haben will, sich gedanklich mit den Reels auf einschl\u00e4gigen sozialen Plattformen beschr\u00e4nken l\u00e4sst und nicht den Weg in die H\u00e4user des Tiroler Landestheaters findet. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Theater_3.jpeg' class='thumbnail' \/>Prolog: Schiller als intellektueller Wegbegleiter Einige der Dramen von Friedrich Schiller geh\u00f6rten zu meiner Gymnasialzeit zur Pflicht-Schullekt\u00fcre. Als Teenager lie\u00df ich mich von den \u201eR\u00e4ubern\u201c politisch sozialisieren und meine Verliebtheiten verkn\u00fcpfte ich mit \u201eKabale und Liebe\u201c. 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