{"id":3902,"date":"2019-03-19T14:12:08","date_gmt":"2019-03-19T14:12:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3902"},"modified":"2026-02-02T14:46:48","modified_gmt":"2026-02-02T14:46:48","slug":"haltet-den-dieb-nicht-die-bestohlenen-zur-erwachsenenkritik-an-den-schulstreiks-fuer-das-klima","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3902","title":{"rendered":"\u201eHaltet die Diebe, nicht die Bestohlenen!\u201c Zur Erwachsenenkritik an den Schulstreiks f\u00fcr das Klima"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcble Nachrede<\/strong><\/p>\n<p>In sozialen Netzwerken wurden nach den Weltklimastreik-Aktivit\u00e4ten Fotos verbreitet, die den Jugendlichen ein schlechtes Umweltverhalten attestieren wollen. Eines dieser Fotos zeigt eine \u00fcbervolle \u00f6ffentliche M\u00fclltonne. Rundherum stehen Pappschilder, die zuvor bei einer Friday-for-Future-Demo im Einsatz waren, nun aber viel zu gro\u00df sind, um in den kleinen Schlund der Tonne zu passen. Der Kommentar der Posterin dazu: \u201eSchule schw\u00e4nzen f\u00fcr den Klimawandel, aber dann zu faul sein den M\u00fcll anst\u00e4ndig zu entsorgen.\ud83e\udd26\ud83c\udffc\u200d\u2640\ufe0f\u201c (Beistrichfehler \u00fcbernommen!) Bereitwillig wurde dieses Foto aufgegriffen und in andere Zusammenh\u00e4nge gestellt. Man wollte auch die Demos in Innsbruck damit madig machen, obwohl das Bild von einer fr\u00fcheren Kundgebung aus Chemnitz stammt. Es stimmt, diese \u00fcbrigen Pappkartons, die nicht mehr in die vollen Tonnen passten, wurden sichtbar, doch sind es keine Aludosen, die Erwachsene irgendwo abfallkonform recycelt haben. Jede einzelne von Erwachsenen produzierte und verkaufte Aludose oder PET-Flasche hat aber einen x-fach gr\u00f6\u00dferen Umweltverbrauch als eine Menge solcher Pappschilder. F\u00e4llt den Kritikerinnen und Kritikern eigentlich auf, dass junge Menschen bewusst Pappkartons f\u00fcr ihre Spr\u00fcche upcyclen?<\/p>\n<p><strong>Erwachsene vergiften und zerst\u00f6ren<\/strong><\/p>\n<p>Wer sind diejenigen, die es verursachen und zulassen, dass t\u00e4glich 40.000 Tonnen \u00d6l verbrannt werden? Nicht die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler verstopfen unsere Stra\u00dfen mit Autos. Nicht die Jugend sitzt in den Konzernetagen und an den Schalthebeln der Macht. Keiner von den jungen Menschen, die an Fridays-for-Future-Aktionen teilgenommen haben, hat die Aber-Tonnen von CO-2 in die Luft bef\u00f6rdert. Man schielt gereizt auf nicht ordnungsgem\u00e4\u00df entsorgte Schilder und \u00fcbersieht das, was das Klima tats\u00e4chlich kaputt macht. Die jungen Menschen machen sichtbar, was unsichtbar ist und doch so bedrohlich. Pappkartons geh\u00f6ren selbstverst\u00e4ndlich in die daf\u00fcr vorgesehenen Beh\u00e4lter, wenn sie nicht mehr verwendungsf\u00e4hig sind. Sie sind aber nicht das Hauptproblem f\u00fcr die Zerst\u00f6rung der Welt.<\/p>\n<p><strong>Verzicht verlangen, selbst aber nicht verwirklichen<\/strong><\/p>\n<p>Man wirft den streikenden Jugendlichen vor, sie w\u00fcrden quasi in Saus-und-Braus leben, sie w\u00fcrden sich mit Autos in die Schulen chauffieren lassen, sie w\u00fcrden in der Welt herumfliegen \u2013 selbst also die Umwelt zerst\u00f6ren. Nur wer verzichtet, sei glaubhaft mit seiner oder ihrer Kritik.<\/p>\n<p>Ich bezweifle, dass all die selbsternannten Kritikerinnen und Kritiker selbst so leben, wie sie es von den Jugendlichen verlangen und wie ich viele in meinem Schulalltag erlebe. Ich kenne das Bem\u00fchen von einigen Schulstreikenden und wei\u00df um ihre Versuche nach einem \u00f6kologisch-korrekten Lebensstil, auch wenn dies in der Welt, die von Erwachsenen gemacht wird, nicht einfach ist. Vor allem aber ist der Anlass der Friday-For-Future-Geschichte nicht verstanden worden, wenn man nun junge Menschen f\u00fcr die Erderhitzung verantwortlich machen m\u00f6chte. Von Beginn an hat Greta Thunberg zurecht ihren Protest vor dem Parlament begonnen. Die Schulstreiks richten sich zun\u00e4chst an die Politik \u2013 dort, wo die Klimabeschl\u00fcsse von Paris umgesetzt werden m\u00fcssten, dort, wo Ma\u00dfnahmen beschlossen und durchgesetzt werden m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Wie wenig aber die regierenden Politikerinnen und Politiker bereit sind, tats\u00e4chlich etwas gegen den radikalen Klimawandel zu unternehmen, zeigt sich t\u00e4glich neu. Kurz nach den Schulstreiks wird f\u00fcr die dritte Lande- und Startbahn am Flughafen Wien-Schwechat gr\u00fcnes Licht gegeben. Eine \u00f6kologische Steuerreform ist f\u00fcr die Regierenden genauso wenig ein Thema wie Ma\u00dfnahmen f\u00fcr eine Verkehrspolitik, in der Autofahrer nicht l\u00e4nger geh\u00e4tschelt werden. Die Asfinag l\u00e4sst f\u00fcr 1,2 Milliarden Euro die Autobahnen ausbauen und plant drei neue Tempo-140-Strecken.<\/p>\n<p><strong>M\u00fcllsammelaktionen und Politikprotest<\/strong><\/p>\n<p>Die Treibhausgase sind nicht sichtbar, zerst\u00f6ren aber wesentlich mehr das Klima als ein paar Pappkartons, die da herumliegen. Daher macht es auch nicht Sinn, wenn nun gesagt und geschrieben wird: Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sollten sich an Umweltinitiativen wie M\u00fcllsammelaktionen beteiligen. Diese sind sicherlich notwendig und es ist sch\u00f6n, wenn junge Menschen den Dreck beseitigen, den viele Erwachsene hinterlassen. Jedes Jahr beteiligen wir uns als Schule an den \u201eSaub\u00e4r\u201c-Aktionen und sammeln s\u00e4ckeweise M\u00fcll ein, der unachtsam im Laufe eines Jahres entlang der Stra\u00dfen in die Wiesen und den Wald geworfen wurde. T\u00e4glich neu bem\u00fchen wir uns im Schulalltag als \u00d6KOLOG- und Umweltzeichenschule um ein umweltgerechtes Verhalten. Dieses individualethische Verhalten kann nicht ausgespielt werden gegen ein politisches Handeln, wie es durch die Schulstreiks so deutlich zum Ausdruck kommt.<\/p>\n<p><strong>Diffamierungen<\/strong><\/p>\n<p>Nun erleben auch die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die an den Aktionen teilgenommen haben, dass politisches Handeln auch den Widerspruch herausfordert, der oftmals auf einer sehr emotional verletzenden und unsachlichen Ebene angesiedelt ist. Greta Thunberg wird vorgeworfen, sie sei \u201eindoktriniert\u201c worden \u2013 so ein Jurist aus Innsbruck. Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler werden pauschal als \u201eSchulschw\u00e4nzer\u201c bezeichnet. Es ginge ihnen ja nur darum, nicht im Unterricht zu sitzen.<\/p>\n<p>Die Diebe sind wohl diejenigen, die die Lebensgrundlagen der jungen Menschen heute zerst\u00f6ren oder die Zerst\u00f6rung nicht stoppen wollen, obwohl sie die \u00f6konomisch-politische Macht dazu h\u00e4tten. Die Betroffenen sind die jungen Menschen, wenn sie in einer Zukunft leben m\u00fcssten, in der aufgrund der steigenden Erderhitzung sich Umweltkatastrophen, Hunger, Elend und Kriege ausbreiten w\u00fcrden und ein gro\u00dfer Teil der Tier- und Pflanzenarten ausgestorben w\u00e4re. Daher ist es gut, wenn die jungen Menschen aufstehen und aufbegehren und wenn Erwachsene mit Dank und ohne Heuchelei auf ihrer Seite stehen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, 19.3.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcble Nachrede In sozialen Netzwerken wurden nach den Weltklimastreik-Aktivit\u00e4ten Fotos verbreitet, die den Jugendlichen ein schlechtes Umweltverhalten attestieren wollen. Eines dieser Fotos zeigt eine \u00fcbervolle \u00f6ffentliche M\u00fclltonne. Rundherum stehen Pappschilder, die zuvor bei einer Friday-for-Future-Demo im Einsatz waren, nun aber viel zu gro\u00df sind, um in den kleinen Schlund der Tonne zu passen. 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