{"id":3183,"date":"2018-03-18T09:19:27","date_gmt":"2018-03-18T09:19:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3183"},"modified":"2022-08-22T07:39:36","modified_gmt":"2022-08-22T07:39:36","slug":"josef-der-zaertliche-und-rebellische-mann-aus-nazareth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3183","title":{"rendered":"Josef, der z\u00e4rtliche und rebellische Mann aus Nazareth"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-3184 alignright\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Novecento.jpg\" alt=\"\" width=\"227\" height=\"263\" \/>Idealistische Lesearten<\/strong><\/p>\n<p>In den heimischen traditionellen Kirchen stehen viele von ihnen. Statuen von Josef. \u00a0\u201eN\u00e4hrvater Jesu\u201c, so seine klassische Bezeichnung. Sein Kopf ist meist dem\u00fctig zur Seite geneigt. Im einen Arm h\u00e4lt er z\u00e4rtlich den kindlichen Jesus, in der anderen Hand ein Attribut aus der Tischlerzunft. Josef bekommt eine Rolle zugeteilt, die sich wie folgt darstellen l\u00e4sst: Dem\u00fctig die Herausforderungen annehmend, nicht aktiv, sondern durch \u201eUnterlassungen\u201c, durch \u201eNicht-Handeln\u201c \u2013 so Josef Quitterer, Dekan der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Innsbruck zum Josefstag 2018. Dazu passt die Titelseite im Sonntagsblatt der Di\u00f6zese Innsbruck mit der Aufschrift: \u201eDer Windel-Josef\u201c. Josef sei derjenige, der \u201edie zweite Geige spielt\u201c, der die Windeln des Jesus w\u00e4scht. Heute w\u00fcrden manche b\u00f6sartig formulieren: Er ist derjenige, der daheim nicht die Hosen anhat. \u00c4hnliche bildhafte Interpretationen gibt es in gotischen Wandgem\u00e4lden in den Kirchen S\u00fcdtirols etliche. Josef, der nach der Geburt an einer Feuerstelle sitzt und f\u00fcr seine junge Familie eine Suppe kocht. Der h\u00e4usliche Josef bleibt dabei stets im Hintergrund, Windel waschend, liebevoll das Kind schaukelnd, Suppe kochend. Der Dogmatikprofessor Jozef Niewiadomski weist ebenfalls zum Josefstag 2018 auf diese z\u00e4rtliche Seite seines Namenspatrons hin. Eine syrische Ikone \u00fcber die Geburt Jesu zeigt Josef, der sich liebevoll um Jesus k\u00fcmmert und ihm ein Schlaflied vorsingt. Der biblische Josef habe nur eine \u201eNebenrolle\u201c gespielt, zur\u00fcckhaltend, weg vom Rampenlicht. Es ist ein M\u00e4nnerbild, das tats\u00e4chlich ein wichtiger Kontrapunkt zu patriarchalen Rollenzuweisungen ist, in der zu oft M\u00e4nner aktiv au\u00dfer Haus gesehen werden, fern der Kinder- und Hausarbeit. Ja, es braucht die M\u00e4nner, die Windeln waschen, Suppen kochen, Kinder z\u00e4rtlich in den Armen wiegen und ihnen Schlaflieder singen. Solche M\u00e4nner werden durch den h\u00e4uslich-z\u00e4rtlich-dem\u00fctigen Josef ermutigt. Diese Josefsperspektive f\u00f6rdert die notwendige Sichtweise, in der patriarchale Genderkonstruktionen dekonstruiert und ein neues, eine gendergerechte Lebensweise konstruiert wird.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck vergilbt ein anderes Bild des Josef, jenes, in dem er als \u201ealter Mann\u201c dargestellt wird, der wie ein greiser Opa das Jesuskind hegt, neben ihm die jugendliche Maria, die seine Tochter sein k\u00f6nnte. In den von der Gnosis beeinflussten apokryphen Texten des zweiten Jahrhunderts \u2013 beispielsweise dem Proto-Evangelium des Jakobus \u2013 wurde diese Interpretation erfunden. Das passt zu einer Tendenz, aus der Jesusgeschichte die Sexualit\u00e4t zu verbannen und gedanklich Maria in ihrer biologischen Jungfr\u00e4ulichkeit festzubinden. Dabei wird selbst in den Evangelien davon geschrieben, dass Josef mit Maria noch weitere Kinder hatte, die wohl nicht vom Himmel gefallen sind. Die M\u00e4r von der Josefsehe verdr\u00e4ngt die sexuelle Kraft des Mannes Josef. In einer Kirche, in der \u00fcber Jahrhunderte Theologie von z\u00f6libat\u00e4r lebenden Kirchenm\u00e4nnern gepr\u00e4gt wurde, ist dieses entsexualisierte Josefsbild eine Rechtfertigung f\u00fcr Kirchengesetze wie das Z\u00f6libat sowie f\u00fcr eine repressive Sexualmoral. Ist es so abwegig, sich Maria und Josef auch als sexuell liebende Ehepartner vorzustellen, wo nicht der eine am Josefsaltar steht und die andere im Marienaltar thront und dazwischen eben das Kirchenschiff?<\/p>\n<p><strong>Historisch-kritische Verortung der Josefs-Geschichte<\/strong><\/p>\n<p>Die neutestamentlichen Hinweise auf Josef zeigen uns, dass wir ihn nicht nur mit Windeln und Kochtopf und Tischlerwinkel vorstellen d\u00fcrfen. Programmatisch wird er in beiden Kindheitsgeschichten bei Matth\u00e4us und Lukas als Davidide, als Nachfolger des K\u00f6nigs Davids bezeichnet. Das ist eine hochpolitische Ansage. Wer in der damaligen Besatzungswirklichkeit mit K\u00f6nig David in Verbindung gebracht wurde \u2013 damit ist nicht so sehr eine Blutsverwandtschaft gemeint \u2013, stand in Opposition zum Kaiser in Rom und seinen brutalen Stellvertretern im besetzten Pal\u00e4stina. Nachfolger Davids zu sein bedeutete, im Widerstand zu sein. Historisch gesehen wird diese Tatsache mehrfach unterstrichen, wenn die Codes der Kindheitsgeschichten entschl\u00fcsselt werden. Josef wird ausdr\u00fccklich als jemand geschildert, der aus Nazareth in Galil\u00e4a stammt. Mit Galil\u00e4a verband man die Gegend des politischen Widerstands. Es war die Peripherie, in der Zeloten und Sikarier mit Guerillaangriffen den r\u00f6mischen Besatzungssoldaten das Leben schwer machten. Umso brutaler waren wiederum die r\u00f6mischen Repressionen. Idealtypisch wird die politische Dimension in den Kindheitsgeschichten nach Matth\u00e4us und Lukas geschildert: Josef, der mit Maria von Galil\u00e4a nach Betlehem zieht. Hier wird der politische Faden zwischen den Aufst\u00e4ndischen im Norden des Landes und der Stadt Davids gekn\u00fcpft. Josef, der mit Maria und ihrem Neugeborenen nach \u00c4gypten flieht und damit in jenes Land, wo die Wiege des politischen Aufbruchs des Volkes Israel liegt. Josef, der zur\u00fcck nach Nazareth in Galil\u00e4a geht und damit den Exodusfaden wieder aufnimmt. Die bildhafte Interpretation stellt dabei Josef als \u201eReisegef\u00e4hrt\u201c stets einen Esel zur Seite \u2013 jenes messianische Reittier, auf dem sp\u00e4ter \u201esein\u201c Sohn den Triumphzug in Jerusalem machen wird. Warum taucht Josef im sp\u00e4teren Leben von Jesus laut Evangelien nicht mehr auf? Vielleicht war er auch einer der M\u00e4nner, die als Widerstandsk\u00e4mpfer von den r\u00f6mischen Soldaten umgebracht wurden. Josef, der als Bauhandwerker so viel Leid in der Bev\u00f6lkerung sehen musste, so viel an Ausbeutung, an Gewalt \u2013 vor allem gegen\u00fcber Frauen: es w\u00e4re verst\u00e4ndlich gewesen, w\u00e4re er auch wie viele andere im offenen Widerstand gewesen und deswegen umgebracht worden. Der Heimatort Jesu, die kleine Stadt Nazareth, war nur wenig entfernt von Sepphoris, einer gro\u00dfen r\u00f6mischen Garnisonsstadt. Besatzungssoldaten vergewaltigten Frauen und t\u00f6teten j\u00fcdische aufr\u00fchrerische M\u00e4nner. Im ganzen r\u00f6mischen Reich war vor allem das j\u00fcdische Volk aufgrund seiner Religion und Geschichte am wenigsten bereit, sich unterjochen zu lassen. Der Jude und Davidide Josef: Ein politischer Widerstandsk\u00e4mpfer, der sich in die H\u00f6hlen von Galil\u00e4a zur\u00fcckgezogen hatte und mehr dem Idealtypus eines sozialistischen Arbeiterf\u00fchrers entspricht, der nicht als greiser Mann im Bett stirbt, sondern die r\u00f6mische Macht herausgefordert hatte. Von ihm hat dann Jesus nicht nur das Zimmerhandwerk gelernt, sondern zugleich die politische Querk\u00f6pfigkeit geerbt.<\/p>\n<p>Widerst\u00e4ndisch war Josef auch angesichts der Tatsache, dass Maria bereits w\u00e4hrend der Verlobung schwanger geworden ist. Das j\u00fcdische Gesetz h\u00e4tte es verlangt, seine Verlobte zu verlassen. F\u00fcr Maria h\u00e4tte es sogar das Todesurteil bedeuten k\u00f6nnen. Josef, weil er \u201egerecht\u201c war, h\u00e4lt sich nicht an den Buchstaben des Gesetzes. \u201eSein\u201c Sohn Jeschua wird dann sp\u00e4ter zum Rabbi, der jedes Gesetz unter der Perspektive des barmherzigen Abba-Gottes interpretiert. In diesem Sinne wiederum war Josef ein guter Vater, der Jesus liebevoll z\u00e4rtlich aufzog, ihm die Geschichten des j\u00fcdischen Volkes erz\u00e4hlte \u2013 die Makkab\u00e4eraufst\u00e4nde d\u00fcrften wohl auch nicht zu kurz gekommen sein, mit ihm daheim und in der Synagoge betete, ihm das Handwerk lernte aber auch die Art und Weise, politisch aktiv zu sein. Der Holz- und Steinarbeiter Josef legte ihm wohl den Traum vom Reich Gottes in die Wiege.<\/p>\n<p>Josef verorte ich daher nicht nur mit Windeln und Kochtopf, sondern ich sehe ihn wie einen Mann im legend\u00e4ren Gem\u00e4lde von Novecento. Neben ihm k\u00f6nnte Maria mit dem Jesuskind sein. Josef nicht nur mit Windeln, sondern ein Mann, der als Arbeiterf\u00fchrer im gewerkschaftlichen Kampf involviert ist, Josef, der eine Greenpeace-Fahne auf dem K\u00fchlturm eines Atommeilers entrollt, der mit versteckter Kamera in die Massentierhaltungsfabriken eindringt, der auf einem NGO-Schiff Fl\u00fcchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken rettet oder als indigener Umweltaktivist den Kampf gegen die Abholzung der Regenw\u00e4lder f\u00fcr Palm\u00f6lplantagen f\u00fchrt, ein Pal\u00e4stinenser, der mit einer Spraydose auf die Unrechtsmauer des israelischen Staates \u201eFree Palestine\u201c spr\u00fcht, ein schwarzer Menschenrechtsaktivist in den Favelas von Rio de Janeiro, der mit Marielle Franco Seite an Seite k\u00e4mpfte, oder der eine Person, die sich einfach jeden Tag neu bem\u00fcht, den ungerechten Systembedingungen nicht willf\u00e4hrig zu sein. Josef glaubte sicher an den Traum vom &#8222;Reich Gottes&#8220;, das nicht nur in uns zu suchen ist, wie der neue Film \u00fcber Maria Magdalena suggeriert, sondern die konkreten Lebens- und Arbeitsbedingungen dieser Welt im Sinne von Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit ver\u00e4ndern m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, zum Josefstag 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Novecento.jpg' class='thumbnail' \/>Idealistische Lesearten In den heimischen traditionellen Kirchen stehen viele von ihnen. Statuen von Josef. \u00a0\u201eN\u00e4hrvater Jesu\u201c, so seine klassische Bezeichnung. Sein Kopf ist meist dem\u00fctig zur Seite geneigt. Im einen Arm h\u00e4lt er z\u00e4rtlich den kindlichen Jesus, in der anderen Hand ein Attribut aus der Tischlerzunft. 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