{"id":3843,"date":"2019-02-25T20:40:13","date_gmt":"2019-02-25T20:40:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3843"},"modified":"2022-08-22T07:38:37","modified_gmt":"2022-08-22T07:38:37","slug":"unqualifizierte-angriffe-gegen-einen-gemeinsamen-religionen-und-ethikunterricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3843","title":{"rendered":"Unqualifizierte Angriffe gegen einen gemeinsamen Religionen- und Ethikunterricht"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3844\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Religionslehrer.jpg\" alt=\"\" width=\"921\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Religionslehrer.jpg 921w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Religionslehrer-300x171.jpg 300w, https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Religionslehrer-768x438.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 921px) 100vw, 921px\" \/>Seit meinem Artikel in der Tiroler Tageszeitung Mitte J\u00e4nner 2019 hat sich auch \u00f6ffentlich eine Debatte dar\u00fcber entwickelt, wie ein gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht gestaltet werden k\u00f6nnte. Im Fokus der Auseinandersetzung stehen dabei folgende Grundfragen. 1.) Sind Religionslehrerinnen und Religionslehrer \u00fcberhaupt geeignete \u201eFachleute\u201c, um auch ethische Themen zu unterrichten. 2.) Sind ethische Themen relevant f\u00fcr einen Religionenunterricht. 3.) Werden in einem k\u00fcnftigen Ethikunterricht auch religi\u00f6se Werte eine Rolle spielen? 4.) Sind Religionslehrerinnen und Religionslehrer als Repr\u00e4sentantinnen und Repr\u00e4sentanten ihrer Religionsgemeinschaft mit einer kirchlichen Sendung nicht verpflichtet auf einen konfessionell eng begrenzte Religionsvermittlung?<\/p>\n<p><strong>1) Die Lehre der Kirche vertreten<\/strong><\/p>\n<p><strong>Behauptung<br \/>\n<\/strong>Religionslehrerinnen und Religionslehrer h\u00e4tten die Lehre der Kirche zu vertreten, wie sie sich in den Katechismusformulierungen findet. Deswegen auch m\u00fcssten sie Positionen vertreten, die im Widerspruch zu einem aufgekl\u00e4rten Denken stehen. So beispielsweise verurteile die Kirche laut KKK (Katechismus der Katholischen Kirche) die Homosexualit\u00e4t und k\u00fcnstliche Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung. Wer heute aber verpflichtet ist, solche vorgestrigen Ansichten zu unterrichten, d\u00fcrfe dies nur gegen\u00fcber jenen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern tun, die selbst \u00fcberzeugt katholisch sind. F\u00fcr einen Unterricht au\u00dferhalb des konfessionellen Unterrichts seien solche Lehrpersonen jedenfalls ungeeignet.<\/p>\n<p><strong>Widerrede<br \/>\n<\/strong>Die Lehre der Kirche umfasst so viel mehr als in sich und aus dem Zusammenhang gerissene widerspr\u00fcchliche Zitate aus dem Katechismus, die zutiefst interpretationsbed\u00fcrftig sind, nicht aber die Wesensmitte des katholischen Glaubens ausmachen. So mancher Kirchenkritiker macht es sich jedoch zu einfach, wenn er undifferenziert und pauschal ein Kirchenbild konstruiert, das so gar nicht mehr der Realit\u00e4t entspricht. Dies beginnt schon bei der Definition, was die Lehre der Kirche ist.<\/p>\n<p>Im Zentrum kirchlicher Verk\u00fcndigung steht jedenfalls die Freiheit des Evangeliums und die biblische Botschaft. Ein relatives Sola scriptura z\u00e4hlt offiziell dazu \u2013 das hei\u00dft, dass kirchliche Lehre sich stets an der Schrift orientieren muss. Daher ist es gerade im Religionsunterricht wichtig, sich ein gutes Schriftverst\u00e4ndnis zu erarbeiten.<\/p>\n<p>Meinen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern versuche ich aber noch etwas zu vermitteln. Kirche ist nicht gleichzusetzen mit Papst oder Bischof. Kirche ist zun\u00e4chst immer auch im Lebensvollzug der Betroffenen \u2013 das hei\u00dft auch im Kontext der Schule \u2013 zu verorten. Dort ereignen sich die Grundfunktionen von Kirche von Diakonie, Martyria, Koinonia und Liturgie \u2013 und aus solchen Erfahrungen entwickelt sich eine Lehre, die von unten w\u00e4chst. Ich nehme die Tatsache ernst, dass alle Getauften auch mit dem g\u00f6ttlichen Geist Gesalbte sind \u2013 insofern Prophetinnen und Propheten, was auch f\u00fcr die jungen Menschen zutrifft. F\u00fcr sie gilt, was im Buch Joel steht und zu Pfingsten aufgebrochen ist: \u201eEure S\u00f6hne und T\u00f6chter werden Prophetinnen und Propheten sein, \u2026\u201c. Ich erlebe jedenfalls in meinem schulischen Alltag, wie Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler von ihren Gotteserfahrungen erz\u00e4hlen, von der Art und Weise, wie sie Halt im Glauben finden und wie sie in Gemeinschaft Kirche erleben. Wenn solches Reden im schulischen Kontext gelingt, dann ist nicht nur die Kirche in Gestalt ihrer Dogmen und Codices Lehrmeisterin, dann bin nicht nur ich mit meinem Theologenwissen und als Religionsp\u00e4dagoge Lehrperson, sondern dann werden auch die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler f\u00fcreinander Lehrpersonen.<\/p>\n<p><strong>2) Religionslehrerinnen und Religionslehrer als Expertinnen und Experten f\u00fcr Sexualethik<\/strong><\/p>\n<p><strong>Behauptung<br \/>\n<\/strong>Lieblingsargument der Kirchenkritiker und Religionsunterrichtsgegner ist die angebliche sexualfeindliche Einstellung von Kirche und Bibel. Man bem\u00fcht das pauschale und stereotype Vorurteil, wonach die Bibel sexualfeindlich sei und demnach das Christentum als solches mit der Sexualit\u00e4t auf &#8222;Kriegsfu\u00df&#8220; st\u00fcnde. Man will daher keinesfalls, dass in einem Ethikunterricht solche behaupteten sexualfeindlichen Positionen unterrichtet werden k\u00f6nnten. Die Lehre der katholischen Kirche zur Homosexualit\u00e4t wird mit einem l\u00e4ngst \u00fcberholten christlichen Fundamentalismus verwechselt, mit einem Weltbild, wie es der j\u00fcngste Kinofilm \u201eDer verlorene Sohn\u201c verk\u00f6rpert. Engstirnig und v\u00f6llig undifferenziert wird die positive Bewertung von Sexualit\u00e4t, wie sie in den biblischen Schriften zu finden ist, \u00fcbersehen.<\/p>\n<p><strong>Widerrede<br \/>\n<\/strong>Die ganze Gesch\u00f6pflichkeit des Menschen &#8211; also auch seine Sexualit\u00e4t &#8211; wird in der Bibel als positive Grundgegebenheit gesehen: Es ist &#8222;sehr gut&#8220; (Gen 1,31) hei\u00dft es im Sch\u00f6pfungsbericht. Dieses \u201esehr gut\u201c gilt wohl auch f\u00fcr homosexuelle Veranlagungen. Im Ersten Testament ist der Gedanke der Ehelosigkeit, einer bewussten Enthaltung von der Ehe, g\u00e4nzlich fremd. Ehelosigkeit wird im Gegenteil als &#8222;Strafe Gottes\u201c interpretiert und Ehe und Kinderzeugung werden als Erweis g\u00f6ttlicher Zuwendung gewertet. Auch dies ist ein Hinweis, f\u00fcr die prinzipiell positive Sichtweise von Sexualit\u00e4t. Im biblischen Buch \u201eHohelied der Liebe\u201c wird die ganze Unbefangenheit gegen\u00fcber Eros und Sexualit\u00e4t ausgedr\u00fcckt. Die erotische Beziehung zwischen Freund und Freundin wird in eindrucksvoller und direkter Weise geschildert. Allerdings gibt es kulturelle Einschr\u00e4nkungen, wie und wo Sexualit\u00e4t ausgelebt wird. So werden au\u00dfereheliche Geschlechtsbeziehungen abgelehnt. Solche \u00c4u\u00dferungen sind aber letztlich kulturell und nicht theologisch bedingt. An manchen Stellen des Ersten Testaments gibt es Formulierungen, dass der Geschlechtsakt als etwas Unreines erscheint. (Vgl. Lev 15,16.18) Solche Reinheitsvorschriften sind jedoch zu erkl\u00e4ren als bewusste Abkehr des Volkes Israel von Praktiken in der Umwelt wie dem Ph\u00e4nomen von kultischer Prostitution. Die positive Wertsch\u00e4tzung der Sexualit\u00e4t, die kennzeichnend f\u00fcr das Erste Testament ist, wird im Leben und der Botschaft von Jesus und seiner J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger weitergef\u00fchrt. Die ersttestamentlichen Reinheitsvorschriften spielen im Neuen Testament keine Rolle mehr. Jesus und seine Bewegung setzen sich bewusst dar\u00fcber hinweg. Im Zentrum steht das Liebesgebot. Die Liebe ist der letzte Ma\u00dfstab &#8211; nicht \u00e4u\u00dfere Gesetze! (Vgl. Mt 15,1-20) Von diesem Liebesgebot aus ist auch das Gebot von der &#8222;Unaufl\u00f6slichkeit der Ehe&#8220; zu werten. Es bek\u00e4mpft das soziale Unrecht, das oft an Frauen geschehen war, die einfach aus der Ehe entlassen werden konnten. In aller Deutlichkeit betont Jesus die Gleichheit und Gleichwertigkeit der Frau in einer damals durch und durch patriarchalen Gesellschaft. Paulus war in vielen Aussagen ein &#8222;Kind seiner Zeit&#8220;: dennoch betonte er die Gleichwertigkeit von Mann und Frau. (Gal 3,28) Eine v\u00f6llig neue Bewertung erf\u00e4hrt die Ehelosigkeit &#8222;um des Himmelreiches willen&#8220;. Sie wird positiv gesehen. (Vgl. Mt 19,12) Sie ist jedoch nicht Resultat einer Leibfeindlichkeit, sondern prophetisches Zeichen f\u00fcr das Reich Gottes. Sexualfeindliche Einfl\u00fcsse, die von au\u00dferhalb der Bibel kamen, haben leider die fr\u00fchen christlichen Vorstellungen gepr\u00e4gt. Aristoteles ordnete die menschliche Sexualit\u00e4t der animalischen (tierischen) Schicht zu. Diese ist gegen\u00fcber der geistigen Schicht minderwertig. Mit diesem Gedanken pr\u00e4gte Aristoteles die abendl\u00e4ndische Geschichte bis in die j\u00fcngste Vergangenheit.\u00a0 Die Stoa forderte als Ideal die Verdr\u00e4ngung der Lust. Sexualit\u00e4t wird nur noch zum Zwecke der Fortpflanzung akzeptiert. Auch von dieser Richtung lie\u00dfen sich Kirchenv\u00e4ter und Kirchenlehrer wie Augustinus pr\u00e4gen. Weitere hellenistische Einfl\u00fcsse &#8211; wie Manich\u00e4ismus und Neuplatonismus &#8211; verst\u00e4rkten die sexualfeindlichen Tendenzen, die im Christentum Platz ergreifen konnten. Die positive Bejahung menschlicher Sexualit\u00e4t bzw. die Priorit\u00e4t des neutestamentlichen Liebesgebotes traten in den Hintergrund. Manche sexualfeindliche Normen und Sichtweisen finden sich nach wie vor in kirchlichen Stellungnahmen und Moralb\u00fcchern. Demgegen\u00fcber wird in einem Religionsunterricht heute wohl eine aufgekl\u00e4rte christliche Sexualethik erarbeitet, die von einer R\u00fcckkehr zur biblischen Bejahung menschlicher Sexualit\u00e4t gepr\u00e4gt sein wird und wo die Betonung des Liebesgebotes vor objektiver Sexualmoral kommt. Der inkarnatorische Glaube von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus bedeutet die radikale Bejahung des ganzen Menschen. Humanwissenschaftliche Erkenntnisse sind Grundlage f\u00fcr christliche Sexualethik. Die Liebe ist oberstes Ziel und Ma\u00dfstab der Sexualit\u00e4t. Dort, wo sich sexuelles Verhalten gegen die Liebe wendet, wird es unmoralisch. Umgekehrt werden Moralgebote, die sich gegen den Menschen richten, ung\u00fcltig.<\/p>\n<p><strong>Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung<br \/>\n<\/strong>Im Zentrum der kirchlichen Lehre in ethischen Frage steht immer die Orientierung am eigenen Gewissen. Dies betrifft gerade auch die Frage der Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung. Schon unmittelbar nach der oftmals zitierten \u201ePillenenzyklika\u201c von Papst Paul VI. hatte sich die \u00d6sterreichische Bischofskonferenz mit dem Begriff von der \u201everantworteten Elternschaft\u201c darauf geeignet, dass die Frage der Verwendung von k\u00fcnstlichen Empf\u00e4ngnisverh\u00fctungsmitteln in die Gewissensentscheidung der Betroffenen gelegt wird. Im Unterricht sage ich immer wieder, wie unverantwortlich es w\u00e4re, wenn ein Bursch nicht bereit ist, den Umgang mit Kondomen zu lernen, bevor er daran denkt, mit seiner Freundin zu \u201eschlafen\u201c. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass dies genau auch der kirchlichen Lehre entspricht.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Homosexualit\u00e4t<br \/>\n<\/strong>Religionsprofessoren sind auch Vertreter des kirchlichen Lehramtes. Martin Lintner, Professor f\u00fcr Moraltheologie in Brixen, hat bereits vor einigen Jahren ein Buch mit dem Titel \u201eDen Eros entgiften\u201c geschrieben. Mit diesem Titel greift er die Kritik von Friedrich Nietzsche auf, der meinte: \u201eDas Christentum gab dem Eros Gift zu trinken: &#8211; er starb zwar nicht daran, aber entartete zum Laster.\u201c In besonderer Weise ist jener Eros vergiftet worden, der sich auf gleichgeschlechtlich Liebende bezieht. Die r\u00f6misch-katholische Kirche hat sich bei dieser Giftmischerei in der Geschichte vielfach schuldig gemacht. Auch heute noch mixt so mancher zumindest im Hintergrund seine Giftfl\u00e4schchen und bedient sich dabei l\u00e4ngst \u00fcberholter Textpassagen aus dem Weltkatechismus, der Instruktion zur Priesterausbildung, mittelalterlicher Beichtspiegel oder einer fundamentalistisch-verengten Bibelinterpretation. Umso mehr braucht es daher ein zeitgem\u00e4\u00dfes Reden und Handeln der Verantwortlichen der Kirche und eine Praxis in den kirchlichen Gemeinden sowie eine Verk\u00fcndigung, die gepr\u00e4gt ist von Achtsamkeit gegen\u00fcber Homosexuellen. Hier ist auch der Religionsunterricht herausgefordert. Jedes kirchliche Moralbuch wird damit \u00fcbereinstimmen: Eros und Sexualit\u00e4t dienen den Menschen, um so Liebe und Partnerschaft erfahren zu k\u00f6nnen. Sie sind gut, wenn sie mit Liebe und Partnerschaft verkn\u00fcpft werden, sie werden missbraucht, wenn sie egoistischer Triebbefriedigung dienen. In den biblischen Schriften gibt es nur wenige Stellen, die sich \u00fcberhaupt explizit \u00fcber Homosexualit\u00e4t \u00e4u\u00dfern. Wo in der Bibel ausdr\u00fccklich Homosexualit\u00e4t genannt wird, geht es um homosexuelle Handlungen von M\u00e4nnern, die nicht auf der Basis von Liebe sind, sondern beispielsweise mit Lustknaben und Prostitution zu tun haben. Die Frage lesbischer Beziehungen wird an keiner Stelle ausdr\u00fccklich thematisiert. Zugleich aber \u2013 und daf\u00fcr steht beispielsweise die Beziehung zwischen David und Jonatan \u2013 werden gleichgeschlechtlich Liebende nicht verurteilt. Ein kritischer Blick auf die Bibel zeigt somit, dass die Behauptung, in der Bibel w\u00fcrde Homosexualit\u00e4t verurteilt, nicht haltbar ist. In den Schriften des Neuen Testaments finden wir lediglich in den Briefen des Apostels Paulus Hinweise zur Homosexualit\u00e4t, w\u00e4hrend in den Evangelien dies kein Thema ist. Auch in den paulinischen Texten geht es aber entweder um sexuelle Ausbeutung und Entartungen mit Lustknaben \u2013 heute w\u00fcrden wir von P\u00e4dophilie sprechen \u2013 oder um kulturell bedingte Reinheitssituationen. Das Vorzeichen der paulinischen Schriften lautet in dieser Frage aber wohl: \u201eDer Leib ist ein Tempel Gottes!\u201c Dies hei\u00dft auch: Im Eros und der menschlichen Sexualit\u00e4t k\u00f6nnen sich g\u00f6ttliche Qualit\u00e4ten manifestieren. Die sp\u00e4rlichen biblischen Aussagen \u00fcber Homosexualit\u00e4t bei M\u00e4nnern d\u00fcrfen keinesfalls wortw\u00f6rtlich gedeutet werden, was den biblischen Texten nicht gerecht w\u00fcrde. Gerade bei diesen Stellen ist eine historisch-kritische Exegese notwendig. Wo also von Homosexualit\u00e4t in der Bibel die Rede ist, geht es nicht um Liebesbeziehungen, sondern um das Thema kultureller Reinheit oder um die Frage von Tempelprostitution in nicht-j\u00fcdischen Kulturkreisen. W\u00fcrde beispielsweise die Bibel wortw\u00f6rtlich genommen werden, so m\u00fcsste ja mit Bezug auf eine Stelle im Buch Leviticus 20,13 (\u201eSchl\u00e4ft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schl\u00e4ft, dann haben sie eine Gr\u00e4ueltat begangen. Beide werden mit dem Tod bestraft.\u201c) f\u00fcr Homosexuelle die Todesstrafe vollzogen werden. Zur Zeit der Abfassung solcher Passagen gab es kein medizinisch-psychologisches Wissen \u00fcber das Faktum nat\u00fcrlicher sexueller Veranlagungen. Dies trifft auch auf eine jahrhundertelange Interpretation solcher Stellen zu. Heute w\u00fcsste man es besser, dass Homosexualit\u00e4t in gewisser Weise Bestandteil der menschlichen Natur ist \u2013 also letztlich in der Sprache der Kirchen \u2013 ein Bestandteil der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfungsordnung. Wer diesen Terminus ben\u00fctzt, d\u00fcrfte ihn heute nicht mehr gegen Homosexualit\u00e4t richten.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Im Religionsunterricht und in der Verk\u00fcndigung k\u00f6nnen wir heute auch mit Blick auf die Bibel und die gr\u00f6\u00dfere Lehre der Kirche jene Stelle im Weltkatechismus korrigieren, die zwar die Notwendigkeit der Achtung gegen\u00fcber Homosexuellen einfordert, dann aber zugleich zur Enthaltsamkeit auffordert und homosexuelle Handlungen verurteilt. Dort hei\u00dft es: \u201eGest\u00fctzt auf die Heilige Schrift, die sie (die Homosexualit\u00e4t) als schlimme Abirrung bezeichnet, hat die kirchliche \u00dcberlieferung stets erkl\u00e4rt, dass die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind\u2018.\u201c (KKK 2357) Und weiters: \u201eHomosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen. Durch die Tugenden der Selbstbeherrschung \u2026 k\u00f6nnen und sollen sie sich \u2026 der christlichen Vollkommenheit ann\u00e4hern.\u201c (KKK 2359)<\/p>\n<p>Papst Franziskus hatte im Sommer 2017 nach seiner Irlandreise gemeint: Stille und Schweigen sei in Sachen Homosexualit\u00e4t der falsche Weg, auch wenn es in diesem Bereich innerhalb der katholischen Kirche Polarisierungen gibt. W\u00f6rtlich meinte er zu den Eltern, wenn sie erfahren, dass ihr Sohn schwul oder ihre Tochter lesbisch sei: \u201eAber ich w\u00fcrde nie sagen, dass Stille ein Heilmittel ist. Einen Sohn oder eine Tochter mit homosexuellen Tendenzen zu ignorieren, ist ein Mangel an V\u00e4terlichkeit oder M\u00fctterlichkeit. Du bist mein Sohn, du bist meine Tochter, so wie du bist! Ich bin dein Vater, deine Mutter. Lass uns reden! Und wenn du, Vater und Mutter, nicht dazu f\u00e4hig bist, frag um Hilfe. Aber immer im Dialog, denn dieser Sohn oder diese Tochter hat das Recht auf eine Familie und nicht aus dieser herausgejagt zu werden. Das ist eine ernste Herausforderung, aber das macht V\u00e4terlichkeit und M\u00fctterlichkeit aus.&#8220; Schon etwas fr\u00fcher hatte Papst Franziskus auf die Frage nach einer Positionierung zur Homosexualit\u00e4t gemeint: &#8222;Wer bin ich, andere zu verurteilen?&#8220; Es gibt auch andere vatikanische Dokumente, aus denen eine positive Bewertung der Homosexualit\u00e4t abgeleitet werden k\u00f6nnte, wie das nachsynodale Schreiben &#8222;Amoris laetitia&#8220; von Papst Franziskus. Dort steht, dass die erste Option f\u00fcr alle Entscheidungen immer die Liebe sein so<\/p>\n<p><strong>3) Missio Canonica und ihre Bedeutung<\/strong><\/p>\n<p><strong>Behauptung<br \/>\n<\/strong>Skurriler Weise wurde ich von einem, der sich der Kirche gegen\u00fcber besonders distanziert verh\u00e4lt, weil er einige ihrer \u00fcberholten S\u00e4tze f\u00fcr das Wesen der Kirche hinstellt, gema\u00dfregelt. Ich w\u00fcrde mich nicht dem Diktat der missio canonica, also der kirchlichen Lehrbef\u00e4higung, unterwerfen. Im Religionsunterricht sei ich daran gebunden, die Katechismuss\u00e4tze zu unterrichten.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Widerrede<br \/>\n<\/strong>Tats\u00e4chlich gibt mir die Missio den Auftrag, mit den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern an \u2013 wie es der Zielparagraph des Schulorganisationsgesetzes vorsieht \u2013 der ethisch-religi\u00f6sen Bildung zu arbeiten. Seit einigen Jahrzehnten schon z\u00e4hlt es zu den religionsp\u00e4dagogischen Grunds\u00e4tzen, dass Religionsunterricht nicht Konfessionskunde ist.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>4) Ethik ist kein religionsneutrales Fach, Religion ist kein ethikfreies Fach<\/strong><\/p>\n<p>In meinen Beitr\u00e4gen habe ich versucht zu argumentieren, dass zwischen Religion und Ethik eine gro\u00dfe Schnittmenge besteht, die im Unterrichtsgeschehen stets pr\u00e4sent sein kann. Mein Pl\u00e4doyer lautet, Religion und Ethik nicht zu trennen. Fakt ist jedenfalls, dass in jedem guten Ethikunterricht eine Auseinandersetzung mit religi\u00f6sen Grundwerten stattfinden wird. Die Schnittmenge zwischen dem, was in einem Religionsunterricht vermittelt wird, und den Inhalten eines Ethikunterrichtes ist sehr gro\u00df. Durch die freie Wahl \u201eReligion oder Ethik\u201c k\u00f6nnte zumindest indirekt der Eindruck entstehen, als k\u00f6nnte Religion ohne Ethik auskommen oder als w\u00fcrden im Religionsunterricht die ethischen Fragen keine Rolle spielen. Religi\u00f6ses Handeln ist immer zugleich ethisches Handeln. Im Tun der Menschen und ihrer Organisationen offenbart sich erst die Religion. Der Glaube manifestiert sich in der Praxis. Man kann nicht \u00fcber Jesus reden, ohne auch \u00fcber Politik ins Gespr\u00e4ch zu kommen. \u201eEin Blick in die Bibel zeigt: Auch Jesus ist hochpolitisch.\u201c So formulierte es der Vorarlberger Bischof Benno Elbs, als er die Caritas gegen die FP\u00d6-Kritik in Schutz nahm. Wo versucht wird, der Religion die Ethik zu entziehen, entstehen die religi\u00f6sen Fundamentalismen. Ein Religionsunterricht ohne Ethik w\u00e4re das, was der Pius-Bruderschaft mit ihrer voraufkl\u00e4rerischen Fundamentalmoral vorschwebt. Ein Religionsunterricht ohne Ethik w\u00e4re blutentleert \u2013 genauso wie ein Ethikunterricht ohne die Auseinandersetzung mit den Religionen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 25.2.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Religionslehrer.jpg' class='thumbnail' \/>Seit meinem Artikel in der Tiroler Tageszeitung Mitte J\u00e4nner 2019 hat sich auch \u00f6ffentlich eine Debatte dar\u00fcber entwickelt, wie ein gemeinsamer Religionen- und Ethikunterricht gestaltet werden k\u00f6nnte. Im Fokus der Auseinandersetzung stehen dabei folgende Grundfragen. 1.) Sind Religionslehrerinnen und Religionslehrer \u00fcberhaupt geeignete \u201eFachleute\u201c, um auch ethische Themen zu unterrichten. 2.) Sind ethische Themen relevant f\u00fcr&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3844,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[184],"tags":[476],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3843"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3843"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3843\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3848,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3843\/revisions\/3848"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/3844"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3843"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3843"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3843"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}