{"id":1896,"date":"2015-06-27T06:13:46","date_gmt":"2015-06-27T06:13:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=1896"},"modified":"2022-08-22T07:40:03","modified_gmt":"2022-08-22T07:40:03","slug":"barmherzigkeit-oder-unbarmherzige-rechtglaeubigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=1896","title":{"rendered":"Barmherzigkeit oder unbarmherzige Rechtgl\u00e4ubigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Unbarmherziger Anspruch auf die Rechtgl\u00e4ubigkeit<br \/>\nWo h\u00f6rt es auf, wenn man beginnt, anderen vorzuhalten, man sei vom \u201erechten Glauben\u201c abgekommen? Die salafistischen Extremisten begr\u00fcndeten ihren Anschlag auf eine schiitische Moschee in Kuwait (26.6.2015) mit dem Argument, die Shiiten seien vom rechten Glauben abgekommen. Der Grundakkord des Glaubens an einen barmherzigen Gott wird wegen eines einseitig interpretierten, historisch bedingten Glaubenssatzes missachtet.<br \/>\nWer bestimmt die Rechtgl\u00e4ubigkeit? Fundamentalisten machen sich selbst zum Richter \u00fcber das, was wahr sein soll. Die Welt wird fein s\u00e4uberlich sortiert: Hier sind wir, die Rechtgl\u00e4ubigen, dort sind die Ketzer, die Irrgl\u00e4ubigen, die es zu bek\u00e4mpfen gilt. Das unbeugsame Diktum lautet: \u201eDie Kirche lehrt den Willen Gottes, der auch heute gilt.\u201c Das ist der Boden, aus dem sich die Glaubenskriege der Vergangenheit n\u00e4hrten. Es wird zum \u201eH\u00f6llensturz der Irrlehrer\u201c, wie er sich landauf landab in den barocken Fresken unserer Kirchen abgebildet hat. Die Kreuzz\u00fcge des Mittelalters, die brutale Verfolgung der hutterischen Gemeinden hierzulande, der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg und vor allem die Pogrome gegen Juden und J\u00fcdinnen: Jene, die zu den Schwertern griffen, die Scheiterhaufen errichteten, Guillotinen aufbauten, Gewehre munitionierten, um den eigenen Glaubenssatz zu verteidigen, gaben jede Barmherzigkeit auf.<br \/>\nDie selbsternannten Rechtgl\u00e4ubigen gr\u00fcnden ihre Ideologie auf eine fundamentalistische, meist buchst\u00e4bliche Umsetzung von willk\u00fcrlich ausgew\u00e4hlten S\u00e4tze von heiligen Schriften, die auch die Basis wurden f\u00fcr religi\u00f6se Doktrinen, die wiederum nicht interpretiert, sondern exekutiert werden sollen. Historisch-kritische Exegese und Bezug auf vernunftgem\u00e4\u00dfe, human- oder sozialwissenschaftliche Erkenntnisse werden ignoriert.<br \/>\nWir kennen die selbsternannten \u201eRechtgl\u00e4ubigen\u201c auch in der katholischen Kirche. Das Scheidungsverbot aus dem Matth\u00e4usevangelium war von Jesus und der matth\u00e4ischen Gemeinde gedacht, um Frauen vor der Willk\u00fcr der M\u00e4nner in Schutz zu nehmen. Kein Mann sollte mehr seine Frau einfach in die sprichw\u00f6rtliche W\u00fcste schicken k\u00f6nnen, in die Rechtlosigkeit, in die Sexsklaverei \u2013 nur weil er sich in eine andere verschaute oder mit dem Vorwand, seine rechtm\u00e4\u00dfige Ehefrau habe ihm den Hirsebrei nicht gut genug gekocht. Barmherzigkeit war das Motiv f\u00fcr den Satz \u201ewas Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen\u201c. Mit Unbarmherzigkeit wollen die Rechtgl\u00e4ubigen heute einer Situation begegnen, in der sich Frauen von ihren M\u00e4nnern oder M\u00e4nner von ihren Frauen trennen, weil die Erwartungen an eine Beziehung nicht erf\u00fcllt werden konnten. Die urspr\u00fcngliche Intention wird von den traditionalistischen Rechtgl\u00e4ubigen ins Gegenteil verkehrt, wenn sie geschieden Wiederverheiratete vom Empfang der heiligen Kommunion ausschlie\u00dfen wollen oder den neuen Beziehungen den Segen der Kirche verweigern. Geschiedene sollen sich wie S\u00fcnder und Ausgesto\u00dfene f\u00fchlen.<br \/>\n\u00c4hnlich ist auch der Umgang mit Homosexuellen. Der Apostel Paulus hatte nicht die Absicht, schwule Beziehungen zu diskriminieren, wenn er vor der Homosexualit\u00e4t warnte. Ihm ging es um eine berechtigte Kritik an der Praxis von Lustknaben, die heute unter den P\u00e4dophilenparagrafen fallen w\u00fcrde.<br \/>\nDie Grundmelodie von Papst Franziskus ist der \u201eDialog des Lebens\u201c (Evangelii Gaudium). Das hat nichts mit Beliebigkeit zu tun, sondern mit der Grundentscheidung, die Z\u00e4rtlichkeit und Barmherzigkeit unseres Gottes inmitten der Lebenswirklichkeiten zu entdecken und durchzuhalten. Wenn kirchliche Lehre mit dem \u201eWort Gottes\u201c identifiziert wird, dann widerspricht es wohl dem Grundgebot, sich kein fixes Bild von Gott zu machen. Daher w\u00fcrde ich jenen Satz von Pater Volker (Kirchenzeitung, \u201eSonntag\u201c, 25.6.2015) \u201e\u2026 das Wort Gottes und die kirchliche Lehre stellen sich wenn notwendig der menschlichen Sicht- und Lebensweise entgegen\u2026\u201c selbst nie schreiben k\u00f6nnen, sondern erfahre vielmehr. Gerade in den Gebrochenheiten und Unzul\u00e4nglichkeiten unseres Lebens kann Gottes Gegenwart \u2013 vermittelt durch menschliche und gemeinschaftliche N\u00e4he \u2013 erlebt werden. Gott stellt sich nie gegen unser Leben, sondern hilft uns, dass wir \u2013 wenn wir wollen \u2013 uns an ihr ausrichten k\u00f6nnen. Jedenfalls ist es ein Gott, der den Regenbogen zu seinem Zeichen erkoren hat: Ein bunter Regenbogengott, fern von allen fundamentalistischen Kleinkariertheiten, ein Gott, der leben l\u00e4sst, eine Geistkraft, die immer wieder neue Anf\u00e4nge schenkt, nicht verurteilt, sondern aufrichtet. In den Worten von Professor Niewiadomski h\u00f6re ich diese Botschaft heraus. Darum bin ich der Redaktion der Kirchenzeitung dankbar, dass sie diese Worte h\u00f6rbar macht.<br \/>\nKlaus Heidegger, 27.6.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unbarmherziger Anspruch auf die Rechtgl\u00e4ubigkeit Wo h\u00f6rt es auf, wenn man beginnt, anderen vorzuhalten, man sei vom \u201erechten Glauben\u201c abgekommen? Die salafistischen Extremisten begr\u00fcndeten ihren Anschlag auf eine schiitische Moschee in Kuwait (26.6.2015) mit dem Argument, die Shiiten seien vom rechten Glauben abgekommen. 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