{"id":2078,"date":"2015-12-12T21:12:28","date_gmt":"2015-12-12T21:12:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2078"},"modified":"2026-02-02T13:14:12","modified_gmt":"2026-02-02T13:14:12","slug":"8515-schlechte-chancen-fuer-eine-gemeinsame-schule-und-fuer-gleiche-bildungschancen-gemeinsame-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=2078","title":{"rendered":"85:15 \u2013 Schlechte Chancen f\u00fcr eine gemeinsame Schule und f\u00fcr gleiche Bildungschancen Gemeinsame Schule"},"content":{"rendered":"<p>Eine gemeinsame Schule \u2013 andere sprechen von einer Gesamtschule \u2013 fasst alle Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen gleich wie die Volksschule zusammen. Eine Trennung in Neue Mittelschule und Unterstufe Gymnasium gib es dann nicht. Erst mit 14 bis 15 Jahren erfolgt die Differenzierung in verschiedene Schultypen. Das Gymnasium in seiner Oberstufenvariante wird nicht abgeschafft. Daher stimmt es schlichtweg nicht und ist billige Polemik, wenn verallgemeinernd von der \u201eAbschaffung der Gymnasien\u201c gesprochen wird.<br \/>\n<strong>Bildungsreform 2015<\/strong><br \/>\nDie Errichtung von gemeinsamen Schulen war das umstrittenste Thema bei der j\u00fcngsten Bildungsreform. Schritte in diese Richtung wurden aufgrund der Machtverh\u00e4ltnisse jedoch nur sehr zaghaft aufgegriffen. Die \u00d6VP hatte sich auf Bundesebene entschieden gegen eine gemeinsame Schule gestellt. Die SP\u00d6 war tendenziell daf\u00fcr. So sieht nun der Kompromiss aus: In bestimmten Modellregionen k\u00f6nnten laut beschlossener Reform nun bis zu 15 Prozent der Schulen bzw. bis zu 15 Prozent der Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen eine gemeinsame Schule besuchen. Zumindest 85 Prozent werden also im alten System bleiben m\u00fcssen.<br \/>\n<strong>Modellregionen<\/strong><br \/>\nAus der Sicht von Tirol und Vorarlberg ist dies viel weniger, als urspr\u00fcnglich angedacht und von der Tiroler Landesregierung angestrebt worden ist. In Innsbruck beispielsweise wird es nicht m\u00f6glich sein, eine solche Gesamtschulmodellregion zu schaffen, wobei gerade im urbanen Bereich gemeinsame Schulen und damit eine soziale Durchmischung von Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen besonders wichtig gewesen w\u00e4ren. Im Gespr\u00e4ch sind nun als Modellregionen das Au\u00dferfern und Osttirol. Inzwischen nehmen jedoch die Stimmen zu, die gegen das Modell einer gemeinsamen Schule sprechen.<\/p>\n<p><strong>Gemeinsame Schule bedeutet Inklusion und Chancengleichheit<\/strong><br \/>\nMeine Bef\u00fcrwortung einer gemeinsamen Schule sehe ich zun\u00e4chst von meinen Erfahrungen her. Erstens bin ich selbst Lehrer an einem Oberstufenrealgymnasium. Wir haben an unserer Schule aufgrund von zwei Schwerpunktsetzungen eine bunte Mischung von Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen aus den NMS, aus den Unterstufen der Gymnasien sowie aus Alternativschulen. Der Sprung aus manchen NMS in ein Gymnasium ist f\u00fcr etliche nicht m\u00f6glich oder nicht leicht. Die Bildungs-Selektion, die f\u00fcr 10-J\u00e4hrige begonnen hat, wirkt fort. Als ORG gilt es aufgrund der Neuen Matura \u2013 insbesondere der Zentralmatura \u2013 jenen Level zu erreichen, der auch f\u00fcr die Langformen vorgesehen ist. Hier nun muss eine Mischklasse aus NMS- und Gymnasialsch\u00fclern und \u2013sch\u00fclerinnen kr\u00e4ftig aufholen. Manchmal ist diese Herausforderung f\u00fcr die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen aus den NMS zu Beginn einer Oberstufe besonders gro\u00df. Eine gemeinsame Schule w\u00fcrde jene Differenz nicht mit sich bringen. Die ORGs und BHS\/BMHS-Schulen k\u00f6nnten ihren Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen einen gleichen Start nach der gemeinsamen Schule erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><strong>Gemeinsame Schule bedeutet sozialen Ausgleich<\/strong><br \/>\nZweitens bin ich Vater von drei Kindern und habe auch aus deren Erfahrungshintergr\u00fcnden die Schulzeit miterlebt. Schon in der Volksschule bedeutete es f\u00fcr etliche Mitsch\u00fcler und Mitsch\u00fclerinnen meiner Kinder einen enormen Stress, dass sie die Volksschulzeit mit ja keinem Zweier abschlie\u00dfen, wenn die Eltern und Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen ins Gymnasium wollten. Diese Fakten sind bekannt. Sie weisen auf die Ungleichheit hin, die in unserem Gesellschaftssystem vorhanden ist. Bekannt ist vor allem das Faktum, dass es Kinder mit Migrationshintergrund oder aus \u00f6konomisch nicht so gut gestelltem Hintergrund oftmals schwerer haben, in die Spuren einer \u201eh\u00f6heren\u201c Bildung zu kommen. Die Buntheit unserer Gesellschaft bildet sich nicht in den Unterstufen unserer Gymnasien ab. Wer Integration und Inklusion will, wird Jugendlichen gerade in dieser entscheidenden Lebensphase M\u00f6glichkeiten geben, in denen sie gemeinsam lernen und leben k\u00f6nnen. Kein Ort ist daf\u00fcr besser geeignet als die Schule.<br \/>\n<strong>Gemeinsame Schule ist nicht leistungsfeindlich<\/strong><br \/>\nIm gegenw\u00e4rtigen System sind die Voraussetzungen, um \u00fcberhaupt Leistung zu erbringen, sehr unterschiedlich je nach sozialer Herkunft. Kinder, die weniger F\u00f6rderung von daheim bekommen, sind im Nachteil, wenn es eine Selektion nach der Volksschulzeit gibt. Eine fr\u00fche Weichenstellung erh\u00f6ht die soziale Selektivit\u00e4t. In einer gemeinsamen Schule erfahren Kinder nicht mehr eine Auslese, sondern eine starke pers\u00f6nliche F\u00f6rderung je nach ihren F\u00e4higkeiten.<br \/>\n<strong>Gemeinsame Schule ist Option f\u00fcr die Schw\u00e4cheren<\/strong><br \/>\nDrittens denke ich als Religionslehrer aus dem Blickwinkel der katholischen Soziallehre und der Optionen, f\u00fcr die die Kirche eintritt. Gleichheit \u2013 nicht Gleichmacherei \u2013 ist einer jener Grundwerte, der aus der gleichen W\u00fcrde aller Menschen entspringt. Bekannt ist die Tatsache, dass in \u00d6sterreich Bildung auch von sozialer Herkunft abh\u00e4ngt. Nach einer gemeinsamen Schule wird es immer noch jene vielf\u00e4ltigen Wege gehen, in der die Jugendlichen ihren unterschiedlichen Talenten nachgehen k\u00f6nnen, sei es in den (Oberstufen)gymnasien, den Berufsbildenden H\u00f6heren Schulen oder dass sie ihre Talente in einer Lehre einbringen k\u00f6nnen. Mit 14 Jahren sind Jugendliche jedenfalls reifer f\u00fcr eine Entscheidung f\u00fcr ein bestimmtes Bildungs- bzw. Ausbildungsmodell als mit 10 Jahren.<\/p>\n<p><strong>NMS und Unterstufen von Gymnasien stehen sich nicht l\u00e4nger im Weg<\/strong><br \/>\nDie Diskussionen \u00fcber die NMS nach der Evaluation vom M\u00e4rz 2015 zeigten, dass dieser Schultyp deshalb nicht wirklich funktionieren konnte, weil gleichzeitig an der AHS-Unterstufe festgehalten wurde. Niki Glattauer, selbst NMS-Lehrer, meint dazu: \u201eAls Beiwagerl zur AHS-Unterstufe kann eine Schule keine besseren Ergebnisse bringen, die man sich aber f\u00e4lschlicherweise erwartet hat.\u201c Damit meint er, dass die NMS nicht nur jene Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen bekommen sollte, die es nicht in ein Gymnasium schaffen. Eine wirkliche L\u00f6sung, so Glattauer, liege in einer Gemeinsamen Schule. \u00c4hnlich sieht es auch die f\u00fcr Bildung in Tirol zust\u00e4ndige Landesr\u00e4tin Beate Palfrader: \u201eProblematisch ist, dass durch den Zug in die AHS-Unterstufe im urbanen Bereich zunehmend die Spitze fehlt. Das ist schlecht, weil Schule am besten funktioniert, wenn die Durchmischung stimmt und schw\u00e4chere und st\u00e4rkere Kinder voneinander lernen.\u201c<br \/>\n<strong>Inklusion schafft Frieden<\/strong><br \/>\nWenn wir eine Spaltung der Gesellschaft verhindern wollen, dann kann es bedeuten, auch beim Bildungssystem anzusetzen. Wenn Kinder mit Migrationshintergrund im urbanen Bereich vor allem in den NMS unterrichtet werden, dann werden Parallelwelten geschaffen oder verl\u00e4ngert. Wenn es aber gelingt, bei den Heranwachsenden in einem System zu arbeiten, wo beide voneinander lernen k\u00f6nnen, dann wird an einer Gesellschaft gebaut, wo Dialog gelebt werden kann. Dies hat auch Bedeutung f\u00fcr interreligi\u00f6se Begegnungen, die auch in einem gemeinsam gestalteten Religionsunterricht Gestalt finden k\u00f6nnten.<br \/>\n<strong>Chancen f\u00fcr katholische Privatschulen<\/strong><br \/>\nDie katholische Kirche hat vielf\u00e4ltige M\u00f6glichkeiten, zu einer Reform des \u00f6sterreichischen Schulwesens beizutragen. Die katholischen Privatschulen haben ihren Fixplatz in der \u00f6sterreichischen Schullandschaft. Hier kann eine Schule der Zukunft gestaltet werden. Verantwortliche aus diesem Bereich k\u00f6nnen mit R\u00fcckbezug aus den Erfahrungen die bildungspolitische Diskussion auf den verschiedenen Ebenen mitbestimmen bzw. ihre Autonomie in diese Richtung anwenden. Die Bildungsreform sieht explizit vor, dass Privatschulen autonom eine gemeinsame Schule errichten k\u00f6nnten. Es w\u00e4re w\u00fcnschenswert, wenn die katholische Kirche als bildungspolitischer Player die kleinen Spielr\u00e4ume n\u00fctzen w\u00fcrde, die die Bildungsreform nun f\u00fcr eine gemeinsame Schule vorgibt. Die Katholische Aktion hat auf \u00d6sterreichebene bereits vor einiger Zeit bestens ausgearbeitete Papiere vorgelegt, die den Weg in Richtung einer gemeinsamen Schule begr\u00fcnden.<br \/>\n<strong>Schritte in die verkehrte Richtung<\/strong><br \/>\nMit Ende des Jahres 2015 sieht es nun so aus, dass sich die Politik und damit auch die Schulverwaltung von einer gemeinsamen Schule weiter denn je entfernen bzw. sich mit dem Status eines zweigleisigen Bildungsweges der 10-14-J\u00e4hrigen abfinden w\u00fcrden. Daf\u00fcr spricht die \u00dcberlegung der zust\u00e4ndigen Tiroler Landesr\u00e4tin, wieder Aufnahmepr\u00fcfungen als Beitrittskriterium f\u00fcr Gymnasien einzuf\u00fchren. Man spricht zwar im neuen Bildungsjargon nicht mehr von Aufnahmepr\u00fcfungen, sondern von Kompetenz\u00fcberpr\u00fcfungen, de facto sind es aber doch Ausschluss-Pr\u00fcfungen, die wieder einen Druck auf die Kinder und deren Eltern w\u00e4hrend der Volksschulzeit aus\u00fcben werden.<br \/>\nDennoch: Es ist m\u00f6glich, an einzelnen Standorten bis zu 15 Prozent der Schulen und Sch\u00fclerInnen den Weg in eine gemeinsame Schule zu er\u00f6ffnen. Diese T\u00fcr gilt es zu n\u00fctzen.<br \/>\nKlaus Heidegger 12. Dezember 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine gemeinsame Schule \u2013 andere sprechen von einer Gesamtschule \u2013 fasst alle Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen gleich wie die Volksschule zusammen. Eine Trennung in Neue Mittelschule und Unterstufe Gymnasium gib es dann nicht. Erst mit 14 bis 15 Jahren erfolgt die Differenzierung in verschiedene Schultypen. Das Gymnasium in seiner Oberstufenvariante wird nicht abgeschafft. 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