{"id":3268,"date":"2018-05-08T17:25:28","date_gmt":"2018-05-08T17:25:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3268"},"modified":"2026-02-02T14:23:22","modified_gmt":"2026-02-02T14:23:22","slug":"wie-sich-himmel-anfuehlt-und-spueren-laesst-gedanken-zum-himmelfahrtstag-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3268","title":{"rendered":"Wie sich Himmel anf\u00fchlt und sp\u00fcren l\u00e4sst:  Gedanken zum Himmelfahrtstag 2018"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die jenseitige Himmelsperspektive<\/strong><\/p>\n<p>Eine Impulsfrage zu Beginn einer Religionsstunde in einer 5. Klasse lautet: \u201eWas ist f\u00fcr dich Himmel?\u201c Die Antworten der 14- bis 16-J\u00e4hrigen sind fast durchgehend eindeutig in eine bestimmte Richtung. \u201eHimmel, das ist dort, wo wir nach dem Tod hinkommen.\u201c \u201eHimmel ist ein Leben nach dem Tod.\u201c \u201e\u00dcber den Himmel k\u00f6nnen wir nichts wissen, weil noch niemand dort war.\u201c Fast automatisch geht beim Nachdenken \u00fcber diese Frage der Blick nach oben. Wie ein starker Magnet ziehen die Gedanken an den Himmel weg von dieser Welt, weg von den eigenen Erfahrungen, weg von der Klasse, vom Freundeskreis oder der Familie, weg von der Empirie und hin zur Spekulation, die als Glaube definiert wird. Der Himmel wird assoziiert mit etwas, das nicht von dieser Welt sei, als Andersort, dort dr\u00fcben, wo der bereits verstorbene Urgro\u00dfopa nun auf irgendeine unbekannte Art weiterleben kann.<\/p>\n<p><strong>\u201eSchaut nicht empor!\u201c Die biblische Perspektive nach unten<\/strong><\/p>\n<p>Die klassische Himmelfahrtsdarstellung finden wir in der Apostelgeschichte, als deren Autor Lukas gilt, wobei sich hinter diesem Namen ein Autorinnenkollektiv verbirgt, das um das Jahr 80 herum die eigenen Gemeindeerfahrungen legendarisch wiedergab. Die Legende \u00fcber die Himmelfahrt ist voll von mythologischen Bildern. Nicht nur Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sind zun\u00e4chst geneigt, solche Berichte wie einen Zeitungsartikel zu sehen, was dazu f\u00fchrt, dass der ganze Bericht als unglaubw\u00fcrdiges Hokuspokus abgetan wird. Wer den Text nicht metaphorisch versteht, missversteht ihn. Wer den Himmel als \u201esky\u201c und nicht als \u201eheaven\u201c versteht, blickt nach oben und nicht in sein Herz und seine Umgebung und nicht auf Menschen, die ihm oder ihr viel bedeuten. In der Apostelgeschichte ist die Rede von einer Wolke, in die Jesus aufgenommen wird. Es ist kein meteorologisches Ph\u00e4nomen, sondern jene Wolke, die auch dem Volk Israel beim Exodus durch die W\u00fcste den Weg gezeigt hat. Gott als Wolke. Da ist die Rede von zwei M\u00e4nnern in wei\u00dfen Gew\u00e4ndern. Es sind nicht reale menschliche Wesen, sondern Engel als mythologische Kunstgestalten, die bereits den Frauen am Auferstehungstag am leeren Grab begegnet sind und stets die Gegenwart des G\u00f6ttlichen verst\u00e4rken. Und dann kommt die Aufforderung dieser Engel, nicht mehr hinaufzublicken, sondern den radikalen Perspektivenwechsel vorzunehmen. \u201eSchaut nicht empor, der Herr ist hier bei uns \u2026\u201c, hei\u00dft es in einem der neuen Lieder, die l\u00e4ngst alt geworden sind. Die Aussage ist bleibend g\u00fcltig.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr steht das ganze Leben Jesu und seine Botschaft. Jesus hat die eschatologischen Bilder nicht abgeschafft, sondern auf die richtige Ebene gehoben, im Hegelschen Sinne also \u201eaufgehoben\u201c. Gott ist ein Gott der Lebenden. Als ihn die Sadduz\u00e4er, die die Auferstehung leugneten, danach fragten, war Jesus ganz klar. F\u00fcr ihn gilt die Reich-Gottes-Wirklichkeit, wo Frauen sich nicht mehr dem Joch ungerechter Gesetze beugen m\u00fcssen und nicht mehr an M\u00e4nner gebunden werden \u2013 ob sie wollen oder nicht. Dort ist Auferstehung, wo es solche unterdr\u00fcckerischen Gesetze nicht mehr gibt. Nicht in einem \u201eDr\u00fcben\u201c, sondern im Hier und Heute. Jesus hebt in seiner Antwort letztlich die Zeitstruktur von Heute und Morgen auf und betont die Jetztzeit als jene Zeit, die z\u00e4hlt. Jesus hat die Kranken nicht mit einer Aussicht auf morgen vertr\u00f6stet, sondern sie geheilt. In seinen Gleichnissen spricht er von den Senfstauden, die jetzt zu sprie\u00dfen beginnen, vom Sauerteig, der jetzt schon den Brotleib ver\u00e4ndert oder vom Schatz im Acker, der jetzt schon behoben wird. Weil Jesus nicht mehr vertr\u00f6stet hat, wurde er zum \u00c4rgernis f\u00fcr die M\u00e4chtigen, die keine Ver\u00e4nderung wollten.<\/p>\n<p>In diesem Sinne sind die mythologischen Bilder von Gericht, Fegefeuer und Himmel prim\u00e4r Aussagen f\u00fcr ein Hier und Jetzt. Jesus denkt und handelt in den Dimensionen der Gottesherrschaft und des K\u00f6nigreiches Gottes \u2013 das aus Respekt vor dem Gottesnamen als Himmelreich genannt wurde. Damit wird freilich deutlich: Es geht stets darum, in dieser Welt Gerechtigkeit und Frieden sp\u00fcrbar werden zu lassen und Ungerechtigkeiten und Unfrieden zu beseitigen. Das hat mit Himmel zu tun.<\/p>\n<p>Diese Perspektive finde ich in vielen Varianten und Variationen bei Philosophinnen und Philosophen, in literarischen oder filmischen Werken. Goethe l\u00e4sst Faust wie folgt sinnieren:<br \/>\n\u201eNach dr\u00fcben ist die Aussicht uns verrannt;<br \/>\nTor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet,<br \/>\nSich \u00fcber Wolken seinesgleichen dichtet!<br \/>\nEr stehe fest und sehe hier sich um;<br \/>\nDem T\u00fcchtigen ist diese Welt nicht stumm.<br \/>\nWas braucht er in die Ewigkeit zu schweifen!<br \/>\nWas er erkennt, l\u00e4\u00dft sich ergreifen.<br \/>\nEr wandle so den Erdentag entlang;<br \/>\nWenn Geister spuken, geh&#8216; er seinen Gang,<br \/>\nIm Weiterschreiten find&#8216; er Qual und Gl\u00fcck,<br \/>\nEr, unbefriedigt jeden Augenblick!\u201c<\/p>\n<p>Soeben wurde an den 200. Geburtstag von Karl Marx gedacht. Der Philosoph aus Trier hat pr\u00e4gnant die aufkl\u00e4rerische Kritik formuliert und die Projektionsthese von Feuerbach gesellschaftskritisch aufgenommen. Wenn der Himmel zu einer jenseitigen Kategorie wird, dann ist er Vertr\u00f6stung f\u00fcr die verarmten Massen und nimmt ihnen das revolution\u00e4re Potenzial. So konnte auch bereits Heinrich Heine spitz formulieren: \u201eDen Himmel \u00fcberlassen wir den Spatzen und den Pfaffen.\u201c Doch ist die klassenlose Gesellschaft nicht vielmehr ein anderes Wort f\u00fcr \u201eHimmel\u201c? K\u00f6nnte nicht die diesseitige Himmelsperspektive die destruktiven Kr\u00e4fte des Kapitalismus b\u00e4ndigen?<\/p>\n<p>Protoytpisch ist sicherlich der Film von Kay Pollak \u201eWie im Himmel\u201c. Menschen in einem schwedischen Dorf, die auf unterschiedliche Weise die Sehnsucht nach einem gegl\u00fcckten Leben in sich tragen, zugleich aber daran gehindert werden, gedem\u00fctigt werden, von einem gesetzesstrengen Pfarrer mit dem Jenseits abgespeist werden, entdecken durch Gemeinschaft und Solidarit\u00e4t Wege der Befreiung und des Neubeginns in diesem konkreten Leben. Dieser Befreiungsweg gipfelt in \u201eGabriella\u2019s Song\u201c, wo es hei\u00dft: \u201eHab vom Himmel ein St\u00fcck gesehen. Ich will sp\u00fcren, dass ich lebe. Ich will leben, gl\u00fccklich sein, so wie ich bin, offen mutig stark und frei. Die Zeit hier geht so schnell vorbei. Ich will wachsen, staunen \u00fcber diese Welt. Und den Himmel, an den ich glaube, den gibt es! Ich will sp\u00fcren, dass ich mein Leben lebe. Den werd ich finden. Ich will sagen: ja, ich hab gelebt!\u201c<\/p>\n<p>In diesem Film gibt es eine geniale Parallele zur Himmelfahrtsgeschichte Jesu. Im Finale des Filmes stirbt Daniel, w\u00e4hrend sein Chor gerade auf den gro\u00dfen Auftritt wartet. Doch k\u00f6nnen sie ohne ihren Dirigenten Daniel singen? Er kann nicht mehr kommen. Dann ist es gerade der Behinderte, der sich in seiner Verzweiflung traut, den Ton vorzugeben. Alle stimmen ein, nicht nur der Chor, sondern das ganze Auditorium beginnt zu singen. Daniel ist gestorben, doch zugleich ist er in ihrer Mitte. Sie haben gelernt zu leben und zu lieben auch ohne ihn. So kann selbst schwerer Abschied gelingen. Jesus entschwindet den Blicken der J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger und wei\u00df: Sie schaffen es nun ohne seine leibliche Gegenwart, in seinem Namen weiterzumachen, zu verk\u00fcnden und zu heilen, sich daf\u00fcr einzusetzen, dass die Himmel auf Erden Wirklichkeit werden k\u00f6nnen und die H\u00f6llen verschwinden.<\/p>\n<p><strong>Leibliche Aufnahme in den Himmel als religionen\u00fcbergreifendes Narrativ<\/strong><\/p>\n<p>In allen christlichen Kirchen ist das Fest Christi Himmelfahrt seit dem Konzil von Nic\u00e4a im Jahr 325 fester Bestandteil des Glaubens geworden. Seither hei\u00dft es auch im Glaubensbekenntnis: \u201eaufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten des Vaters, \u2026\u201c So eint dieses Bekenntnis die vielen christlichen Kirchen. Wenn die Rede ist von der \u201eleiblichen Aufnahme\u201c, so will dies unterstreichen, dass in Abgrenzung zu gnostisch-stoischen Philosophien die Achtsamkeit der ganzen Person \u2013 und daher auch des Leibes \u2013 gelten muss. Ohne Bezugnahme auf die leibliche Natur, den K\u00f6rper, mit all dem, was zu ihm geh\u00f6rt, wesentlich auch die Sexualit\u00e4t, gibt es keinen Himmel! Jede Leibfeindlichkeit ist daher unchristlich. Wieder k\u00f6nnten wir auf den Film \u201ewie im Himmel\u201c verweisen, wo protestantisch verbr\u00e4mte Pr\u00fcderie als Irrweg karikiert wird. Wegen dieser Hochachtung des Leiblichen gegen\u00fcber wurde einige Jahrhunderte sp\u00e4ter das Dogma von der \u201eleiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel\u201c verk\u00fcndet.<\/p>\n<p>Der religionen\u00fcbergreifende Charakter des Himmelfahrtsmythos wird dadurch deutlich, dass es bereits im fr\u00fchen Judentum eine Himmelfahrtsgeschichte gibt. Im 2. Buch der K\u00f6nige 2,1-18 k\u00f6nnen wir \u00fcber die Himmelfahrt des Elia lesen. In diesem Zusammenhang gibt er die prophetischen Aufgaben an Elisa weiter. F\u00fcr Muslime wiederum ist die Midrasch, die Himmelfahrt des Propheten Muhammad, ein zentraler Bestandteil des Glaubens. In mehreren Suren im Koran wird seine Himmelfahrt unterschiedlich beschrieben. Ein Ort der Himmelfahrt des Propheten Muhammad wird gleich wie im Christentum am \u00d6lberg gesehen. Ein St\u00fcck Himmel, so k\u00f6nnen wir wohl heute sagen, ist dort, wo sich die abrahamitischen Religionen in Frieden begegnen, weil sie erkennen, wie nahe sie sich sind.<\/p>\n<p><strong>Klaus Heidegger, Zum Fest Christi Himmelfahrt 2018, <a href=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\">www.klaus-heidegger.at<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die jenseitige Himmelsperspektive Eine Impulsfrage zu Beginn einer Religionsstunde in einer 5. Klasse lautet: \u201eWas ist f\u00fcr dich Himmel?\u201c Die Antworten der 14- bis 16-J\u00e4hrigen sind fast durchgehend eindeutig in eine bestimmte Richtung. \u201eHimmel, das ist dort, wo wir nach dem Tod hinkommen.\u201c \u201eHimmel ist ein Leben nach dem Tod.\u201c \u201e\u00dcber den Himmel k\u00f6nnen wir&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[183],"tags":[350],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3268"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3268"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3268\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12038,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3268\/revisions\/12038"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3268"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3268"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3268"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}