{"id":3262,"date":"2018-05-08T06:48:55","date_gmt":"2018-05-08T06:48:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3262"},"modified":"2026-02-02T14:23:44","modified_gmt":"2026-02-02T14:23:44","slug":"ueber-die-postmoderne-unbekuemmertheit-des-fliegens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3262","title":{"rendered":"\u00dcber die postmoderne Unbek\u00fcmmertheit des Fliegens"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von der Zerst\u00f6rung des Planeten und der Vielfliegerei<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem w\u00e4rmsten April seit Aufzeichnungen von Wetterdaten k\u00f6nnen wir bereits in den ersten Maiwochen des Jahres 2018 sommerliche Temperaturen sp\u00fcren und sehen Felder, die austrocknen, so als w\u00e4re es Hochsommer. Im Osten \u00d6sterreichs gab es heftige Gewitter. Das Wetter spielt verr\u00fcckt. Die Folgen der Klimaver\u00e4nderung im Alpenraum sind besonders merk- und f\u00fchlbar. Kardinal Sch\u00f6nborn hat in einer Kolumne am 4. Mai 2018 geschrieben: \u201eSch\u00f6nwetter-Prognosen werden unheimlich.\u201c Im Jahr 2017 gab es mit 25,2 Metern den h\u00f6chsten Gletscherr\u00fcckgang seit 1960. Der Verkehr ist hierzulande der Hauptverursacher f\u00fcr klimasch\u00e4dliche Emissionen und damit sind eine Verkehrspolitik und eine \u00c4nderung in der Art und Weise, wie Menschen und Waren transportiert werden, der Schl\u00fcssel f\u00fcr eine nachhaltige Klimapolitik. Das betrifft nicht nur den Schwerverkehr auf den Stra\u00dfen mit fast t\u00e4glich neuen Rekordmeldungen, sondern auch den Individualverkehr. Kaum thematisiert und problematisiert wird jedoch der Flugverkehr.<\/p>\n<p>Auf Plakatfl\u00e4chen wirbt seit einigen Wochen \u2013 es ist ja Hauptbuchzeit f\u00fcr Urlaubsreisen \u2013 landauf landab der Flughafen Innsbruck mit einer in ein Dirndl gekleideten Frau, die ihre H\u00e4nde wie die Fl\u00fcgel eines Flugzeugs ausstreckt und schon abgehoben ist. In den Printmedien inserieren Reiseb\u00fcros f\u00fcr Flugreisen. Ganze Schulklassen machen sich auf f\u00fcr Sprachreisen und Tausende Maturantinnen und Maturanten wurden f\u00fcr eine megageile Maturareise in irgendeinem Club am Meer gekeilt, wo unbegrenzt der letzte Funken an \u00d6kogef\u00fchl hinunter gesoffen werden kann. K\u00fcrzlich entdeckte ich ein Plakat, das in einer 7. Klasse bereits f\u00fcr eine einw\u00f6chige Maturareise 2019 nach Thailand wirbt. 999 Euro.<\/p>\n<p>Der Flug zu den angepriesenen Traumst\u00e4nden wird jedoch zum Albtraum f\u00fcr Millionen Menschen, die zu Opfern der Klimaver\u00e4nderung geworden sind. Neue Flughafenpisten werden gebaut. Anderswo im S\u00fcden dieser Welt breitet sich die W\u00fcste aus. Klimaver\u00e4nderung, Ausbeutung der \u00d6lfelder, Gewinne aus dem \u00d6lgesch\u00e4ft und Kriegsindustrie h\u00e4ngen urs\u00e4chlich zusammen. Am Beginn des nun schon siebenj\u00e4hriges Krieges in Syrien standen klimatisch verursachte D\u00fcrrezeiten.<\/p>\n<p><strong>Tabakkonsum und Flugkonsum: eine Analogie<\/strong><\/p>\n<p>Als ich jung war, wurde unbek\u00fcmmert (fast) \u00fcberall geraucht. Mein Volksschullehrer paffte sogar in der Klasse und zu Weihnachten durfte ich ihm immer eine Stange Smart schenken. Es war kein Problem f\u00fcr mich als Knirps, beim Gemischtwarenh\u00e4ndler f\u00fcr meinen Opa um ein paar Schilling eine Packung filterlose A3 zu kaufen (er schrammte einige Jahre sp\u00e4ter knapp am Raucherbein vorbei). Ich erinnere mich noch heute an gro\u00dffl\u00e4chige Werbetafeln f\u00fcr Marlboro, Memphis und Co und die Werbeeinschaltungen der Tabakindustrie gefielen einem Jugendlichen, versprachen sie doch all das, wonach sich ein Pubertierender sehnt: Freiheit, Lebenslust, Intimit\u00e4t. Mein Lieblingsort war aber das Widum (Pfarrhaus), wo uns Ministranten der Pfarrer \u2013 mein gro\u00dfes Vorbild \u2013 mit seiner Pfeife in eine permanente Tabakwolke h\u00fcllte. Die Kirche selbst war einer jener heiligen Orte, wo Weihrauchwolken gegen\u00fcber den Nikotinwolken Vorrang hatten. 10 Jahre danach war ich in H\u00f6rs\u00e4len an der Uni und links und rechts von mir glimmten die Tabakst\u00e4ngel. Auf den Zigarettenpackungen gab es damals keinerlei Warnhinweise. Das Wissen \u00fcber die Sch\u00e4dlichkeit des Rauchens hat \u2013 zum Gl\u00fcck \u2013 einige Jahrzehnte sp\u00e4ter zu vielerlei Verboten gef\u00fchrt. Werbung f\u00fcr Tabakwaren wurde gro\u00dfteils untersagt, Rauchverbote verh\u00e4ngt. Was Mensch und Umwelt gef\u00e4hrdet, soll nicht beworben, sondern eingeschr\u00e4nkt werden. Lediglich rechtspopulistische Parteien weigern sich besserer Einsicht zu folgen. Die Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber den negativen Folgen des Rauchens ist heute da. Wann endlich kommt es zu einer Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber den zerst\u00f6rerischen Konsequenzen von Flugreisen?<\/p>\n<p><strong>Flugreisen werden beworben und \u00f6ffentlich gef\u00f6rdert<\/strong><\/p>\n<p>Jede Wochenendausgabe einer Zeitung ist voller Werbungen f\u00fcr Flugreisen. Um einen l\u00e4cherlichen Preis werden Wochenendfl\u00fcge in irgendeine Stadt angeboten. Selbst Zwickeltage werden gen\u00fctzt, um schnell in eine Gro\u00dfstadt Europas zu jetten. Gro\u00dffl\u00e4chig lassen Airlines ihre Angebote affichieren. Man fliegt in den Urlaub. Schulen bieten f\u00fcr Klassenfahrten irgendwo ins Ausland Flugreisen an. Selbst die Kirchenzeitung, die ansonsten \u00f6kologische Achtsamkeit predigt, wirbt in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden f\u00fcr Pilgerreisen mit Flugzeugen. Die \u00f6ffentliche Hand f\u00f6rdert den Ausbau von Flugh\u00e4fen. Diesel und Benzin werden besteuert. Die Mineral\u00f6lsteuer betr\u00e4gt rund 50 Cent pro Liter. Das ist im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern immer noch weniger \u2013 weswegen der Tanktourismus in \u00d6sterreich rund 20% betr\u00e4gt \u2013 doch immerhin wird dadurch eine gewisse Lenkung erreicht. Wie steht es aber mit der Besteuerung des Kerosins? Im Gegensatz zu Benzin und Diesel ist Flugbenzin f\u00fcr den kommerziellen Flugverkehr von der Mineral\u00f6lsteuer befreit. Das ist ein eindeutiger Wettbewerbsnachteil f\u00fcr alle anderen Verkehrsmittel. Nun soll auch die Ticketsteuer f\u00fcr Flugtickets fallen.<\/p>\n<p><strong>Klimas\u00fcnder Flugzeuge<\/strong><\/p>\n<p>Das beschleunigte globale Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr kommt auch im Luftverkehr an: Insgesamt wuchs die weltweite Luftfahrt im Jahr 2017 um 7,6 Prozent. Besonders stark war das Wachstum in Europa, wo der Luftverkehr um 8,2 Prozent zulegen konnte. Bereits im Jahr 2013 \u2013 aktuelle Zahlen fehlen noch &#8211; hat der Flugverkehr in \u00d6sterreich rund 705.000 Tonnen Treibstoff verbraucht und dadurch 2,17 Millionen Tonnen CO2 verursacht. Der Flugverkehr trug also bereits vor f\u00fcnf Jahren so viel zu Treibhausgasen bei wie rund eine Million Autofahrer mit ihrem privaten Pkw in einem ganzen Jahr emittieren. Der Flugverkehr tr\u00e4gt zum Klimawandel bei, auch wenn er in der Kyoto-Klimabilanz nicht aufscheint.<\/p>\n<p>Fliegen ist eindeutig die klimasch\u00e4dlichste Fortbewegungsart, die zugleich am meisten beworben und am wenigsten besteuert wird, was hei\u00dft: Die \u00f6kologisch bedenklichste Fortbewegungsart wird von der Politik gef\u00f6rdert. Laut Greenpeace belastet eine einzige Flugreise von Wien nach New York die Erdatmosph\u00e4re durchschnittlich so stark wie ein Jahr Autofahren. Im Verh\u00e4ltnis zur Bahn verursacht das Auto 10-mal so viel CO2-Emission, ein Langstreckenflug 18-mal und ein Kurzstreckenflug 23-mal so viel. Kurt Langbein zeigt in seinem j\u00fcngsten Film, Zeit f\u00fcr Utopien, auf, wie klimasch\u00e4dlich Fliegen ist. So entspr\u00e4che eine Flugreise nach New York genau jenem CO-2-Verbrauch, den ein Mensch pro Jahr beanspruchen k\u00f6nnte, damit die Kyoto-Klimaziele eingehalten werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Kondensstreifen hinter Flugzeugen und ihre Folgen heizen die Erde stark auf. Sie verursachen bereits mehr Erderw\u00e4rmung als das angesammelte Kohlendioxid seit Beginn der Luftfahrt ausgesto\u00dfen h\u00e4tte, hei\u00dft es in einer Studie. Aus den Kondensstreifen entstehen so genannte Zirren \u2013 Wolken aus Eispartikeln. Ihre Fl\u00e4che ist etwa neunmal gr\u00f6\u00dfer als der linienf\u00f6rmige, meist sichtbare Streifen, den Flugzeuge am Himmel hinterlassen. Da Kondensstreifen in der Luft enthaltene Feuchtigkeit verbrauchen, reduzieren sie die Bedeckung durch nat\u00fcrliche Wolken. Beide \u2013 nat\u00fcrliche und k\u00fcnstlich erzeugte \u2013 Zirren verringern jedoch die Infrarotausstrahlung der Erde und erw\u00e4rmen so das Klima.<\/p>\n<p>Wie sehr die Fliegerei zunimmt, zeigt auch ein so kleiner Flughafen wie Innsbruck. So verzeichnete allein der Innsbrucker Flughafen im vergangenen Winter an manchen Wochenenden bis zu 120 Starts und Landungen, was einem Zehn-Minuten-Takt gleichkommt. Die Aufw\u00e4rtsentwicklung geht weiter. Neue Direktverbindungen von Innsbruck in verschiedene St\u00e4dte Europas sind geplant. L\u00e4rmgeplagte Anrainer des Flughafens werden mit L\u00e4rmschutzfenstern vertr\u00f6stet. Kritische Berichte \u00fcber das steigende Flugverkehrsaufkommen gibt es kaum.<\/p>\n<p><strong>Wertvolles \u00d6l wird als Kerosin verbrannt<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00d6lvorr\u00e4te dieser Welt gehen zu Ende. Dort, wo gebohrt und gef\u00f6rdert wird, werden ganze Landstriche verw\u00fcstet und wird das Leben der ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung gef\u00e4hrdet. Die Bohrinseln sind ein permanentes Gef\u00e4hrdungspotenzial: Dennoch bleibt der Preis f\u00fcr Kerosin auf niedrigem Niveau. Wegen der knapper werdenden \u00d6lvorr\u00e4te werden heute schon Kriege gef\u00fchrt und k\u00fcnftige geplant. Der Arktis drohen durch \u00d6lbohrungen gigantische Umweltdesaster. Durchschnittlich verbraucht ein Flugpassagier pro 100 Kilometer 5 Liter Kerosin. Aufgrund der in 10.000 Kilometer H\u00f6he gegebenen Bedingungen kommt die Verbrennung von 5 Liter Kerosin einer Klimasch\u00e4dlichkeit von 25 Liter zu.<\/p>\n<p><strong>Reife mit \u00f6kologischer Unreife<\/strong><\/p>\n<p>Weiterhin lassen sich Abertausende Maturanten und Maturantinnen auf die Maturareiseindustrie im Stile von Summer Splash &amp; Co ein. Die Nachfrage wird geschickt von der Werbeindustrie angeheizt. Gro\u00dfbanken, Boulevard-Presse und Energy-Drink-Produzenten saugen mit ihrer Geldmacht die jungen Menschen an. Wer sich auf diese Reisen einl\u00e4sst, hat jedenfalls ein \u00f6kologisches Reifezeugnis nicht verdient. Irgendetwas wurde hier in vielen Unterrichtsstunden nicht vermittelt. Was haben die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen \u00fcber Klimaver\u00e4nderung gelernt, die wesentlich Folge des ungebremsten Flugverkehrs ist? Was haben sie gelernt \u00fcber die Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse in den gro\u00dfen Clubs irgendwo in Antalya? Waren die zerst\u00f6rerischen Auswirkungen des Massentourismus \u2013 beispielsweise auf den Balearen \u2013 jemals ein Thema in Referaten, wo \u00fcber den Dreck \u00fcberlasteter Kl\u00e4ranlagen, der im Meer landet, \u00fcber die wachsenden M\u00fcllberge, den hohen Energieverbrauch durch Klimaanlagen etc. \u00a0berichtet wurde. Geographie und Wirtschaftskunde, Biologie und Politische Bildung, Religion und Ethik \u2026 was haben die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen gelernt, wenn dann doch ihr Handeln von \u00f6kologischer und sozialer Ausbeutung gepr\u00e4gt ist? Oder war die Klimaver\u00e4nderung kein Thema im Unterricht oder wurde sie gar kleingeredet? Vielleicht auch waren wir Lehrer und Lehrerinnen zu wenig Vorbild und zu wenig glaubw\u00fcrdig. K\u00f6nnen wir jungen Menschen vorwerfen, in der Welt herumzufliegen, wenn mit wenigen Ausnahmen die \u00f6kologisch-moralische Verderbtheit ohnehin zum Programm erkoren wurde? Die Diagnose zunehmender Affluenza \u2013 mit den Symptomen von sozial-\u00f6kologischer Verantwortungslosigkeit, Beliebigkeit und moralischer Verwahrlosung \u2013 trifft auf die industriellen Maturareisen sicherlich in weitem Ma\u00dfe zu.<\/p>\n<p><strong>Die Alternative: Auf Flugreisen verzichten <\/strong><\/p>\n<p>Innerhalb von Europa kann wohl g\u00e4nzlich auf ein Flugzeug verzichtet werden. Der positive Nebeneffekt f\u00fcr Bahn-Reisende: Man n\u00e4hert sich dem Urlaubsland langsamer, nimmt landschaftliche Eindr\u00fccke auf und kann sich bereits auf dem Weg in den Urlaub oder zu beruflichen Zwecken auf die ver\u00e4nderten klimatischen Bedingungen einstellen. Vor allem aber gilt heute besonders: Muss es wirklich eine ferne Destination sein, oder k\u00f6nnten nicht viel mehr die Sch\u00f6nheiten vor Ort mehr entdeckt und genossen werden? Ein Selfie von einer S\u00fcdseeinsel wird ein Enkelkind in 40 Jahren, wenn die Gletscher verschwunden und ebendiese Insel unter Wasser sein werden, einmal anders beurteilen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 8. Mai 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Zerst\u00f6rung des Planeten und der Vielfliegerei Nach dem w\u00e4rmsten April seit Aufzeichnungen von Wetterdaten k\u00f6nnen wir bereits in den ersten Maiwochen des Jahres 2018 sommerliche Temperaturen sp\u00fcren und sehen Felder, die austrocknen, so als w\u00e4re es Hochsommer. Im Osten \u00d6sterreichs gab es heftige Gewitter. Das Wetter spielt verr\u00fcckt. 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