{"id":3832,"date":"2019-02-17T12:08:46","date_gmt":"2019-02-17T12:08:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3832"},"modified":"2026-02-02T14:43:25","modified_gmt":"2026-02-02T14:43:25","slug":"systemisch-strukturelle-ursachen-fuer-psychische-und-sexuelle-gewalt-in-der-katholischen-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3832","title":{"rendered":"Systemisch-strukturelle Ursachen f\u00fcr psychische und sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche"},"content":{"rendered":"<p><strong>Systemisch-strukturelle Ursachen f\u00fcr psychische und sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche<\/strong><\/p>\n<p><strong>Einleitend<\/strong><\/p>\n<p>Die J\u00e4nner- und Februarwochen des Jahres 2019 waren gepr\u00e4gt von Berichten und auch medial gef\u00fchrten Diskussionen \u00fcber sexuelle Gewalt, die von Klerikern bzw. in kirchlichen Einrichtungen geschehen sind und aufgedeckt wurden.<\/p>\n<p>Ermutigend ist zum einen von Seiten des Papstes das Vorhaben, im Rahmen einer Missbrauchskonferenz im Vatikan Ende Februar 2019 \u00fcber dieses Thema zu reden. Im Zusammenhang mit der sexuellen Gewalt, die Nonnen von Priestern erfuhren, hat Papst Franziskus klare Worte gefunden. Auf dem R\u00fcckflug von Abu Dhabi nach Rom meinte er: &#8222;Ich wei\u00df, dass Priester und auch Bisch\u00f6fe das getan haben \u2026 Und ich glaube, es wird immer noch getan.&#8220;<\/p>\n<p>Als historisch kann in diesem Kontext das Gespr\u00e4ch gewertet werden, das Kardinal Sch\u00f6nborn mit Doris Wagner f\u00fchrte, die als Ordensschwester missbraucht wurde. Sch\u00f6nborn traf sich in einem Studio des Bayerischen Rundfunks mit der fr\u00fcheren Ordensfrau. Dabei nannte er auch die strukturellen bzw. systemimmanenen Wurzeln f\u00fcr \u00dcbergriffe an Klosterschwestern wie das \u201eMacht-Ungleichgewicht zwischen Priestern und anderen Gl\u00e4ubigen\u201c sowie eine \u00dcberh\u00f6hung des Priesteramtes, die dieses Ungleichgewicht nochmals verst\u00e4rke.<\/p>\n<p>Dieser strukturkritische Ansatz ist notwendig. Zu oft wurde von kirchlichen Autorit\u00e4ten und in den Medien nur der T\u00e4ter f\u00fcr sein Vergehen verurteilt, nicht aber das System, das solche Taten wesentlich mitverursacht. Das Fehlverhalten der einzelnen ist damit nicht zu entschuldigen, doch es hilft zu erkl\u00e4ren, warum es dazu gekommen ist. Vor allem aber kann nur mit System- und Strukturver\u00e4nderungen eine Kirche geschaffen werden, in der Frauen nicht mehr entw\u00fcrdigt werden und M\u00e4nner nicht mehr zu T\u00e4tern werden. Die Vorsitzende der Ordensgemeinschaften \u00d6sterreichs, Schwester Beatrix Mayrhofer, meinte dazu, man m\u00fcsse die Frage stellen: \u201eWas macht Menschen zu T\u00e4tern?\u201c, sonst k\u00f6nnten die \u201eSystemschw\u00e4chen\u201c nicht behoben werden.<\/p>\n<p>Innerhalb der katholischen Kirchen war es \u00fcber Jahrzehnte von Seiten der Kirchenleitung nicht gew\u00fcnscht, die strukturellen Dimensionen zu benennen. Reformkritsche Aufbr\u00fcche wie die Befreiungstheologie oder die feministische Theologie wurden verdr\u00e4ngt. Fast vierzig Jahre nach dem Erscheinen des Buches von Leonardo Boff \u201eKirche, Charisma und Macht\u201c \u2013 es pr\u00e4gte mein Theologiestudium \u2013 scheint nun die Zeit f\u00fcr solche Ideen reif zu sein. Was Initiativen wie das Kirchenvolksbegehren, \u201eWir sind Kirche\u201c oder die Pfarrerinitiative sowie auch beispielsweise die Katholische Frauenbewegung in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit forderten, wird nun auch im Reden von Kirchenverantwortlichen aufgegriffen.<\/p>\n<p>Die folgenden vier strukturellen Dimensionen sind zueinander in Interakion und Interdependenz, was bedeutet, dass eine Dimension die anderen verst\u00e4rkt. Zugleich sind die strukturellen Ver\u00e4nderungen immer auch r\u00fcckgebunden an die theologischen Begr\u00fcndungszusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Missbrauch hat mit Machtmissbrauch aufgrund autorit\u00e4rer Kirchenstrukturen zu tun<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>In seltener Klarheit hat Kardinal Sch\u00f6nborn in dem Gespr\u00e4ch mit der ehemaligen Ordensfrau Doris Wagner auch die Kirchenstrukturen angesprochen, die im Hintergrund von Missbrauchsf\u00e4llen st\u00fcnden. Helmut Sch\u00fcller, Sprecher der Pfarrerinitiative, sah darin eine gro\u00dfe Hoffnung und meinte: \u201eDas wird sicher dazu beitragen, die f\u00e4lligen Reformprozesse in der Kirche anzusto\u00dfen.\u201c Es gehe freilich nicht nur um das Missbrauchsthema, sondern \u201eum die Grundverfassung der Kirche\u201c. Die Strukturen w\u00fcrden ganz wenigen Menschen ganz viel Macht geben. In der TV-Sendung \u201eIm Zentrum\u201c sprach der Jesuit Andreas Batlogg von einer oft m\u00e4nnerb\u00fcndlerischen \u201eMacho-Kirche\u201c.<\/p>\n<p>Diese Analyse vom Machtungleichgewicht zeigt zugleich auf, wo Reformen geschehen m\u00fcssten. Wie laufen Entscheidungsprozesse in der Kirche \u2013 von der kleinen Ebene einer Pfarrgemeinde bis in den Vatikan hinein? Das Zweite Vatikanische Konzil hat bereits zahlreiche demokratische Mitbestimmungsm\u00f6glichkeiten erm\u00f6glicht. Es gibt auf der Ebene der Pfarrgemeinden die Pfarrgemeinder\u00e4te. In den Gliederungen der katholischen Aktion sind auf di\u00f6zesaner wie \u00f6sterreichweiter Ebene die leitenden Funktionen gew\u00e4hlt. Immer muss zugleich gefragt werden: Wo haben Priester und Bisch\u00f6fe zu viel Macht? Wie kann diese Macht geteilt bzw. kontrolliert werden?<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Missbrauch und Genderfrage<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Zurecht hat Kardinal Sch\u00f6nborn die Ungleichheit zwischen M\u00e4nnern und Frauen in der katholischen Kirche als Wurzel f\u00fcr sexuelle Gewalttaten an Frauen genannt: Sie sei eine &#8222;Uralts\u00fcnde in der Kirche&#8220;. Der Kardinal sieht hier gro\u00dfen Handlungsbedarf: &#8222;Die Frauen-Frage ist eines der gro\u00dfen Zeichen der Zeit.&#8220; Er sei \u00fcberzeugt davon, dass die Missbrauchsproblematik &#8211; mit allem was sie aufw\u00fchle und in Bewegung setze &#8211; &#8222;die Frage der Frau in der Kirche in ein neues Licht stellen&#8220; werde.<\/p>\n<p>Es brauche ein Geschlechterverh\u00e4ltnis &#8222;auf Augenh\u00f6he&#8220; in der Kirche, forderte die h\u00f6chstrangige Ordensvertreterin \u00d6sterreichs. In diesem Zusammenhang sagte Sr. Mayrhofer mit Ironie zum Thema Weihe\u00e4mter f\u00fcr Frauen: &#8222;Wenn&#8217;s die M\u00e4nner aus\u00fcben ist es Dienst, und wenn&#8217;s die Frauen anstreben ist es Macht.&#8220;<\/p>\n<p>Die Forderung, dass M\u00e4nner wie Frauen die gleichen Rechte wie Pflichten in der Kirche haben, muss notwendigerweise dazu f\u00fchren, dass auch das Diakonats-, Priester- und Bischofsamt f\u00fcr Frauen ge\u00f6ffnet wird. Alle theologischen Argumente spr\u00e4chen jedenfalls daf\u00fcr.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Sexuelle Gewalt und die Ideologie \u201egeweihter\u201c M\u00e4nner<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Kardinal Christoph Sch\u00f6nborn zeigte in dem bereits genannten Interview mit Doris Wagner auf, worin das falsche Priesterbild liege, das zu Missbrauch f\u00fchren k\u00f6nnte: &#8222;Der Priester ist sakral, er ist unber\u00fchrbar. Er ist &#8218;Herr Pfarrer'&#8220;. Und weiters: &#8222;Wenn dieses Priesterbild vorherrscht, dann ist Autoritarismus die st\u00e4ndige Gefahr. Der Pfarrer bestimmt alles. Es ist die Gefahr, dass der Pfarrer sich mehr leisten darf als die anderen.&#8220;<\/p>\n<p>Welche Konsequenzen k\u00f6nnten daraus folgen? Eine \u00dcberh\u00f6hung der klerikalen Existenz durch magisch-anmutende Riten in Form von \u201eWeihen\u201c m\u00fcssten zumindest in lutherischer Wagemutigkeit diskutiert werden. Die evangelischen Kirchen zeigen uns seit 500 Jahren, dass Dienste in der Kirche nicht notwendigerweise mit einer \u201eWeihe\u201c verbunden sein m\u00fcssten. Sie bergen jedenfalls die Gefahr in sich, dass ein Mensch nach au\u00dfen sakrosankt wirkt, was nochmals durch bestimmte Symbole wie Priestergew\u00e4nder unterstrichen wird. Daher m\u00fcsste auch diskutiert werden, ob es der richtige Weg ist, einfach zu sagen: \u00d6ffnen wir das dreifache Weiheamt f\u00fcr die Frauen, damit M\u00e4nner und Frauen in der Kirche gleichberechtigt partizipieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Z\u00f6libat sowie Unterdr\u00fcckung und Abwertung von Sexualit\u00e4t<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Auf mehreren Dimensionen kann es einen Zusammenhang zwischen sexueller Gewalt und einer unterdr\u00fcckerischen und verdr\u00e4ngenden Sexualmoral geben, wie sie in Teilen der Kirche zu finden ist.<\/p>\n<p>Wenn das Z\u00f6libat als eine Lebensweise gew\u00e4hlt wird, die mit Verdr\u00e4ngung oder gar Abwertung der Sexualit\u00e4t verkn\u00fcpft wird, dann birgt sie in sich jene Gefahren, die zu Missbrauch f\u00fchren k\u00f6nnten. Die #MeToo-Bewegung hat deutlich gezeigt, dass sexuelle Gewalt und \u00dcbergriffe jedoch nicht urs\u00e4chlich mit einer bestimmten Lebensweise zu verkn\u00fcpfen sind. Sie wurden ver\u00fcbt von Ehem\u00e4nnern wie von allein lebenden M\u00e4nnern, von M\u00e4nnern jeder sozialen Stellung und in jedem Alter. Es w\u00e4re daher ein Kurzschluss, aus dem Z\u00f6libat den Schluss zu ziehen, die gew\u00e4hlte Ehelosigkeit h\u00e4tte mit Missbrauch direkt zu tun.<\/p>\n<p>Vor allem aber br\u00e4uchte es in diesem Zusammenhang die Betonung jener Tradition in den Kirchen, die sich in den biblischen Schriften bereits findet, in der Sexualit\u00e4t zun\u00e4chst als Geschenk und Erfahrungsraum des G\u00f6ttlichen gewertet wird. Wo immer Sexualit\u00e4t als Gefahr oder gar etwas B\u00f6ses gewertet wird, kommt es zu Verdr\u00e4ngungen. Wo Sexualit\u00e4t positiv in das Leben integriert wird, kann sie beitragen zu erf\u00fcllenden Beziehungen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 17. Februar 2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Systemisch-strukturelle Ursachen f\u00fcr psychische und sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche Einleitend Die J\u00e4nner- und Februarwochen des Jahres 2019 waren gepr\u00e4gt von Berichten und auch medial gef\u00fchrten Diskussionen \u00fcber sexuelle Gewalt, die von Klerikern bzw. in kirchlichen Einrichtungen geschehen sind und aufgedeckt wurden. 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