{"id":3929,"date":"2019-04-07T04:31:50","date_gmt":"2019-04-07T04:31:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3929"},"modified":"2022-08-22T07:38:37","modified_gmt":"2022-08-22T07:38:37","slug":"steine-fallen-lassen-eine-lehrgeschichte-zur-gewaltfreien-aktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.klaus-heidegger.at\/?p=3929","title":{"rendered":"Steine fallen lassen \u2013 eine Lehrgeschichte zur gewaltfreien Aktion"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_3930\" aria-describedby=\"caption-attachment-3930\" style=\"width: 219px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-3930\" src=\"http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Ehebrecherin.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"367\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3930\" class=\"wp-caption-text\">Claudia Nietsch-Ochs: Ehebrecherin 1985;<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Geschichte (Johannes 8,1-11), in der Jesus eine Frau, die als Ehebrecherin blo\u00dfgestellt wird und die Todesstrafe der Steinigung erhalten soll, z\u00e4hlt zu den eindrucksvollsten in den Evangelien. Sie wird uns nur einmal im Johannesevangelium \u00fcberliefert und auch dort ist sie erst sp\u00e4ter dazugef\u00fcgt worden. So geh\u00f6rt sie zu den j\u00fcngsten Texten in den Evangelien. Auch wenn sie somit aus formalexegetischen Gr\u00fcnden nicht zu den Stellen z\u00e4hlt, die bestimmten Kriterien der Historizit\u00e4t entsprechen, so m\u00f6chte ich sie doch als typisch jesuanisch interpretieren. Die Art und Weise, wie Jesus hier auftritt, was er sagt und tut, wie seine Gegner agieren, wie die sozial-\u00f6konomische und sozio-kulturelle Umgebung ist, all das bringt letztlich die jesuanische Botschaft und ihre Hintergr\u00fcnde auf den Punkt. Sie zeigt uns vor allem die gewaltfreie Strategie der Entfeindung.<\/p>\n<p>In den elf Versen dieser Perikope gibt es f\u00fcr Jesus gleich 13 Verben. Jesus ist der Handelnde. Jene, die als seine Gegner geschildert werden, werden dabei zu Zuh\u00f6renden und Zuschauenden. Es hei\u00dft: Jesus geht, begibt sich, setzt sich, lehrt, b\u00fcckt sich, schreibt, richtet sich auf, sagt, b\u00fcckt sich wieder, schreibt, richtet sich auf, sagt, sagt. Auffallend ist vor allem dieses zweimalige B\u00fccken und wortlose In-den-Sand-Schreiben und Sich-wieder-Aufrichten. Nach den anklagenden Worten der Gegenseite kommt durch die Handlungsweise Jesu pl\u00f6tzlich Ruhe in eine v\u00f6llig aufgepeitschte Situation. Der sich b\u00fcckende Jesus nimmt Kontakt mit der Erde auf und macht sich selbst verletzlich. Wie er so kniet und auf die Erde schreibt, k\u00f6nnte ihn leicht selbst ein Stein treffen. Es ist wie eine paradoxe Intervention. Mich erinnert die Szene an Greta Thunberg, wie sie mit ihrem Pappschild schweigend vor dem schwedischen Parlament kauert. Ihre Botschaft lautet zun\u00e4chst\u00a0einfach: In diesem Wahn der Zerst\u00f6rung mache ich nicht mehr mit.<\/p>\n<p>Im Evangeliumtext bei Johannes sehe ich die Frau, die gesteinigt werden soll, nicht als T\u00e4terin, auch wenn sie vorgestellt wird als jene, die \u201eauf frischer Tat ertappt\u201c worden sei. Wenn sie schon ertappt worden ist, was ist dann mit dem Mann? Warum wird er nicht gesteinigt? Sehr schnell geschieht durch das Handeln Jesu die radikale Umkehr von der Opfer-T\u00e4ter-Zuschreibung. Nicht mehr die Frau ist die T\u00e4terin, sondern die M\u00e4nner mit den Steinen in ihren H\u00e4nden k\u00f6nnten zu T\u00e4tern werden, wenn sie die Steine nicht fallen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wenn wir uns auf die Geschichte einlassen, f\u00e4llt es nicht schwer, die Bez\u00fcge ins Heute zu finden und den bleibenden Gehalt dieser Bibelstelle wahrzunehmen. Wir sehen die Steine, die heute aufgehoben werden, um zu t\u00f6ten oder zu verletzen. Wir sehen die Opfer, die gesteinigt werden sollen, wir sehen die T\u00e4ter, die zur Umkehr bewegt werden sollen.<\/p>\n<p>Im weit entfernten Sultanat Brunei wurde erst Ende M\u00e4rz 2019 wieder die Steinigung eingef\u00fchrt. Wenn homosexuellen Partnern gemeinsamer Geschlechtsverkehr nachgewiesen wird, droht ihnen k\u00fcnftig, dass sie zu Tode gesteinigt werden. Als Grundlage wird auf die Scharia verwiesen. Was in diesem Staat geschieht, dessen Reichtum auf den \u00d6lexporten beruht, ist die schlimmste Form einer menschenverachtenden Homophobie. Es sind Organisationen wie Amnesty International, die in die Rolle von Jesus schl\u00fcpfen und sagen: Lasst die Steine fallen! Die homophoben Steinchen fallen aber in anderer Dimension immer noch auf vielf\u00e4ltige Weise in unseren Kulturen und Grundmustern. Warum f\u00e4llt es beispielsweise manchen in der katholischen Kirche so schwer, gleichgeschlechtliche Partnerschaften auch als \u201eEhen\u201c anzuerkennen? Warum sprechen sich immer noch manche kirchliche Vertreter gegen eine \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c aus? \u00dcberall dort, wo heute noch Schwule und Lesben nicht die gleichen Rechte haben oder schr\u00e4g angeschaut werden, werden die homophoben Steinchen geworfen.<\/p>\n<p>Die Geschichte im Johannesevangelium ist hochpolitisch und richtet sich gegen alle Staaten, die heute noch in ihrer Gesetzgebung die Todesstrafe haben. 56 Staaten halten weiterhin an gesetzlichen Hinrichtungen fest. In diesen L\u00e4ndern leben allerdings rund zwei Drittel der Weltbev\u00f6lkerung. Mit einigen dieser Staaten haben wir beste Handelsbeziehungen. Abertausend H\u00e4ftlinge sitzen in ihren Zellen mit der t\u00e4glichen Angst, hingerichtet zu werden.<\/p>\n<p>Die schlimmsten Steine werden gegenw\u00e4rtig poliert und gepflegt und gehegt und warten darauf, eingesetzt zu werden. Die Nato, der Nordatlantische Verteidigungspakt, feierte gerade sein 70-j\u00e4hriges Bestehen. Besonders gl\u00fccklich nannte sich Donald Trump, weil die Milit\u00e4rausgaben in den Nato-Staaten \u201eraketenhaft steigen\u201c. Alle 29-Mitgliedsl\u00e4nder der Nato werden bis 2020 100 Milliarden Dollar mehr f\u00fcr ihre Milit\u00e4rs ausgeben. Die letzten bestehenden R\u00fcstungskontrollabkommen zwischen den Atomm\u00e4chten wurden aufgehoben. Die Steine, die die Atomm\u00e4chte in den H\u00e4nden halten, sind die Atomraketen mit ihren Overkill-Kapazit\u00e4ten, mit denen sie einen Teil der Menschheit ausl\u00f6schen k\u00f6nnten. Milit\u00e4rische Logik herrscht auch in \u00d6sterreich, wenn daran gedacht wird, die Tauglichkeitsbestimmungen zu lockern, um mehr junge M\u00e4nner an das Milit\u00e4r zu binden, oder die Pr\u00e4senzdienst zu verl\u00e4ngern. Ungeniert wird auch gefordert, das heimische Milit\u00e4rbudget zu verdoppeln.<\/p>\n<p>Die Steine werden im politischen Kontext heute gegen jene erhoben, die als Fl\u00fcchtlinge zu uns gekommen sind. Die Steine hei\u00dfen &#8222;Sicherungshaft&#8220; oder &#8222;1,50-Job&#8220; oder &#8222;Ausreisezentrum&#8220;.<\/p>\n<p>Auf einer individuellen Ebene, in unseren Lebensbereichen, gibt es nicht diese gigantischen Zerst\u00f6rungspotentiale, gegen die wir laut aufschreien sollten. In unseren Alltagswelten freilich gibt es die t\u00e4glichen Kieselsteine der Vorw\u00fcrfe. Jesus l\u00e4dt uns ein, sie nicht zu werfen, weil auch sie st\u00e4ndig verletzen. Bevor wir anklagen, t\u00e4te es gut, sich wie Jesus zu b\u00fccken. Es bleibt die Frage, was Jesus wohl in den Sand geschrieben hat. Ich vermute: Den Namen JHWH, jener Name, den ein frommer Jude nicht ausspricht, weil Gott in seiner unendlichen Barmherzigkeit zu gro\u00df ist, um gesagt zu werden, jener Name, der lautet: Ich bin da! Ich bin f\u00fcr dich da in deinem Leben, in deiner Sehnsucht und deinen Verletzungen, in deinem Bem\u00fchen und deinem Versagen, in deiner Freude und deinem Lachen.<\/p>\n<p>Klaus Heidegger, Evangelium zum 5. Fastensonntag, 7.4.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.klaus-heidegger.at\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Ehebrecherin.jpg' class='thumbnail' \/>&nbsp; Die Geschichte (Johannes 8,1-11), in der Jesus eine Frau, die als Ehebrecherin blo\u00dfgestellt wird und die Todesstrafe der Steinigung erhalten soll, z\u00e4hlt zu den eindrucksvollsten in den Evangelien. Sie wird uns nur einmal im Johannesevangelium \u00fcberliefert und auch dort ist sie erst sp\u00e4ter dazugef\u00fcgt worden. 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