{"id":3021,"date":"2017-11-29T18:28:54","date_gmt":"2017-11-29T18:28:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3021"},"modified":"2026-02-02T14:09:23","modified_gmt":"2026-02-02T14:09:23","slug":"tuerkis-blaue-bildungspolitische-irrlichter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3021","title":{"rendered":"T\u00fcrkis-blaue bildungspolitische Irrlichter"},"content":{"rendered":"<p>Als Lehrer sowie als Vater von drei Kindern, deren Schulzeit mich 20 Jahre besch\u00e4ftigt hat, mute ich mir zu, von dieser mehrfachen Praxis aus aktuelle schulpolitische Weichenstellungen beurteilen zu k\u00f6nnen. Eckpunkte des t\u00fcrkis-blauen Bildungsprogramms, die nun Teil des Koalitions\u00fcbereinkommens werden sollen, werte ich als Schritte in das finstere Mittelalter einer schwarzen P\u00e4dagogik und eines elit\u00e4ren Mehrklassenschulsystems. Die t\u00fcrkis-blauen Vorstellungen missachten die wesentlichen Erkenntnisse aus der Lernforschung und einer zeitgem\u00e4\u00dfen Schulentwicklung. Dazu im Detail.<\/p>\n<p><strong>Notensystem nicht ausbauen, sondern reduzieren<\/strong><\/p>\n<p>Erstens w\u00fcrde die von T\u00fcrkis-blau geplante zwangsweise Wiedereinf\u00fchrung von Noten in den ersten Jahren der Primastrufe nicht zu besseren Leistungen f\u00fchren, wohl aber zu Stress f\u00fcr Kinder und Lehrpersonen. Derzeit k\u00f6nnen Eltern und Lehrkr\u00e4fte an einer Volksschule entscheiden, ob die Kinder mit Ziffernnoten von 1 bis 5 beurteilt werden oder eine alternative Leistungsbeurteilung erhalten. Diese Wahlfreiheit gilt f\u00fcr die ersten drei Klassen.<\/p>\n<p>Noten schaffen generell kein produktives Lernklima. Deshalb haben die meisten Volksschulen in \u00d6sterreich auf das klassische Notensystem verzichtet. Statt Noten wird auf geeignete Lernumgebungen gesetzt. Noten setzen auf eine extrinsische Lernmotivation, wodurch zugleich vielfach kreative Lernprozesse blockiert werden. Schulen sollen Orte sein, wo Kinder und Jugendliche intrinsisch motiviert und mit Freude und aus eigener Neugier lernen. Ich war froh, dass meine Kinder nicht schon im ersten Schuljahr durch Noten in eine gegenseitige Leistungskonkurrenz getrieben wurden. Selbst als Lehrer an einer Oberstufe heute kann und will ich mich an die Pultteiler-Situationen nicht ganz gew\u00f6hnen. Lieber sehe ich es, wenn es den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern gelingt, gemeinsam Probleme zu l\u00f6sen. Diese Teamf\u00e4higkeit wird ihnen und der Welt wohl mehr n\u00fctzen als das aufgestellte Blatt, mit dem ein Abschreiben verhindert werden soll. Den Lehrkr\u00e4ften wiederum attestiere ich so viel Professionalit\u00e4t, dass sie Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler auch ohne Notenskala R\u00fcckmeldungen \u00fcber ihren Leistungsstand geben k\u00f6nnen. Wenn Kinder und Jugendliche einen Sinn darin sehen, was sie lernen sollen, lernen sie leichter und die erworbenen Kompetenzen werden nachhaltiger sein. Dort, wo sich Lernerfolge nicht einstellen, braucht es andere Formen des Unterrichtens und Lernens, eine ganzheitliche P\u00e4dagogik, die beispielsweise ein Abr\u00fccken von den 50-min\u00fctigen Einheiten bedeuten w\u00fcrde, mit denen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler heute noch gro\u00dfteils ihren Schulalltag verbringen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Gemeinsames Lernen statt Schaffung eines schulischen Kastensystems<\/strong><\/p>\n<p>Zweitens zielen die t\u00fcrkis-blauen Vorstellungen mehrfach auf ein elit\u00e4res Konzept. Die sozial\u00f6konomischen Ungleichheiten, die heute schon dazu f\u00fchren, dass Kinder und Jugendliche aus prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen bzw. bildungsfernen Schichten weniger leicht einen Zugang zur h\u00f6heren Bildung bekommen, w\u00fcrden durch die t\u00fcrkis-blauen Vorstellungen nochmals versch\u00e4rft werden. So schafft bzw. verst\u00e4rkt ein Bildungssystem Spaltungen in der Gesellschaft. Die fr\u00fche Trennung von Kindern mit neuneinhalb oder zehn Jahren in zwei unterschiedliche Ausbildungswege \u2013 Neue Mittelschule hier, Gymnasium dort \u2013 f\u00fchrt zu Situationen, wo Kinder bereits in der Volksschule Nachhilfe bekommen und manche auch psychische St\u00f6rungen. Die geplante Einf\u00fchrung von \u201eeigenen Deutschklassen\u201c k\u00f6nnte dazu f\u00fchren, Kinder und Jugendliche, die eine nichtdeutsche Muttersprache haben, von anderen zu sondieren, statt ihnen in einer inklusiven Lernumgebung mit entsprechenden F\u00f6rderungen zu helfen. Die Notwendigkeit von eigenen \u201eSprachstartklassen\u201c \u2013 insbesondere f\u00fcr Fl\u00fcchtlingskinder \u2013 vor dem Eintritt in das Regelschulwesen gab es schon bisher und sollten jedenfalls fortgef\u00fchrt werden. Ein Konzept der Zukunft w\u00e4re es, Modelle von einer Gemeinsamen Schule \u2013 wie sie beispielsweise in den Modellregionen geplant war \u2013 weiter zu verfolgen und die Neue Mittelschule nicht auf halbem Wege ihrer Entwicklung einzufrieren. Die t\u00fcrkis-blaue Programmatik steht dazu im Widerspruch.<\/p>\n<p><strong>P\u00e4dagogische Vielfalt statt Law-and-Order-Kriterien<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Drittens zieht sich durch die bildungspolitischen Vorstellungen der blauen und t\u00fcrkisen Verhandler merkbar eine Haltung, mit Sanktionen und Androhung von Strafen Bildung betreiben zu wollen. Zurecht wird dies bereits auch als R\u00fcckkehr zu einer Rohrstaberlmentalit\u00e4t bezeichnet. Da wird jenen Erziehungsberechtigten eine Reduktion der Sozialleistungen wie Familienbeihilfe oder Mindestsicherung angedroht, wenn sie in ihrem Engagement f\u00fcr ihre schulpflichtigen Kinder s\u00e4umig w\u00e4ren. Dies w\u00fcrde in erster Linie die bildungsfernen Schichten betreffen, die bereits am unteren sozialen Limit leben. Implizit werden Eltern, deren Kinder weniger gute Leistungen in der Schule bringen, unter Generalverdacht gestellt. Es wird wohl wissentlich \u00fcbersehen, dass es gerade oft Kinder aus prek\u00e4ren sozialen Verh\u00e4ltnissen sind, die einen gewissen Leistungsgrad in der Schule nicht erreichen. Mit Drohgeb\u00e4rden kann da nicht geholfen werden. Es br\u00e4uchte vielmehr M\u00f6glichkeiten, ihnen beispielsweise durch Nachmittagsstunden zu helfen \u2013 wie dies beispielsweise in den Hunderten Lerncaf\u00e9s geschieht, die von der Caritas organisiert werden.<\/p>\n<p>Auch \u00fcber den Lehrkr\u00e4ften schwebt in den Bildungsvorstellungen von T\u00fcrkis-blau ein Generalverdacht.\u00a0 Die Lehrkr\u00e4fte sollen \u00fcber die Entlohnung diszipliniert werden. Gute Lehrkr\u00e4fte \u2013 so die t\u00fcrkis-blauen Vorstellungen \u2013 sollen mehr Geld bekommen als schlechte Lehrkr\u00e4fte.<\/p>\n<p><strong>Gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht statt verpflichtendem Ethikunterricht<\/strong><\/p>\n<p>Viertens haben sich die t\u00fcrkisen und blauen Verhandler auf einen verpflichtenden Ethikunterricht festgelegt. Als Religionslehrer erfahre ich in meiner allt\u00e4glichen Arbeit, wie im Oberstufenbereich \u2013 und darauf zielt im Wesentlichen die Diskussion um einen verpflichtenden Ethikunterricht \u2013 ein gemeinsames religi\u00f6ses und ethisches Lernen im Klassenverband in vielfacher Hinsicht produktiv ist. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die keiner Religionsgemeinschaft und keiner Konfession angeh\u00f6ren, k\u00f6nnen von jenen lernen, die eine religi\u00f6se Einbindung haben, und umgekehrt. Ein Ethikunterricht w\u00fcrde nun dazu f\u00fchren, dass alle ohne Religionsbekenntnis automatisch einem quasi \u201enichtreligi\u00f6sen\u201c oder \u201ereligionsfreien\u201c Unterricht zugeordnet w\u00fcrden. Das Gegenkonzept lautet: Gemeinsam l\u00e4sst sich in einem sch\u00fclerorientierten Unterricht auch \u00fcber religi\u00f6se und ethische Fragen besser lernen. Die Schule wiederum kann zu einem Erfahrungsraum werden, wo nicht entlang von Religions- und Konfessionszugeh\u00f6rigkeiten getrennt und gemauert wird. Vor allem aber ist es v\u00f6llig verkehrt, wenn Jugendliche im Alter von 14 Jahren vor die plumpe Entscheidung gestellt werden: Ethik oder Religion? T\u00fcrkis-blau setzt daher auch mit der Forderung nach einem verpflichtenden Ethikunterricht auf ein vorgestriges Konzept, das der multireligi\u00f6sen Wirklichkeit in den Schulklassen und den vielf\u00e4ltigen M\u00f6glichkeiten interreligi\u00f6sen Lernens nicht gerecht wird.<\/p>\n<p><strong>Nein zu t\u00fcrkis-blauen Bildungsvorstellungen<\/strong><\/p>\n<p>Nun bleibt zu hoffen, dass die Zivilgesellschaft ein klares Nein zu den t\u00fcrkis-blauen Vorstellungen artikulieren wird. Herausgefordert sind die Sch\u00fclerorganisationen genauso wie Eltern- und Lehrerverb\u00e4nde, kirchliche Organisationen, die vielfach auch Tr\u00e4ger von Bildungseinrichtungen sind, genauso wie Universit\u00e4ten und P\u00e4dagogische Hochschulen, die Lehrerinnen und Lehrer f\u00fcr eine ganzheitliche P\u00e4dagogik ausbilden und ein wissenschaftlich fundiertes Know-how h\u00e4tten, das leider von der t\u00fcrkis-blauen Verhandlungstruppe arrogant ignoriert worden ist. Noch vertraue ich auch darauf, dass in den L\u00e4ndern wie Tirol oder Vorarlberg angefangene Reformschritte von den daf\u00fcr politisch Verantwortlichen fortgesetzt und weitergef\u00fchrt werden. Dann wird es nicht so brutal kommen, wie sich die t\u00fcrkis-blauen Irrlichter momentan anf\u00fchlen.<\/p>\n<p>Dr. Klaus Heidegger, 1. Dezember 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Lehrer sowie als Vater von drei Kindern, deren Schulzeit mich 20 Jahre besch\u00e4ftigt hat, mute ich mir zu, von dieser mehrfachen Praxis aus aktuelle schulpolitische Weichenstellungen beurteilen zu k\u00f6nnen. 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