{"id":3241,"date":"2018-04-22T04:47:12","date_gmt":"2018-04-22T04:47:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3241"},"modified":"2026-02-02T14:19:14","modified_gmt":"2026-02-02T14:19:14","slug":"je-suis-jesus-jesus-selfies-und-das-bild-vom-guten-hirten-eine-materialistische-exegese-des-heutigen-sonntagsevangeliums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3241","title":{"rendered":"Je suis Jesus: Jesus-Selfies und das Bild vom \u201eguten Hirten\u201c \u2013 eine materialistische Exegese des heutigen Sonntagsevangeliums"},"content":{"rendered":"<p>Auf meiner gestrigen Radrunde \u00fcber Mendelpass, durchs Nonstal und zur\u00fcck entlang der Weinstra\u00dfe nach Bozen entdeckte ich gleich \u00fcber mehreren Kirchenportalen das Bild vom \u201eGuten Hirten\u201c. Das interessanteste davon war wohl in Kurtatsch. Jesus, der gute Hirte, trug nicht nur f\u00fcrsorglich ein Schaf auf seinen Schultern, das sich dort sichtlich wohl f\u00fchlt, sondern wurde zugleich mit dem durchbohrten Herzen Jesu dargestellt. Tief hat sich das Guter-Hirte-Bild in den Volksglauben eingepr\u00e4gt. Es geh\u00f6rt zugleich zum Urbestand christlicher Theologie. Noch lange bevor es die Darstellungen Jesu am Kreuz gab, wurde Jesus bereits als guter Hirte dargestellt. Am heutigen Tag finden in Salzburg Landtagswahlen und in Innsbruck Gemeinderats- und B\u00fcrgermeisterwahlen statt. Bei all diesen Wahlen k\u00f6nnen Politikerinnen und Politiker, wenn sie gew\u00e4hlt werden wollen, nicht darauf verzichten, sich m\u00f6glichst gut in Szene zu setzen. \u201eW\u00e4hlt mich, weil ich bin der oder die \u2026\u201c Jesus hingegen war aber wohl alles andere als ein Populist. Passen die Ich-bin-Worte \u00fcberhaupt zu ihm, oder sind sie nicht wundersch\u00f6ne Dichtung aus dem lebendigen Glauben der sp\u00e4teren christlichen Gemeinden?<\/p>\n<p>Die sogenannten \u201eIch-bin-Worte-Jesu\u201c im Johannes-Evangelium sind keine Worte, die Jesus selbst so gesprochen hat. Die moderne Bibelauslegung spricht davon, dass es keine \u201eipsissima verba\u201c seien, das hei\u00dft keine Worte, die von Jesus selbst stammten. Was wir historisch-kritisch \u00fcber diesen Mann aus Nazareth sagen k\u00f6nnen, lautet: Er war Jeschua ben Mirjam aus Nazareth in Galil\u00e4a: Jesus, Sohn der Maria, der als eine Art Wanderrabbi mit einem bunten Haufen von J\u00fcngern und J\u00fcngerinnen die prophetisch-messianische Reich-Gottes-Tradition des Volkes Israel aufgegriffen hat und damit bewusst provokant die herrschende Clique aus r\u00f6mischer Besatzungsmacht und lokalen Kollaborateuren und Mitl\u00e4ufern herausforderte. Als tiefgl\u00e4ubiger Jude hat er sich nicht selbst als \u201eGott\u201c inszeniert. Dies w\u00e4re in j\u00fcdischem Verst\u00e4ndnis \u201eBlasphemie\u201c gewesen. Im \u00e4ltesten Evangelium schreibt Markus mehrmals davon, dass Jesus auch nicht als Messias bezeichnet werden wollte. Auch diese w\u00e4re politisch missverstanden worden. Die Mitte seiner Botschaft wird aber gleich im 1. Vers dieses Evangeliums als programmatisches Vorzeichen deutlich. Dort hei\u00dft es lapidar: \u00a0Das Reich Gottes ist angekommen. (Mk 1,1)<\/p>\n<p>Jesus hat nicht dem postmodernen Typen heutiger Zeit entsprochen. Jesus hat keine Nabelschau betrieben. Ihm ging es nicht darum, sich selbst in Szene zu setzen, sondern seine Botschaft vom Reich Gottes lebendig werden zu lassen. Dieser Blick ist wichtig, damit die Selfie-Generation heute mit egozentrischen Selbstinszenierungen \u00fcber Soziale Medien nicht auch noch sagen k\u00f6nnte: Dieser Jesus hat sich selbst narzisstisch \u00fcberh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Nein, w\u00fcrde dieser Jesus heute leben, so w\u00fcrde er kein optimiertes Social-Media-Profil haben, in dem er sich als \u201eSohn Gottes\u201c anpreist. Man w\u00fcrde keine Selfies von ihm entdecken, daf\u00fcr aber die Nobodys seiner Zeit: jene, die als Opfer am Rand der Gesellschaft leben mussten, die Bettler, die Kranken, die gedem\u00fctigten Frauen. Sie sind die Schafe auf seinen Schultern, die in den Blick genommen werden. Es sind die Schwarzafrikaner, die ich gestern umringt von Polizisten sah, als sie vergeblich versuchten, \u00fcber den Brenner zu kommen. Es sind die Schwarzen, die in der Bozner Innenstadt gestrandet sind und sich bestenfalls noch als laufende Stra\u00dfenh\u00e4ndler mit dem Verkauf unn\u00f6tiger Dinge abm\u00fchen. Damit entspricht Jesus so gar nicht der heutigen Ego-Generation. Er war keine Cham\u00e4leon-Existenz, der sich von der sozialen Umwelt nicht abgehoben h\u00e4tte. Die Jesusbewegung hat sich nicht angepasst, hat sich mit Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung nicht abgefunden. Man k\u00f6nnte ihn nicht mit Duckface vor dem Tempel in Jerusalem sehen, das \u00fcber facebook, Instagram, Twitter und Co gepostet wird und Tausende Likes erh\u00e4lt. Das w\u00e4re f\u00fcr einen Widerst\u00e4ndler auch zu gef\u00e4hrlich gewesen.<\/p>\n<p>Johannes gibt mit den Ich-bin-Worten Jesu kein Selfie von Jesus wieder. Im Gegenteil. Wenn er Jesus sprechen l\u00e4sst \u201eich bin der gute Hirte\u201c (Joh 10,11), dann steht dahinter die Erfahrung der ersten Gemeinschaften von J\u00fcngern und J\u00fcngerinnen, wie Jesus als Auferstandener in ihrer Mitte realisiert wird. Nicht als Terminator-Gestalt, der \u201etabula rasa\u201c macht mit denen, die nicht in eine bestimmte Linie passen, sondern einf\u00fchlsam hinhorchend, jeden und jede in der eigenen Existenz ernst nehmend. Diese Jesus-Gestalt kennt jedes Bl\u00f6ken der Schafe, egal ob schwarz oder wei\u00df. Jedes Schaf hat Vertrauen zu ihm. Dieser Jesus wird in der johanneischen Gemeinde des 1. Jahrhunderts identifiziert mit einem Berufszweig, der in der Hierarchie der j\u00fcdisch-pal\u00e4stinensischen Gesellschaft Jesu ganz unten stand, galten Hirten doch im System von \u201erein-unrein\u201c als unrein, weil sie den Kontakt mit den Tieren pflegten. In der griechisch-r\u00f6mischen Antike wiederum ist der Hirte wie Hermes der G\u00f6tterbote, der ein Schaf auf seinem R\u00fccken tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Der, der im Lukasevangelium von den Hirten begr\u00fc\u00dft wurde, wird selbst zum Hirten. Er ist nicht kaisergleich, sondern hirtengleich, nicht geg\u00fcrtet mit Schwert, sondern ausgestattet mit Hirtenstab. Was Hirten immer schon auszeichnete, ist die Verbindung mit der Natur, denn nur so wissen sie, wie sie den W\u00f6lfen ausweichen und die Wasserstellen finden k\u00f6nnen. Jesus wird zun\u00e4chst nicht einmal als Ackerbauer bezeichnet, weil diese Existenzweise schon st\u00e4rker auf Besitz von Grund und Boden beruht und damit mit Sesshaftigkeit verkn\u00fcpft ist. Ein Hirte hingegen war damals unterwegs und verk\u00f6rpert so eine Nomadenexistenz.<\/p>\n<p>Die Johannes-Gemeinde hat noch weitere Metaphern, um die Auferstehungsexistenz Jesu zu versinnbildlichen. Johannes legt Jesus die Worte in den Mund: \u201eIch bin der Weinstock, ihr seid die Reben\u201c. Und wieder steckt dahinter Erfahrung, Empirie. Die Erfahrung, dass in der Verbundenheit mit Jesus Christus das Leben gelingen kann. Die Erfahrung, dass das Leben gelingt, wenn wir in unseren Gemeinschaften, in der Kirche, in den D\u00f6rfern und Stadtteilen, in den Schulen und Klassenzimmern, in den Fabriken und Arbeitsst\u00e4tten rebengleich wie ein Team zusammenarbeiten. Solches wird \u201eFrucht\u201c bringen k\u00f6nnen. In die heutige Sprache \u00fcbersetzt k\u00f6nnten die Johannes-Worte lauten: Ich bin der Coach, der euch zu Teamplayern macht, und eure Arbeit wird gelingen. Die Erfahrung mit Auferstehung zeigt, dass Jesusnachfolge ein gutes Leben f\u00fcr alle zum Ziel hat. Dies kann nicht erreicht werden durch Einzelg\u00e4ngertum, durch egoistische Ellbogentaktik, durch Win-lose-Strategien. Die sauren Weinbeeren an den Reben sind die Karrieres\u00fcchtigen und jene, die nur auf den eigenen Gewinn achten.<\/p>\n<p>Johannes schrieb f\u00fcr eine Gemeinde, die brutaler Verfolgung ausgesetzt war. Auch heute gibt es noch Millionen Christinnen und Christen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Zur Zeit der Abfassung des Johannesevangeliums wurden jene, die sich zu Jesus bekannten, aus den \u201eSynagogen\u201c ausgeschlossen und mit Steinen beworfen. Von der r\u00f6mischen Zentralmacht wurden Christen und Christinnen gnadenlos verfolgt, die S\u00e4ulen der ersten Gemeinden wurden umgebracht, Petrus gekreuzigt, Paulus gek\u00f6pft, Stefanus gesteinigt, die Apostelin der Apostel verdr\u00e4ngt. Trotzdem wuchs die Zahl der Jesusanh\u00e4nger, weil sie wussten: Seine Botschaft funktioniert. Da gibt es niemanden mehr, der in diesen Gemeinden Not leidet, weil man zu teilen begonnen hat. Da werden die H\u00e4user zu Orten der Gastfreundschaft und das Ger\u00fccht \u00fcber die ersten Christen verbreitete sich im ganzen r\u00f6mischen Reich: Seht, wie sie einander lieben!<\/p>\n<p>Welche Ich-bin-Worte, oder im Polit-Jargon unserer Zeit, welche \u201eJe-suis-Worte\u201c Jesu entspr\u00e4chen heute den Erfahrungen von Auferstehung Jesu Christi? Wie w\u00fcrden wir heute, die wir in einem Land leben, in dem es gerade drei Prozent Bauern gibt, und die wir nicht mehr in den Kategorien von \u201eguter Hirte\u201c und \u201eWeinstock\u201c denken, das Profil von Jesus wiedergeben?<\/p>\n<p>Ich bin das Rettungsboot f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge, die bei der lebensgef\u00e4hrlichen Fahrt \u00fcber das Mittelmeer in Seenot geraten sind. Ich bin die Sch\u00fclerin, die einer verzweifelten Mitsch\u00fclerin Nachhilfe in Mathe gibt, damit sie das Klassenziel doch noch erreichen wird. Ich war der Deserteur aus dem Vomperloch, der sich dem Kriegszwang verweigerte. Ich bin die Caritas, die sich der konkreten Not in dieser Gesellschaft annimmt, der gr\u00f6\u00dfer werdenden Zahl von Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. Ich bin die Schwangere, die sich keine Abtreibung einreden l\u00e4sst, weil ihr werdendes Kind mit Down-Syndrom auf die Welt kommen wird. Ich bin die Biob\u00e4uerin, die darauf achtet, dass es ihren Tieren gut geht und die Pflanzen ohne Gro\u00dfeinsatz von Chemie wachsen k\u00f6nnen. Ich bin der Unternehmer, der f\u00fcr ein gutes Arbeitsklima in seinem Betrieb sorgt und auf faire Produktionsverh\u00e4ltnisse achtet. Ich bin die Greenpeace-Aktivistin, die sich an Kampagnen gegen Atomkraftwerke beteiligt und selbst achtsam mit den Ressourcen dieser Welt umgeht, die auf Flugreisen um des Klimas willen verzichtet und selbst vegetarisch lebt. Ich war Bertha von Suttner, die gegen den Krieg anschrieb und sich entt\u00e4uscht \u00fcber die Kriegsbegeisterung in der Kirche zeigte. Ich bin die Krankenschwester, die f\u00fcr die Patienten und Patientinnen stets ein aufmunterndes Wort und liebevolle Pflege hat. Ich bin der Vater, der an seinem st\u00f6rrischen Sohn nicht verzweifelt. Ich bin die Tochter, die Zeit f\u00fcr ihre pflegebed\u00fcrftigen Eltern hat. Ich bin. Ich bin. Ich bin. \u2026 Es gibt dann in der Nachfolge Jesu pl\u00f6tzlich die Abermillionen Varianten vom guten Hirten und jeden Tag wieder neu die Chance, die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nicht sprichw\u00f6rtlich auf die leichte Schulter zu nehmen, sondern bereit zu sein, Lasten zu schultern, wenn andere darunter st\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, zum Sonntagsevangelium am 22.4.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf meiner gestrigen Radrunde \u00fcber Mendelpass, durchs Nonstal und zur\u00fcck entlang der Weinstra\u00dfe nach Bozen entdeckte ich gleich \u00fcber mehreren Kirchenportalen das Bild vom \u201eGuten Hirten\u201c. Das interessanteste davon war wohl in Kurtatsch. 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